war. Schon die stetig wachsende Zahl der Schüler macht es dem mit Berufsarbeiten überladenen Lehrer unmöglich, den einzelnen Kindern eine so aufmerksame Beobachtung zu widmen, daß auf Grund derselben mit gutem Gewisien eine genaue Charakterschilderung jedes Schulkindes entworfen werden könnte. Zu noch größeren Bedenken aber gibt die moralische und rechtliche Seite der Frage Anlaß. Mit welchem Rechte will man vermittelst solcher „Charakteristiken" Kindern, deren Mangel an Zurechnungsfähigkeit doch alle Gesetzbücher der Welt anerkennen, für die Zukunft einen Makel anhängen? Ist es Aufgabe des Lehrers, Vorarbeiten für das Strafgericht zu liefern? Oder soll er, gleich der geheimen Polizei, „Noten" und „Conduitenlisten" über die unter seiner Aufsicht Stehenden den Behörden liefern, die dergleichen nicht entbehren zu können glauben? Die hiesigen Lehrerkollegien sind Willens, gegen obengenannten Erlaß des Landesschulrathes auf gesetzlichem'Wege anzukämpfen, und hoffen, daß man sie höheren Ortes mit Zumuthungen verschone, die mit dem Zwecke und Berufe des Lehramtes nichts zu thun haben.
Wien, 17. October. Einer auf der hiesigen türkischen Botschaft angelangten Depesche zufolge regt sich der seit Ende Juli vollständig erlosckene Aufstand in Bosnien wieder allenthalben; zahlreiche Jnsurgentenbanden tauchen in den verschiedensten Theilen der Provinz auf. Nach einer Mittheilung der „Deutschen Zeitung" hält man in diplomatischen Kreisen die militärische. Intervention Rußlands für unausbleiblich. Bezüglich der Haltung Oesterreichs will man versichern können, daß die Neutralität heute bereits beschlossen und auch der Preis dafür festgestellt sei.
— General Taschkoff überreichte heute dem Kaiser ein neues Handschreiben des Czars. Der Brief wurde durch einen Officier nachträglich aus Livadia überbracht, nachdem Taschkoff günstigen Fortgang der Verhandlungen gemeldet. Die österreich-russische Verständigung ist hergestellt.
— In unterrichteten Kreisen werden alle Combinationen, wonach Oesterreich angeblich sich in irgend welcher Weise von den beiden, anderen Kaisermächten ablösen und bezüglich der orientalischen Frage sich in Special-Allianzen cinlafsen soll, als der Sachlage nicht entsprechend betrachtet. — Der „Preffe" zufolge wäre gestern ein russischer Feldjäger mit einem Handschreiben des Kaisers von Rußland hier eingetroffen.
— Die gestrige Auslastung der „Montags-Revue" wird als nicht von der Regierung beeinflußt bezeichnet. Im Gegentheil, meinen unterrichtete Personen, werde Graf Andrasty die Schritte des russischen Reichskanzlers wegen des kürzeren Waffenstillstandes unterstützen und im Sinne des Drei-Kaiser-Bündnistes secundiren.
BZien, 18. October. In einem Artikel des „Fremdenblatt" wird Italien auf das Eindringlichste vor Agitationen gegen Oesterreich gewarnt. — Das „Tageblatt" will vernommen haben, in den diplomatischen Verhandlungen beginne gegenwärtig die Frage der Friedens-Bedingungen wieder die Hauptrolle zu spiele».
fitdfimb.
London, 17. October. „Reuter's Bureau" will wisten, es seien zwischen Rußland und Oesterreich Vereinbarungen zu erwarten, wonach Rußland für den Fall, daß die Türkei den kurzen Waffenstillstand ablehne, die insurgir- ten türkischen Provinzen militärisch besetzen würde. Oesterreich würde in diesem Falle eine provisorische Neutralität bewahren. Gerüchtweise verlaute, diese Vereinbarung würde auch Bestimmungen für weitere Eventualitäten enthalten. Anderweitige Bestätigung dieser Gerüchte liegt noch nicht vor und basiren dieselben im Wesentlichen wohl auf der Unterstützung der diplomatischen Schritte Rußlands von Seiten Oesterreichs.
London, 18. October. Nach einem Telegramm des „Reuter'schen Bureau" aus Paris circuliren dort Gerüchte über eine Convention Rußlands mit der rumänischen Eisenbahn-Gesellschaft, betr. den Transport von 4000 Mann Soldaten; die Bestätigung dieses Gerüchts bleibt abzuwarten.
Velgierr.
Brüssel, 17. October. Die hiesige Zeitung „Nord" schreibt: Der Ton der letzten versöhnlichen officiellen Mittheilungen der türkischen Regierung dürfte Niemanden irre führen über den Entschluß der Türkei, den Forderungen Europas stets auszuweichen. Die Waffenstillstands-Frage ist der Prüfstein für die Solidität der Eintracht der Mächte. Europa muß zeigen, daß es fortan entschlossen ist, sein Programm auszuführen; die Türkei wird dann ihr dilatorisches Verfahren aufgeben, welches die Krisis verlängert und nur noch verwickelter macht.
Arrtzland.
Moskau, 17. October. Heute machten Loschetschnikoff, Landau und Poljanski in ausführlichster Weise Aussagen über die Abrechnung des Jahres 1873 und bestätigten dabei, daß Effecten auf Correspondenten-Conto übertragen worden sind.
Griechenland.
Athen, 17. October. Zaimis, der ministerielle Candidat, ist mit 75 von 129 Stimmen wieder zum Präsidenten der Deputirten-Kammer gewählt. Die Volks-Versammlungen in der Provinz dauern fort.
Türkei.
Cettinse, 18. October. Nachträglich wird constatirt, daß in dem letzten Kampfe bei Maljat nicht nur Djelaleddin Pascha, sondern auch Abdi Pascha gefallen ist.
Zara, 17. October, Abends. Die Insurgenten der Districte von Lju- binje und Nevesinje haben sich von Montenegro losgesagt und sind zu ihren Heimstätten zurückgekehrt. Der General-Gouverneur der Herzegowina hat befohlen, den Insurgenten die Rückkehr nach dem Popovo-Bezirke zu erleichtern. Die türkischen Streitkräfte in der Herzegowina betragen nnnmehr im Ganzen 36 800 Mann.
Zara, 17. October. Der gegen Peko Pavlovic Entsendete Sachir Pascha hat die ihm gegenüberstehenden feindlichen Streitkräfte zurückgeschlagen und Bilek entsetzt. Die Verluste sind auf beiden Seiten nur unbedeutend.
Nunränieu.
Bukarest, 18. October. Was von angeblichen Vereinbarungen über militärisches Vorgehen Rumäniens gegen die Türkei verlautet, beruht auf vagen Gerüchten; dagegen ist thatsächlich eine Convention zwischen Rußland und den rumänischen Eisenbahnen wegen eventueller Truppen-Transporte im Abschluß.
Lokal-Notiz.
Gießen, 19. Oct. (Liebig-Denkmal). Für das projektirte Liebig-Denkmal ist bis jetzt die Summe von 140,000 Mark eingegangen, und sollen nunmehr die Lammungen eingestellt werden. Mit dem Abschlüsse ist aber die ganze Angelegenheit in ein neues Stadium getreten. Ursprünglich hatte die Deutsche chemische Gesellschaft, welche >ie Errichtung eines Denksmals zuerst angeregt, unmittelbar nach Liebig's Tode, am 18. April 1873, den Beschluß gefaßt, dasselbe in der Universitätsstadt Gießen, wo )tcbig seine in die wissenschaftliche Entwicklung des Jahrhunderts so tief eingreifende Wirksamkeit zuerst und hauptsächlich geübt und von wo aus der Glanz seines Namens 'ich über alle Länder verbreitet hatte, aufzustellen. Da sich aber mittlerweile auch in München ein Comit6 zu gleichem Zwecke gebildet hatte, so beschloß man eine Vereinigung und die Bildung eines internationalen GeneralcomitsS, in welchem auch Oesterreich, das sebr bedeutende Beiträge gespendet hat, genügend vertreten ist. Diesem Ge- neralcomite lag es nun ob, die ersten zur Verwirklichung des Denkmals nöthiaen Schritte zu thun. Im Schooße desselben hatte sich aber eine Meinungsverschiedenheit insofern ergeben, als gegenüber der Absicht, das Monument in München zu errichten, viele Stimmen sich für Gießen erhoben. Der Vorstand der Deutschen chemischen Gesellschaft brachte daher den Vermittlungsvorschlag, mit Hilfe der gesammelten Beiträge die Erzeugung eines Kunstwerkes ersten Ranges anzustreben und, falls dies gelungen wäre, die Reproduction diese? Kunstwerkes in Erz sowohl in München als auch in Gießen, also an beiden Stätten von Liebig's Wirksamkeit, aufzustellen. Hiezu würden die vorhandenen Mittel völlig auSreichen. Verschiedene laut gewordene Bedenken gegen diese Doppel-Errichtung sind durch die Gutachten von Sachverständigen ersten Ranges, wie Architekt Strack, die Bildhauer Drake, Hähnel, Sußmann und Professor Ermt Curtius, glänzend wiederlegt worden. Nachdem von den 139 Mitgliedern des General- Comttäs sich nicht weniger als 119 für diesen Vorschlag, und zwar mit großer Wärme erklärt haben, auch das Münchener Comitä demselben zugestimmt und sich mit der Doppel-Aufstellung einverstanden erklärt hat, so steht dieser nun nichts mehr im Wege, und wird demnach sowohl die Stadt München als auch die Stadt Gießen jede ihr Liebig-Denkmal erhalten.
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Vermischtes.
Aachen. Das „Echo der Gegenwart" erzäblt: „Unlängst fand Hierselbst in einem Hause des Frankenberger Stadttheils eine Hochzeit statt, bei der die Urgroßmutter der Braut den Bräutigam zum Altäre führte Bei dem hohen Alter der noch immer rüstigen Matrone, 90 Jahre, dürste dieser Fall als vereinzelt zu bezeichnen sein. Wie eine Brautjungfer im Flügelkleide, mit Blumen und Bändern geschmückt, schritt die würdige Greisin, den Bräutigam stolz am Arme führend, zur heiligen Handlung. Mit der ausgesuchtesten Accuratesse batte sie ihre Toilette selbst gewählt und bestellt, um die manches junge Fräulein sie hätte beneiden können- Beim Hochzeitsmahl decla- mirte sie ein 36 Strophen langes Festgedicht, und sang mit noch immer klangvoller Stimme ein Lied in französischer Sprache mit Clavierbegleitung. Bet neunzig Jahren gewiß ein eclatantes Zeichen geistiger und körperlicher Frische."
Konstantinopel. Das Cri-Cri hat nunmehr auch seinen Einzug in die Siebenhügelstadt am Bosporus gehalten und erfreut sich einer zunehmenden Popularität- Während vor einer Woche „das Spielzeug des Teufels", wie mein Freund Hassil Bey die neue Erfindung zu nennen beliebt, nur in den Händen einiger wenigen unternehmenden griechischen Handlungslehrltnge erblickt wurde, ist die entsetzliche Schreimaschine jetzt zum Gemeingut aller Classen der Bevölkerung geworden. Der von Europa'? übertünchter Höflichkeit noch nicht beleckte armenische Hamal wetteifert mit dem civili- sirten Franken in »er Anwendung dieser Ausgeburt des höheren Blödsinns, und selbst der würdige Osmane verschmäht es nicht, unser Ohr durch das Cri-Cri zu martern. Auf allen Dampfbooten, in allen Straßen, in allen Cafäs ertönen mit staunenswerther Beharrlichkeit die entsetzlichen Laute, und entfliehst du, lieber Leser, um diesem Geschrei zu entgehen, in dein stilles Heim, so wähne nicht, das Nebel zu heben: unfehlbar wird dir die Gattin, die holde, oder eines der zarten Kinder mit dem Cri-Cri in der Hand den Willkommengruß bieten. Es herrschet eben eine wahre Manie, wobei sich wieder die schon oft von mir gemachte Beobachtung bestätigt, daß dergleichen Sachen in der Residenz des Osmanenreiches erst dann en vogue kommen, wenn sie in Europa ihre Zugkraft schon verloren haben. So sind die hiesigen Toiletten stets um eine Modi im Rückstände, so treten in den hiesigen Theatern und sonstigen Kunsthallen durchweg nur solche Sänger und Sängerinnen auf, welche an einem andern Orte schon völlig unmöglich waren u. s. w u. f- w- Uebcrhaupt sieht man bei längerem Aufenthalte je mehr je gründlicher ein, daß Konstantinopel kaum eine europäische Stadt genannt werden kann. Hier sind einzelne Sachen verboten, die an jedem anderen Orte der Welt zu den erlaubten gehören, und umgekehrt kommen hier Geschichten vor, die man in der Heimat für unglaublich halten würde. So wandert hier z. B. schon Jahr! lang ein Türke, „Deli Mustafa", täglich splitternackt durch die belebtesten Straßen, bettelt die Vorübergehenden ohne Unterschied der Geschlechtes unter lautem Geschrei an, verschenkt das so Gewonnene in der nächsten Minute an einen andern Bettln, tritt ungenirt in jedes Speisehaus, um seinen Hunger zu. befriedigen, selbstverständlich ohne zu bezahlen u. s. w. Die Behörde legt seinem Treiben kein Hinderniß in den Weg, die gewöhnlichen Türken halten ihn sogar für heilig, lassen sichFon ihm Sticii und Mund segnend berühren und verehren in ihm einen Propheten. Alle Beschwerden einzelner Franken bei den türkischen Behörden zu dem Zwecke, dem Heiligen das scan- dalöse Umherwandeln zu verbieten, haben bis jetzt nichts gefruchtet; man macht einig! Ausreden, gibt ein paar leere Versprechungen — und Alles bleibt beim Alten!
Friedberg, 14. Oct. Heute Morgen war großer Butterstrike auf dem Wochenmarkt. Die Händler forderten M. 1.60, die Käufer wollten nur 1.30 geben, da bekannt geworden' war, daß die Händler in der Gegend von Reichelsheim und EchB die Butter zu 80 Pfg. bis M. 1. gekauft hatten. Die Marktordnung wurde feiten# der Polizei auch etwas strenger gehandhabt, vor H Uhr durfte Niemand hausiren gehen, und so kam es denn, daß die Händler mit ihrer nichtoerkauften Maare unter verschiedenen Drohungen wieder abzogen. Wenn die Käufer auf dem Wochenmarkte jedesmal fest zusammen halten, so wird der Preis sehr bald nur nach der Nachfrage und nicht wie seither nach dem von den Händlern gemachten Angebot sich richten. (Dürfte si<- auch für Gießen empfehlen. D- R)
Hochspeyer, 10. Oct. Eine Hochzeit auf Wette wurde heute hier in Hochspeyer abgehalten. Gelegentlich der letzten Hochspeyerer Kirchweihe machten einige hiesige Bürger dem Gemeindediener N., welcher noch Junggesell von bereit# 56 Jahren ist, die Bemerkung, er müsse als Polizeidiener verheirathet fein, und erboten sich zugleich, wenn er sich verpflichte, dis halben October verehelicht zu sein, die Gesammthochzeits- kosten zu decken, und dazu mindestens 1 Ctr- Blumenmehl zu verbacken, 2 Ohm Biet, 75 Flaschen Wein, 100 fl. für Haussteuer zu liefern, der übrigen Objecte an Braten, Hahnen, Bratwürsten, Cigarren rc. nicht zu gedenken- Im Falle des Nicht,ustander kommens einer Verehelichung müsse Herr N-, wenn wir nicht irren, 50 M- zahlen- Eine Wittwe Won 44 Jahren erbarmte sich des Bedrängten und wurde heute unter zahlreicher Begleitung zum Altäre geführt-
Aecht kölnisches Wasser von Jean Maria Farina.
Meine Niederlage davon in der Expedition des Gießener Anzeigers empfehle i$ u M- 13,70 per Dutzend, M- 6,85 per halbes Dutzend, sowie in ganzen und halben Fläschchen zu M- 1,28 und 68 Pfg- gehorsamst-
Johann Maria Karina in Köln.
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Abweichend von de loosung auch die Uebcrn welche hierbei Persönlich Berücksichtigung ßnden, angewiesen erhalten. Einlösung der Standke Stände erhoben.
Fremden Wirthen tränten auf dem fDiartte können hiesige Einwohner
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