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UTo 83- Donnerstag, den 12. April 1857.

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An^'igk- uni Amtsblatt für btn Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Expedition: Schulstraße, Lit. B. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

politischer H y e i l.

Die Beurlaubung des Fürsten Bismarck.

Die alle Welt überraschende, alle Freunde des Deutschen Reiches über­aus peinlich berührende Nachricht, daß Fürst Bismarck den Kaiser um Ent­lassung aus seinem Amt gebeten habe, und daß es sich bei dem ihm zunächst zu gewährenden einjährigen Urlaub um eine vollständige Entbindung von den Geschäften, um eine Uebertragung der vollen Verantwortlichkeit auf andere Schultern bandle, dieser Urlaub also nur den Uebergang zu Kem gänzlichen Rücktritt des Reichskanzlers bilden werde, war von Anfang an in zu bestimm­ter Form ausgetreten, als daß man es gewagt hätte, an der Richtigkeit ihres Inhalts zu zweifeln. So schwer es ging, man versuchte es wenigstens, sich en den Gedanken zu gewöhnen, daß der Mann, der das Steuerruder Preußens nnb des von ihm vorzugsweise geschaffenen Deutschen Reiches so lange zum Segen des Vaterlandes gelenkt und während dieser Zeit die Weltgeschichte in neue Bahnen geleitet, sich aus seiner hohen Stellung dauernd zurückziehen und die Sorge für die Erhaltung und Weiterführung der neuen Schöpfung Andern überlasten werde. Glücklicher Weise lauten die neuesten Nachrichten beruhigen­der für den Vaterland-freund. Die demnächstige Beurlaubung des Fürsten- Reichökanzlers auf längere oder kürzere Zeit steht zwar auch heute noch fest. Aber von seinem definitiven Rücktritt ist doch nicht mehr die Rede, lieber die Bedeutung seines Eutlastungsgesuchs verbreitet sich vielmehr neuestens ein Licht, welches dazu berechtigt, die erfreulichsten Hoffnungen an dies Anfangs einen so niederschlagenden Eindruck machende Ereiguiß zu knüpfen. Wie verlautet, handelt es sich nämlich bei demselben um gewisse Reformpläne auf dem Gebiete der Reichsverwaltung und der ganzen inneren Politik, mit denen der Reichskanzler zu stehen oder zu fallen entschlosten ist.

Wir haben das Entlassungsgesuch des Fürsten Bismarck nie als eine aus kleiner Empfindlichkeit hervorgehende Laune, die von ihm als Motiv seines Gesuches bezeichnete Erschütterung der Gesundheit nie als bloßen Vorwand be­trachtet. Ein Mann in der Stellung des deutschen Reichskanzlers hat das Recht, leidend zu sein. Es ist nur allzu begreiflich, daß sich seine Kraft unter der ungeheuren Arbeitslast und Verantwortlichkeit, die auf ihm ruhte, allmälig aufrieb. Wenn wir zumal bedenken, wie viel Unangenehmes gerade in der letzten Zeit durch die Affaire Stosch's, die Verhandlungen über den Sitz des Reichs-Gerichts und die ganze rückläufige Bewegung der Reichsfluth seinem Wirken entgegeutrat, wenn wir uns daran erinnern, daß nach seiner eigenen Versicherung drei Viertel seiner Arbeit in den fortwährenden Reibungen hinter den Coulisten bestand, so können wir uns nur darüber wundern, daß. seine geistigen und körperlichen Kräfte, mögen dieselben auch von Hause aus noch so hünenfest sein, noch so lange vorgehalten haben.

Wir waren aber doch stets der Ueberzeugung, daß ein Mann von so glühender Vaterlandsliebe, wie Fürst Bismarck, der nöthigenralls den letzten Blutstropfen freudig für Kaiser und Reich hinzugeben bereit ist, seine verant­wortungsreiche Stellung nicht aufgeben würde, wenn er nicht gerade durch eine zeitweilige Entfernung aus dem Amte wahrhaft Ersprießliches für das Vater­land zu erzielen gedächte. Er weiß ja doch ebenso gut wie wir, daß seine Mission, so Großes schon erreicht sein mag, noch nicht ganz erfüllt ist, weiß, daß Deutschland, wenn er auch selbst von demselben das geflügelte Wort ge­sprochen, es werde, in den Sattel gehoben, schon zu reiten verstehen, doch so lange, wie Bismarck lebt, besten starke und kluge Hand nicht entbehren kann uub will.

Unsere Erwartung ist denn auch nicht getäuscht worden. Das Enllastungs- gesuch hat schon seine Wirkung gelhan. Es ist nichts Geringes, daß die Ueber­zeugung, wir würden Unersetzliches verlieren, wenn Fürst Bismarck seine Kraft dem Vaterlaude dauernd entzöge, so rasch und allgemein zur Geltung gekom­men ist. Das Bewußtsein von seinem wahren Werthe war bisher nicht in der wünschenswerthen Stärke vorhanden. Wie ost hat der große Mann, um von seinen Feinden zu schweigen, sich selbst von seinen Freunden meistern lasten, wie oft hat er sich über unberechtigte Angriffe, über Mangel an Vertrauen selbst Seitens seiner Anhänger ärgern muffen ! Wenn uns der Helle Jubel der Scha­denfreude, den die inneren und äußeren Reichsfeinde über seinen Rücktritt äußern, die staunende Verwunderung, mit der die Organe des befreundeten Auslandes die betr. Botschaft aufnehmen, die Schwierigkeit endlich, welche die Frage der Stellvertretung hervorruft, uns von Neuem eindringlich fühlen läßt, was wir an dem Staatsmanne, um den uns die ganze Welt beneidet, haben, so ist sein Entlaffungsgesuch sicher nicht vergeblich gewesen. Wie nun gar, wenn dieses Gesuch Anlaß gäbe, die vom Reichskanzler geplante neue Organi­sation der Reichsverwaltung und die von ihm seit längerer Zeit in Aussicht genommenen Reformen auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik durch neue, mehr einheitlich zusammenwirkende Organe in's Leben zu führen? Würde dann nicht sein zeitweiliger Rücktritt von den Geschäften einen außerordentlich heilsamen Einfluß auf die ganze fernere Entwicklung des Reichsorganis­mus üben?

Auch bei dem Blick auf die Leitung der auswärtigen Reichsangelegenhetten, bereu Leitung die deutsche Nation bisher mit besonderem Vertrauen in der

Hand seines Kanzlers sah, tritt uns ein Gedanke nahe, der uns mit einer Be­urlaubung des Fürsten Bismarck wohl auszusöhnen vermag. Ein Mann wie er würde den gegenwärtigen Augenblick trotz aller Verstimmung sicher nicht zur Wiederherstellung seiner Gesundheit benutzen, wenn er nicht gerade die augen­blickliche politische Lage für verhältnißmäßig friedlich hielte, wenn er nicht der Ansicht wäre, weder die orientalische Frage, noch Frankreich oder Rom würde den Weltfrieden in der nächsten Zeit stören. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, macht sein Urlaub also sogar einen sehr günstigen, durchaus beruhi­genden, das Vertrauen in die Zukunft befestigenden Eindruck. Fürst Bismarck kennt freilich bester, als irgend ein Anderer, die Gefahren, mit denen das Deutsche Reich noch immerfort bedroht ist, er sieht es vielleicht insonderheit als zweifellos gewiß an, daß unser Erbfeind im Westen nach einiger Zeit unter dem Segen desunfehlbaren" Papstes den Versuch machen wird, sich an dem verhaßten Sieger von 1870/7i zu rächen. Wenn es aber von Anfang an keinem Zweifel unterlag, daß der Reichskanzler in einem solchen Nothfall als­bald wieder auf seinem alten Platze erscheinen und Kaiser und Reich nicht ohne seinen bewährten Rath und Beistand lasten würde, so wird die Stärkung seiner Gesundheit in der Zwischenzeit gerade dazu beitragen, ihn zu dieser neuen Kraftleistung in erhöhtem Grade zu befähigen.

Kurz, wir haben bei der bekannten Vaterlandsliebe und Aufopferungs­fähigkeit unseres großen Kanzlers keine Ursache, uns über den zeitweiligen Rück­tritt destelben von den Geschäften allzusehr zu beunruhigen. Liegt doch auch die Entscheidung über sein Entlastungsgesuch ht- der erfahrenen, weisen und sickern Hand unsers Kaisers, auf den das deutsche Volk in dem entscheidenden Augenblick mit vollem Vertrauen blickt. Er weiß noch bester, als wir, was er an seinem Bismarck hat. Wenn er ihm also eine Zeit lang sich von den An­strengungen und Lasten des Amtes sich znrückzuziehen gestattet, so wird er auch die heilsame Frucht dieser Beurlaubung gerne reifen lasten, er wird zumal die Ueberzeugung haben, daß er seinen Kanzler im Augenblick der Gefahr nur zu rufen braucht, um ihn kräftiger und frischer als zuvor zur Vollendung seiner weltgeschichtlichen Mission wieder an seiner Seite zu sehen.

Deutschland.

Berlin, 9. April. Es verlautet gerüchtweise, die Türkei habe das Pro­tokoll nur unter Bedingungen angenommen, welche weitere längere Verhandlun­gen erheischen. Anderslautende Meldungen sind tendenziös beeinflußt.

Bismarck hat sein Entlaffungsgesuch angeblich zurückgezogen, die Ur- laubs-Ai-gelegenheit ist indeß noch nicht erledigt. Wahrscheinlich wird dem Reichskanzler zeitweise voller Urlaub bewilligt, ohne daß dem Reichstag sofort Mittheilung davon gemacht wird, da eine Regelung der Frage durch das Reichs-Gesetz für unnöthig erachtet wird.

Die Stellvertretungs-Frage wird ohne Mitwirkung des Reichstags geordnet, vielleicht schon heute; alsdann tritt der Reichskanzler sofort seinen Urlaub an. Derselbe hat Übrigens sein Abschieds-Gesuch noch nicht zu- rückgezozei'.

Die hiesigen Abendblätter bringen widersprechende Meldungen hinsicht­lich des Urlaubs des Fürsten Bismarck. DerNat.-Ztg." zufolge wäre eine kaiserliche Entschließung ergangen, wodurch das Entlastungsgesuch des Reichs­kanzlers abgrlehnt, dagegen das irr zweiter Linie gestellte Urlaubsgesuch bewilligt werde. Auch über die Stellvertretung beö Reichskanzlers wäre Entscheidung getroffen. Der heutige Ministerrath habe sich mit den Modalitäten der interi­mistischen Regelung beschäftigt; dem Reichstage würden morgen authentische Mittheilungen gemacht werden. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt, der Reichs­kanzler habe nicht auf sofortige Entschließung betreffs seines Abschiedsgesuchs gedrängt; dieses sei keineswegs als erledigt zu betrachten. Der Kanzler werde seinen Urlaub antreten, sobald seine Vertretung während desselben geregelt sei. Derselbe führe einstweilen die Geschäfte bis zum Antritt seine- Urlaubs fort. Hiermit übereinstimmend äußert sich diePost", welche noch hinzufügt, daß die Vertretungs-Frage vielleicht heute geregelt werden dürfte.

Berlin, 10. April. DasBerl. Tagebl." meldet die Erkrankung des Kaisers von Rußland an einem Steinleiben. Dl« Aerzte befürchteten, eine Ope­ration vornehmen zu muffen. Die Pforte verweigert bie Annahme bes Pro­tokolls. Es steht der Erlaß eines Rundschreibens bevor, worin die Unannehm­barkeit begründet wird. Die Pforte ist entschlosten, jede Einmischung in innere Angelegenheiten der Türkei zurückzuweifen.

Stuttgart, 9. April. DerStaots-Anz." veröffentlicht das Ergebniß von Erhebungen über die öffentlichen Bauten in Württemberg, welche aus An­laß von Klagen über die angebliche Arbeitslosigkeit angestellt find. Danach bieten beispielsweise die Eisenbahnbauten so reiche Gelegenheit zur Arbeit, daß die inländischen Arbeitskräfte nicht ausreichen. Rechne man dazu noch den seitherigen Manael an landwirthschaftlichen Dienstbeten und Arbeitern, so stelle sich heraus, daß die erwähnten Klagen im Allgemeinen grundlos feien. Die Löhne entsprächen den Preisen der Lebensmittel.