JVo TNL. Zweites Blatt. Sonntag, den 16. December 4877.
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politischer Hheil.
Wochenübersicht.
Für Deutschland war das wichtigste Ereigniß ter vergangenen Woche die Nachricht, daß Fürst Bismarck nicht, wie man bisher allgemein annahm, gegen Mitte dieses Monats, sondern erst zum nächsten Frühjahre nach Berlin zurückkehren werde. Ohne Zweifel hängt der Entschluß des Reichskanzlers, für's Erste noch in Barziu zu bleiben, nicht blos nut seinem Gesundheitszustände zusammen, sondern auch damit, daß er noch nicht die volle Gewißheit öat, die „Frictionen", über die er bisher zu klagen hatte, beseitigt zu sehen. Hoffentlich braucht indeß der große Staatsmann, den Kaiser und Reich auf die Dauer nicht entbehren können, nicht allzu lange mehr auf die Erfüllung der Bedingungen, die er für eine vollständige Wiederaufnahme der Geschäfte gestellt hat, zu warten. Merkwürdiger Weise soll auch der Grund für das Ent- laffungsgesuch des Präsidenten des evang. Oberkirchenrathes, Dr. Herrmann, in gewissen Frictionen zu suchen sein, denen er in Folge der wider seine Thä- rigkeit gerichteten cffenen und geheimen Verdächtigungen fortwährend ausgesetzt sei. Vielleicht sind die Hemmungen, von denen die Entwickelung unseres staatlichen wie kirchlichen Lebens gegenwärtig bedroht ist, aus dieselben unheilvollen Einflüsse zurückzuführen. Um so wünschenswerther wäre es, wenn die Lösung der „Kanzleiknsis" diesmal in gründlicher Weise erfolgte.
Oesteneichischerseits wurde der deutschen Regierung das Anerbieten gemacht, den am 1. Januar ablausenden Handelsvertrag bis zum 1. Juli 1878 fortdauern zu lassen. Die preußische Regierung lehnte zwar ebenso wie die badische die Beantwortung einer Interpellation über den Stand der Angelegenheit mit der Hinweisung darauf, daß die Verhandlungen schwebend und zudem Reichssache seien, ab; man irrt sich indeß wohl nicht, wenn man sich der Hoffnung hingibt, die Brücke zu einem neuen, beide Theile befriedigenden Vertrage von längerer Dauer sei nunmehr geschlagen. Die am 8. December^ stattgehabte Eröffnung des elsaß-lothringischen Landesausschusses gab sowohl dem Oberpi äsidenten des Reichslandes, wie dem Alterspräsidenten des Ausschusses Anlaß, seine Freude darüber auszusprechen, daß diese Körperschaft durch das Gesetz vom 2. Mai d. I. aus einer blos begutachtenden Ver- samu lung ein wirklicher Factor der Gesetzgebung geworden sei.
Von den Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses erregten die über den Welfenfcnds das meiste Interesse. Wie vorauszusehen, lehnte die Regierung die vom Abg. Richter verlangte Auskunft über die Verwendung dieses Fonds entschieden ab. Die Erklärung des Vicepräsidenten des Staateministeriums, daß die welfischen Agitationen in engem Zusammenhang mit denen der römischen Hierarchie ständen und der Kampf gegen jene nicht eher aushören könne, als der Kamps gegen diese, verfehlte indeß ihren Eindruck nicht: der Antrag Richter's, für den außer der Fortschrittspartei nur das Centrum und die Polen eil traten, wurde mit großer Majorität verworfen. Mehr Glück halte die Fortschrittspartei dagegen mit dem vom Abg. Virchow gestellten Antrag, wonach es fernerhin auch bei Interpellationen gestattet sein soll, die Anwesenheit der Minister zu beantragen.
Graf Eulenburg feierte am 9. Decbr. den Tag, an dem er vor 15 Jahren das Amt eines Ministers des Innern antrat, und empfing zu dieser Feier zahlreiche Glückwünsche. Die beinahe sechsfache Zeichnung der neuen 4procentigen Anleihe von 50 Millionen hat das Vertrauen, welches die preußischen Finanzen genießen, in das hellste Licht gesetzt.
Vcm Gebiete des Cultur kämpfe s ist diesmal aus Preußen nur zu berichten, daß der Cullusmiwstcr ein Gesuch katholischer Familienväter in Wer« welskirchen, die beschlossene Umwandlung der dortigen confessionellen Schulen in paritätische wieder rückgängig zu machen, abschlägig beschieden hat. Dagegen schlagen die aus anderen deutschen Ländern zu erwähnenden Vorkommniffe diesmal in das genannte Gebiet ein. In Baden scheint die bischöfliche Behörde durch die Erklärung, für die bisher von den Altkatholiken mitbenutzte Kirche in Con- stanz bedürfe es zur Abhaltung römisch-katholischen Gottesdienstes keiner besonderen Wiedereinweihung, die bisherige Praxis der Curie dem Altkatholicismus gegenüber ausgegeben zu haben. Dem bayerischen Reichsrath und Vorstandsmitglied der Centrumspartei im deutschen Reichstage, Freiherrn v. Frankenstein, wurde vom Papste das Großkreuz des Gregoriusordens verliehen.
Für Oesterreich-Ungarn waren die Aeußerungen, die Kaiser Franz Joseph und sein auswärtiger Minister über die österreichische Politik in der Orient Frage den jüngst zusammengetretenen Delegationen gegenüber thaten, das Ereigniß des Tages. Graf Andraffy strich die zielbewußte Klarheit seiner Haltung gebührend heraus und der Kaiser bemerkte, man würde deffen Politik noch wärmer unterstützen, wenn man alle Details derselben kännte. Neben der orientalischen Frage nahmen die Angelegenheiten des Ausgleichs und der Handelsverträge das öffentliche Interesse in hervorragender Weise in Anspruch. Der ungarische Finanzausschuß hat sich schon für provisorische Verlängerung des Ausgleichs bis Ende März 1878 und der Handelsverträge mit Deutschland, Frankreich und Italien um s^chs Monate ausgesprochen.
England hat sich wieder einmal durch einen seiner Minister, den Kriegsminister Northcote, die Versicherung geben lassen, daß die Regierung in erster
Linie darauf ausgehe, den Frieden möglichst bald wieder herzustellen und die englischen Interessen zu wahren.
Frankreich geht der lange erwarteten Katastrophe unaufhaltsam entgegen. Der Versuch, durch Dufaure ein Cabinet der Versöhnung bilden zu lassen, ist an den Forderungen des Marschalls, die gegenwärtigen Minister des Auswärtigen, des Krieges und der Marine unter allen Umständen beizubehal- ten, gescheitert und nunmehr Batbie, derselbe, der das Wort von der „Regierung des Kampfes" zuerst aufgebracht, mit der Neubildung des Cabiuets betraut worden. Entsprechend dem Worte des Marschalls, daß er von Ausgleich und Versöhnung nichts mehr wissen, sondern „bis zum Ende" gehen wolle, soll das neue Ministerium eine zweite Auflösung der Kammer iu's Werk setzen. Da nun die Republikaner beider Kammern entschlossen scheinen, den Marschall sammt seinen Ministern nach einem neuen Auflösungs-Antrag sofort in Anklagezustand zu versetzen, so ist der Zusammenstoß zwischen Regierung und Volksvertretung nur mehr eine Frage der Zeit. (Siehe jedoch die neueren Nachrichten unter „Frankreich" im ersten Blatt. D- R)
Was den Gesundheitszustand des Papstes betrifft, so gibt jetzt auch die ultramontane Presse zu, daß derselbe besorgnißerregend und zu besürchten sei, Pins IX. werde sich von seinem Krankenlager nicht mehr erheben.
König Alfons von Spanien will seinem Lande in der Person seiner Cousine, der Prinzessin Mercedes, Tochter des Herzogs von Montpensier, eine Landesmutter geben: der Papst hat ihm dazu den erforderlichen Diipens und die spanischen Minister ihre Zustimmung ertheilt.
Die portugiesische Regierung hat ihren bisherigen Gesandten beim päpstlichen Stuhl zum Botschafter ernannt und zugleich erklärt, daß sie bei dem bevorstehenden Conclave von ihrem Vetorecht Gebrauch machen werde.
Der Präsident der Vereinigten Staaten Nord-Amerikas hat am 4. Decbr. die übliche Botschaft an den Congreß erlassen. Bemerkenswerth ist, daß er darin zwar eine möglichst baldige Wieteroufnahme der Baarzahlungen, zugleich aber die Einführung der Doppelwährung empfiehlt.
Deutschland.
Berlin. Eine Anzahl „gut katholischer Journalisten" hat nach der „Tribüne" den Papst um die Erlaubniß gebeten, den heiligen Franz von Soles als Schutzpatron der katholischen Presse verehren zu dürfen. Ter Papst hat nach der „Germania", die dies mit großer Rührung mittheilt, dieses Ansuchen genehmigt und wird seine Genehmigung demnächst in einem an den Chef- Redakteur der „Unita catlolica" zu richtenden osficiellerr Schreiben mittheilen lassen. Bei diesem Anlasse soll dann der heilige Franz von Cales auch als „Doctor der Kirche" anerkannt werden, offer bar, damit die Herren Tr. Majunke und Tr. Rittler ihn als ebenbürtig ansehen. Als Wappen für den neuen Zunftheiligen schlägt die „Cüdd. Presse" Angesichts der erhebenden Einigkeit der klerikalen Presse ein Paar gekreuzte Knittel vor.
Hesterreich.
Wien, 13. December. Rußlard wird, wie hier in unterrichteten Kreisen verlautet, einen Waffenstillstand zum Zwecke von Friedensverhandlungen eingehen, falls die Türkei Silistria, Rustschuk und Widdin räumt, andernfalls nicht. Außer der Freiheit der Dardanellen-Schifffahrt und der Abtretung Armeniens gehört auch die Selbstständigkeit der Bulgarei unter einem nicht russisch en Fürsten, sowie die Unabhängigkeit Rumäniens und Serbiens und die Vergrößerung Montenegros zu den Friedensbedingungen, von welchen Rußland nicht abgeht und mit welchen Deuischland und Oesterreich einverstanden sein sollen. Falls die Türket sich weigert, aus diese Bedingungen einzugehen, wird der Krieg fortgesetzt. Man gibt jetzt klar zu verstehen, daß man weder an die Integrität noch überhaupt an d'e Erhaltung der Türket glaubt. Daß Bosnien und die Herzegowina schon bald an Oesterreich fallen werden, hält man hier für fast gewiß. Der starke Eindruck der russischen Siegesnachricht giebt sich in dieser Aufstellung offenbar zu erkennen.
Vermischtes.
Osnabrück. Seit voriger Woche befindet sich im hiesigen Gefängnisse eine 57jährige Frau aus dem zur Landdrostei Osnabrück gehörigen Dorfe Gehrde, welche im Verdacht steht, nicht nur das 25 Tage alte Kind ihrer Tochter, sondern auch vier vorher im zarten Alter verstorbene Kinder ihrer Tochter ermordet zu haben. Die Frau D- selbst hat von ihren zehn Kindern nur eines am Leben behalten, die übrigen sollen bald nach der Geburt an inneren Krämpfen gestorben sein. Der Verdacht des Mordes lag diesmal zu nahe, da das Kind gestorben war, ohne irgend welche Spur einer Krankheit gezeigt zu haben. Auf eine Anzeige an die Kronanwaltschaft in Osnabrück erfolgte die Sektisn der Leiche. In der Speiseröhre fand sich ein 55 Gr. schwerer Kork. Es erfolgte nun die Verhaftung der Frau und ihre Abführung in das Gefängniß. Auch die Leiche des im vorigen Jahre verstorbenen Kindes wird man ausgraben und untersuchen.
Rom, 6. Dec. (Prozeß Antonelli.) Unter großem Zudrange des Publikums wurde heute in sechsstündiger Verhandlung die Frage erörtert, ob die Vaterschaft des Kardinals durch Zeugen bewiesen werden könne. Advokat Tajani sprach brillant; er schilderte lebensvoll den Verfall des Papstthums, die Mißachtung des Cölibats und das Leben Antovelli's. Er verwahrte sich gegen den Vorwurf, Scandal machen zu wollen; die Wahrheit sei stets moralisch. Die Gräfin handle im Interesse ihrer Kinder.


