Ausgabe 
12.10.1877
 
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London, 8. October. Ter Schatzkanzler Northcote that in einer heute zu Exeter v»n ihm gehaltenen Rede in Bezug auf den orientalischen Krieg den Ausspruch: beide Theile könnten die Gelegenheit zu friedlichen Arrangements ergreifen, ohne dabei ihrem militärischen Rufe zu schaden.

London, 9. October In seiner gestrigen Rede vor der Handels- Kammer in Exeter äußerte sich Schatzkanzler Northcote über den Stand der Orient-Frage dahin, daß seiner Ansicht nach keine der kriegführenden Parteien eine Schädigung ihrer militärischen Ehre erleiden würde, wenn sie zu einer friedlichen Beilegung die Hand böte. Es sei möglich, daß eine Ueberraschung eintrete, welche die Meinung, als ob die Beendigung des Krieges erst nach einem zweiten entscheidenden Feldzuge möglich sei, ändern könnte. Die Tarif- Frage berührend, sprach sich der Minister gegen Retorsions-Zölle aus, die von vielen Seiten befürwortet würden, nachdem gewisie Länder den Freihandel nicht adoptirt hätten. Englands Handel könne durch Wiedereinführung der Schutz- Zölle nur gefährdet werden.

Türkei.

Konstantinopel, 9. October. Die Pforte beschloß, an den Fürsten von Serbien persönlich ein Schreiben zu richten und von demselben kategorisch Aufklärung über die Rüstungen zu verlangen, nachdem der serbische Agent Christic offenbar absichtlich ohne Instructionen gehalten werde.

Numänieu

Bukarest, 9. October. Die Abberufung des rumänischen Agenten von Berlin ist bevorstehend. An Stelle Degre's tritt Wajorescu.

Der orientalische Krieg.

Konstantinopel, 8. October. Einem Telegramm eines Cioilbeamte» in Orhanie zufolge hätten 24 türkische Bataillone, welche einen nach Plewna bestimmten Prooiantzug geleiteten, ein russisches Detachement geschlagen und seien in Kiretch Keupru angekommen, um von da am Tage darauf ihren Marsch nach Plewna weiter fortzusetzen. Mehemed Ali ist gestern in Varna an­gekommen.

Wien, 9. October. DasNeue Wiener Tagebl." meldet aus Schumla vom 7. d.: Westlich von Jowar Cifftik haben am Freitag kleine Scharmützel stattgefunden. Das Bombardement voa Rnstschuk dauert fort.

Wien, 9. October. DiePolit. Corresp." meldet aus Bukarest vom 9. d.: Der Sturm riß einige Pontons der Brücke bei Nikopolis los. Heute wurde die Brücke wieder hergestellt. Dieselbe Eorrespondenz meldet aus Cettinje vom 8. b.: In Folge der Nachricht von der Ernennung Mehemed Ali's zum Commandanten der türkischen Streitkräfte gegen Montenegro wird an der Befestigung der eroberten Positionen in der Herzegowina auf'S Thä- tigste gearbeitet.

Petersburg, 9. October. Officiell wird aus Karajal vom 8. d. ge­meldet : Die aus Oschlagan vorgerückte Colonne des Obersten Teraffaturoff brachte den Aufständischen des Kaitachischen Bezirks in Daghestan zwei Nieder­lagen bei, am 3. Septbr. bei Kai und am 30. bei Dschemi Kent, wo nach hartnäckigem Widerstand eine 4000 Mann starke Bande von Aufständischen ge­schlagen wurde. Bei beiden Affairen verloren die Aufständischen 550 Mann und 300 Gefangene. Unsererseits wurden 2 Officiere und 12 Soldaten ver­wundet, 1 Lieutenant und 3 Soldaten vermißt. Die Verfolgung der Bande Alt Beg's in den Wäldern wird fortgesetzt. Aus dem Aule Sondak Venot wurden mehr als Tausend aus's Flachland übergesiedelt. Den letzten Nachricht fen zufolge betragen Mukhtar Pascha's Verluste am 2. und 3. Octbr. gegen 6000 Mann.

Lokal-Stotiz.

Gießen, 11. Oktober. Rach dreitägiger Verhandlung wurden gestern Abend 1. Georg Schutt von Dorheim, 24 Jahre alt und 2. Caroline Bopp von Mel­bach, 19 Jahre alt, wegen Ermordung ourch Gift verübt an dem Bruder bezw. Ver­lobten derselben von den Geschworene«, und zwar dem Vernehmen nach einstimmig, fürSchuldig" erklärt und in Folge dessen von dem Schwurgerichtshof zur Todes­strafe verfällt.

Gießen, 11. Oft. Wir verfehlen nicht, auf das nächsten Sonntag in Wenzel's Garten staUfindende Instrumental- und Vocal-Concert unter Leitung des Herrn Capell- meisterS C. Krausse und seiner Kapelle und des auf der Durchreise von Brüssel nach Verona begriffenen italienischen Opern - SängerS Signor Selmaro Travieel, primo artiwte delTopera Itallana del teatro Fonlee a Venezia uufmerksam zu machen. Wir weisen besonders auf dieses Concert hin, da genanntem Herrn ein besonderer Ruf vorhergeht. Nähere« Programm. 1.

Vermischtes.

Laurahütte, 8. Oct. (Ein Mensch in Stücke gerissen ) Gestern, Sonntags Nachmittags, ereignete sich hierorts ein schrecklicher Unglücksfall, der dem dreißigjährigen Bergmann Zencz von hier auf schauderhafte Weise da« Leben kostete. Auf Hugocolonie einem Thetl von Laurahütte feierten gestern die Werkarbetter Drobikschen Ehe­leute die Hochzeit ihrer Tochter Hedwig. Die Trauung war bestellt, die Wagen standen vor der Thür, um die versammelten Gäste in die Kirche zu bringen, vor der Abfahrt hatte sich Zencz in den Garten hinter dem Hause des Hochzeitsvaters begeben und wollte zur Verherrlichung des Festes Freudenschüffe loSbrennen. Er benutzte dazu die berüchtigten Dynamitpatronen, durch deren leichtfertige Behandlungsweise in unserer Gegend schon so »kl Unglück angerichtet worden. Drei dieser gefährlichen Körper hatte er in der Hand, zwei in der Tasche. Durch irgend eine Unvorsichtigkeit explodtrte die Sprengmasse, bevor er sie aus der Hand geworfen, sofort wird ihm ein Arm ganz, der andere theilwcise abgerissen'; das Feuer ergreift auch seine Kleidung, die in der Tasche befindlichen Patronen explodtren ebenfalls und reißen ihn in Fetzen. Im Garten waren nach allen Richtungen hin Fletschtheile, Knochen und Blut verbreitet. In das hiesige Knappschaftslazareth verbracht, verstarb der Unglückliche bald. Er hinterläßt eine Frau mit zwei unerzogenen Kindern.

Landwirthfehaftli^heS.

Empfiehlt sich bei den ländlichen Arbeitern die gesetzliche Einführung von Arbeiterhilfskaffen?

Diesen Wortlaut hat eine von den Fragen, mit denen sich der Deutsche Land- wirthschaftsrath in der bevorstehenden Sitzung beschäftigen wird.

Bekanntlich ist die Frage des gesetzlichen KassenzwangeS für die Gewerbe in Deutschland bereit- gelost. Schon seit über 30 Jahren werden in den allermeisten deutschen Staaten die Industriellen Arbeiter gezwungen, Beiträge für ihre Krankenkassen zu zahlen. Nach dem Reichsgesetz vom 7. April 1876 ist diese Angelegenheit für das g.inze Reich einheitlich dahin geordnet, daß dort, wo keine derartigen Kaffen extsttren, tte Gemeinden nach Anleitung des Gesetzes solche errichten können, die dann aus Bei­tragen der Arbeiter und Arbeitgeber erhalten werden. Die principtelle Frage also, ob

der Staat das Recht und die Pfl cht hat, seine Bürger zu geeigneter Fürsorge für Kranken- und Sterbefälle zu zwingen, ist damit bejaht. Wir wollen uns heute nicht mit der einfach erscheinenden Eonsequenz der Lage dieser Sache beschäftigen, daß näm­lich de Staat in derselben Weise sich auch der geregelten Fürfo-ge für Invalidität und Älter, sowie für Wtttwen und Waisen der Arbeiter annehmen müssewir wollen heute nur fragen: Läßt sich datz Hilfskaffengesetz nicht zweckmäßigerweise auch auf bk ländlichen Arbeiter ausdehnen?

Zunächst muß bemerkt werden, daß in dieser Angelegenheit doch ein großer Unterschied zwischen gewerblichen und ländlichen Arbeitern besteht. Erstere leben ge- wöhnl ch in großen Massen zusammen meist in Städten und haben zumeist ungesundere Arbeit und schlechtere Luft, als die ländlichen Arbeiter. Sie erkranken demnach leichter und fallen demnach den Communen eher zur Last. Unter Umständen können an sich kleine und letstungsunfählge Gemeinden eine dichte gewerb'tche Arbeiterbeoölkerung hab .n und kann damit eine öffentliche Armen- und Krankenpflege, namentlich bet Epidemien, zur factischen Unmöglichkeit werden. Die Landbevölkerung ist gleichmäßiger oertheilt und kann sich selbst im intensivsten Betriebe nicht so willkürlich anhäufen, wie in der Industrie. Dieser Sachlage entspricht auch das bisherige Vorkommen von freiwilligen Krankenkassen. Während in den Gewerben solche vielfach eingerichtet find, also ohne obrigkeitlichen Zwang, so kommen sie auf dem Lande so vereinzelt vor, daß schon die Auffindung derselben mit Schwierigkstten verknüpft ist. Im Königreich Sachsen, dessen ändliche Arbeiteroerhältnisse noch am ehesten eine derartige Organisation zu erfordern cheinen, sind die ernstlichsten Anstrengungen nach dieser R chtunq vergeblich gewesen

Hiernach sollte man meinen, daß von vornherein das Bedürfniß nach solchen Kassen aus dem Lande überhaupt nicht vorhanden ist. Sehen wir uns aber in den Ardetterkretsen um, so finden wir genau so wenig Fürsorge für den Krankenfall, wie bei den gewerblichen Arbeitern, und wenn in Wirklichkeit die Roth nicht so kraß auf- tritt, so liegt dies an anderen Umständen.

Bei einer Umschau in den factischen Verhältnissen lenkt sich der Blick zunächst auf die contractlich gebundenen Tagelöhner des nordö tltchen Deutschlands, die dort den Hauptstamm aller Arbeiter auf großen und mittleren Gütern bilden. Diesen wird rät ärztliche Behandlung gewährt und da sie das Lohn fast zur Hälfte in Naturalien empfangen, auch eine Einnahme au3 den kleinen Nutzungen ihres Haushaltes ziehen, so verlieren sie bei Krankheit nur einen Theil ihres Lohnes, das relativ geringe B rar- lohn. Ferner ist die Prioatkaffe des Arbeitgebers in diesen selbstständigen Gatsbe- zirken zugleich die öffentliche Armenkasse, welcher ein verkrüppelter oder sonst bedürftiger OrtSangehöriger event. zur Last fällt. Der Arbeitgeber hat daher alle Veranlassung, die Gesundheit seiner Untergebenen zu schonen und wiederherzustellen. Ein direktes Be- dürfniß, für die Krankheit des Arbeiters gesetzliche Fürsorge zu treff.'n, liegt daher hier nicht vor.

In den dichter bevölkerten Gegenden Deutschlands, wie Schlcsim, dem Köitq- reich Sachsen und dem südwestlichen Theile Deutschlands kennt man diese Verhältiiffe nicht. D»lt gibt es nur freie Arbeiter, entweder solche, die etwas eigenen Besitz haben, oder ganz Besitzlose. Erstere können uns hier nicht intcreffi cn, wohl aber Letztere. Diese gerathen bei Krankheit des Ernährers gewöhnlich in große Noth, da sie seltener sich in ähnlichen Verhältnissen hinsichtlich ihres Hausstandes befinden wie die Guts- tagelöhner. Meistentheils ernten sie wohl Kartoffeln, haben auch häufi; etwa« Nutz­vieh, es fehlt aber der relativ große Tagesverdienst. Namentlich wird aber die ärzt­liche Hilfe entbehrt. Die Arbeiter selbst können sich dieselbe nicht verschaffen, zumal sie auf dem Lande sehr theuer ist, und die Gemeinde sträubt sich gewöhnlich sehr, solche zu stellen. Hier tritt oft ein wirklicher Nothstand ein. Für die Ernährung sorgt wohl die freiwillige Hilfe der Besitzenden, für eine zweck näßige Kur oder auch nur zweck­mäßiges Verhalten des Kranken, also vernünftige Diät, sorgt Niemand. Es liegen hier unzweifelhaft Uebelstände vor, die aber durch eine einfache Urbertragung drs Rrichsge- setzes keineswegs beseitigt werden können.

Die ländlichen Gemeindevertretungen würden kann die Initiative zu»- Anwendung des Gesetzes ergreifen, und da auf andere Weise das Gesetz »ach dem heutigen Wort­laute nicht eingesührt werden kann, würde dies einfach unterbleiben. Ferner wechseln die ländlichen Arbeiter oft mehr ihren Arbeitsplatz, als die gewerblichen. In den Zuckerrübendtstricten wird meist an jedem Tage ausgezahlt, die Namen der Arbeiter werden gar nicht eingetragen, wie sollen da die Beiträge der Arbeitgeber berechnet werden?

Schließlich drängt sich die Frage auf: Was ist ein landwirthschaftlicher Arbeiter? Doch sicher nicht nur der, welcher auf dem Lande wohnt, denn die Arbeiterbeoölkerung der Landstädte ist fast das ganze Jahr mit ländlichen Arbeiten beschäftigt.

Damit ist schon die Unmöglichkeit bezeichnet, in das Gesetz neben den gewerb­lichen einfach die ländlichen Arbeiter mit einzufügen. Eine Abänderung oder Erwei­terung des betreffenden Gesetzes kann deshalb nur nach der Richtung erfolgen, daß sämmtlichenArbeitern^ die Verpflichtung, Mitglieder von Krankenkassen zu sem, auf­erlegt wird. Aber auch hier stoßen wir wieder auf die Schwierigkeit, die Grenze der Kategorie der ^Arbeiter" festzustellen. Als eine, wenn auch noch nicht die letzte Con­sequenz würden wir dem Staate die Aufgabe stellen, zu untersuchen, in wie w it jeder feiner Angehörigen für eintretende Krankheit gesorgt hat.

Der Deutsche Landwirthschasi^rath wird bei der Berathung diese Schwierigkeiten im Auge Haden müssen. Vor Allem aber wird durch die Verhandlungen Eins klar ge­legt werden, ob ein wirkliches Bedürfniß für solche Kaffen auf dem Lande vor­handen ist.

Wenn durch diese Berathungen eine so wichtige Sache, wie das Hilfskaffmwesen, eine Anregung erhält, so ist dies mit Freuden zu begrüßen. Zur gesetzlichen Oronung ländlicher Hilfskassen ist aber der Zeitpunkt nicht gerade günstig gewählt. Entweder ist es zu spät, denn das Hilsskaffengesetz ist erst vor Jahresfrist emanirt und kaum in Thätigkeit getreten, »der es ist zu früh, denn man wird doch erst die Erfahrungen, welche mit dem Reichsgesetz gemacht werden, abwarten wollen, ehe man es abändert ober erweitert. (Deutsche Landwirthschaftliche Presse.)

Sekiffebericltt. Mitgetheilt von dem Agenten deS Norddeutschen Lloytz G. W. Dietz in Gießen.

Bremen, 10. Oft. Das Postdampfschiff Hohenstaufen, Capt. R. Sander, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist am 2. b. M wohlbehalten in Buenos-AyreS an- gefommen.

Southampton, 10. Oft. Das Postdampfschiff Neckar, Capt. W- Willigerod, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welches am 29. September von Newyorf abge- gangcn war, ist gestern II Uhr Abends wohlbehalten hier ang.fommm und hat nach Landung der für Southampton bestimmten Passagiere, Post und Ladung heute 1 Uhr Morgens die Reise nach Bremen fortgesetzt. Der Neckar überbringt 170 Passagiere und volle Ladung.

Eingesandt.

Cirfus Blumenfeld» Heute Freitag Abend wird das Benefiz der Fräulein Virg inie stattfinden, zugleich wird auch mit diesem Abend ein ganz neues intereffanteS Programm eröffnet werden, in welchem unter anderem Folgendes hervorzabeben ist: Die 25 Ballonsprünge der Fräulein Virginie, Spanischer Natwnaltanz zu n ersten Male zu Pferd getanzt von Frau Troost, ferner: Schotte und Sylphide, wobei die Bene- fiziantin auftreten wird. Wir fönnen den Besuchern des CirkuS einen sehr genußreichen Abend versprechen und hoffen daher, daß die berechtigten Erwartungen der Fräulein Virginie mit Erfolg gefrönt werden. Die Vorigen-

Handel und Verkehr.

Franffurt, 10. Octbr. Der heutige Heu- und Stroh-Markt war gut be­fahren. Heu foftete je nach Oual. per (Str. JL 2.803.50, Stroh p. Str. JL 2.202 56. Die Butter ist erheblich im Preise zurückgegangen, im Großen foftete das Pfund 1. Qual. JL 1, 2. Qualität 90 im Detail 1. Qual. JL 120, 2. Oual. JL 11.10. Eier, das Hundert JL 5.806.60. Erbsen, geschalte, (per 100 Kilogramm) 23 - 26 Jt, ganze Erbsen 21-24 je Bohnen 2326 Linsen 21-30 Kartoffeln 100 Kilogramm JL 4 60-5. Weißfraut das Hundert JC. 10-12. Fletschpreise: Ochsenfleisch per Pfd- 75 H, Kuh- und Rindfleisch 55-65^, Kalbfleisch 6070^, Schweinefleisch 7580 H, Hammelfleisch 5063 H.

Limburg, 10. Oft. Rother Weizen JL 21.10, Weißer Weiz-n Jt 20 70, Korn J4 14, Gerste 12.10, Hafer J4 7.50. Durchschnitts preis pro Malter. Ecbsen v4t 2.