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Samstag, den 18. November

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Anzeige - uni Amtsblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Expeditionr Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.

Peci. vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mgrk 50 Pf.

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Berlin, 14. November. Der Criminal- Commiffar v. Meerscheidt- Hülleffem ist, wie wir hören, gestern von seiner geheimen Sendung aus Mar­pingen hierher zurückgekehrt, nachdem er die Anstifter des dort veranstalteten groben Betrugs, unter ihnen, wie es heißt, dieMutter Gottes" selbst, er­mittelt und hinter Schloß und Riegel gebracht, sowie überzeugendes Beweis­material für. die demnächstigen gerichtlichen Verhandlungen beschafft hat.

Berlin, 15. November. DieProv.-Corresp." schließt einen längeren Artikel über die Reichs-Justiz-Gesetze mit dem Satze, die Summe der Bedeu­tung Dessen, worüber der Reicksrag mit den Regierungen einig, sei zu groß und gewaltig, als daß man es für möglich halte, daß sie an den noch bestehenden Differenzen scheitern könne. Der Gewinn für die deutsche Nation bestehe nicht isi diesem oder jenem einzelnen Punkte, sondern in dem ganzen großen Merke. Mer auf dieses Ganze den Blick richte, werde an die letzte Berathung mit der Ueberzeugung und dem Willen herantreten, es müsse gelingen; darum werde es gelingen.

Berlin, 15. November. Reichstag. Der Reichstag verwies in seiner heutigen Sitzung den Gesetz-Entwurf, die Feststellung des elsaß-lothringischen Landes-Haushalts pro 1877 betr , in erster Lesung nach längerer Debatte, an welcher sich die Abgg. Winterer, Gerber und der Bezirks-Präsident von Lothrin­gen, v. Puttkamer, betheiligten, an eine besondere Commission. Für die mor­gige Sitzung stehen eine Reche kleinerer Gesetze auf der Tagesordnung.

Berlin, 16. November. Die Reichstags-Wahlen, so schreibt dieBerl. Aut. Corresp.", werden in der Zweiten Woche des Januar 1877 stattfinden. In den meisten Wahlkreisen ist die Wahlbewegung schon seit Monaten im Gange und sind von den verschiedenen Parteien sogar schon ganz bestimmte Candidaten in Aussicht genommen. Jetzt ist di«' Zeit gekommen, wo mit der eigentlichen Wahlorganisation, falls diese noch nicht in die Hand genommen sein sollte, der Anfang gemacht werden muß, damit dieselbe bis zu der Unterbre­chung, welche für die politische Thätigkeit durch die festliche Zeck am Schluffe dts Jahres regelmäßig eintritt, vollständig abgeschlossen ist. Wir richten an alle Diejenigen, welche mit uns eine stetige Entwickelung im Reiche für das dem Wohl des Vaterlandes allein Ersprießliche halten, die dringende Bitte, in der den örtlichen Verhältnissen entsprechenden Weise auf die Wählerschaft da­hin zu wirken, daß dieselbe sich in allen ihren Schichten mit dem Bewußtsein der Verantwortlichkeit für den Ausfall der Wahlen erfüllt, damit nicht durch die Lässigkeit der Wähler den reichstreuen Parteien und unter ihnen insonder- hert der liberalen Partei Wahlsitze entgehen, die bei der entsprechenden Rührig­keit derselben erhalten oder gewonnen werden können. Diejenigen Parteien, deren Candidaten überall und unter allen Umständen zu bekämpfen sind, haben ihre Parteigenoffen durch eine straffe Organisation derartig disciplinirt, daß ihnen wohl keine Stimme, auf welche sie überhaupt zählen können, anders als aus absoluten Hinderungsgründen für die betr. Person verloren gehen wird. Es ist daher dringend geboten, bei der Organisation der liberalen Partei in den einzelnen Wahlkreisen Nichts zu versäumen, was zur Sicherung des Er­folges beizutragen vermag.

Berlin, 16. November. In der gestrigen Sitzung der nattonalliberalen Fraction des Reichstags wurde nahezu einstimmig beschlossen, den Vorschlägen der Reichs-Justiz-Commission bezüglich der Frage der Handelsgerichte bei­zutreten.

Berlin, 16. November. Rußland beabsichtigt, auf der Vor-Conferenz außer der Friedens-Frage zwischen der Pforte und ihren Vasallen-Staaten die Garantie-Frage zu stellen. Mißlingt die Verhandlung, soll Jgnatieff die Con- ferenz verlassen, andernfalls aber die Überreichung einer Collectiv-Note an den Großvezir und die Eröffnung der Schluß-Conferenz mit Hinzuziehung der tür­kischen Diplomatie befürworten. Ein Kurier mit einem Handschreiben des Czaren an die Königin Victoria ist in London eingetroffen.

Königsberg, 15. November. DieOstpr. Ztg." enthält eine Bekannt­machung der ostpreußischen Südbahn, daß nach den Stationen der Kiew-Brester Eisenbahn und darüber hinaus bis auf Weiteres nur Eilgut-Sendungen zu­lässig sein.

Kcsterreich.

Wien, 15. November. Die Mitthetlungen hiesiger Blätter über angeb­lich erfolgten innigeren Anschluß Oesterreichs an England, welchen eine gegen Rußland gerichtete Spitze gegeben wird, werden auf türkische Quellen zurückge­führt. In diplomatischen Kreisen ist Nichts bekannt, was diese Version bestä­tigt. Ein Special - Bevollmächtigter Oesterreichs zur Conferenz ist noch nicht ernannt.

Wien, 15. November. DasFremdenblatt" schreibt, es glaube an die Aufrichtigkeit der FriedenS-Betheuerungen, mit welchen Fürst Gortschakoff die Mobilmachung begleitet, Angesichts der Gesinnung des Kaisers Alexander und des eigensten Interesses Rußlands, nicht ifolirt einen Krieg zu beginnen. Oesterreich habe keinen Anlaß zu außerordentlichen Maßregeln.

DiePolit. Corresp." resumirt in ihrer Petersburger Korrespondenz die Garantieen, welche Rußland für die Durchführung der Reformen in den tnsurgirten Provinzen als unerläßliche Forderungen zu stellen beabsichtigt: Ent­waffnung der gesamnnen Bevölkerung Bosniens, der Herzegowina und Bulga­riens ohne Glaubens - Unterschied; Reorganisirung der Local-Polizei unter Zu­lassung der christlichen Bevölkerung; Abschaffung der irregulären türkischen Truppen ; die Transferirung der in Europa angesiedelten Tscherkeffen nach Asien; Verwendung von nur eingeborenen, aus Wahlen hervorgegangenen Beamten; die bisherige Zehent-Verpachtung soll einem gerechteren Steuer-Systeme Platz machen, die Landessprache bei den Aemtern und Gerichten eingeführt werden und für jede der drei Provinzen ein eingeborener Christ als Gouverneur von der Pforte ernannt werden. Ferner soll eine permanente Ueberwachungs-Com- mission. aus den Confuln der Großmächte bestehend, eingesetzt werden.

Wien, 15. November. Es wird das baldige Eintreffen eines hervor­ragenden englischen Staatsmannes in besonderer Mission hier in Aussicht ge- stellt. Die Pforte hat der Abhaltung der Conferenz in Konstantinopel bedin­gungslos zugestimmt.

Wien, 16. November. Ein hochofficiöses Petersburger Schreiben in derPolit. Corresp." führt aus, wie nach der Niederwerfung Serbiens Ruß­land die Rolle als Erlöser der Rajah in der Türkei spielen muffe, und erklärt als die wichtigste Aufgabe der Botschafter-Conf-renz, falls solche zusammentrete, die Regelung der Garantie-Frage. Vor dieser treten alle anderen in den Hin­tergrund ; sei erst sie gelöst, so sei auch der schwierigste Theil der Arbeit ge- than. Mit Spannung erwarte das russische Volk die Entschließungen des Kaisers. Stellungnahme in der Garantie Frage sei eine Forderung der russi­schen Volkspolitik, die das russische Cabinet'zu einer eigenen mache. Nachdem die Pforte wiederholt erfolglos eine directe Verständigung mit Rußland gesucht, sei die beabsichtigte Reise des Großvezirs abgelebnt worden. Das russische Cabinet halte zu fest an dem Drei Kaiser-Bunde, als daß es eine eigenmächtige einseitige Politik treibe. Jndeß laufen neben den diplomatischen Verhandlungen militärische Voibereitungen einher. Tie Armee sei vollständig schlagfertig, die Festungen armirt, die Küstenwache vollständig organisirt, jeder Posten besetzt, der Generalstab jedes Einzelcorps ernannt.

Wien, 16. November. Die Direktion der Galizischen Karl Ludwigs- Bahn zeigt an, daß der Frachtgut-Verkehr nach Rußland via Brody und Rad- ziwilow Seitens der Kiew-Brester Eisenbahn, vom 16. November angefangen, auf unbestimmte Zeit eingestellt werde. Die Personen-Gepäck- und Eilgnt- Beförderung dauert fort. Die Odessaer Bahn hat bis auf Weiteres, angeblich wegen Verkehrsstörung, dj.e Uebernahme von Eil- und Frachtgut, mit Ausnahme von Steinkohlen, in Podwoloczyska, ft flirt.

Krakau, 16. November. An den Straßenecken Warschaus wurden polizeiliche Placate angeheftet, welche das Ansammeln von Leuten auf der Straße verbieten. Diese Kundmachung übt auf das Publikum einen deprimi- renden Eindruck. Nach einem Berichte desCzas" haben die polizeilichen und militärischen Vorkehrungen in Warschau den Zweck, unter dem Vorwande einer Verschwörung den Belagerungs-Zustand in Russisch-Polen herbeizuführen, dann können die Kriegsrüstungen daselbst ohne Controle stattfinden. An der russi­schen Grenze sind gestern Nacht die Urlauber telegraphisch einberufen und heute bereits weiterbefördert worden. Zahlreiche serbische Freiwillige kehren über Gnanica nach Rußland zurück. Auf den russischen Bahnen ab Kiew ist der Frachtverkehr seit drei Tagen eingestellt

Krarckreich.

Paris, 15. November. Im Abgeordwetenhause wurde von Helfy an den Minister-Präsidenten folgende Interpellation gerichtet: Hat die Regierung amtliche Kenntniß von der am 10. November erfolgten Enunciation des Czars in Moskau? Entspricht deren Inhalt vollständig oder doch wesentlich dem in den Zeitungen veröffentlichten Texte? Wenn die Erklärung des Kaisers wirk­lich erfolgte, welche Stellung gedenkt das Ministerium des Auswärtigen der­selben gegenüber einzunehmen ? Der Minister-Präsident v. Tisza versprach am Freitag die Interpellation Ernst Simonyi's und möglicher Weise auch die so eben von Helfy gestellte zu beantworten.

Versailles, 15. November. Der Senat begann heute die Berathung über das Armee«Verwaltungs - Gesetz und wurde die Wahl zweier ständiger Senatoren auf den 24. November anberaumt.

England.

LoudWN, 14. November. Sir George Campbell schreibt von der Türkei aus an seine Wähler und bestätigt ebenfalls die aus der Bulgarei gemeldeten Greuelthaten. In Batak seien jetzt beinahe nicht so viele Menschen, wie Mr- Baring als überlebende gemeldet habe. Sir George Campbell hofft, die eng­lische Regierung werde bei ihren Verhandlungen mit der Türkei fest und ent­schieden sein und das Land werde sie bei den Versuchen, Recht zu thun, unter­stützen. Die nunmehr uni eine neue Lesart vermehrten Mittheilungen über die bulgarischen Greuelthaten lauten so widersprechend, daß man wohl darauf ver­zichten muß, vorerst einen klaren Blick in dieser Frage zu erlangen.