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Se. 54. Dienstag, den 6. März 1837.
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Aiiikigk- nah Amtsblatt für de« Kreis Gießen.
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Expedition: Schul st raße, Lit. B. Nr. 18. .Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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„Schlechte Zeiten."
„Schlechte Zeiten", in denen der Industrie und dem Handel der lohnende Ertrag, dem Arbeiter die reichliche Beschäftigung fehlt, sind schon in ruhigen Zeitläufen böse Gäste. In Jahren, wo ringsum schwere Wolken am politi scheu Himmel sich austhürmen, wo weitaussehende Kriegsvorbereitungen zahllose Sorgen und Unruhen Hervorrufen, wo im Innern ein Kampf um die höchsten geistigen Güter die Bürger in feindliche Lager trennt, wo der Schwarzseher mehr denn je Gelegenheit und Gläubige für seine Kafsandra-Weifsagungen findet, da dräuen dem Sleuermanne, der das Staatsschiff durch Sturm und Wogenprall zu leiten hat, ringsum Klippen und Riffe, die ihm wie seinem Schiffe jählings Verderben bereiten können. Wir leben jetzt in solchen gefährlichen und zugleich schlechten Zeiten. Der russische Adler, der türkische Halbmond, der gallische Hahn fordern in hervorragendem Maße die ruhige und aufmerksame Beobachtung unserer Staatsmänner heraus; und gleichzeitig wird innerhalb unserer Grenzen ein politischer und wlrthschaftlicher Kampf ausgekämpft, der seit langen Jahren seines Gleichen nicht gehabt hat. In solcher Lage ist der Staatslenker zu beneiden, der, auf festem Boden stehend, kräftig gestützt durch die unabhängige und treue Ueberzeugung der Mehrzahl seiner Mitbürger, den Gefahren aller Wege ruhig in's Auge zu schauen vermag; bei uns in Deutschland findet solcher Neid gegenwärtig keine Nahrung. Je mehr die schlechten Zeiten in ihren Wirkungen nm sich greifen, um jo zersplitterter werden die Ansichten, um so üppiger wuchern neue Partet-Gruppirungen, ihrem Ziele wie ihrem Erfolge nach Eintagsfliegen, aus dem Boden des Jndifferentismus und des Egoismus hervor und predigen neue und doch längst .v^rarree- H-ilsuhre»..' Hier kl -gt Einer über tie brüllende 2ast der Steuern und ersehnt sich die Hülse der Demagogie, dort dagegen wünscht Jemand Ausrottung der Social- Demokraten, selbst mit Feuer und Schwert, und erwartet davon ewigen Frieden zwilchen Arbeitern und Arbeitgebern; hier verlangt ein Dritter Begünstigung der Landwirtschaft und Beschränkung der Gewerbefreiheit, und dort ein Vierter heilsame Schutzzölle für eine nationale Arbeit und Abschaffung des Unterstützungs-Wohnsitzes zu Gunsten einer zwangsweisen Überweisung etwaiger Armen an em Landarmenhaus. Jeder weif für seine, aus allgemeine Zustimmung berechneten Klagen einen neuen Sündenbosk anzuführen und neue begangene Fehler des Staates zu ermitteln.
Mit besonderem Eifer haben sich in letzterer Zeit einzelne Jntereffenten derjenigen Industriezweige gerührt, die an meisten unter der gegenwärtigen Geschäftslage zu leiden haben. Sie erhebet sich, an vielen Orten zu besonde- deren Versammlungen zusammentretend, krcft eigenen Rechtes zu „Vertrauensmännern des Handels und der Industrie' größerer Bezirke und faffen Be- schlüffe, die eine vollständige Umwälzung unserer Wirtschaftspolitik erzielen sollen. Roch vor Kurzem wurde so die schnklingende Ansicht in einstimmigem AuSspruche verfochten, daß „Angesichts )er wirthschastlichen Gesammtlage Deutschlands, wie sie sich theils cllmählig theils acut heransgebildet, eine Aenderung staatlicher Auffassung mancher wrthschaftlichen Verhältnisse geboten sei." Und als Kern des Programmes de Wirthschafts-Reformer wird der wunderbare Satz angeführt: Ecstrebung eier auf dem Grundsätze der christlichen Sittenlehre beruhenden Volkswirthschft. Ueber die Heilkraft solcher Redensarten sind freilich alle Praktiker außeordentlich einig, wenn auch nicht im Sinne der Urheber.
Wir könnten diese Vereinigungen hervrragender Vertreter der verschiedenen Handels- und Industriezweige schon as dem Grunde mit Freuden begrüßen, weil sie bisher zu selten stattgefund,, weil die eigentliche Praxis zu sehr das Feld der Wirthschaftspolitik den Bunten und der Theorie allein zur Bebauung überlasten hat. Wir würden unsfreuen, wenn daraus mehr wie bisher Männer hervorgehen sollten, die, übewie Verhältniffe einzelner Gebiete des großen Handels und Verkehrs auf das Genaueste unterrichtet, das eigene Geldintnesse hinter die berechtigten Anfordemgen der übrigen Gebiete oder der allgemeinen Politik zurückzusetzen vermöcht.
Die bisherigen Bestrebungen und Vereigungen ermuthigen uns indessen nicht, solche schöne Hoffnungen zu hegen. Ur sehen hier im Wesentlichen vor uns nur solche Männer, die den Splitte im Auge der jetzt herrschenden Partei mir tönenden Drommeten verkünden, u die Blicke der leicht urtheilen- ben und klagenden Menge von dem Balken gulenken, der ihnen selbst die Sehkraft benimmt. Wir sehen das wenig sprechende Schauspiel vor uns, wie dieser und Jener als die maßgebende Krafdargestellt wird, die den Koloß des jetzigen Kraches zum Rollen gebracht hat,Ehrend sie, welche die Früchte haben zeitigen lasten und geerndtet haben, alsene Kraft in Bewegung gesetzt, als eine freibeitlichere und förderliche Gesetzgelbg erlassen wurde, geschwiegen oder gar selbst mitgewirkt haben. Wo sind bteie verdienten Selbstanklagen? Wo hört man das Geständmß, daß sie selbst,j>ie jetzt über Andere herfallen, bei Beurthellung der guten Zeiten kurzsichtig jvaß sie selbst die guten alten Lehren des Sparens und Haushaltens in alleDingen hintangesetzt und den überreichen Gewinn der Milliardenzeit statt Abschreibungen und Reserven, zu maßloser Ausdehnung ihrer Werke, zu üfckiebener Vermehrung des An gebots verwandt haben? Gibt es einen untennen, der nicht den Segen des
Freizügigkeitsgesetzes gepriesen, als es galt, aus dem Osten Tausende und Tau sende Taglöhner den jetzt zur innigen Verbrüderung geladenen Landwirthen abspenstig zu machen und gegen übermäßigen Lohn für Zechen und Hütten zu
gewinnen, während jetzt, wo die nothwendige Reaction eingetreten, wo es an
Arbeit fehlt und eine rasche Beseitigung der Arbeitslosigkeit nicht zu erwarten ist, wo die Folgen vielfachen leichtsinnigen Verschwendens und unterlaftenen Sparens immer mehr sich geltend machen, dastelbe Gesetz als Satanswerk
gepriesen wird? Wer unter ihnen hat nicht in jenen Tagen, wo die Menge
der Aufträge kaum zu bewältigen waren, den Eisenbahn-Directionen Lässigkeit und Unfähigkeit vorgeworfen, weil sie nicht einen doppelten und in ruhigen Zeiten unnützen Wagenpark aus der Erde stampften! Und wie wenige sind unter ihnen, die sich um die häuslichen Verhältniste ihrer Arbeiter bekümmerten, die ihnen als tüchtige Hauswirthe mit dem guten Beispiel einer weisen Sparsamkeit und strenger Häuslichkeit voranschritten und sie ermahnten, statt wüsten Orgien und wilder Verschwendung sich hinzugeben, der stillen Zeiten zu gedenken wo der Goldregen aufhören und den fetten Jahren die unausbleiblichen magern folgen würden!
(Schluß folgt.)
KeutMand.
Darmstadt, 3. März. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben allergnädigft geruht:
Am 1. Februar den ersten Lehrer und Vorsteher der Präparandenschule zu Lich, Balryafar Rückert, zum Kreis-Schulinspector für den Kreis Lauterbach zu ernennen.
Darmstadt, 4. März. Die Nr. 10 des Großherzoglichen Regierungsblatts hat folgenden Inhalt:
1. Verzeichniß der Vorlesungen, welche auf der Großherzoglich Hessischen Ludewigs-Universität zu Gießen im Sommerhalbjahre 1877 gehalten werden und am 12. April ihren Anfang nehmen.
2. Promotionen an der Großherzoglichen Landes-Universität Gießen.
Berlin, 2. März. In der Sitzung des Reichstages wurden, nachdem die Ergebniffe der Wahlen zu den Fach Commissionen und die Constituirung letzterer zur Kenutniß des Hauses gebracht waren, mehrere Wahlen der Wahl- prüfungs-Commission überwiesen. Auf Antrag Reichensperger^s wurde ferner beschlossen, die Budget-Commission um 7 Mitglieder zu verstärken. Sodann wurden überwiesen : die Etats Übersichten für 1875 an eine Commission von 17 Mitgliedern, der Patent-Gesetz-Entwurf an eine desgleichen von 21 Mitgliedern ; der letztere Gegenstand gab zu einigen allgemeinen Bemerkungen der Abggr Ackermann, Braun, v. Kardorff und Richter (Hagen) Anlaß. Bei Feststellung der Tagesordnung der nächsten Sitzung sprach sich Häuel tadelnd aus über den Mangel an Berathungs-Material und das Ausbleiben der Etats- Vorlagen, worauf Seitens des Präsidenten deS Reichskanzler-Amtes, Hofmann, unter dem Ausdrucke des Bedauerns über die gerügte Verzögerung, auf die Schwierigkeit hingewiesen wurde, in so kurzer Zeit zwei Etats (für das erste Quartal und für das neue Rechnungsjahr) rechtzeitig fertig zu stellen; gleichzeitig gab der Minister die Zusicherung, daß die Vorlegung des Etats künftig zu rechter Zeit erfolgen werde. — Nächste Sitzung Donnerstag.
— In der heutigen Sitzung des Herrenhauses wurden nach unerheblicher Discussion die einzelnen Etats und sodann das ganze Etats-Gesetz genehmigt, gegen letzteres stimmten nur Graf Brühl und v. Senfft-Pilsach; dazu wurden zwei Resolutionen angenommen : in der einen wird die Regierung zur Vorlegung des Gesetz-Entwurfs über die Organisation der allgemeinen Landes-Verwaltung behufs wesentlicher Verminderung der allgemeinen VerwaltungS-Kosten aufge- sordert; die andere befürwortet die Ersetzung der Matrikular-Umlagen durch eigene Einnahmen des Reiches aus indirecten Steuern. Demnächst wurden die Etats-Ueberschreitungen pro 1875 genehmigt. Bei dem Gesetz Entwurf wegen der Zins-Garantie für die Berlin-Dresdener Eisenbahn entspann sich zu § 1 eine längere Debatte; schließlich wurde letzterer in namentlicher Abstimmung mit 62 gegen 25 Stimmen, die übrigen Paragraphen und das ganze Gesetz ohne Debatte angenommen. Nach Erledigung des Restes der Tagesordnung, welcher nur unerhebliche Punkte umfaßte, schloß der Präsident die Sitzung mit einem Hoch auf den König, in welches die Versammlung lebhaft einstimmte. — Der Schluß des Landtags erfolgt nach näherer Bestimmung morgen Nach- miitsg 2 Uhr.
— Das Abgeordnetenhaus erledigte in der heutigen Sitzung eine lange Reihe von Petitionen gemäß den Commisstovs-Anträgen. In einer Abend- Sitzung soll die Berathung fortgesetzt werden.
— In der Abend-Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde eine weitere Reihe von Petitionen ohne allgemeines Jntereffe erledigt, und sodann ein Antrag Löwensteins angenommen, welcher die Vorlegung der Entschließungen der Regierung auf Anträge und Resolutionen des Abgeordnetenhauses aus dem Jahre 1876 betrifft. Durch ein Schreiben de- Ministers Camphausen wird das Haus auf morgen 2J/2 Uhr Nachmittags zu einer gemeinsamen Sitzung mit dem Herrenhause behufs Entgegennahme einer königlichen Botschaft einge-


