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Wo fc6S. Mittwoch, den 14. November 1877.

Sichmer Wyetger

Anzeige- nih Amtslilatt für den Kreis Gießen.

Erscheint tLgttH mit Ausnahme deS MontsrgS. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Gr^s^itiO«r Gchulstraße, Lit. B. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die durch den Tod des Kaminfegers Re u lin g erledigte Kaminfegerstelle des Kehrbezirks Gießen l. dem in Gießen wohnhaften Franz Nebl aus Plattling in Bayern übertragen worden ist.

Gießen, den 10. November 1877.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Gießen, am 7. November 1877.

Betreffend: Anstellung von Handarbeitslehrerinnen.

Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Im Falle in Ihren Gemeinden keine Lehrerinnen für weibliche Handarbeiten angestellt sind, sehen wir Ihren Vorschlägen wegen Besetzung dieser stellen innerhalb 4 Wochen entgegen. Sollte Antrag auf Dispensation von Errichtung der Arbeitsschule gestellt werden, so ist derselbe genau zu begründen unter klarer Darlegung der wider die Einrichtung sprechenden Gründe.

Dr. Boekmann.

politischer H h e i l.

Keutfchtand.

Darmstadt, 12. November. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht:

Am 28. Octbr. den Kanzlei-Jnspector bei dem Oberconsistorium, Christian Heim, auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste, m den Ruhestand zu versetzen.

Berlin. Man hat bemerkt, daß bei dem Leichenbegängnisse des Grafen Wrangel der Kaiser dem Zuge das Geleite bis zur Neuen Wilhelmsstraße gab, was als eine besondere Auszeichnung gilt, da der Souverain sonst den Leichen­begängnissen auch der höchstgestellten Beamten nicht folgt, da der regierende König nur der Leiche seines Vorgängers oder verwittweter Königinnen zu folgen pflegt.

Berlin, 11. November. DasDeutsche Montagsblatt" meldet: Die nunmehr endgültig vollzogene Convention zwischen der rumänischen Regierung und der rumänischen Bahn-Gesellschaft bestimmt: Die rumänische Regierung zahlt bis zum 12. Februar 1878 acht Mill. Frcs. in Hypotheken-Scheinen erster Emission. Die Gesellschaft erhält vom 15. November ab allmonatlich 400,000 Frcs. in Baar aus der staatlichen Kaffe des Tabak-Monopols. Der Rest für noch ausstehende Müitär-Transporte ist in Raten von wenigstens 200,000 Frcs. wöchentlich zu zahlen. Die ganze Schuld von 12 Mill. Frcs. muß bis zum 12. Februar abgetragen sein. Die Staats-Garantie pro 1877 wird nicht beansprucht.

Berlin, H. November. Die unterirdischen Telegraphen-Leitungen, deren Eröffnung auf der Strecke zwischen Berlin und Mainz am 23. Juli l. I stattgefunden hatte, sind nunmehr bis an die Ostseeküste vorgerückt. Die Linie Berlin-Kiel ist bereits vollendet; diejenige zwischen Berlin und Magdeburg ist am 3. Novbr. fertig geworden. Es find somit gegenwärtig Mainz, Frank­furt a. M., Kassel, Halle, Leipzig, Berlin, Potsdam, Magdeburg, Spandau, Hamburg und Kiel unter der Erde verbunden. Die Länge dieser unterirdischen Linien beträgt 1477 Kilometer; in der Regel befinden sich 7 Drahtleitungen in jedem Kabel, und es beträgt die Gesammtlänge der unterirdischen Leitungen jetzt 10,249 Kilometer. In Kiel erfolgte die Eröffnung der Linien unter be­sonderen Feierlichkeiten.

Aus Lauenburg. Die Lauenburgische Ritter- und Landschaft ist mit dem Fürsten Bismarck im Streit und verhandelte neulich darüber in Ratzeburg. Der Konflikt ist wegen der Ansprüche des Landes-Communal-Verbandes an den vom Fürsten Bismarck in Besitz genommenen Werder im Viert entstanden. Zur Vorberathung dieses Gegenstandes war eine Commission ernannt worden, deren Referent, Abg. Oberamtsrichter Sachau, u. A. mittheilte, daß Dr. Crome in Lübeck, dessen Gutachten der Commission vorgelegen hat, sich auf Seiten der Landschafts-Kollegien stellte und daß es sich jetzt frage, ob auf Grund dieses Materials Ritter- und Landschaft gegen den Fürsten in den Proceß treten soll. Nach eingehender, thetlweise für den Fürsten nicht sehr schmeichelhafter Debatte ward beschlossen, mit demselben Vergleichs-Verhandlungen anzuknüpfen.

München, 10. November. In der heutigen Sitzung des Reichs­raths leistete der etngeführte Prinz Ludwig Ferdinand den Eid auf die Verfassung.

Kesterreich.

Wien, 10. November. DasTelegr.-Corresp.-Bureau" erfährt, daß die Reise des Kriegsmintsters und des Generalstabs-Chefs nach Pesth in keiner­lei Beziehung zu der politischen Situation stehe und daß dieselbe nur die Theilnahme der genannten Militärs an einer militär-technischen Conferenz zum Zwecke habe, welche sich vorzugsweise mit den Erfahrungen bezüglich der Uchatius-Kanone beschäftige.

Wien, 10. November. Sitzung des Abgeordnetensauses. Die Regie­rung legt einen Post- und Schifffahrts-Vertrag mit der austro-ungarischen Lloyd-Gesellschaft, den allgemeinen Zolltarif und einen Gesetz-Entwurf in Be­treff der Verbrauchs-Steuer auf Mineral-Oel vor. Auf die Interpellation Coronini's, warum der Zolltarif früher in den Blättern erschienen sei, als er dem Parlament vorgelegt wurde, erwiderte der Handelsminister, daß die Regie­rung hierdurch auffs Peinlichste berührt worden sei. Die ungarische Regierung zeige. gleich lebhaftes Bedauern. Es seien wegen dieses Falles Seitens der beiden Regierungen Erhebungen eingeleitet worden.

Wien, 11. November. Der Ausgleichs-Ausschuß nahm mit 24 gegen 14 Stimmen den Antrag Brestel's an, den Zolltarif, um Verzögerungen zu verhindern, gleich im Ausschüsse selbst, ohne Zuweisung an das Sub-Comil6, zu berathen.

Pesth, 10. November. Das Unterhaus nahm die Bank-Vorlage in der Special-Debatte ohne besondere Modification an. Auf eine Interpellation Apponyi's in Betreff der Vorlage der auf die Zoll-Verhandlungen mit Deutsch­land bezüglichen Dokumente antwortete Tisza, daß gar keine Protokolle geführt worden seien, die Vorlage der Korrespondenzen aber inopportun wäre, nachdem die Möglichkeit vorhanden, daß der Zoll-Vertrag mit Deutschland, wenn auch nicht jetzt, so doch in der nächsten Zukunft abgeschlossen werde. Apponyi, so­wie das Unterhaus nahmen diese Antwort zur Kenntniß.

IrauLretch.

Paris, 10. November. Die Verhandlungen über die Bildung eines neuen Cabinets wurden gestern Mittag wieder ausgenommen. In unterrichteten Kreisen ist man der Ansicht, daß das Cabinet lediglich aus Mitgliedern der Rechten bestehen werde. Jndeß dürften auch mehrere Mitglieder des gegen­wärtigen Cabinets im Amte bleiben. Der Gedanke eines Compromiffes scheint im Elys6e aufgegeben zu sein. Man hält dort an der Ueberzeugung fest, daß die Majorität des Senats den Marschall unterstützen, und glaubt sogar, daß der Senat eventuell in die Auflösung der Deputirten-Kammer willigen werde. Eine Deputation des Senats ersuchte den Herzog v. Audiffret-Pasquier, den Senat sofort zusammenzuberufen, im Falle die Kammer das angekündigte Miß­trauens-Votum abgeben sollte.

Einer Nachricht derAgence Havas" aus Konstantinopel zufolge sind daselbst Affichen gegen das Ministerium verbreitet, worin die Minister für die letzten Unglücksfälle, die jüngst stattgefundenen Verhaftungen und die Unzufrie­denheit der Bevölkerung verantwortlich gemacht und die Einwohner aufgefor- dert werden, den Vorschlag der Ersetzung der Garnison der Hauptstadt durch eine Bürgergarde zurückzuweisen.

Paris, 10. November. DieAgence Havas" erfährt, zur Neubildung des Cabinets würde erst geschritten werden, nachdem die gegenwärtigen Minister ihre Politik vor der Kammer vertheidigt.

DieMpublique fran^aise" bespricht das Hetzen der monarchischen Presse zum Staatsstreiche und führt aus, dasselbe sei aber im Grunde nur ein Einschüchterungs-Versuch. Der Artikel schließt: Es wird nicht gelingen, die Action der Majorität, die ein so gebieterisches Mandat vom Wahlkörper erhal­ten, aufznhalten. Hinter der Majorität befinden sich unzählige Massen von Wählern, darunter entschlossene, ruhige, beherzte Männer, welche die Drohung mit dem Staatsstreich nicht einscküchtert, die sehr wohl wissen, aus welchen Elementen die Armee heute zusammengesetzt ist, die in dieselbe das vollste Ver­trauen setzen, die, obgleich selbst entwaffnet, durchaus entschlossen sind^ dem Willen des Landes Respect zu verschaffen, wie derselbe sich durch das Scruti- nium vom 14. October kundgegeben. Möge man daher baldigst diese ganze odiöse Taktik einstellen; dieselbe erniedrigt uns nur in den Augen des Aus-