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Berlin, 10. März. In Sachen der erwarteten Vorlage wegen der Reichsbahnen war heute das Gerücht verbreitet, die Regierung «erde auch die Ermächtigung nachsuchen, Privatbahnen für den Staat zu erwerben. Dies be­darf indessen um so mehr der Aufklärung, als jene Ermächtigung im Allgemei­nen schon jetzt besteht und von Fall zu Fall die nothwendige Zustimmung der Kammern wegen der Bedingungen nachgesucht werden kann. Vielleicht ist das Gerücht auch nur aus interessirten Kreisen verbreitet.

Wiesbaden, 11. März. Aus Eaub trifft die Nachricht ein, daß da­selbst in der vergangenen Nacht ein Bergrutsch 8 Häuser verschüttet hat. Man rechnet, daß 26 Menschen dabei um's Leben gekommen sind- Die Bahnverbin­dung ist unterbrochen.

Wiesbaden, 11. März. Nach Eaub sind anläßlich des gemeldeten Unfalls von Mainz und Coblenz aus Pioniere abgegangen. Im Kreise Bie­denkopf ist in Folge eines stattgehabten Wolkenbruchs die Lahn über ihre Ufer getreten, so daß die anliegenden Oertlichkeiten überschwemmt sind.

Caub, H. März, Vormittag- 11 Uhr. Die Pioniere von Coblenz und Mainz sind eingetroffen. Von den verschütteten Personen sind 3 lebend, 5 todt zu Tage gefördert, noch sind 21 verschüttet. Man befürchtet weiteren Bergsturz.

München, 10. März. Die Clericalen in München sind über ein Vor- kommniß an der Universität München, das sie übrigens selbst durch eine Tact- losigkeit sonder Gleichen provocirt haben, sehr erbittert. Die ultramontanen Professoren der theologischen Fakultät hatten nämlich die Profefforen v. Döllin­ger und Friedrich in einer Zuschrift gebeten, sie möchten bei dem Promotions­act eines Doctoranden nicht erscheinen, weil sonst zu besorgen stehe, der in Gegenwart von zwei nominatim excommunicirten Fakultätsmitgliedern crtheilte theologische Doctorgrad werde kirchlicherseits nicht anerkannt und dem also Promovirten würden die Vorrechte nicht zugestanden werden, welche die Kirche an den theologischen Doctorgrad geknüpft hat. In dieser Bitte erblickten die zwei genannten Herren mit Recht eine widerrechtliche Ausschließung vom Pro- inotionsact, weshalb sie beim Universitätsrectorat Beschwerde erhoben. Letzteres erklärte dem Decanate, wenn nicht Alles, was Gesetz und Herkommen bezüg­lich der theologischen Promotionen verlange, erfüllt werde, so könne der Rector als Pro-Kanzler der Universität die licentia promovendi nicht ertheilen. Dazu aber wollten sich die ultramontanen Fakultätsmitglieder nicht verstehen; daher trennte der Fakultätsdecan die DoctordiSputatton von dem Promotionsact, welcher nunmehr verschoben bleibt, bis die von den Profefforen v. Döllinger und Friedrich angeregte Rechtsfrage entschieden sein wird.

Oesterreich.

Innsbruck, 11. März. Der Statthalter hat im Auftrage des Kaisers gestern den Landtag von Tyrol wegen pflichtwidrigen Benehmens der Mehrheit seiner Mitglieder geschloffen.

Zara, 9. März. In Folge besonderer Weisung Andrassy's reist der Statthalter von Dalmatien, Feldzeugmeister v. Rodich, abermals nach dem Jusurrections-Gebiet, um mit dem türkischen Gouverneur des Vilayets zu conferiren.

Kossand.

Haag, 10. März. Aus Atschin wird gemeldet: Die Truppen haben nach heftigem Widerstande der Atschinesen Lambaroe genommen. In Kajölo wird ein Fort errichtet. Der Gesundheits-Zustand der Truppen ist besser.

Irankreich.

Paris, 10. März. Die Seine, die seit gestern um weitere Od0 M. gestiegen, hat jetzt eine Höhe von 6,20 M. Alle Keller der Häuser an den Quais haben jetzt beinahe einen Meter Waffer. Man befürchtet den Einsturz von Häusern in den niederen Stadttheilen und der Umgegend, die jetzt seit 10 Tagen überschwemmt sind. Die Befürchtungen, daß der Wein in dem Entrepot von Berrey zu Grunde geht, sind groß. Das Regenwetter dauert immer noch fort.

In Bayonne will man eine spanische Verschwörung entdeckt haben, an deren Spitze der gegenwärtig in Paris lebende frühere Minister Ruiz Zorrilla stehen soll. Es wird behauptet, daß dieser mit carlistischen Flüchtlingen unter­handelt haben soll, um sie zu bewegen, mit den republikanischen Intransigenten gemeinschaftliche Sache zu machen und einen Aufstand hervorzurufen. Ob die Angaben gerade in Bezug auf Zorrilla sich bestätigen, muß man abwarten. Don Carlos hat alle hervorragenden carlistischen Führer nach London berufen. Sein Bruder Alphons und dessen Frau sind bereits dorthin unterwegs.

Paris, 10. März. Das officielle Blatt bringt folgende, auch Deutsch­land interessirende Note:Seit einigen Tagen veröffentlichen französische Blätter Anzeigen, welche auf fremde Lotterieen, namentlich auf die Hamburger, Bezug haben. Es ist gut, bei dieser Gelegenheit daran zu erinnern, daß nach dem Art. 4 des Gesetze- vom 21. Mai 1836, welches die Lotterieen verbietet, die in dem Art. 410 des Strafgesetzbuches angegebenen Strafen gegen die Agenten der französischen Lotterieen oder der Operationen, die ihnen gleichgestellt sind, angewandt werden; andererseits ist auch der Art. 411 des nämlichen Gesetz­buches anwendbar auf die, welche Lotterieloose colportiren oder vertheilen, sowie aus die Personen, welche durch Bekanntmachungen, Anzeigen, Anschlagzettel und durch irgend ein anderes Mittel der Veröffentlichung von der Existenz der ge­nannten Lotterie Kenntniß geben oder die Ausgabe der Lotterieloose erleichtern." Dem sei hinzugefügt, daß die Aufmerksamkeit der Behörden auf die fremden Lotterieen durch die Berichte gelenkt worden ist, welche deutsche Lotterieloose- Händler in Hamburg an die französischen Schullehrer gerichtet haben, um die Adressen bemittelter Einwohner zu erhalten. Französische Blätter haben in ihrer Herzenseinfalt denn die war es wohl mehr noch als Bosheit hinter diesen Hamburger Briesen Bismarckffche Spionirmanöver gewittert.

Versailles, 9. März. In den Bureaus der Deputirten-Kammer sind zu Vorsitzenden gewählt 6 Deputirte von der Linken, 2 von der äußersten Linken und 3 vom linken Centrum; in den Bureaus des Senats 4 Republikaner und 5 Conservative. In der Deputirten-Kammer sprach Grevy seinen Dank aus und erklärte, er werde eifrig die Würde und das Ansehen der Kammer be­wachen und die Verhandlungen unparteiisch leiten.

ZLetgien.

Brüssel, 10. März. Die Flucht des General-Secretärs der belgischen Bank bestätigt sich; er hat, wie man erzählt, ein ungeheures Deficit in der

Depositen-Cafle dieser Anstalt hinterlaffen. Die Börse ist sehr aufgeregt. Die Actlen der Bank haben eine starke Entwertung erlitten. Ein Polizei-Beamter ist zur Verfolgung des Flüchtlings nach London abgegangen.

Brüssel, 10. März. Der derBanque Belgique" durch Veruntreu««, gen einet! Beamten zugefügte Verlust erreicht nach den bisherigen Ermittelunani bereits die Höhe von 6 Mill. Frcs.

England.

London, 9. März. Im Unterhause kündigte Campbell einen Antrag auf eine Resolution an, wonach es inopportun für England sei, an irgend welcher Abmachung zur Erleichterung der Aufnahme einer Anleihe Seitens des Khedive theilzunehmen.

London, 9. März. Der deutsche Torpedo-DampferZiethen" ist heute in Blackwall vom Stapel gelaffen und darauf zum Zwecke des Einsetzen- der Maschinen nach Deptford bugsirt worden.

London, 9. März. Ueber die Aussage des französischen Lootsen bei den gestrigen Verhandlungen der Leichenschau-Jury zu Poplar über den Unter, gang desStrathclyde" wird weiter berichtet: Derselbe sagte aus, daß der Capitän derFranconia" kurz vor dem Zusammenstoß mit demStrathclyde" den Befehl gab, zu stoppen und die Maschine mit voller Kraft rückwärts gehen zu lassen. Sobald die Maschine rückwärts in Gang gebracht war, befahl der Capitän, das Ruder nach Backbord zu legen und rief demStrathclyde" zu, abzuhalten. Von dem Augenblick, wo der Befehl zum Stoppen gegeben wurde,' bis zu dem Moment, wo die Maschine rückwärts ging, vergingen drei Minuten. Alsdann erfolgte der Befehl, die Boote auszuschwingen- Der englische Lootse forderte den Capitän, ehe dieser nach vorn ging, auf, das Schiff mit voller Kraft Vorgehen unb das Ruder Backbord legen zu laffen. Nach der Meinung des französischen Lootsen hätte der engliche Lootse nicht seine volle Ruhe be. wahrt. Die Mannschaft derFranconia" sei sofort zu den Booten gegangen. Als derStrathclyde" in so drohende Nähe gekommen wäre, hätte dieFran- conia" stoppen und rückwärts wenden müssen; wäre das Ruder derFranconia" nach Steuerbord gelegt worden, so würde dies das Schiff unter den obwal­tenden Umständen nach Steuerbord abgelenkt haben. Der Capitän habe nie die Besonnenheit verloren. Die Mannschaft sei nicht in Verwirrung gerathen. Zur Zeit des Zusammenstoßes habe der Capitän, nach demselben der englische Lootse das Commando gehabt. Der hierauf vernommene Quartiermeister Carl Bentin und der assistirende Quartiermeister Johann Peter Helck bestätigten den Empfang und die Ausfübrung der ihnen gegebenen Befehle zum Steuern.

London, 10. März. Die Todtenschau-Jury in Poplar hat nunmehr ein im Wesentlichen gleiches Verdict wie die Dealer gefällt. Capitän Kuhn von derFranconia" wird der fahrlässigen Tödtung schuldig erklärt, da durch seine strafbare Schiffs-Führung der Zusammenstoß mit demStrathclyde" ver­ursacht sei; indeß sei sein Verhalten in hohem Maße durch den britischen Lootsen beeinflußt worden, dessen Betragen ernsten Tadel verdiene. Dagegen wird den Boots-Leuten von Deal Lob ertheilt. Capitän Kuhn ist gegen Caution auf freiem Fuß belassen.

London, 10. März. Im Unterhause beantragte Disraeli die zweite Lesung des Gesetz-Entwurfs über die Annahme eines neuen Titels Seitens bei Königm und theilte dabei mit, die Königin werde ihren übrigen Titeln noch den TitelKaiserin von Indien" beifügen. Samuelson beantragte hierauf die Vertagung der Berathung. Nach lebhafter Debatte, in welcher Gladstone sich gegen die Annahme des Titels als Kaiserin aussprach und es tadelte, daß Die1 übrigen Colonien im königlichen Titel nicht berücksichtigt würden, wurde der Antrag auf Vertagung mit 284 gegen 31 Stimmen abgelehnt und die zweite Lesung beschlossen.

Spanien.

Madrid, 10. März. König Alphons ist in Vittoria angekommen und mit Ovationen empfangen worden.

Iumänien.

Bukarest, 10. März. Die Deputirten-Kammer hat mit großer Majo­rität den von der Minorität ihres Ausschusses empfohlenen Finanzplan ver­worfen , wonach der Negierung anstatt der von ihr geforderten Anleihen von 30 Millionen zur Deckung des Deficit- und 50 Millionen zu Eisenbahnbauten nur provisorisch eine Anleihe von 12 Millionen bewilligt werden sollte.

L o k a l - 9t o t i z.

Gießen, 13. März. Man sollte bald meinen, der Welt Untergang sei nahe. Wochenlang Regen und Nichts als Regen, in Folge dessen ein permanenter Wasserstand wie er sonst nur bet plötzlichem Eisgang war- und um allem diesem Ungemach die rtrone aufzusetzen, hatten wir gestern Nachmittag und heute Nacht einen Orkan, roit ein solcher seit Menschengedenken hier und in der Umgegend nicht gehaust hat. Die Verheerungen die derselbe angerichtet, sind so zahlreich, so eminent, daß sie fast nichl aufzuzählen sind. Et» Gang durch die Stadt belehrt, welche Wirkung eine solch! Windsbraut in sich birgt. Abgedeckte Dächer, heruntergefallene Schornsteine, zu hur- derten umgestürzte Bäume u. s. w. bieten sich dem Auge dar. Von allen Gegenden kommen Nachrichten über das Unwetter Die Lahn ist nun auch wieder im Steigen und wie und wann das enden wird, das weiß Gott. In der Feuerung der Stadt- kirche steht nun auch das Wasser und konnte deshalb beim gestrigen Gottesdienst nichl gebeizt werden. (Emen ausführlicheren Bericht über den Orkan werden wir in der nächsten Nummer folgen lassen). ______________________________

Wir ersuchen unsere geehrten Abonnenten vom Lande, etwaige Schäden, die her Orkan angerichtet, uns behufs Zusammenstellung derselben mirzutbeilen. Die Red.

Verwischtes.

Herborn, (an der Köln-Gießener Eisenbahn), den 9. März 1876. Auf den heutigen hiesigen Markt wurden gebracht: 417 Ochsen, 126 Kühe und Rinder, 336 Schweine. Der nächste Markt ist am 6. April l. Is

Mannheim, 6. März. Ein köstlicher Jagdproceß wurde heute dahier in zweiter Instanz verhandelt. Ein Jagdpächter, drssen Jagdvertrag am 31. Januar v- I abgelaufen war, theilte nach einigen Tagen dem Jagdaufseher mit, er habe am 1. Februar, also nach Umlauf der Pachtzeit, nicht nur noch zwei Hasen geschossen, son­dern auch noch sechs trächtige Häsinnen angeschossen. Obgleich er sich mit diesem Jägerlatein nur einen Scherz gegen den ihm zuweilen lästig gewordenen Aufseher er­laubt hatte, wurde doch auf die Aussage des letzteren ein Proceß angestrengt, in wel­chem ein Schadenersatz von 270 Mark von dem Pächter begehrt wurde. Er sollte nicht nur für 2 Hasen und die 3 Häsinnen, sowie für deren in Aussicht gestandene Descen- denz ersten Grades, sondern auch für den Wegfall der Aussicht auf mehrere weitere Grade eocnt. Würfe aufkommen! Es bedarf wohl keiner besonderen Versicherung, daß die sonderbare Klage in beiden Rechtszügen abgewiesen wurde, wobei das Mißverstehen des Jägerlateins natürlich beträchtliche Kosten dem klagenden Theile verursacht hat.

Wegen Milchfälschung wurden jüngst vor dem New-Gericht 26 Klagen gegen dortige Milchhändler erhoben. DerLaktometer", vulgo Milchprobirer, dieses schreck- liche Instrument, welches die Verfälschung so unfehlbar an das Tageslicht bringt, that^

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