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Wo. 1®. Donnerstag, den 13. Januar. 1876.
Um vorgekommene Reklamationen und Im Hilmer zu beseitigen bitten wir die geehrten Inserenten aus Stadt und Kreis Gieftea ihre Inserate gefl. uns direkt zukommen zu taffen.
Die Expedition
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags (Expedition: Schulstraße, Lit. B. Nr, 18.
tprri-z vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher H h e i l.
Bekanntmachung.
Die Arntstage des Landgerichts Gießen werden Dienstag und Mittwoch abgehalten und zwar des Vormittags von 8 bis 12 und des Nachmittags von 2 bis. i Uhr.
Gießen, den 8. Januar 1876. Großherzogliches Landgericht Gießen.
Uokitischer HHeiL
Deutschland.
Berlin, 10. Januar. Ober-Consistorialrath Twesten ist gestorben. — Der „ReichS-Anz." publicirt eine königliche Verordnung, welche den preußischen Landtag auf den 16. Januar einberuft. — Der , Reichs-Anz." schreibt ferner: Man meldet aus Konstantinopel, daß das neuliche Telegramm der „Times", wonach der Großvezir die ihm halbosficiell mitgetheilten Reform-Vorschläge Andrasty'S zurückgewiesen haben soll, jeder Begründung entbehre und auf Börsen-Gerüchte, wie sie die dortigen Bcnffe-Speculanten zu verbreiten pflegen, zurückzuführen sei.
Berlin, 11. Januar. Die Nachrichten eines auswärtigen Blattes über Indienststellung einiger deutscher Kriegsschiffe können sich gutem Vernehmen nach nur aus Vorbereitungen beziehen, welche in Kiel und Wilhelmshaven für die am 1. April 1876 in Aussicht genommene Indienststellung eines Uebungs- Geschwaders der Schulschiffe getroffen werden und alljährlich um dieselbe Zeit wiederkehren. Die Vorbereitungen müssen frühzeitig begonnen werden, weil während der Ausbildungszeit der am 1. Februar einzuziehenden Rekruten nur geringe Kräfte zur Disposition stehen.
Köln, H. Januar. Der „Köln. Ztg." wird aus Paris gemeldet, daß daselbst eine türkische Protest-Note angekommen und von dem türkischen Botschafter bereits dem Herzog v. DecazeS übergeben sei. Der Protest stützt sich nicht auf einen schon in Konstantinopel geschehenen officiellen Schritt, sondern aus das Gerücht von bevorstehenden Interventionen. Anknüpfend an diesen Umstand hat Decazes erwidert, daß der Protest wohl nicht hinreichend moti- virt sei, so lange die Türkei nicht die officielle genaue Kenntniß von den Vorschlägen habe, gegen welche sie Verwahrung einlegt.
München, 9 Januar. Wie die „Allg. Ztg." hört, hat das Münchener erzbischöfliche Ordinariat schon Anfang- December v. IS. an sämmtliche Psarrvorstände einen Erlaß, die Civilehe betr., ergehen lassen, worin dieselben u. A. dahin inftruirt werden, daß sie ave jene, welche sich mit einer Civil- trauung begnügen, so lauge von dem Empfange der Sacramente ausschließen sollen, bi- diese einer kirchlich gültigen Trauung sich unterziehen; stürben sie, ohne zuvor mit der Kirche auSgesöhnt zu sein, so sei ihnen das kirchliche Be- gräbniß zu versagen. Die Laien werden in diesem Erlaße ermahnt, die Civil- trauung nicht eher einzugehen, als bis sie sich mit ihren Pfarrern darüber verständigt haben, daß kirchliche Ehehinderniffe nicht vorhanden oder die vorhandenen gehoben sind. Ferner wird den Gläubigen an das Herz gelegt, daß sie unmittelbar nach dem Acte der Civiltrauung sich zur kirchlichen Trauung begeben mögen. Diese Instruction enthält auch die Mahnung an den Clerus: die Institution der Civilehe mit Vorsicht zu besprechen. Der Erlaß scheint das Resultat einer gemeinschaftlichen Berathung der Bischöfe zu sein, da in den verschiedenen Diöcesen Bayerns, wie allmählig zu Tage tritt, ein in der Hauptsache übereinstimmender existirt.
München, H. Januar. Das „Bayer. Vaterland" brachte die Nachricht, daß der Papst in den letzten Wochen gegen die Verletzung des bayerischen Coucordats durch das Civilehe-Gesetz, welches mit dem 1. Januar auch in Bayern in Kraft getreten ist, Protest erhoben und diesen Protest dem bayeri- rischen Gesandten in Rom habe zustellen lasten. Diese Nachricht bestätigt sich vollkommen. Allerdings wird die Ansicht von der vermeintlichen Verletzung des Concordats diesseits nicht getheilt. Ebenso findet man es bemerkenswcrth, daß d^r heil. Stuhl das fragliche Schriftstück in Rom dem bei ihm beglaubigten Grafen Paumgarten und nickt in München durch seinen hiesigen Nuncius der Staatsregierung hat zustellen lasten.
— Die von socialistischer Seite auf gestern Abend einberufene große Volksversammlung, in welcher der bekannte social-demokratische Reichstags-Abgeordnete Liebknecht sprechen sollte, unterblieb, weil die Zusage der Besitzerin
der Maximilians-Brauerei, ihren großen Saal zur Verfügung zu stellen, wieder zurückgenommen worden ist.
Kaiserslautern, 11. Januar. Beider im Wahlkreise Kaiserslautern- Kirchheimbolanden stattgehabten Abgeordneten - Nachwahl für den bayerischen Landtag ist der Candidat der Liberalen, Kaufmann und Adjunkt PH. Schmidt zu Kaiserslautern, gewählt worden.
Irankreich.
- Paris, 10. Januar. Wie „Libertö" meldet, haben die Präfekten schon begonnen, die Instructionen über das Preßgesetz anzuwenden. So hat die Alliance Röpublicaine de Saone et Loire, welche ihren Straßenverkauf nach Verkündigung des Gesetzes wieder ausgenommen hatte, denselben auf Aufforderung des Präfekten wieder einstellen wüsten, weil er den Zeitungsträgern dieses Blattes noch nicht die Erlaubniß der Vertheilung gab.
— „Opinion Nationale" schreibt: Das „Avenir Militaire" zeigt an, daß seit 1873 die Curse der deutschen Sprache in den Specialschulen wie in den Regimentern allmählig verschwinden oder vernachlässigt werden. Dagegen meldet „Temps", daß mehrere Corpschefs den unter ihnen stehenden Corps die Beobachtung der Religionöhandlungen gelegentlich der Weihnachtsfeiertage anbefohlen hatten. „Das ist eine Entschädigung!" meint „Opinion Nationale."
Paris, 10. Januar. Es ist jetzt gewiß, sagt das „Bien Public", daß der Gouverneur von Paris, so lange der Belagerungs-Zustand sortdauert, keine Erlaubniß eines neuen Tagesblattes ertheilen wird.
— Unter der Ueberschrift: „Ein Mandat" erschien gestern im „Figaro" ein anonymer Artikel, in welchem der Finanzminister Leon Say auf das Heftigste angegriffen wurde, weil er als Candidat für den Senat im Departement Seine et Oise angeblich mit offenen Feinden der Regierung gemeinschaftliche Sache gemacht hätte. Dieser Artikel rührte jedenfalls, wie man an äußeren und inneren Zeichen erkennen konnte, nicht von der gewöhnlichen Redaction des „Figaro" her; in journalistischen Kreisen hat sich aber sogar das Gerücht verbreitet, er wäre dem Blatte vom Ministerium des Innern mitgetheilt worden. Dieses Gerücht scheint nicht ganz aus der Luft gegriffen, denn der „Moniteur universel" meldet selbst, daß der Finanzminister im Laufe del gestrigen Tages zweimal von dem Präsidenten der Republik empfangen worden wäre und sich bei diesem über den erwähnten Artikel beklagt hätte.
Paris, 10. Januar. Alle Zweige der französischen Finanzverwaltung stehen seir der Räumung Frankreichs von den deutschen Truppen in einer Blüthe, wie noch nie zuvor. Dies gilt gleichmäßig für die Finanzen des Staates wie der Commnnen. So hat der Finanzabschluß der Stadt Paris aus dem Octroi (städtischen Zöllen) für das Jahr 1875 eine Einnahme von 117,944,236 Frcs. 78 Cent, gegenüber einem Voranschlag von 113 Mill. Frcs. ergeben, und die noch ausstehenden Octroireste werden diese Einnahme ohne Zweifel auf mehr als 118 Millionen erhöhen.
P aris, 10. Januar. Die gestern angedeutete Ministerkrisis ist bereits auSgebrocheu. Leon Say reichte gestern seine Entlassung ein, die Mac Mahon auch anniahm. Die Sache complicirte sich aber, da Dufaure erklärte, daß er ohne Leon Say nicht bleiben werde. Mac Mahon verweigerte Dufaure's Demission. Man schlug ihm Mathieu Bodet odsr Teistereme de Bort als Nachfolger vo-n Leon Say vor. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt, nur kam man überein, daß Leon Say's Demission heute noch nicht im amtlichen Blatte erscheinen 'werde. Wie heute verlautet, wollen auch Decazes, Wallon, Caillaux tmd Polnzei-Präfekt Leon Renault ihre Entlastung einreichen, wenn Leon Say das Cab inet verläßt. Um halb 4 Uhr sand dann ein Ministerrath statt. Der „Moniteur" versichert, daß die Krisis einen versöhnlichen Abschluß finden und Leon Say sein Portefeuille nicht abgeben werde, das sei der Wunsch Mac Mahon's. Nach diesem Blatt enstand die Krisis, weil Leon Say sich auf eine


