ÄTo» 161. Sonntag, den 15. Juli 181®.
Kichener Anzeiger
AnBse- und Amisdlntt fit den Kreis Gießen.
Erschei^ täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. mit Bringerlohn.
Expeditionr Schulstraß e, Lit. 8. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Theis.
Bekanntmachung.
„ , L 9n Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden, werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat Juni veröffentlicht:
Hafer 18,64 .X, Heu 13,25 «X, Stroh 14 «X per 100 Kilogramm.
Gießen am 13. Juli 1877. Großherzogliches Kreisamt Gießen. ______________________________ V. Röder.
B e k a » n t m a ch ii ii q.
Das Ableben des Kaminfegers Karl Neuling zu Gießen betreffend.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach Verfügung Großherzoglichen Kreisamts Gießen vom 11. l. Mts. die Geschäfte in dem Kammfegerbezirk des verstorbenen Kaminfegermeisters Karl Neuling dem Kaminfegermeister Karl Zwesch dahier bis auf Weiteres übertragen worden sind.
Gießen, den 12. Juli 1877. '
Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen. Fresenius.
politischer Hheil.
Wochenübersicht.
Nachdem Kaiser Wilhelm seine Kur in Ems mit glücklichem Erfolge beendet hat, ist er am Sonntag, den 8. d. Mts. unter den herzlichsten Ovationen der Einwohnerschaft zunächst nach Coblenz gereist, von wo er sich aus einige Tage zum Besuch der Großherzoglichen Familie von Baden nach Schloß Mainau begibt. An diesen Aufenthalt wird sich die gewöhnliche Nachkur in Bad Gastein anschließen, während welcher, gutem Vernehmen nach, eine Zusammenkunft mit dem Kaiser von Oesterreich stattfinden soll.
Inzwischen herrscht auf dem Gebiete der inneren Politik, soweit diestlbe in äußeren Vorgängen ihren Ausdruck findet, ziemliche Stille. Fürst Bismarck hat die Hauptstadt nach kurzem Aufenthalt daselbst wieder verlaffen, um sich aus seine Güter in Pommern zu begeben, auch sind mehrere Minister von Berlin abwesend, von denen der Handels-Minister Dr. Achenbach zur Zeit in der Rhein-Provinz verweilt. Das vielbesprochene Pferdeausfuhrverbot ist auf Anregung der preußischen Regierung nunmehr nach eingeholter Zustimmung der übrigen Bundesglieder erfolgt; die Eile, mit der diese Angelegenheit betrieben und durchgeführt worden ist, gibt zu denken, wenngleich über die näheren Gründe der Maßregel bisher nichts Sicheres verlautet.
Nicht geringes Aussehen machte in der verflossenen Woche die Unterdrückung einer zu Mülhausen im Ober-Elsaß bisher erschienenen Zeitschrift „Industrie! Alsacien", eines französisch geschriebenen und im französischen Interesse redigirten Blattes. Ursprünglich demokratisch-republikanisch, war der „Jndustriel Alsacien" zu einem Organ der französisch-gesinnten, mit dem Ultra- montanismus innig verbundenen Protestpartei geworden, als welches er nicht nur der Landesverwaltung im Allgemeinen Opposition machte, sondern auch gegen die Vereinigung des Elsasses mit Deutschland in theils perfider, theils frecher Weise agttirte. Besonders seit den jüngsten Reichstagswahlen war das saubere Blatt, welches seine Parole aus Paris, als dem Hauptquartier, empfing, bestrebt, das Vertrauen der Bevölkerung auf inneren wie äußeren Frieden in jeder Weise zu erschüttern, ein Treiben, dem die Regierung der Reichslande nicht länger unthätig zusehen durfte.
In Bayern ist am Montag der Landtag eröffnet worden. Bei der Präsidentenwahl in der Abgeordneten-Kammer wurde wieder Frhr. v. Ow gewählt, zum Zeichen, daß der Zwist der gemäßigten und der extremen Partei der Ultramontanen wenigstens bei dieser Gelegenheit nicht zum Ausdruck kam. Es scheiut überhaupt, daß die Extremen sich vor der Hand noch nicht zu einer entschiedenen Action vorwagen wollen, vielmehr ihre Hauptjchläge für die Herbst- Action sich aufgespart haben; denn daß Herr Rittler und Genossen sich so bald als möglich geltend machen, nachdem sich ihr Anhang im Lande als so überlegen gezeigt hat, darf wohl erwartet werden.
Der württembergische Landtag ist mit den Steueranlagen der Regierung beschäftigt gewesen. In Heidelberg ist der berühmte Rechtshistoriker Heinr. Math. Zöpfl im 70. Lebensjahre gestorben; auch den beliebten Schriftsteller Hackländer hat der Tod ereilt.
Aus Oesterreich-Ungarn wird gemeldet, daß die Ausgleichs-Versuche in der größten Finanzfrage, welche durchaus im Vordergründe des öffentlichen Interesses gestanden hatte, vor der Hand völlig gescheitert find. Uebrigens war auch kaum zu erwarten, daß die beiden „Regnicolar-Deputationen" zu einer finanziellen Verständigung gelangen würden. Waren doch die Ansprüche beider Reichshälsten mit Ziffern begründet worden und Ziffern sollen bekanntlich beweisen. Man räumte also die auf ste gestützte Position auf keiner Seite auch den bestgemeinten Vermittlungsversuchen gegenüber. In Deutsch-Oesterreich ist man überzeugt, daß schon die Aufrechthaltung des bisherigen Verhältnisses die äußerste Concesstou sei, zu der man sich verstehen dürfe.
Vom Kriegsschauplätze in der europäischen Türkei sind ununterbrochene Vorwärtsbewegungen der russischen Truppen zu berichten. Beide Donau-Uebergänge derselben wurden benutzt, um immer stärkere Heeresmaffen in die Türkei vorzuschieben, besonders die Brücke bei Simnitza, welche nach den geringsten Angaben bereits mehr als 100,000 Mann, dabet zahlreiche Reiterei und Artillerie passirt haben. Der linke Flügel der Russen, welcher in der Dobrudscha operirt, war bis zum sog. Trajanswall vorgedrungen, welcher keine besonders haltbare Position bildet, so daß, da die Türken dort überall ohne stärkeren Widerstand zurückweichen, in diesem Momente von den vordringenden Russen bereits die von Tschernawoda bis nach Kustendsche an das Schwarze Meer führende Eisenbahn erreicht sein mag; ein wichtiger Punkt, weil nach Besetzung dieser Eisenbahn durch die Russen deren Verbindung mit dem Hinterlande, besonders Rumänien, bedeutend erleichtert wird. Die russische Haupt- Armee aber ist über Sistowa und nach Forcirung des Jantra-Ueberganges bis nach Tirnowa, der alten Haupistadt Bulgariens, ohne besonderen Widerstand von Seiten der Türken zu finden, vorgedrungen und dort von der Bevölkerung, wie überall in Bulgarien, mit Jubel ausgenommen worden. Tirnowa ist insofern strategisch wichtig, als es den Knotenpunkt der bulgarischen Hauptstraßen bildet. Wo befindet sich denn aber zur Zeit die türkische Feld-Armee? Wie es scheint, hat sie sich in den Balkan zurückgezogen, um dort in dem unwegsamen Gebirge den Ruffen den weitern Fortschritt streitig zu machen: ein Umstand , der, wenn er sich bestätigen sollte, den Krieg wohl einigermaßen in die Länge zu ziehen geeignet ist.
Aus dem asiatischen Kriegsschauplätze kämpfen die Russen mit weniger Glück, als auf dem europäischen. Dort waren sie, wie man sich erinnert, in drei Colonnen vorgedrungen und hatten schnelle Fortschritte gemacht, indem es ihnen gelang, die türkische Heeresmacht zu trennen und selbst die Belagerung von Kars zu unternehmen, indem sie sich zwischen diese Festung und Erzerum schoben. Aber es brach in ihrem Rücken ein Aufstand aus, der in der mohamedanischen Bevölkerung des Kaukasus nur zu schnell um sich griff. Dann ermannten sich die Türken und warfen die vorgedrungenen Feinde dergestalt zurück, daß neuerdings von einer allgemeinen Rückwärtsbewegung der russischen Truppenkörper berichtet wird, die vielleicht sogar das Aufgeben der schon begonnenen Belagerung von Kars zur Folge haben kann. Rustensreund- liche Korrespondenzen behaupten indeß, daß die türkische Hauptmacht sich noch in einer Entfernung von Kars befinde, welche die Fortsetzung der Belagerung nicht in Frage stelle. Eine ganz neuerdings eingetroffene telegraphische Nachricht meldet jedoch, daß die Ruffen gezwungen worden seien, sich vor der Ueber- macht der Türken von Kars zurückzuziehen und die Belagerung vorläufig aufzugeben.
Um zum europäischen Kriegsschauplatz zurückzukehren, so haben die Kämpfe der Türken mit Montenegro, welche beiderseits viel Blut gekostet, durch den Abmarsch der osmanischen Truppen ihr Ende gefunden. Ob Oesterreich dabei die Hand im Spiel habe, wie behauptet wird, wiffen wir nicht; gewiß ist, daß die Türken ihre Streitmacht an andern Punkten bester gebrauchen können. Im Norden Griechenlands fängt es an, sehr unruhig zu werden, und was das Königreich Griechenland selbst anbetrifft, so sind alle Berichte darüber einig, daß dessen Eintreten in den Kampf nur noch eine Frage der Zeit sei. Die Griechen des Königreichs werden bei der außerordentlichen Küstenentwickelung ihres Landes vor Allem die türkische Flotte zu fürchten haben, warten aber nur auf entschiedene Niederlagen der Türken, um ihren noch unfreien Stammesbrüdern zu Hülfe zu eilen, welche ihrerseits nicht zögern werden, das ihnen längst verhaßte Joch der osmanischen Herrschaft abzuwerfen, sobald ihnen die Hoffnung der Befreiung winkt.
England schien allerdings durch die Entsendung seiner Flotte in die


