No «66.
Donnerstag, den 15. November
1877.
AllM- Md Amtsblatt flr dkü Kreis Slkßes.
Erscheint tLtzttch mit Ausnahme deS MontagS. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.
Gx-OdMo«t Schulstraße, Lit. B. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.
Amtlicher Hheit. Bekanntmachung.
In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpretse vom Monat October veröffentlicht.
Hafer 17 40 S\, Heu 6 <X und Stroh 6 eX per 100 Kilogramm.
Gießen am 10. Novbr. 1877.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
boten, Frieden zu schließen, weitere Nahrung.
Moskau. Tie Frage, von wem eigentlich der Plan des Angriffs auf die Position Mukhtar's ausgegangen, wird vom „Golos" näher erörtert. Es
Der orientalische .Krieg.
Wien, 10. November. Die „Polit. Corresp." meldet aus Konstantinopel vom heutigen Tage: Neulich waren in Stambul Plakate angeschlagen, welche zur Ermordung Mahmud Damat Paschals aufforderten, der beschuldigt wurde, den Frieden herbeiführen und die Türkei an die Ruffen verrathen zu wollen. Mahmud Damat Pascha beschuldigte wiederum den Ex-Sultan Murad der Conspiration, weshalb der Sultan seinen Bruder aus dem Palais von Tscheraga nach dem alten Serail überführen ließ. Hierbei widersetzten sich 40 Diener Murad's, die dessen Leben für bedroht hielten. Dieselben wurden deshalb erdrosselt, obwohl die türkischen Blätter nur von einer Exiltrung sprachen. Seitdem wird Ex-Sultan Murad als Staatsgefangener in Topcapu überwacht und hält man allgemein dessen Leben für gefährdet. Inzwischen sind auch viele Anhänger Midhat Paschas verhaftet worden. Außerdem wurde ein Vergiftungsversuch gegen Mahmud Damat Pascha durch seinen Arzt vereitelt. Die Aufregung in Konstantinopel ist gewaltig und erhält durch das im Volke verbreitete Gerücht, der Prophet sei dem Sultan erschienen und habe ihm ge-
Aeutschland.
Berlin, 12. November. Der Reichstags-Abgeordnete v. Stauffenberg hat in einem von hier nach München gerichteten Schreiben seinen Austritt aus der bayerischen Abgeordneten-Kammer erklärt.
Aus Bayern. In einer Zuschrift an den Münchener Magistrat, die neulich in dessen öffentlicher Sitzung bekannt gegeben wurde, hat der erste Staatsanwalt am hiesigen Bezirksgerichte sehr beachtenswerte Anschauungen über die prasrichterliche Verfolgbarkeit der Lebensmittelfälschung ausgesprochen. Derjenige, sagt er, welcher Waaren, insbesondere Lebensmittel, denen er vertragswidrige Beimischung fremdartiger (künstlicher) Stoffe den Schein von vertragsmäßig ächter Waare zu geben versuchte, die er also, mit andern Worten, gefälscht hat, oder von denen er weiß, daß sie in dieser Weise gefälscht sind, verkauft und zwar in der Absicht, sich durch Erlangung eines nur vertragsmäßig ächten Waare entsprechenden Kaufpreises einen rechtswidrigen Ver- mögensvortheil zu verschaffen, macht sich eines Betruges nach § 263 des Strafgesetzbuches schuldig. Die Vorspiegelung einer falschen Thatsache, welche zum Thatbestande des Betruges erforderlich ist, braucht nicht nothwendig durch Worte zu geschehen, es genügt hierzu vielmehr jede auf Erregung eines Jrr- thums zielende Veranstaltung. Demnach würde die überwiegende Mehrzahl der Fälle des Verkaufes gefälschter Lebensmittel als Betrug zu ahnden sein, insbesondere auch der sehr oft vorkommende Verkauf verdünnter Milch. Dagegenüber einem so tief eingewurzelten und gemeinschädlichen Nebel wie die Lebens- mittelsälschung sich nur von der Anwendung energischer, mit der Höhe der Gefährdung des öffentlichen Wohles im richtigen Verhältnisse stehender Strafmittel ein nachhaltiger Erfolg erwarten läßt, wäre es wohl veranlaßt, zu versuchen, ob nicht diese strengere Anschauung zur Geltung gebracht werden könnte. Erforderlich ist hierfür, daß in jedem Falle constatirt wird, von welchen Personen die Verkäufer die gefälschten Lebensmittel, die bei ihnen vorgefunden wurden, und deren Fälschung sie selbst in Abrede stellen, bezogen haben, sowie daß von den fraglichen Waaren bereits etwas verkauft oder wenigstens bestimmten Personen zum Verkaufe angeboten wurde. Der Magistrat ging vollständig auf die Auffaffungen des Staatsanwaltes ein und erließ an seine sämmtlichen Aussichts- Organe den Auftrag, fortan ganz im Sinne derselben zu verfahren. Der Ernst, mit dem diese Frage behandelt wird, ist hier von doppelt hoher Bedeutung gerade mit Bezug auf die Milch, zum großen Theil die einzige oder doch mindestens die wichtigste Nahrung neugeborener Kinder, deren enorme Sterblichkeit außerordentlich viel dazu beiträgt, die Zahl der Sterbfälle Münchens im Vergleich zu jener anderer Städte, immer auf einer bedenklichen Höhe zu erhalten !
Kitzingen, 13. November. Bei der hier stattgefundenen Neuwahl eines Reichstags-Abgeordneten erhielt Graf Schönborn (ultramontan) 7604, Roth (liberal) 7587 Stimmen. Es ist demnach eine Stichwahl erforderlich.
ArarLretch.
Paris, 12. November. Nach Berichten der „Agence Havas" aus Rom von heute Nachmittag entbehrt daS Gerücht von einer Verschlimmerung des Zustandes des Papstes der Begründung.
Paris, 13. November. Marschall Mac Mahon erklärte gestern den gegenwärtigen Ministern, daß er Angesichts der heftigen Anschuldigungen, deren Gegenstand sie in der Kammer gewesen und welche auf die gesammte Regierung zu beziehen seien, ihre Demission nicht annehmen könne und sie bitte, auf ihrem Posten zu bleiben.
— In den parlamentarischen Kreisen herrscht aus Anlaß des Albert Grevh'schen Antrages, deffen Text in lebhaften Ausdrücken abgefaßt ist, große Bewegung. Die konservativen Organe qualificiren das Actenstück als völlig revolutionär.
Versailles, 12. November. Die heutige Sitzung der Deputirten- Kammer verlief ohne weiteren Zwischenfall. Bei der Tiscussion in den Bureaux äußerte Gambetta in Beantwortung einer Anfrage: Ter Antrag Albert Grevy's zielt einzig und allein auf diejenigen Beamten, deren Verantwortlichkeit durch die Constitution anerkannt ist und nicht auf den Marschall-Präsidenten, welcher unverantwortlich ist. Ter Antrag berührt nicht den Art. 9 der Constitution, in welchem allein von der Verantwortlichkeit des Marschall-Präsidenten die Rede ist."
mer in derselben Zusammensetzung erneuert, wie es vor der Auflösung bestand. Präsident Grevy dankte der Kammer für seine Wiedererwählung, indem er daraus hinwies, daß seine Functionen ihm eine verantwortliche Mission auferlegten; er werde sich bemühen, auf der Höhe derselben zu bleiben. Auch die Kammer werde dahm streben, sich durch Mäßigung und Festigkeit auf der Höhe ihrer Aufgabe zu halten, indem sie sich mit der bewundernswerthen Weisheit und Willenskraft des Landes erfülle, welches ihr zur Seite stehe. (Beifall von der Linken). Im weiteren Verlaufe der Sitzung wurde für den Antrag Leb- loud's (Linke), welcher auf Abänderung der Geschäfts-Ordnung des Hauses gerichtet ist, um dem Präsidenten ein wirksames Einschreiten gegen Ausschreitungen der Debatte zu ermöglichen, die Dringlichkeit votirt; ebenso für den Antrag Albert Grevy's (Linke), wonach eine Commission ernannt werden soll zur Untersuchung über die Fälle des Mißbrauchs der Amtsgewalt während der Wahl- Periode. Minister-Präsident Herzog v. Broglie unterstützte im Namen der Regierung den Dringlichkeits-Antrag. Behufs Berathung der bezeichneten Anträge vereinigte sich die Kammer alsbald in ihren Bureaux. Albert Grevy motivier seinen Antrag, indem er ausführte: es sei von hoher Wichtigkeit, die Debatte über die officielle Candidatur zu eröffnen, deren Verdammung und Brandmarkung das Land erwarte. Der Herzog v. Broglie erklärte: „Auch die Regierung ihrerseits fordert die Dringlichkeit, um die gegen sie gerichteten Anklagen an's Licht stellen zu können. Wenn der Augenblick kommen wird, die Untersuchungs-Commission zu constituiren, wird die Regierung vielleicht Richter verlangen, die mehr Ul Parteilichkeit besitzen, als Diejenigen, welche man ihr an- biktet. Die Regierung wird der Untersuchung mit größerer Bereitwilligkeit entgegenkommen, als Diejenigen, welche unlängst ohne Mandat sich der Gewalt bemächtigt hatten. Sie wird urtheilen lasten über die seltsame Theorie, nach welcher zwei von den bestehenden Gewalten sich ohne Weiteres dem Willen der dritten beugen müsten." (Beifall auf der Rechten). Die Dringlichkeit wurde hierauf ausgesprochen.
Versailles, 12. November. Abends. In dem von der Commission, welche mit der Vorberathung des Antrages Albert Grevy's betraut ist, erstatteten Bericht wird erklärt: der Antrag richte sich gegen solche Beamte, die durch die Constitution als verantwortlich anerkannt seien, nicht gegen den Marschall-Präsidenten, welcher unverantwortlich sei.
Statte*
Nom, 12. November. Die Zeitungen meiden: Der Minister der öffentlichen Arbeiten, Zanardelli, hat seine Entlastung gegeben, und der Minister- Präsident Depretis interimistisch das erledigte Portefeuille übernommen.
Türkei.
Konstantinopel, 12. November. Durch amtliche Verfügung wird bis zum 1. März k. I. die zollfreie Einfuhr von Roggen und Mehl gestattet. — Auf Veranlastung des britischen Botschafters Layard ist eine englische bulanz nach Erzerum abgesendet worden.
— In der heutigen Sitzung der Teputirten-Kammer wurde der Deputirte d.. ------ ------/--- - - - - ,, - -
Le Gonidec (Rechte) zum Secretär gewählt, sonach ist das Bureau der Kam- gab zwei entgegengesetzte Plane: Loris -Melikoff war für die Besetzung des


