JVo. IGO. Samstag, den 14. Juli 18VV.
Kießener "Anzeiger
Aoxeige- uni AmtsM für ürn Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ansnabme deS MontagK. Expedition r Schul st raße, Lit. B. Nr. 18.
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Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher HAeik. Bekanntmachung.
In Folge des Baues der Brücke über die Wieseck in der Reichensand-Bahnhofsstraße ist es nochwendig geworden, den Verkehr über den dort befindlichen Steg einzustellen. Es ist daher der Weg zu dem Letzteren bis auf Weiteres gesperrt und der Steg an der Main-Weser-Bahn am Fuße des Felsenkellers ausschließlich zu benutzen.
Gießen, am 11. Juli 1877.
Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.
Fresenius.
Bekanntmachung.
Das Ableben des Kaminfegers Karl Neuling zu Gießen betreffend.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach Verfügung Großherzoglichen Kreisamts Gießen vom 11. I. Mts. die Geschäfte in dem Kaminfegerbezirk des verstorbenen Kaminsegermeisters Karl Neuling dem Kaminfegermeister Karl Zwesch dahier bis auf Weiteres übertragen worden sind.
Gießen, den 12. Juli 1877.
Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.
Fresenius.
Bekanntmachung.
Der Großherzogliche Bürgermeister Wilhelm Walter III. in Daubringen ist als Standesbeamter des Standesamtsbezirks Daubringen bestellt und verflichtet worden, was man hiermit zur öffentlichen Kenntniß bringt.
Gießen, den 12. Juli 1877.
Großherzogliches Landgericht Gießen. Erdmann, Landrichter.
politischer Theil.
Zur allgemeinen politischen Lage.
Die kriegerischen Ereigniffe an der unteren Donau nehmen gegenwärtig fortdauernd und mit Recht das größte Jntereffe in Anspruch. Die lange ver- zögerle Eröffnung des Feldzugs in der europäischen Türkei war mit nicht geringen Ueberraschungen verbunden — mit kaum geringeren, als die des Jahres 1870 gewesen sind. Da die Türken Zeit genug hatten, die Donau-Uebergänge allerorten zu besetzen und die bedrohtesten Uferpunkte durch Artillerie zu schützen, konnte erwartet werden, daß jeder Versuch der Russen, den gewaltigen Strom Angesichts des Feindes starker Hand zu überschreiten, mit gewaltigen Opfern an Menschenleben und Kriegsmaterial für sie verbunden sein werde. In der Thal calculirte man auch fabelhafte Zahlen heraus, welche der Donau-Ueber- gang den Ruffen an Soldaten kosten würde. Und was geschah? Zuerst brach von Braila aus ein russisches Heer über die untere Donau in die Dobrudscha ein, ohne daß die Türken, welche doch den Vorbereitungen dazu, insbesondere dem Bau der später ausgeführten Brücke, zugesehen hatten, den Ankommenden mehr als einige Scharmützel lieferten. Daffelbe wiederholte sich im Centrum der russischen Armeen zwischen Rustschuk und Nikopoli, wo die Türken dem Uebergange des Feindes auf das rechte Ufer so geringen Widerstand entgegensetzten, daß das Gerücht entstehen konnte, die osmanischen Befehlshaber seien von den Russen bestochen, um ihnen die gefährliche Passage möglichst leicht zu machen. Noch mehr. Ließen die Türken vielleicht nur deswegen die Feinde in die Bulgarei einrücken, um alsdann mit überlegener Heeresmacht über sie herzufallen und sie zu vernichten? Nichts derart geschah. Schnell sind die Russen bis in das Herz Bulgariens eingedrungen und haben sich bereits der alten Hauptstadt des Landes, Ttrnowas, bemächtigt, ohne auf irgend eine namhafte und energische Gegenwehr zu stoßen. Da zu gleicher Zeit aber die Dobrudscha oder wenigstens deren nördlicher Theil vor ihrem vorrückenden linken Flügel von den Türken geräumt wurde, so kann der erste Theil des Feldzugs als von Seiten der Russen siegreich beendigt gelten. Selbst der Laie darf bereits über den Feldzugsplan, dem diese nunmehr folgen werden, ein Ur- theil zu fassen wagen. Wirst man einen Blick auf die Karte, so erscheint die Stärke der türkischen Position, nämlich das von den beiden Donausesten Rustschuk und Silistria, sowie von den südlicher gelegenen Festungen Schumla und Varna gebildete sog. Festungsviereck durch den Feind schon in diesem Augenblicke umfaßt. Die in der Dobrudscha operirende Armee der Russen ist mit ihren zwei Armee-Corps stark genug, Silistria und Varna, die beiden östlichsten jener Festungen in Schach zu halten; das russische Hauptheer aber, welches mit vier Armee-Corps bereits die Donau bei Simnitza passirt hat, kann bei seiner ansehnlichen Stärke nicht nur Rustschuk und Schumla blokiren, sondern auch ein Expedittons-Corps nach Süden vorwärts zu senden wagen, welches den zurückwetchenden Feind in den Balkan verfolgt. Gelingt es den Türken nicht, die schwer zu stürmenden Päffe dieses unwegsamen Gebirges gegen ihren Feind zu halten, machen sie es vielmehr in den Bergen ebenso, wie sie es an der Donau gemacht haben, daß sie den Russen Vie Gelegenheit bieten, an irgend einem schwach besetzten oder schlecht verteidigten Punkte durchzubrechen, so ist
ihre Sache verloren, denn der Weg nach Adrianopel und selbst nach Konstantinopel ist dann ihren Gegnern offen.
Möglich freilich, daß die Türken sich noch einmal zu energischer Gegenwehr aufraffen, wie sie auch unter noch für sie ungünstigeren Verhältniffen auf dem asiatischen Kriegstheater bewiesen haben, daß sie noch fähig sind, selbst zur Offensive mit Energie und Erfolg überzugehen; möglich also auch, daß der Feldzug sich noch in die Länge zieht; die Überlegenheit der russischen Waffen aber haben die bisherigen Begebenheiten des Krieges doch schon so gezeigt, daß das unbefangene Urtheil über deren schließlichen Erfolg nicht in Zweifel sein kann.
Droht nun etwa irgend eine Intervention Seitens einer europäischen Großmacht diesen Erfolg in Frage zu stellen? Wir meinen nicht, so lange Rußland darauf verzichtet, die etwa eroberten Provinzen der Türkei sich einzuverleiben. Und daß dieser Verzicht zu den Abmachungen des Drei-Kaiser-Bundes gehört, scheint die Haltung Oesterreichs zu verbürgen. Damit wäre dann zugleich die Hoffnung begründet, daß der Krieg im Osten localisirt bleibt und nicht zu einem allgemeinen europäischen Brand ausartet, welche Hoffnung wir trotz der Bewegung.der englischen Flotte, und selbst wenn Oesterreich zur Besetzung Bosniens und der Herzegowina übergehen oder selbst Griechenland aus dem Kampfplatz erscheinen sollte, noch nicht aufgeben dürfen.
Drohender für die Ruhe Deutschlands, als der orientalische Krieg, ist die Lage der Dinge in Frankreich. Seitdem dort der Bonapartismus und, was noch schlimmer, der Ultramontanismus am Ruder des Staates ist, kann die Ruhe zunächst Italiens, aber auch Deutschlands, nicht mehr als gesichert gelten. Die schwarzen Vorkämpfer für die weltliche Herrschaft des Papstes machen auch gar kein Hehl daraus, daß sie sich der formidablen Rüstungen der Franzosen zur Erreichung ihres Ziels zu bedienen gedenken. Mag auch Mac Mahon selbst noch nicht den Zeitpunkt für gekommen erachten, den Krieg zu führen, und mögen daher auch seine osficiellen Friedensversicherungen insofern aufrichtige sein, wer steht uns dafür, daß, wie er auf klerikalen Einfluß hin überhaupt auf die abschüssige Bahn eingelenkt ist, die er gegenwärtig wandelt, er in der Folge nicht auch gezwungen sein wird, das volle Programm seiner schwarzen Hintermänner anzunehmen und auszuführen? Es wäre thöricht, wenn wir Deutsche vor dieser uns drohenden Gefahr die Augen verschließen und die Anzeichen des sich vorbereitenden Conflicts vertuschen wollten. Ohnehin ist derselbe nicht in nächster Nähe und das dem Fürsten Bismarck zugeschriebene Wort: „bis zu den Wahlen kann ich mich tobt stellen", hat seine volle Richtigkeit. Vorläufig sind die Franzosen mit ihren inneren Wirren noch vollauf beschästtgt und die Situation kann erst nach vollzogenen Wahlen durchsichtiger werden, weil das Ministerium alsdann gezwungen sein wird, sein eigentliches Spiel zu eröffnen.
Das, wie es scheint, nahe bevorstehende Ableben des Papstes Pius IX. wird in die allgemeine politische Lage schwerlich eine große Veränderung bringen. Trügt nicht Alles, so wird desien Nachfolger sich in gleicher Richtung bewegen wie er und die Politik des Syllabus fortzusetzen bestrebt sein. Auch dafür wird Vorsorge getroffen sein, daß sich die katholischen Mächte in die


