Aso «50. Samstag, den 3. November 1877«,
Kichener Wyeiger
AMige- und Amtsblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint tLDlich mit Ausnahme deS Montags. PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
GLpsditionr Schulstraße, Lit. B. Nr. 18. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Gießen am 1. November 1877.
Betreffend: Den Bergbaubetrieb auf den unter Bewirthschaftung der Forstverwaltung stehenden Grundstücken.
Das Großhcrzvglichc Kmsamt Gießen
an die Größtmöglichen Bürgermeistereien, Vorstände non Stistnngs-, Märker-, Corporation«- und Pfarrwaldungen.
Auf Ersuchen Großherzoglicher Ober-Forst- und Domänen-Direction weisen wir Sie an, jederzeit sofort die Großherzoglichen Oberförstereien zu benachrichtigen. wenn Bergbauarbeiten in Ihren Waldungen vorgenommen werden sollen, damit dieselben die zur Ueberwachung der Bergbauarbeiten erforderlichen sorflpolizeilichen Anordnungen treffen können.
Weiter empfehlen wir Ihnen, bei eintretenden Fällen Gutachten der Großherzoglichen Obersörstereien über die von den Bergbautreibenden zu leistende Entschädigung einzuholen und mit denselben Pachtverträge in derselben Weise, wie solche für die Domantalwaldungen vorgeschrieben sind, abzuschließen.
Dr. Boeckmann.
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Deutschland.
Aus Hessen, 31. Octbr. Unter den neuesten Drucksachen der zweiten Kammer befindet sich eine, welche auf das Interesse weiteren Anspruch machen darf, nämlich ein Schreiben der Finanzausschuß-Mitglieder Königer, Möllinger, Kugler, Schröder und Theobald, betr. die Vereinigung der Staats-Schulden- Tilgungskafle mit der Haupt-Staatskasse. Bekanntlich hat die zweite Kammer bereits am 20. October 1876 nach dem Antrag des Finanzausschusses beschlossen : „an Großh. Regierung das Ersuchen zu richten, die Staats-Schulden- Tilgungskasse mit Ablauf des Jahres 1877 als besondere Behörde aufzuheben und, unter geeigneter Verringerung des Beamtenpersonals, mit der Haupt- Staatskasse, sei es auch als besondere Abtheilung, jedenfalls aber unter gemeinsamer Oberleitung, unbeschadet der Controls der Stände zu vereinigen"; gleichzeitig aber auch weiter die Besoldungen und Kanzleikosten der betr. Be- börde für das Jahr 1878 nur in dem Sinne tm Hauptvoranschlag in Ausgabe vorgesehen, daß daraus, unbeschadet erworbener Rechte Dritter, die Regierung nur mit Einwilligung der Stände Verwendungen soll machen dürfen. Tie obengenannten Finanzausschuß-Mitglieder machen nun Großh. Finanzministerium auf den fraglichen Punkt aufmerksam und sprechen gleichzeitig aus, wie wünscbenswerth es sei, daß die geeignete Vorlage so zeitig gemacht werde, um den Ständen noch vor Ablauf dieses Jahres Beschlußfassung zu ermöglichen. Das Verlangen auf Vereinigung jener beiden Kassen mindestens unter dieselbe Oberleitung tritt im Publikum neuerdings um so entschiedener hervor, als gerade die bisherige Trennung die Möglichkeit jener vielbesprochenen Defecte in den fraglichen Kassen gewährt haben soll.
Darmstadt, 31. October. Se. Königl. Hoheit der Großberzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 24. October den Hofgerichtsräthen zu Gießen, Theodor Kornmesser und Karl v. Herff, sowie dem Hofgerichtsrathe Ludwig Machenhauer dahier das Ritterkreuz erster Klasse des Philipps-Ordens zu verleihen geruht.
Mittelst Allerhöchster Entschließung vom gleichen Tage wurde dem Ober- Staatsanwalts-Substituten Emil Zimmermann zu Gießen der Charakter als „Staatsanwalt" verliehen.
Berlin, 31. October. Im hiesigen landwirthschaftlichen Museum ist wieder eine interessante Collection jenes „kriechenden Gewürms" ausgestellt, das in den letzten Jahren zum Schrecken der ganzen Welt geworden ist. Zunächst haben wir den Coloradokäfer in allen Stadien vor uns; zuerst Eier, dann Larven, die eben auS dem Ei schlüpfen, Larven im Alter von 8 Stunden, von 3 Tagen und 2 bis 3 Wochen, ferner Puppen und endlich flugreife Käfer mit schmutziggelb gestreiften Flügeldecken. Das zweite gefräßige Jnsect, das zur Ausstellung gekommen, ist die Heuschrecke, auf die unsere märkischen und ost- preußifchen Landwirthe sehr schlecht zu sprechen sind; auch dieses Thier ist tu allen seinen Entwickelungs-Stadien vertreten. Als drittes im Bunde gesellt sich die Reblaus hinzu, deren Thätigkeit an den Wurzeln des Weinstockes man genau erkennen kann.
Berlin, 31. October. Die „Prov.-Corresp." wirft einen Rückblick auf die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses vom 26. und 27. Octbr., betr, die Beurlaubung der Minister; der betreffende Artikel schließt folgendermaßen: Die Regierung darf hiernach die Hoffnung hegen, daß die an die jüngsten Vorgänge im Staatsministerium geknüpften Irrungen und Mißdeutungen nunmehr ihre Erledigung gefunden haben und der Regierung bei dem weiteren praktischen Vorgehen zur Durchführung des für die Entwickelung des Vaterlandes hochwichtigen Werks die patriotische Mitwirkung der Landes-Vertretung nicht fehlen werde. — In der heutigen Versammlung der vereinigten Berliner Kreis-Synodm wurden Prediger Hoßbach, Stadtrath Techow, Director Kempf und Ehrenbürger Kochhann in den Vorstand der Versammlung gewählt, welche neben dem General-Superintendenten aus vier Assessoren besteht; als stellvertretender Beisitzer wurde Prediger Ltsco gewählt.
— Die vereinigte Berliner Kreis-Synode beschloß nach der Wahl des Vorstandes die Niedersetzung einer Geschäfts-OrdnungS-Commission und Vertagung der Verhandlung bis zur Vorlegung des Geschäfts-Ordnungs-Entwurfs.
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Es wurde ferner die Festsetzung einer neuen Tagesordnung für die nächste Versammlung beschlossen, trotz des Protestes Hesfler's und Knackes und gegen den Widerspruch des Präsidenten des Consistoriums Hegel, welcher erklärte, das Kirchen-Regiment werde der Versammlung das Recht zu beliebiger Feststellung einer Tagesordnung und zu einer parlamentarischen Geschäftsführung nicht gestatten.
Breslau, 31. October, Die „Schles. Presse" bringt ein formelles Dementi aller Gerüchte über Verhandlungen bezüglich des Ankaufs der rechten Oder-Ufer-Bahn durch den Staat.
Karlsruhe, 31. October. Nach dem Ergebniß der nunmehr beendigten Ergänzungs'Wahlen zur zweiten Kammer haben die National-Liberalen 27 und die Ultramontanen 5 Sitze erlangt. Ferner wurde ein reichsfreundlicher Demokrat gewählt. Die Ultramontanen haben gegenüber ihrem vormaligen Besitzstand ein Mandat verloren.
Aus Elsaß-Lothringen. In Folge der Option zog bekanntlich ein Strom von Auswanderern aus Elsaß-Lothringen nach Frankreich, von wo aus die verlockendsten Versprcchungen ergangen waren. Bald zeigte sich jedock, daß letztere nicht gehalten werden konnten, und ein guter Theil der Auswanderer kehrte nach kurzer Abwesenheit wieder in ihre Hetmath zurück. Für die Uebrigen wurde durch Errichtung einer Elsässer Colonie bet Ttzi-Ouzon in Algerien ein Abfluß geschaffen. Trotz der vom „Verein zur Unterstützung ausgewanderter Elsaß-Lothringer" aufgewendeten bedeutenden Geldmittel blieb aber die Colonie auf die beiden kleinen Dörfer Boukalfa und Houssonville beschränkt. Die Gründung eines weiteren Dorfes unter dem Namen Camp du mar6chal mußte wegen mangelnden Zuzugs von Kolonisten unterbleiben; ja die bereits angesiedelten Kolonisten kehren, soweit es ihnen möglich ist, zurück, da sie sich, namentlich die älteren Leute, nur schwer an das dortige Klima gewöhnen können. Neuerdings ist nun, wie eine Reihe Pariser Journale berichten, der Plan aufgetaucht, eine Colonisation der Dobrudscha zu unternehmen und hierzu besonders Elsaß-Lothringer zu verwenden. Wir glauben übrigens, daß auch dieses Unternehmen nicht viel Anziehendes für die Elsaß-Lothringer haben wird, zumal, das dortige Klima als eines der ungesundesten Europas bekannt ist. Vielleicht gehen den Optanten nach und nach die Augen darüber auf, daß man sie in Frankreich nachgerade als eine Last betrachtet, die man, gleichviel auf welche Weise, los werden möchte.
Heßerretch.
Wien, 31. October. Die „Polit. Corresp." meldet aus Pesth: In den dortigen maßgebenden politischen Kreisen gibt man sich der zuversichtlichen Hoffnung hin, daß es den conferirenden Staatsmännern gelingen werde, sich über eine endgültige Lösung der Ausgleichs-Frage zu verständigen. Dieselbe Correspondenz meldet aus Konstantinopel vom 30. Octbr. (indirect) : Die bisherige zuversichtliche Stimmung in den Kreisen der Pforte habe den ernstesten Besorgnissen Platz gemacht; namentlich ließen die Meldungen aus Plewna die Möglichkeit einer Katastrophe als nabegerückt erscheinen. — Die nämliche Korrespondenz berichtet aus Belgrad vom 31. Octbr.: In Folge einer Grenz- Verletzung am Timok ist die Gröditzer Brigade gestern nach Zai,schar ausmar- schirt. — Mehrere hervorragende Chefs der bosnischen Insurgenten sind hier eingetroffen, um von der serbischen Regierung eine Unterstützung des bosnischen Aufstandes zu verlangen.
Pesth, 3t. October. Der „Pesther Lloyd" meldet: In dem gestern gebaltenen großen Ministerrath wurde bezüglich der Zolltarif-Frage eine Einigung erzielt. Die ungarischen Minister vertraten entschieden den Standpunkt, daß das Vertrags-Verhältniß mit Deutschland allen anderen Combmatwncn vorzuziehen sei, und es gelang denselben auch, die österreichischen Minister davon zu überzeugen, daß diesbezüglich noch ein Versuch gemacht weiden müsse. Sltv derseits konnten sich die ungarischen Minister nicht der Ueberzeugung verschUeßen, daß es von entschiedener Wichtigkeit sei, der deutschen Regierung zu beweisen, daß sich die Monarchie nicht einfach dem Dictate Deutschlands unterwerfen könne, und daß man auch für den allerschlimmsten Fall Vorsorge treffen müffe. Um beiden Anforderungen gerecht zu werden, wurde beschloffen, mit Deutsch-


