Ausgabe 
9.12.1877 Erstes Blatt
 
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As«. «87. Erstes Blatt. Sonntag, den 9. December 1877.

Kichencr WlMger

Anjeigk- iiüd Amtsblatt für iei Kreis Gieße«.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags Expedition: Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheit.

B e k a n n t m a ch u n g.

Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Provinzial-Ausschuß der Provinz Oberhessen zu Mitgliedern der Landes-Commission für die Einkommensteuer pro 1878 die Herren

Hofgerichts-Advocat Dornseiff zu Gießen,

Bürgermeister Jacobi zu Rodheim,

Bürgermeister Zimmer zu Villingen

und zu Ersatzmitgliedern die Herren

Jacob Witzler zu Butzbach und

Jost Korell zu Schwabenrod ernannt hat.

Gießen am 6. December 1877.

Großherzogliche Provinzial-Direction Oberhessen.

Dr. B o e k m a n n.

Folitisch

Deutschland.

Berlin, 6. December. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetem Hauses brachte v. Schorlemer-Alst eine Interpellation, betreffend die Verhand­lungen wegen der Zoll-Verhältnisse mit Oesterreich ein. In dem Fortgänge der Berathung über den Antrag Richter, betreffend den Welsen-Fonds, erklärte sich v. Schorlemer für diesen Antrag, Löwe gegen denselben; Letzterer hob die Uebertreibungen in den Darstellungen über bie Verwendung des Welfen-Fonds hervor. Virchow befürwortete den Antrag. Lasker erklärte: das Haus habe nicht das Recht auf Rechnungslegung, wohl aber das Recht auf Controle. Letzteres jetzt auszuüben, halte er nicht für opportun. In der national-liberalen Partei habe sich keine Stimme für den Antrag erhoben, wohl aber möchte man dem unheilvollen Zustande ein Ende machen; deßhalb wünschte Redner, die Regierung möchte die Hand dazu reichen, um den Welsen-Fond ans der Welt zu schaffen. Brüel, der dem Antrag zustimmte, wünschte Auskunft über die 5 Millionen Thaler, die dem König Georg baar bezahlt werden sollten. Minister Camphausen erklärte daraus:Ich habe gestern weder von 11 noch von 5 Millionen gesprochen. Heute erkläre ich, daß das gesammte mobile Vermögen des Königs Georg, soweit es in Obligationen vorhanden war, ebenso unan­getastet ist, wie die 5 Millionen verzinslich in Gemäßheit des Vertrages ange­legt sind. Ich verwahre mich dagegen, eine Äeußerung als Vice-Präsident des Staats-Ministeriums in einem anderen Sinne zu machen, wie in meiner Stellung als Finanzminister, wie mir dies von Windthorst (Meppen) unterstellt worden ist. Ich habe mich niemals einer solchen jesuitischen Praxis schuldig gemacht, eine Äeußerung in anderem Sinne zu thun, als ich sie ausspreche (großer Widerspruch und Lärm im Centrum, stürmischer Beifall auf der Linken und Rechten.) Ich will wiederholen, daß die Regierung den Welfen-Fonds niemals als erwünschte Einrichtung angesehen hat. Ich wünsche, daß der Zeit­punkt herangenaht sei, wo der Kampf gegen die römische Hierarchie sein Ende nehmen kann, und wünsche ebenso, daß der damit auf das Engste zusammen­hängende Kampf gegen die welfischen Agitationen auch sein Ende finde," (Stür­mischer Beifall). Miquel sprach seine Anerkennung der bona fides der Regie­rung aus, wünschte aber den Mißständen ein Ende gemacht zu sehen. Damit schloß die Debatte. Der Antrag Richter's wurde gegen die Stimmen der Fortschrittspartei, des Centrums und der Polen abgelehnt. Darauf wurde die eiste Berathung des Communalstener-Gesetzentwurfes fortgesetzt. An derselben beteiligten sich Sombart, Raffe, Richter und Miquel. Die Vorlage wurde sodann an eine Commission von 21 Mitgliedern verwiesen. Gegenüber dem Abg. Richter bezeichnete der Regierungs-Commiffär die Behauptung, daß die Vorlage ein Ausfluß von finanzwirthschaftlicher Reaction sei, als vollständig unbegründet. Derselbe rechtfertigte zugleich die fakultative Beibehaltung, resp. Einführung der Mahl- und Schlachtsteuer als Communalsteuer. Die Fort­setzung der Berathung wurde auf morgen vertagt.

DieRordd. Allg. Ztg." hält die Zeitungs-Meldung, daß ein An­trag Oesterreichs, den gegenwärtigen Handelsvertag bis zum 1. Juli 1878 zu verlängern, am 4. December, Abends, in Berlin eingetroffen fei, für zuverlässig.

Arankreich.

Paris, 5. December. Ein heutiger Artikel derRspubl. fran^aise" schließt: Das Land weiß jetzt Alles und übersieht genau die Lage und die Gefahr; es sieht, daß jede Hoffnung einer Verständigung zwischen dem Willen des Präsidenten der Republik und dem durch den Wahlkörper ausgedrückten Willen des Landes verloren ist- Die Deputirten sind entschlossen, nichts von ihrem Rechte aufzugeben; man ist entschlossen, dem Mandate und Gewalten, die sie erhalten, keine Rechnung zu tragen. Wir sehen jetzt nur noch eine friedliche Lösung der Krisis : der Präsident der Republik und der Senat können noch die drohenden Katastrophen abwenden Ersterer, indem er nicht darauf beharrt, sich dem Volke aufzudrängen, das feine Handlungen und Ideen miß-

er Hheil.

billigt; Letzterer, indem er die Zustimmung zu einem versaffungswidrigen und verbrecherischen Unternehmen verwe'.gert, We>:m man diese Zustintmung ver­langt, bann möge ber Genius bes Vaterlanbes die verwirrten Gewiffen unb zögernben Herzen aufklären!

Paris, 6. December. Ein Cabinet Dufaure-Batbie ist unwahrschein­lich. Die Auflösung bei Kammer ist im Senat nicht burchzubringen, ba die Linke durch ihre Abwesenheit den Senat beschlußunfähig machen würde. Mac Mahon's Rücktritt scheint der einzige Ausweg.

England.

London, 5. December.Reuters Bureau" meldet aus New-'Iork vom 4. Decbr. : Rach dem Riogrande wurden weitere Truppen beordert, jedoch nicht in Folge neuer Verwickelungen, sondern lediglich zur Vermehrung Oer bereits dort befindlichen Streitmacht zur Verhinderung vorkommender Raub- Einfälle.

Türkei.

Konstantinopel, 4. December. Das Parlament soll am 13. d. im Palast vorn Sultan mit einer Thronrede eröffnet werden. Bei Silistria fanden unbedeutende Scharmützel statt.

Rumänien

Bukarest, 4. December. Die Kammer vertagte bie Berathung der Antwort auf bie Thronrebe bes Fürsten auf morgen, um ter Fünfer-Commission zu gestatten, mit einigen Deputirten in Betreff leichter Modifikationen, welche sich nur auf bie Form unb nicht auf ben Inhalt beziehen, sich verständigen zu können. General Jgnatieff ist heute Morgen in bas Hauptquartier abge­reist. Die gefangenen britischen Aerzte Douglos unb Vachell würben auf Befehl bes Großfürsten in Freiheit gesetzt unb kehren biefelben nach Eng-

Der orientalische -krieg.

Bukarest, 5. December. Der griechische Consul Rangabe ist gestern wegen ber im Schwarzen Meere erfolgten Beschlagnahme von griechischen Fahr­zeugen in das Hauptquartier abgereist. General Lupu, Oberbefehlshaber der bei Lom Palanka operirenden rumänischen Division, ist angewiesen, seinen Marsch auf Widdin zu verlangsamen, um sich, wie es heißt, mit ber serbischen Division unter Horvatovic zu vereinigen. Tie Bewohner ber Umgegend von Widdin sind nach Widdin berufen und dort bewaffnet worden. In Widdin befinden sich jetzt 12,000 Vertheidiger.

Petersburg, 5. December. DieAgence Ruffe" meldet vom Heuti­gen aus Bukarest, man bestreite entschieden die Richtigkeit der Depesche der Times" aus Wien, daß England einen Ausweg gefunden habe, damit die britische Flotte in die Dardanellen einfahren könne, ohne die Neutralität zu verletzen. Wenn ein solcher Ausweg gesunden wäre, so würde dies zur Folge haben, daß die Pforte zum Widerstande bis zum Aenßersten ermuthigt würde und Rußland sich gezwungen sehe, behufs Erreichung des Friedens Konstanti­nopel anzugreifen.

Konstantinopel, 6. December. Von der Regierung wird verbreitet: Saleh Pascha's Division rückte gestern aus Osman-Bazar gegen Kesrowa vor und eröffnete die Kanonade gegen den Feind. Dieser räumte in der Nacht Kesrowa und ging auf Timowa zurück. Kesrowa wurde daraus von Saleh Pascha besetzt.

Vermischtes.

** In diesen Tagen fühlte sich ein Landmann in der Nähe von Gießen plötzlich recht unwohl, so daß er fick niederlegen mutzte. Bald darauf erfolgte mehrm .liges Er­brechen. Auch seine Frau fühlte Uebelkeiten, ohne daß es bei ihr zum weiteren "lus- bruch kam. Am nächsten Morgen kamen die Leute auf die Vermuthung, der Kaffee, den sie getrunken hatten, sei nicht rein; sie nahmen eine kleine Partie ungebrannter Kaffee-