H<v. 153.
Freitag, den 6. Juli
181S.
Kießener Anzeiger
A«!kigk- iiti Amtsblatt fit bei Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Expeditionr Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.
politisch
Deutschland.
Gießen, 2. Juli. Heute fand'hier die Beeidigung der Gensd'armerie unserer Provinz statt. Herr Oberst Kerz leitete den Act durch eine würdige Ansprache ein und brachte nach besten Beendigung ein begeistert aufgenommenes Hoch auf Se. König!. Hoheit den Großherzog Ludwig IV. ans.
. Aus dem Großherzogthum Hessen. Die Ernennung des Provinztal-Directors Dr. Goldmann in. Mainz zum Präsidenten des OberCon- sistoriums in Darmstadt gilt bei der evangelischen Geistlichkeit unseres Landes als das Resultat einer sehr glücklichen Wahl; denn sowohl nach Talent und Erfahrung, wie nach Charakter und Liebe zum kirchlichen Leben konnte keine geeignetere Persönlichkeit für jenen Posten gefunden werden. Deshalb bringen die Pfarrer dem neuen Vorsitzenden ihrer obersten Behörde ein ungetheiltes Vertrauen entgegen.
Darmstadt, 3. Juli. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben unterem 29. Juni einen Divisionsbefehl erlassen, worin er der hessischen Division für die Treue und Hingebung, sowie den Gehorsam in Krieg und Frieden seinen Dank ausspricht. Zugleich ist in dem Divisionsbefehl enthalten, daß es 11 Jahre sind, seit der Großherzog in seiner früheren Eigenschaft die Division geführt, und daß 25 Jahre verflossen seit seinem Eintritt in's Militär.
Berlin, 3. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." tritt der Meldung einiger Zeitungen entgegen, daß der bayerische Minister-Präsident Pfretzschner bei seiner Zusammenkunft mit dem Fürsten Bismarck in Kissingen erklärt habe, Bayern sei nicht abgeneigt, einer Verstärkung der Garnisonen in Elsaß-Lothringen durch andere deutsche Truppen zuzustimmen, und Sachsen und Württemberg würden eine Brigade, Bayern eine Division dazu stellen. Die „Nordd. Allg. Ztg." fügt hinzu: von einer solchen Absicht Bayerns sei in Berlin nicht das Geringste bekannt, ebensowenig von einer Geneigtheit anderer Mittelstaaten, auf solche Dislocationen einzugehen. — Die „Kreuz-Ztg." hört, der Kaiser werde wahrscheinlich am 8. Juli von Ems nach Coblenz übersiedeln und sich dann, über Darmstadt nach der Insel Mainau begeben; der deutsche Botschafter in Wien, Graf Stolberg, werde am 4. Juli in Ems und am 6. Juli in Berlin eintreffen.
— Fürst Bismarck, welcher Nachts von Schönhausen zurückkehrte, ist heute Nachmittag um halb 4 Uhr nach Friedrichsruh abgereist.
Kaffel, 2. Juli. In verschiedenen Blättern ist von einem baldigen Uebergang des Heffen-Darmstädtischen Antheils an der Main-Weser-Bahn an Preußen die Rede. Von gut unterrichteter Seite wird dies mit Entschiedenheit in Abrede gestellt, da nicht allein hervorragende Deputirte zu Darmstadt sich gegen ein solches Projekt erklärten, sondern auch der Großherzog seiner Zeit sich dagegen ausgesprochen.
München, 3. Juli. Die Kammer der Abgeordneten wählte den Baron von Ow mit 78 von 152 Stimmen zum Präsidenten. Der Gegen-Candidat Baron v. Stauffenberg erhielt 74 Stimmen. Zum Vice-Präsidenten wurde Appelrath Kurz (mit 78) gegen v. Schlör (mit 73 Stimmen) gewählt. Bei der Wahl der beiden Schriftführer Jörg und v. Soden gab die Linke weiße Zettel ab.
Frankreich.
Paris, 3. Juli. Zorrilla, Lagunero und Munoz befinden sich noch in Gewahrsam. Der „Agence Havas" zufolge werden dieselben aus Frankreich ausgewiesen werden.
Paris, 3. Juli. Die französische Panzer -Corvette „Reine Blanche", welche zu dem Evolutions-Geschwader gehört, ist bei den Hyerischen Inseln in Folge einer Verletzung durch den Sporn der Panzer-Fregatte „Höroine" gesunken. Menschenleben sind dabei nicht verloren.
England
London, 2. Juli. Im Unterhause erklärte Schatzkanzler Northcote aus eine Anfrage Conyngham's, Oberst Wellesley habe berichtet, es könnte keine größere Genugthuung für ihn geben, als der ihm von dem Fürsten Gortschakoff gewordene Empfang. Der Oberst begebe sich jetzt in das Hauptquartier. Es sei demselben die Versicherung gegeben, daß er vom Czaren wie vom Großfürsten bestens ausgenommen werden würde. Die Stellung Wellesley's im Hauptquartier werde dieselbe sein wie diejenige der in gleicher Eigenschaft daselbst anwesenden Vertreter Oesterreichs und Deutschlands.
London, 3. Juli. Die britische Mittelmeer-Flotte ist nach der Besika- Bai gesegelt. „Standard" sagt, die Bewegung sei nur eine gewöhnliche Vorsichtsmaßregel und habe nicht die Unterstützung der Türkei zum Zwecke. — Die „Morning Post" meldet, die Flotte werde Verstärkungen erhalten.
Italieu
Rom, 2. Juli. Der Papst beauftragte einen Special-Commiffär, um die Differenzen zwischen dem Vatican und Rußland zu prüfen und die Fragen zu resnmiren, welche als Grundlage demnächstiger Verhandlungen dienen können. Heber die von Rußland gemachten Vorschläge ist noch nichts bekannt. Der Papst leidet an großer Schwäche.
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Serbien.
Kragujevatz, 2. Juli. Heute Nachmittag eröffnete der Fürst die Skupschtina mit einer Thronrede. In derselben betonte der Fürst die Anstrengungen Serbiens zur Erfüllung seiner nationalen Mission; er hofft, die Geschichte werde den letzten Krieg in oie Zahl der Verdienste Serbiens einrnhen. Der Fürst erwartet voll Vertrauen die Früchte des vergossenen Blutes; aber die Resultate so großer nationaler Bewegungen pflegten gewöhnlich nicht sofert zu Tage zu treten. Das serbische Blut werde nicht fruchtlos vergossen sein, weder für die Christen im Orient, noch für die Interessen der Humanität, noch für die Zukunft Serbiens. Der Fürst erinnert an seine Worte bei Gelegenheit des Friedensschlusses, daß das Schicksal der Christen in mächtigeren Händen ruhe. Die Ereignisse hätten diese Worte bestätigt. Sodann bespricht der Fürst seine Reise in das russische Hauptquartier, um dem Czaren für seinen Serbien gewährten mächtigen Schutz zu danken. Der Fürst ist glücklich, der Versammlung verkünden zu können, daß der großmüthige Monarch ihn mit Wohlwollen empfangen und ihm die gnädige Versicherung gegeben habe, daß das serbische Volk nicht aufhören werde, den Gegenstand seiner väterlichen Fürsorge zu bilden. Unter diesen Verhältnissen- ladet der Fürst die Skupschtina ein, mit Vertrauen das legislative Werk in Angriff'zu nehmen, für welches sie cinberufcn sei; er empfiehlt ihr die größte Umsicht, da eine falsche Richtung' in diesen entscheidenden Augenblicken, ja selbst ein unüberlegter Beschluß die schönen für Serbien eröffneten Aussichten compromittiren könnte. Die Versammlung wird eingeladen, weise zu arbeiten, um Serbien aus jener moralischen Höhe zu erhalten, welche ihm die Entsagung des Volkes bereitet habe und um die bedeutungsvollste Periode der neuesten Geschichte Serbiens würdig zu Ende führen zu können. Schließlich gibt der Fürst der Versammlung die Geburt eines Thronfolgers bekannt, den er in der Liebe zum Vaterlande erziehen werde, damit er sich einst der Anhänglichkeit würdig erweise, welche das Volk der Dynastie Obrenovitsch' auf dem glorreichen Tage von Takovo in den schwierigsten Zeit-Epochen erwiesen habe. Die Thronrede wurde mit rauschendem Beifalle ausgenommen. — Die Regierung verfügt in der Skupschtina über eine starke Majorität.
Belgrad, 3. Juli. Gestern wählte die Skupschtina Demeter Jovan- novic (liberal) zu ihrem Präsidenten und Alexander Nikoljevic zum Vice- Präsidenten.
Belgrad, 3. Juli. Die Skupschtina will in der Adresse an den Fürsten die Unabhängigkeits-Erklärung Serbiens anregen. Die Kriegsrüstungen dauern fort. Die Miliz-Brigade der ersten Klasse ist an die Grenze bei Sienitz abgegangen. General Horvatovic trifft heute in Negotin ein.
Rumänien
Bukarest, 3. Juli. Fürst Tscherkaßki wurde als provisorischer Gouverneur Bulgariens, mit der Residenz in Tirnowa, installirt. Die Wahlen für den bulgarischen Administrations-Rath sind angeordnet worden.
Der orientalische Krieg.
Krakau, 2. Juli. Dem „Czas" wird aus Adrianopel gemeldet, daß im Balkan-Gebiete, besonders bei Sofia, Slivno, Schibko, Philippopel und Adrianopel, desgleichen in Konstantinopel auf's Eiligste Befestigungen vorgenommen würden. Konstantinopel solle auf der ganzen Strecke vom Marmora- Meere bis zum Schwarzen Meere durch Befestigungen gedeckt werden.
Galatz, 2 Juli. Die englischen Consuln in den Plätzen an der unteren Donau sind von ihrer Regierung angewiesen worden, wegen der von den Türken behaupteten, den Russen zur Last gelegten Grausamkeiten Ermittelungen anzustellen, und sodann zu berichten.
Konstantinopel, 2. Juli. Im Seraskicrate fand gestern unter dem Vorsitze des Sultans ein außerordentlicher Ministerrath statt, welcher die Absendung weiterer Truppen und die Anordnung von Maßregeln zur Verstärkung der Wehrkraft zum Gegenstand hatte, statt. — Der Kriegs-Minister Redif Pascha ist nach Schumla gereist. — Die bei Zewin stehenden Truppen haben die Offensive ergriffen und sollen in der Richtung auf KarS vorrücken.
Petersburg, 3. Juli. Officiell. Simnitza, 2. Juli. Am 29. Juni bombardirren sieben türkische Monitors das Dorf Schlebriany. Nachdem dasselbe bedeutend beschädigt war, fuhren die Monitors gegen Balabandowka und erschienen am 1. Juli in Sicht von Odessa, in der Richtung nach Sebastopol fahrend.
Wien, 3. Juli. Einer Meldung der „Presse" aus Bukarest zufolge wäre das russisch-rumänische Schutz- und Trutz-Bündniß gestern unterzeichnet worden; ein Bündniß-Vertrag stünde auch zwischen Rumänien und Serbien demnächst bevor.
Konstantinopel, 3. Juli. Der Minister des Auswärtigen hat den Vertretern der Pforte im Auslande Folgendes mitgetheilt: Der Commandant von Sukhum-Kale telegraphirt: 15,000 Russen griffen am 26. Juni in drei Colonnen die Türken bei Otschamtschira an. Trotzdem die Russen sich noch weiter verstärkten, wurden sie nach einem langen und hartnäckigen Kampfe doch


