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IVo» T4L. Mittwoch, den 18. Oktober totfG«
Gießener Düneiger
Jnjeigf* vnd Amtsblatt fit dm Kreis Gießen.
Erscheint tSglich mit RuL»abm« bei Ms«taas. Expeditto«r Gchulstraße, SN. B. Nr. 18.
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politischer Hh ei l.
Rußlands Wehrkraft.
lieber diesen augenblicklich hochinteressanten Gegenstand entnehmen wir der „Tribüne" das Folgende:
„Die Wehrkraft des russischen Reiches zerfällt in drei gesonderte Armeen, die europäische, kaukasische und asiatische, von denen jedoch die letztere, welche außer den irregulären asiatischen Aufgeboten nur 29 reguläre Bataillone und II eben solche Batterien umfaßt, hier uicht in Betracht kommen würde. Die unmittelbare Activmacht der ersten beiden Armeen setzt sich hingegen zusammen aus 48 Infanterie-Divisionen zu je 4 Infanterie-Regimentern, von welchen 8 Infanterie-Divisionen, und zwar eine Grenadier-Division und 7 Armee-Jufan- terie-Divisionen die Infanterie der kaukasischen Armee bilden, und 40, nämlich 3 Fuß-Garde-, 3 Grenadier- und 34 Armee-Infanterie Divisionen der europäischen Armee angehören, wovon die 12 Garde-Jnfanterie-Regimenter der europäischen, und die 4 Grenadier-- und 28 Armee-Jnfanterie-Regimenter der kaukasischen Armee bereits zu je 4 Feld-Bataillonen formirt sind, während vorerst noch die 12 Grenadier- und 136 Armee-Jnfanterie-Regimenter der europäischen Armee nur 3 Feld Bataillone besitzen.
Noch treten hinzu für diese beiden Armeen 7 Schützen-Brigaden je zu 4 Bataillonen, von denen eine der Garde und eine der kaukasischen Armee zuge- theilt ist; 2, und im Kriegsfälle 3 Garde-, 14 Armee-Eavallerie-Divisionen, 1 kaukasische, 2 Dragoner- und 1 selbstständige Don - Kosaken - Division, oder zusammen 19 Cavallerie-Divisionen zu je 4 Cavallerie-Regmientern, von denen die Garde- und Armee-Cavallerie Regimenter je 4 Feld-EscadronS besitzen und die 20 dabei eingetheilten, jetzt zur regulären Cavallerie gehörigen donischen Kosaken-Regimenter zu je 5 Söhnen (schwache Escadrons, wörtlich übersetzt: Abtheilung von 100 Reitern) formirt sind; 48 Fuß-Artilierie-Bngadeu zu je 6 Batterien, oder insgesammt 288 Fuß-Batterien je zu 8 Geschützen, wovon sich 246 Batterien der europäischen und 42 der kaukasischen Aimee überwiesen befinden, und wozu bei der erstgenannten Armee noch 34 reitende Batterien zu je 6 Geschützen hinzutreten, und endlich noch für diese Armee 60, für jene 12 Pontoumer-, Sappeur- und Genie-Compagnieu.
Die unmittelbar zur activen Verwendung bereite russische Streitmacht begeht somit aus 192 Jnfauterie-Regimeutern und 7 Schützm-Bngaden mit zu- ammen 648 Batailloueu, 76 Cavallerie-Regimenteru und 322 Fuß- und rei- endeu Batterien mit 2508 Feldgeschützen, wovon 132 Bataillone, 4 Dragoner- Regimenter unb 42 Fuß Batterien mit 336 Geschützen den regulären Theil der kaukasischen Armee bilden, und 516 Batailone, 72 Cavallerie-Regimeuter und 280 Baterieu mit 2172 Geschützen auf die europäische Armee koinmen. Diese letzte Armee kann außerdem mit jedem gegebenen Moment durch das erste und zweite Reserve-Don-Kosaken Aufgebot mit zusammen 40 Kosaken-Regimentern je zu 5 Sotnien und 14 Kosaken-Batterien je zu 6 Geschützen verstärkt werden. Die Errichtung von vierten Feld-Bataillonen bei den hiermit noch nicht versehenen 148 Infanterie-Regimentern der europäischen Armee sollte von diesem Jahre ab erfolgen, und ist nach übereinstimmenden Mitheilungen in voller Ausführung begriffen. Die Ofensivstärke der russisch-europäischen Armee würde sich durch das Hinzutretew dieser dien- und Reserveformationen auf 664 Bataillone, 510 Sotnien und Escadrons und 294 Batterien mit 2256 Geschützen erhöhen, und dieser Heeresstand eine Kriegsformation in 20 aetive und 6 Reserve-Armeecorps, oder, wie die russische Bezeichnung dafür lautet, Jnfauterie- corps, 18 Armee-Cavallerie und noch 10 Dou-Reserve-Kosakm-Divisionen gestalten. Andererseits sind der russisch-kaukasischen Armee an irregulären Truppen noch die Kosaken Woiskos vom Terek und Kuban mit zusammen 15 Ko- sakeu-Regimentery je zu 5 Sotnien, 2 Kosaken-Scharfschützen-Bataillouen und 7 Kosaken-Baterien je zu 8 Geschützen zugeiheilt, welche für den Kriegsfall durch ihre Reserve-Aufgebote auf 45 Kosaken-Regimeuter, 11 Kosaken-Scharf- schützen-Bataillone uud 15 Kosaken Batterien verstärkt werden können.
An Garnison-Local- und Linieutruppen (diese letzte Bezeichnung hat in der russischen Armee eine von allen andern Armeen abweichende Bedeutung, und sind die russischen Linien-Bataillone zwar Feldtruppen, daneben aber noch eine Art Provin- zia truppen) sind gegenwärtig nur noch 24 Garnisou-Batailloue, ein Leibgarde-Re» serve-Reg. zu 3 Bataillonen, eine unbestimmte Anzahl Local-Commandos und 34 Linien-Bataillone vorhanden, von welchen 25 Bataillone nächst 4 turkestanischeu Schützen-Bataillonen die reguläre Infanterie der russisch-asiatischen Armee bilden. Für den Kriegsfall erfahren jedoch die 24 Garnison Bataillone eine Erweiterung zu 96 Bataillonen und wirb bei jebem der 164 Armee Jutfanterie Regimenter je ein Reserve Bataillon, bei sämmtlichen 192 russischen Infanterie-Regimentern unb bei jeder der 7 Schützen-Brigaden aber außerdem noch ein Ersatz-Bataillon formirt. Bei der russischen Cavallerie bildet mit Eintritt eines Krieges die fünfte von jedem regulären Cavallerie-Regiment in der Garnison zurückgelassene Escadron besten Ersatztruppe. Eudlich sollen für ben gedachten Fall noch jedem Armee-Jnfanterie-Regiment 2, und später 3 Druschinen (Bataillone) der Reichswehr hinzutreten, welche unserer Landwehr entspricht, bereu Aufstellung jedoch mindestens in ihrem Haupttheil vorerst nur ans noch nicht ausexercirter Maun- fchaft erfolgen könnte.
Der Stand an Garnison-, Reserve-, Ersatz- unb Landesvertheidigmrgs- Truppen stellt sich somit, excl. der der asiatischen Armee zugetheilten Bataillone, auf 799 Bataillone, 76 Escadrons. Der Gesammtstand der russischen Kriegsmacht würde sich hingegen mit Einschluß der nach vorigem Nachweis, incl. ter Neu- uud Reserveformationen, aus 803 Bataillonen, 751 Sotnien und Escadrons und 351 Batterien bestehenden beiden Feldarmeen zu 1602 Bataillonen unb 826 Sotnien und Escadrons berechnen, deren Kopfstärke zu 1,600,000 )is 1,800,000 Manu, wo nicht bei dem vollen Aufgebot der Druschinen der Reichswehr und mit Inbegriff ter Specialwaffen, der Stäbe, des Trains rc. zu über 2 Millionen Combattanteu angenommen werden kann. In wie weit die vollen Etatszahlen der Kriegsstärke selbst auch nur bei den russischen Felb- truppen jetzt bereits erreicht werden können, muß allerdings abgewartet werden.
Was die Bewaffnung unb Geschützausrüstung der russischen Armee betrifft, so waren Anfang dieses Sommers bereits tie 3 Fuß Garde- und 13 Grenadier- und Armee-Infanterie Divisionen, wie sämmtliche Dragoner und ein großer Theil der activen Don-Kosaken-Regimenter mit dem vortrefflichen neuen Berdan-Gewehre ausgerüstet. Von den hierbei noch unberücksichtigt gebliebenen activen Infanterie-Divisionen führen die der europäischen Armee bas Kruka- die der kaukasischen das Karle-Hinterlade-Gewehr. Die Bestände an Berdan- uud Kruka-Gewehrcn werden als ausreichend angegeben, um auch noch die vierten Feld-, die Reserve- und Ersatz-Bataillone damit ausrüsten zu können.
Die Artillerie ist, mit einziger Ausnahme der kaukasischen Kosaken Bat- terien, mit Gußstahl- unb Bronce-Hiuterladungsschützen Krupp'scher Construc- ion ausgerüstet. Die leichte Cavallerie führt zum Theil schon Verbau-, zum Theil noch Krnka-Carabiner. Das Eisenbahnnetz in den südwestlichen und westlichen Provinzen des europäischen Rußlands, wie auch im Centrum des Reichs, erweist sich genügend entwickelt, um nach den bezeichneten Richtungen eine ziemlich rasche Concentration der russischen Streitkräfte, wie die ausreicheu- ven Verpflegungs- unb Nachschubsverhältnisse für dieselben sicherzustellen.
Wie unendlich die russische Streitmacht derjenigen der Türkei überlegen .st, bedarf nach dem Vorstehenden keiner besonderen Hervorhebung."
Darmstadt, 14. October. Der Finanz-Ausschuß der zweiten Kammer )ält beute abermals eine Sitzung ab. Gegenstand seiner Berathung bildet die Vorlage Großh. Staatsregierung, die Errichtung eines Justizgebäudes in Gießen betreffend.
Darmstadt, 15. October. In unserem Lande haben bis jetzt nur 46 Gemeinden von dem ihnen zustehenden Rechte, die Hunde mit einer Com- munalabgabe zu belegen, Gebrauch gemacht. Die Mehrzahl der Gemeinden erhebt indeß uicht das zulässige Maximum von 5, sondern nur 2, resp. 3 Mk.
Darmstadt, 15. October. Se. König!. Hoheit der Großherzog empfingen heute Vormittag um halb 9 Uhr den General der Infanterie und Commandeur des 11. Armee-Corps Herrn v. Bose in längerer Audienz.
Darmstadt, 16. October. Der Gesetzgebungs - Ausschuß der zweiten Kammer hat das Ansuchen des Landes-Lehrer-Vereins, dahin gehend, daß bei Pensionirung der Lehrer die Anschlags-Summe der Natural-Wohnung, bezw. die geleistete Wohnungs-Vergütung in das pensionsfähige Gehalt mit eingerechnet werde, im Einverständniß mit der Regierung abgelehnt, weil solches nicht den sonst üblichen Bestimmungen über Dienst-Wohnungen entspricht und außerdem dadurch der Schullehrer-Pensions-Fonds dermaßen belastet würde, daß eine Aenderung seiner Dotation nothwendig wäre.
Berlin, 15. October. Fürst Bismarck, der sich nach den neuesten Nachrichten aus Varzin Wohler befindet als seit Jahren, denkt für jetzt noch nicht daran, sein Tusculum zu verlassen. Er hat kürzlich sich dahin ausgesprochen, der Reichstag würde im Stande sein, die wenigen ihm für diesmal vorliegenden Aufgaben zu erfüllen, wenn er auch erst Mitte November zusammenkäine.
— Sowohl beim Reichstage als beim Bundesrathe sind von den verschiedensten Seiten für und wider die Aushebung der Eisenzölle vom 1. Jan. 1877 zahlreiche Petitionen eingegangen. Im Bundesrathe sind, wie wir hören, dieselben an die Ausschüsse verwiesen, dort aber noch nicht berathen worden. Man glaubt in bundesräthlichen Kreisen nicht daran, daß die Regierungen in eine Aufschiebung des Gesetzes willigen werden, hält dagegen nicht für unmöglich, daß einige Maßnahmen getroffen werden, um das Uebergangs-Stadium zu erleichtern.
Berlin, 15. October. Die Corresp. „Stefani" bringt — ihren früheren Miktheilnngen widersprechend — folgende Nachricht: „An die deutschen Bischöfe sind Instructionen abgegangen, daß sie, ohne ihren Pflichten ungetreu zu werden, Alles vermeiden sollen, was sie mit der Regierung in Conflict bringen könnte. Wenn die deutsche Regierung andere Tendenzen zeigte, wäre der heil. Stuhl nicht abgeneigt, den Cardinal Ledochowsky in seiner Eigenschaft als Erzbischof von Posen durch einen andern, nicht compromittirten Prälaten zu ersetzen."


