Ausgabe 
4.11.1877 Zweites Blatt
 
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1877

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den Kaiser gerichtet, in welcher sie diesen um eine Zurücknahme der Erlaubmß ur Errichtung paritätischer Schulen bitten. Daß das Endziel dieser «gitatto- ne» in der Gründung rein katholischer Kirchenschulen besteht, ergibt sich u. A. auch aus dem Umstande, daß die ultramontane Presie gegenwärtig ein päpst- ches Decret mittheilt, welches allen Katholiken in Amerika die Pflicht auf­erlegt, ihre Kinder in katholischen Schulen unterrichten zu lasten, und Alle, welche dies nicht thu», obgleich sie Gelegenheit dazu hätten, mit der Versagung der Absolution bedroht.

In Sachsen hat der König den Landtag eröffnet und die zweite Kam­mer ihren Vorstand, ebenso wie die preußische, durch Acclamation wiederge­wählt. Die bayerische Kammer nahm aus dem Munde des Ministers des Innern die Erklärung entgegen, daß die Regierung auf die nochmalige Vorlage eines Entwurfes zur Reform des Wahlgesetzes, nachdem sie einen solchen schon zweimal ohne Ersolg eingebracht habe, vorläufig verzichte. Die Partei der Patrioten" Hot daS Ersuchen der Liberalen, dafür zu sorgen, daß Dr. Ratzinger aus der Kammer austrete, ablehnend beantwortet: ihnen scheint also dieser eines doppelten Meineides verdächtige Geistliche als College noch gut genug zu sein Durch den Tod des Erzbischofs Scherr von München hat sich die Zahl der vacanten bayerischen Bischossstühle auf drei erhöht - voraussichtlich be­wahrt die Unpersönlichkeit der päpstlichen Curie das Land vor einer baldigen Wiederbesetzung derselben, so daß auch-Bayern sich allmählig daran gewöhnen wird ohne Bischöfe zu exlstiren- . ,

Der Vatican bildet fortwährend den Herd gehässigster Agitationen gegen das Königreich Italien und das Deutsche Reich. Nicht nur, daß die päpstliche Curie aus Anlaß der Erledigung des Bischofssitzes zu Neapel dem Könige von Italien das Patronatsrecht in den neapolitanischen Provinzen ohne Weiteres abgesprochen, sie hat auch die italienische Regierung bet allen katholi­schen Staaten wegen angeblich neuer Gewaltthaten gegen einzeln- Kirchen denun- cirt. Anderseits dringt die Jesuitenpartet, um die Kluft zwischen dem Papst- thum und dem Deutschen Reiche noch zu erweitern, in den Papst, er möge den berüchtigte» Deutschenhaster, Ledochowski, als seinen Nachfolger bezeichnen. Mit welcher Strenge übrigens die Jesuiten verfahren würden, wenn einer der Ihrigen den päpstlichen Stuhl bestiege, zeigen sie schon jetzt dadurch, daß sie . den Pater Curci, der in politischer Beziehung etwas liberal angehaucht ist: und : ein einiges Italien nicht für unvereinbar mit den Rechten des päpstlichen Stuhles Hilt, aus ihrem Orden ausgestoßen haben, weil derselbe nicht ver­sprechen wollte, seine Meinung weder öffentlich noch privatim fernerhin zu

»teritWrliS » » Pf- mit »rin«erl»hn.

Durch dir P»ft »t«deljttzrlich 2 Sirrt 5» Pf.

Alsfeld, 30. Oct. Nachdem um 6 Uhr Abends Seine Königlich- Hoheit »on der Jagd imRomroder Berg" zurückgekchrt waren und die -ingeladene Jagdg-s-Usch° t sich tmSchwanen" zum Diner veisammelt hotte, begannen die Bewohner des Markt- Platzes und der angrenzenden Häuser ihre Fenster für die beoarstehende Feier zu tUu- mintren. Um halb neun Uhr, als die Gebäude in Hellem Festglanze strahlten, setzte sich der Festzug in Bewegung, der am Bahnhof ausgestellt war und aus dem^urner- und Feuerwehrcorps, dem Gesang-, Schützen- und Krlegerveretn, sowie aus Vereinen aus nahe gelegenen Ortschasten bestand. Der Zu, mit buntbeleuchtenden Lampen und Fackeln nahm seinen Weg durch die Obergasse nach dem Marktplatze und stellte sich dem Schwanen gegenüber unter den Klängen der Musik aus. Einigen Musikstücken und LUdern von"m.Lc-d-rkrauz" vorgetragen, folgte eine B-wtllkommnungsaii prache durch den Bürgermeister im Namen der Bürgerschaft. Die Menge brachte ein be- aetstcrunasvolles, rauschendes Hoch auf Seine Königliche Hoheit aus und die Musik stel begleitend ein. So endete die dargebrachte Ovation, welche ihren besonderen Reiz und Werth durch die freudige und theilnahmsvolle Erregung der gesammten Bürger­schaft und durch die wunderschön geschmückten, thetlweise alterthümlich interessanten

Vom Gebiete des Culturkampfes sind diesmal nur Klmdgebungen der ultramontanen Partei zn berichten. Während der «-such Marpingens nachläßt und die Caplans-Presse neue Jagdgeschlchten von angeblichen Wunder- Heilungen verbreitet, um demGnadeuorte" wieder etwas auf die Beme zu helfen, nimmt der Verkauf dcs wunderwirkenden Wassers von Diitrichswalde so zu, daß d-r Pfarrer, der zudem seine kostbare Zett zum Euipfange des heil. Johannes, dcs Apostels dcs Herrn", nölhig hat, sich außer Stande sieht, alle Aufträge zu «ffectuiren, und daher die frommen Auftraggeber an semen Küster verweisen muß. Neben dem Wunder- und Erscheinungs-Schwindel - den zugleich die Agitationen in der Schulfrage mit unvermmdert-m Eifer.werter betrieben: so haben die katholischen Familienväter Crefelds eine Petition an

Die Rathlosigkeit der französischen Regierung steigert sich von Tag zu Tag. Bald heißt cs, der Marschall Mac Mahon wolle ein Versöh­nungs-Ministerium bilden, bald, er denke gar nicht daran, sein Cabinet zu wechseln. Der Erfolg der am 28. Octbr. abgehaltenen engeren Wahlen, bet denen 11 conservative und nur 4 republikanische Kandidaten den Sieg davon­trugen, ist freilich ebenso wenig geeignet, den Marschall-Präsidenten zur Nach- aiebiakeit zu stimmen, wie die erbitterten Aeußerungen der Republikaner, welche seinen Rücktritt als das einzige Mittel zu einer friedlichen Lösung der Krisis fordern. Für die auswärtige Politik der Regierung ist es charakteristisch, daß der Herzog v. Decazes sich auf einem Banket in Nizza zwar als Friedens­minister bezeichnet und versichert hat, er werde Alles, was in seinen Kräften stehe, thun, um die guten Beziehungen Frankreichs zu Italien zu erhalten, zu­gleich aber die Bemerkung hinzugefügt hat, er werde die Aufrechterhaltung des Friedens stets der Wahrung der Würde der Nation unterordnen.

Die bolländische Ministerkrisis scheint ihrem Ende cntgegenzugehen, da der Führer der liberalen Partei, Kappeyne, mit der Bildung eines neuen Cabinets betraut worden ist., , ,

Der König von Griechenland hat sich nach Theben begeben, um d-n in der dortigen Gegend statifindenden Truppen - Manöver» betzuwohnen. Gleichzeitig wird die Spannung zwischen der griechischen Regierung und der Pforte immer stärker. Di- Not-, in welcher der Minister Trcupis dem eng- tischen Cabinet für seine unberufene Einmischung in die griechischen Angelegen­heiten dell Text liest, hat allgemeinen Beifall gefunden.

M«. 2S9. Zweite» Blatt. Sonntag, den 4. November

von 5*/t Mill. Mk. «litten. .

Im preußischen Abgeordnetenhause sanden, nachdem sich da«^ selbe unter seinem früheren Vorstände constituirt hatte, aus Anlaß der Bcur laubung des Minister-Präsidenten und des Ministers des Innern lebhafte Debatten statt. Die Centrumsfraction benutzte die Gelegenheit, um tm Bunde mit der Fort chrittspartei Klagen üb« einen Frontwechsel der g-saimnten Innern Politik und den Mangel einer festen Organisation innerhalb des Mmrst-rmms »u erheben. Die Minister Friedenthal und Camphausen «klarten do^egen, daß alle Minister die Verantwortlichkeit für die Beurlaubung des Grafen Eulenburg übernähmen und von einer Sistirung der Verwaltungsreform nrcht die R-de sei, dieselbe vielmehr im Sinn und Gerst der Kreisordnung stetig weitergeführt werden solle. Desgleichen versicherte der Abg. v. Sybel im Auf­trage des Fürsten Bismarck, daß dieser an keine Reaciion denke, sondern im Gegentheil beschlossen habe, die Kreis- und Gemeindeordnung m allen Provm- zen, auch in Rheinland und Westfalen, je nach den localen Bedürfnissen und mit den durch die Sicherheit des Staates gebotenen Cautel-n durchjuführen. Unter diesen Umständen fand weder der Tadelsantrag der Fortschrittspartei, noch die Forderungen des C-ntrums die Zustimmung des Hauses. In der finanziellen Uebersicht, di- der Finanzminister ber der Elnbruigung des Eta s gab, konnte derselbe einen Ueberschuß von 22/2 Mill. Mk. als das Ergebnrß dcs Jahres 1876 bezeichnen, ferner erklären, daß das gegenwärtige Jahr, wenn es auch keine so rosigen Aussichten biete, wie das vorige, doch keinen Anlaß zu ernsten Besorgniffe» gebe, und endlich die Hoffnung aussprechen, daß auch das nächste Jahr, deffen Etat in Einnahme und Ausgabe auf 671,592,11 M. festgesetzt ist, kein Deficit ausweisen werde. _

In der evangelischen Landeskirche Preußen« ist es mit der Par- teiwuth der Theologen schon so weit gekommen, daß d,e hochstg-stellt-n, Ge st- licken sich in öffentliche» Blätter» die schönste» Grobheiten an den Kopf

Am 23. October waren es 20 Jahre, daß Kaiser Wilhelm als Prinz von Preußen znm ersten Male di- Leitung d-S preußischen Staates m di- Hand nahm: dieser Tag erinnerte das preußische, bas g-sammte deutsche Volk daran, was Alles es diesem edlen Hohenzoller verdankt. D>- Präsidenten der beiden Häuser des Landtags empfing der Kaiser sehr freundlich, ließ ab« in seiner Unterredung mit ihnen keinen Zweifel darüber walten, daß er sich das Recht, seine Minister zn «nennen und zu beurlauben, nicht verkümmern taffen werde. In den letzten Tagen der »eigangeren Woche wohnte der Kaiser dm Jagden in der Gegend von Wernigerode bei

Unser Großherzog verweilte die Nacht von Montag bis Dienstag vergangene Woche in mrseier Stadt. Es ist dieses Eretgniß für unsere Ein­wohnerschaft eine Gelegenheit gewesen, ihren Gefühlen der Anhänglichkeit un Breite gegenüber unserem Landesfürsten Ausdruck zu geben.

Ans dem Gebiete der auswärtigen Angelegenheiten liegen dies­mal mehrere Ereignisse von Bedeutung vor. Die Verhandlungen über den deursch-österreichischen Handelsvertrag sind leider endgültig geschei­tert, die bisherigen vorzüglichen politischen Beziehungen zwischen beiden Staaten scheinen indeß durch diesen Mißerfolg nicht beeinträchtigt worden zu sei«. Der deutsche Botschafter in Paris, Fürst Hohenlohe, ist nach längerer Abwesen­heit auf seinen Posten zurückgekehrt. Nachdem Frankreich in derSchweiz die Stellung eines ständigen Militär,Attaches geschaffen, hat sich auch die deutsche Negierung veranlaßt gesehen, einen militärischen Vertreter nach Bern zu senden, und zwar mit dem jpecieüen Auftrag, den Fortschritt der französi­schen Besestigungswerke an der Schweizer Grenze zu beobachten. Die zwischen Deutschland und Italien obwaltenden Sympathien haben durch die Bildung eines ans den angesehensten deutschen Männern, darunter Bennigsen, Bunsen, Gneist und Holtzendorff, bestehenden Ausschnffes zu dem Zweck, Mittel zur Förderung eines nach Fröbel'schem System eingerichteten Seminars für Kinder­gärtnerinnen in Neapel zu beschaffen, eine neue Förderung erfahren.

Der Bundesrath hat den CommrssionSberrcht über die Einführung emer Reichsstempel- und Erbschafts-Steuer den tetr. Ausschüssen zugewiese». Die Reichs-Einnahmen haben während der ersten Hälftei des Neichsetats- Jahres, obgleich die Post- und Telegraphen-V-rwaltung und Wechselstempel- St-u« einen Mehrertrag von 2-/. Mill. Mk. liefern, einen G-saurmtausfall