in welcher die Jungfrau von Orleans angeklagt wird, daß sie die „ketzerische Lehre der inneren Erleuchtung" vertheidigt habe."
PariS, 15. Mai. Hierher gelangte Berichte aus Konstantinopel besagen, daß auch in denjenigen türkischen Kreisen, welche der officiellen Welt näher stehen, eine sehr verbitterte Stimmung herrsche; es gebe sich der tiefste Unmuth darüber kund, daß die Politik der europäischen Mächte den Türken die Hände binde, ihnen jeden Angriff gegen Montenegro rc. verwehre, und daß sie doch andererseits nicht einschreite, um das zu thun, was sie der Pforte nicht gestattet, nämlich den Ausstand zur Ruhe zu verweisen. Der Entlastung Mahmud Paschas ist eine sehr heftige Scene in Gegenwart des Sultans selbst vorangegangen, wobei die kriegerisch gesinnte Partei den Standpunkt vertrat, daß die Mächte entweder die Aufständischen bändigen oder der Türkei freie Hand zu solcher Bändigung lasten müßten. Ob die Pforte, wenn man sie gewähren ließe, wirklich noch die Kraft hätte, den Aufstand zu unterdrücken, das ist freilich die Frage. Aber diese Stimmung der höheren türkischen Kreise, welche dem Fanatismus der niederen nahe genug verwandt ist, läßt hier die Befürchtung wachsen, daß die Panik, welche im gegenwärtigen Augenblick die ganze europäisch-christliche Bevölkerung der Türkei ergriffen zu haben scheint, nicht ganz unbegründet ist, und daß, wenn die Verabredungen der Berliner Conferenz nickt bald zu praktischen Maßregeln führen, neue Ausbrüche des Fanatismus zu erwarten seien, die dann den Boden, auf welchem die Berliner Verhandlungen stehen, wieder verschieben würden-
Versailles, 16. Mai. In der heutigen Sitzung der Deputirten-Kam- mer wurde der Erlaß einer Amnestie für die an dem Commune-Ausstand Betheiligten von den Radikalen Clemenceau und Lockroy befürwortet, während der gemäßigte Republikaner Lamy dagegen sprach. Morgen soll die Debatte fortgesetzt werden.
Rumänien.
Bukarest, 16. Mai. Die Regierung hat die Aushebung von Recru ten für das laufende Jahr eingestellt.
Türkei.
Konstantinopel. Wie die „Polit. Corresp." meldet, hat das diplomatische Corps für das in Salonichi verübte Verbrechen folgende Geuugthuung von der Pforte zu fordern beschlossen! die öffentliche Hinrichtung aller Schuldigen, die Zahlung einer Entschädigung an die Familien der ermordeten Con- suln und die feierliche Bestattung der Opfer mit militärischen Ehren, welcher sämmtliche türkische Behörden in großer Gala beizuwohnen haben. Der bisherige Kriegs-Minister Abdul Kerim Pascha ist zum commandirenden General in Rumelien ernannt worden.
Konstantinopel, 16. Mai. Aus Salonichi werden 18 weitere Verhaftungen gemeldet, -r Der Gouverneur von Sophia meldet: Die Insurgenten von Rakovitza (zwischen Sophia und Bazardjik) haben sich üi den Balkan geflüchtet, nachdem sie den Ort niedergebrannl hatten. — Der Generalissimus Huffein Avri Pascha ist von hier abgereist. — Abraham Pascha ist wieder zurückgekehrt.
Konstantinopel. Der „Moniteur" äußert: „Die Bedeutung der Angelegenheit von Salonichi steigt; es bestätigt sich, daß das Ereigniß die Folge eines mohamedanischen Coinplots gegen die Christen war. J5S werden neue Unruhen in Salonichi, in Konstantinopel und in anderen Städten be fürchtet. Die Aufregung der mohamedanischen Bevölkerungen ist so groß, daß ernste Ereigniffe zu erwarten sind, wenn die Regierung in Konstantinopel sich nicht beeilt, die Schuldigen zu bestrafen und der Bewegung gegen die Christen Einhalt zu thun."
— Der „Times" wird aus Konstantinopel vom 13. d. gemeldet: „Die Sofias zogen gestern an der Spitze des Pöbels durch die Straßen mit dem Rufe: Rieder mit dem Großvezir! Die Einweihung der englischen Kirche zu Kadieui ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden, dem Wunsche des englischen Botschafters gemäß, der wegen der möglichen Folgen dieser religiösen Feier unter den gegenwärtigen Verhältnissen den Polizei-Minister zu Rathe zog Wegen Mangels an Munition mußte die Polizeimannsckaft ihre Snidergewehre abliefern und ist jetzt mit dem alten französischen Mini6, Vorderladern, bewaffnet , die seit dem Krimkriege unbenutzt in den Zeughäusern lagen. Die französische Corvette „Chateaurenard" wird hier erwartet."
Salonichi, 16. Mai. Sechs der Hauptschuldigen sind heute verur- theilt und hingerichtet worden. Die Untersuchung gegen die Uebrigen dauert fort. Vollständige Ruhe.
Afrika.
Kairo, 16. Mai. Heute wurde das Decret des Vicekönigs publicirt welches einen höchsten Finanz-Rath einsetzt und den früheren italienischen Minister Sctaloja mit dem Vorsitze betraut.
Vermischtes.
Aus Ulrichstein, 13. Mai. Seit heute Morgen starker Schneefall, der die Felder vollständig bedeckt hat. Nun Heizen wir hier oben im Gebirg schon seit October, also über 7 Monate und bewährt sich das alte Sprichwort: „3/4 Jahr Winter und V* Jahr kalt", was abnorme Holzpreise hervorruft Bei der letzten Brennholzversteigerung mußte auch der Vogelsberger im Oberwalde den Raummeter Scheidholz 4 Mark theurer erstehen, wie in den südlich gelegenen Waldungen.
Ulm, 11. Mai. (Der letzte deutsche Meistersänger.) Die bürgerlichen Collegien haben beschlossen, dem letzten deutschen Meistersänger, dem 86jährigen Jakob Best, der Jahrzehnte lang auf unserem Friedhöfe als Todtengräber den Dienst versah, ein freundliches Krankenzimmer in unserem Spital einzuräumen, wo er unter der wohlwollendsten und aufmerksamsten Pflege den Rest seines Ledens zubringen wird.
Paris, 10. Mai. (Ein gefährliches Zollstück) Das Bahnhofspersonal zu Lille befindet sich augenblicklich in der größten Aufregung. Vor einigen Tagen traf mit dem Zug von Belgien her ein kleines Colli dort ein, welches an das Pariser Museum adressirt und mit einer Nachnahme von 1000 Frctz. belastet war. Als Absender war der Director des zoologischen Gartens in Antwerpen verzeichnet. Das kleine, sehr leichte Colli wurde der Zollabfertigung überwiesen und reizte alsbald die Neugierde der betreffenden Beamten: sie entfernten die äußere Verpackung und gewahrten eine Holzbüchse. Als diese geöffnet wurde, befand sich in derselben eine zweite Büchse aus Blech mit kleinen Löchern versehen. Mag nun das Pflichtgefühl einen der Zollbeamten getrieben haben, auch noch diesen Behälter zu öffnen, ober war ein Zufall im Spiel — das Colli kam 24 Stunden später inhaltslos in die Hände des Directors des Pariser Museums. Dieser benachrichtigte sofort telegraphisch den Absender in Antwerpen von dem Sachverhalt Die Folge hiervon war, daß von der Direction des Antwerpener zoologischen Gartens umgehend ein Telegramm bei der Bahnhofs-Zollstelle in Lille eintraf, in welchem cS hieß: „Stellen Sie sofort die genauesten und vorsichtig
sten Nachforschungen an. Der Inhalt jener Büchse war eine Cobra (kleine giftige Brillenschlange) der gefährlichsten Art." Man kann sich die Unruhe des Lrllec Bahnhofspersonals nun denken.
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Wirthschaftliches.
Mineralische Wolle. Eine neue Erfindung macht im Augenblick unter den Technikern Aufsehen. Es ist dies die Fabrikation der Hochofenschlacken zu sogenannter mineralischer Wolle, indem man durch einen Strom flüssiger Schlacke einen Dampf- strahl bläst, der die Schlacke in feine, biegsame, elastische Fäden von ca. einen Meter Länge zerlhttlt. Dieses Material ist als ein ausgezeichneter Nichtleiter für Wärme erkannt worden, so daß es sehr zweckmäßig zur Bekleidung überall ba eignet, wo man Wärmeverlust ober Wärmezutritt hindern will Eine vorgezetgte Probe war, obgleich aus Schlacke erzeugt, doch glänzend weiß und BaumwoUenfaser ähnlich.
Nußbaumholz nachzuahmen. Tie geeigneste Beizung bestehl in Folgendem: 1 Gewichtstheil Nuß-Exlract wird in 6 Gem.-Theilen weichem Wasser unter Erwärmung bis zum Kochen und unter Anrühren aufgelöst. Das zu beizende Host muß gehörig trocken und erwärmt sein, wonach die Beize ein- bis zweimal aufgetragen wird. Nachdem die so behandelten Möbeltheile balbtrocken geworden sind, überstreiht ! man dieselben nochmals mit einer Auflösung von 1 Gnv.-Th. chromsaurem Kali in 5 Gew.-Th. kochend heißem Wasser, läßt vollständig trockenen und schleift und politt, I wie gewonlich. Man wird besonders bei Rothbuchen- und Erlenholz, eine dem amerikanischen Nutzbaumholze täuschend ähnliche Farbe, welche ungefähr 1-2 Linien tief in die Holzfaser eingedrungen und fixirt ist, wahrnehmen. Die Beize ist eine sehr billige, die Manipulation eine einfache.
F SeUVm, LanbrM.
Landwirtschaftliches.
Ueb er Anwendung des Kalkes zur Compo ftb ereitung äußert sich Professor W- Knop in einem Artikel über Kalkdüngung in der „Georgika" folgendermaßen : Alle Arten Materialien welche zur Compostbereitung tauglich sind, seien sic vegetabilischen ober animalischen Ursprunges, verwesen schneller, wenn man sie mit einer thonigen, kalkreichen Erbe gemengt, der Luft aussetzt und häufig umschaufelt. Als Zuschlag von Kalk dient gerade hier der Aetzkalk und Gaskalk am besten, weniger, aber noch immer mit Nutzen jede Art kohlensauren Kalkes und der Mergel, nicht der Gyps. Der Kalk befindet sich in einem fertigen (Sompoftbaufen und ebenso, wenn ein Acker mit Stallmist und Kolk zugleich gedüngt ist, in Form von salpetersaurem Kalke, ein fertiger Pflanzennährstoff Eine solche an salpetersaurem Kalke reiche Compostmaisi eignet sich zur Düngung aller Felder; am wenigsten Geltung hat sie für humusarme Böden, vom schwersten thonigen an bis zum leichtesten saobigen.
— (Wozu man Tobte verwenden kann.) Dem „PayS" wird folgender netter Puff aus Philadelphia gemeldet: Ein Herr Mahrenholz hat vor Kurzem in Washington eine Gerberei für — Menschenhäute eingerichtet, und da er einen sehr gutes Preis für den „Rohstoff" zahlt, so haben sich viele untröstliche Wittwen und gramgebeugte Söhne gefunben, welche ihm die irdischen Hüllen iprer Gatten oder Väter verkaufen- Herr Mahrenholz bat die Weltausstellung in Philadelphia mit einem Paar reizender Bastschuhe aus Menschenhaut beschickt: es scheint, baß sich dasselbe zu diesem Genre von Fußbekleidung vermöge seiner Geschmeidigkeit und seines Glanzes, wenn cs einmal lackirt ist, am besten eignet — Ein anderer Amerikaner will in allem Ernste die menschlichen Reste, welche der Gerber nicht mehr verwenden kann, zur Gasfabrikation benützen.
— (Wie die falschen Haare unserer Damen gemacht werden.) Mehrere Handelsberichte geben an, daß im vergangenen Jahre auS der Levante, aus Klein-Asien, Egypten, Hindostan, China, aus Italien und Spanien 75,000 Kilogramm Haare in den Haien von Marseille eingefübit worden sind. 75,000 Kilogramm! — ruft das „Journal des Debats" aus. — Wir wollen uns dies Gewicht etwas näher veranschaulichen. Eine Locomotive bringt im Durchschnitt 35,000 Kgr von der Stelle; je 75.000 tfgr. übersteigen also die Last zweier gewöhnlicher Güterzüge. Diese Ziffer gibt aber blas den über Marseille gehenden Import an, während in der jährlichen Fabrikation falscher Haare in ganz Frankreich 130,000 Kgr. Haare zur Verwendung kommen, die also die Last von beinahe vier Güterzügen reprasentiren. Hierbei ist zu beachten, daß diese Haare von lebenden Personen, die dieselben verkaufen, ober von tobten, beiten man sie abgeschuitten, betrübten; außerdem gibt es noch eine andere Kategorie von Haaren, auf die wir weiter unten zu sprechen kommen. All' diese bearbeitete, gekämmte und gerollte, in Cbignons, Periücken, breite und schmale Flechten, in Diademe und alle möglichen Formen gebrachte Hsarwaare wird fast allein von England und den Vereinigten Staaten absorbirt, ein Export, der beinahe die Summe von iy2 Millionen Franken einbringt. Man mutz wirkt ch staunen, datz diese gewaltige Menge von Haaren, in allen Ländern und in Frankreich selbst von lebenden und tobten Personen „geerntet," für das Bedüriniß ber Mobe und die überspannten Forberungen, die bas schone Geschlecht an den Haarschmuck stellt, noch nicht ausreicht. Ja, diese 130,000 Kilogramm, diese Berge von Haaren, genügen dem Consum bei weitem nicht: man hat deshalb noch eine zweite Quelle für diesen Industriezweig gesucht und sie zunächst in Paris und bann in einioen anderen grotzen Städten gesunden. Die tausend kleinen Gewerbe von Paris, von denen uns durch das kleine Buch Prioat-d'Anglernonts, dieses emeri- ttrten Pariser Zigeuners, Kunde geworden, sind gar nichts neben ber hier in Frage stehenden Industrie. Möge der freundliche Leser selbst urtbeilen. Der nächtliche Philosoph von Paris, der Lumpensammler, ist ber aushelfende Lieferant der Stosse, - die für den Kopfschmuck unserer weiblichen Stutzer nothwendig sind. Seht Euch in seinem schmutzigen Sack diese kleinen Bündeln Papierpackete an: es sind die Residuen > ber Toilette von Paris. Zunächst die Haare der Bürgermädchen. Sie ziehen sie vom Kamm, rollen sie zusammen, wickeln sie in Papier und werfen sie in den Straßen- j kehricht. Die Dienstleute, welche die höheren Stockwerke bewohnen, werfen die ihrigen achtlos aus dem Fenster; sie fallen auf die Straße, das Wasser des Rinnsteins ober ber Straßenschmutz faßt sie und hält sie fest, bis ber Lumpensammler sie nach und nach einfängt. Du glaubst, lieber Leier, baß diele Haare nicht werth sind, mit der Zange angefaßt zu werben. Da bist Du schön im Jrrthum. Aus biesem häßlichen Abfall fabricirt man diese üppigen Flechten, von jeder beliebigen Farbe und Lange, für die Frauen, unb diese verführerischen Toupets für die mehr galanten als verständigen Seladons. Diese scheinbar werthlosen Abgänge werden mit 5 bis 6 Francs das Kilo- ! stramm verkauft. Für ihren Ankauf gibt es besondere Lumpensammler, die ihre Waare bann wieder an die kleinen Hacuhandler verkaufen, von denen sie bearbeitet und an die Engroß-Hänbler abgegeben werden. Von diesen gelangen sie theils an die Pariser Perrückenmacher unb Coiffeure, theils in die Provinz und in's Ausland. Durch eine derartige Industrie ist es möglich, baß ber Hanbel Frankreichs für ben inneren Bebarf unb ben Export Tausende der geschmackvollsten Chignons zu liefern vermag.
Aus Wilna wird geschrieben: Auf dem in unserer Nähe gelegenen großen i Rittergute Wielkidmor ereignete sich vor einigen Tagen ein trauriger »Fall. Die junge bildschöne Gräfin Josefine Jelenska, Gemahlin des Besitzers, erschoß sich mittelst eines j Revolvers in Gegenwart ihres Gemahls, weil derselbe ihren wiederholt geäußerten Wunsch „mit ihr nach Paris zu gehen unb dort ein Haus zu machen", aus finanziellen Gründen rrft im nächsten Jahre erfüllen zu können erklärte. Eine bezeichnende Frucht der Erziehungsweife polnischer Aristokratie!
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Eingesandt.
Die Post- und Telegraphenämter sind durch Verfügung vom 28. März angewiesen, folgende Münzen ohne Beschränkung des Betrags anzunehmen:
Die 1/12 Thalerstücke Braunschweigischen - Lüneburgischen und Hannöverschen GeprägeS (Roßchen) die abgeschliffenen ober undeutlich gewordenen preußischen Vir Thalec- stücke, Vis Thalerstücke, Zweipfennig- und Einpfennigstücke, Va Thalerstücke und btt älteren Vs Thalerstücke.
Trotzdem vorstehende Verfügung nicht mißzuverstehen ist, kommt es täglich vor, daß am Schalter ber hiesigen Filial-Post bte Annahme obiger Münzforten auf die kürzeste Art verweigert wird, während in anderen Städten die Umwechslung anstandslos geschieht.
Sollte es scheinen, als ob für Gießen das Zeitalter eines Deutschen Reichs-Pofi- und Teleqraphenamtes noch nicht gekommen ist?
Bebufs Verminderung von Schreibereien und Jncaffokosten er suchen wir die geehrten Inserenten dringend, kleinere Inserate bei der Aufgabe gefälligst baar bezahlen zu wollen.
Expedition deS Gietzener Anzeigers.


