Ho. »90. Dienstag, den 12. December 1896.
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Anzeige- inb AmtsdlM fit len Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Expedition: Schul st raße, Lit. B. Nr. 18.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 3 Mark 50 Pf.
politisch
Zur Reform der Zahlungsweise.
Die Mittel zur Heilung der wirthschaftlicüen Krisis, in welcher wir uns seit Jahren befinden und des damit verbundenen Rückganges von Handel unb Gewerbe, sind in der letzten Zeit vielfältig der Gegenstand eingehender Erör- terung und Untersuchung gewesen. Ueberall sind ernste Bestrebungen hervorge- treten durch die als nothwentig erkannten Mittel das wirthschaftliche Leben der Nation neu zu beleben, den gesunkenen Wohlstand zu heben. Unter diesen nimmt eine Reform unserer Creditverhältnisie unzweifelhaft mit den hervorragendsten Rang ein, da der in Deutschland einzig dastehende Mißbrauch im Creditfordern und Creditgeben aus's Tiefste' in alle Verhältnisse des Verkehrslebens einschneidet. Zur Durchführung einer gründlichen Reform hat sich bereits in einer größeren Anzahl Städte, darunter Dresden, München, Liegnttz, Gotha, Cassel, Leipzig, Osnabrück u. A. eine Bewegung eröffnet, der wir uns im allgemeinen Jntereffe bereitwilligst anschließen.
Wer lasten deshalb ein tiefe Angelegenheit behandelndes Schriftstück folgen, welches die Dresdener Handels- und Gewerbekammer ohnlängst veröffent' licht hat und verbinden damit den Wunsch, daß dasselbe die Anregung dazu bilden möge, daß auch bei uns Jedermann in seinem Kreise dahin wirke, daß nach und nach Baarzahlung im Verkehr mit Detalllisten und Handwerkern ein* trete und daß das Creditsordern und Creditgeben im Großhandel nach dem Vorbild unserer Nachbarn, der Engländer und Franzosen, auf längstens 3 Monate bemessen werde.
Die Dresdener Handels- und Gewerbekammer äußert sich in folgender Weise:
„Das in Deutschland übliche, ungebührlich lange Creditgeben und Creditsordern wird in den gewerblichen und Handelskreisen als ein arger, schwer zu beseitigender Mißstand auf das Lebhafteste empfunden und betlagt.
In kritischen Geschäftsperioden, wie die jetzt auf Handel, Gewerbe und Industrie lastende, in denen der Waarenhandel nach dem Auslande erschwert und zugleich die Kauffähigkeit im Jnlande erheblich herabgedrückl ist, treten die Nachtheile der jetzt bei uns üblichen Zahlnngsweise doppelt fühlbar zu Tage.
Während man in Frankreich und England im Großverkehre länger als drei- bis vierwöchentliche, höchstens dreimonatliche Zahlungsfristen nur in überaus seltenen Ausnahmefällen zuzugestehen, im Kleinverkehr dagegen ebenso nur ausnahmsweise von der Regel der Baarzshlung abzuweichen pflegt, sind in Deutschland 3, 6 und 9 Monate Ziel etwas Selbstverständliches und auch der Kleingewerbtreibende und Detaillift muß mit der Bezahlung für gelieferte Waaren „ohne Ziel" ost Vierteljahre- und Jahrelang warten.
Die hierdurch bedingten Mißstände wirken erschwerend auf die Concurrenz- fähigkeit der deutschen Industrie im Allgemeinen, sie gefährden vielfach die Existenz des einzelnen Gewerktreibenden, sie führen wegen des langsameren Umsatzes der Geschäfts-Kapitalien die Vertheuerunz der inländischen Gewerbserzeugniffe unausbleiblich im Gefolge.
Die auf Beseitigung dieser ungerechtfertigten Creditmißbräuche gerichteten Bestrebungen kräftigst zu fördern, erscheint daher die ernste Pflicht aller gewerblichen und kaufmännischen Corporationen, wie jedes einzelnen Geschäftsmannes und in gleicher Weise, weil im Juteresse des kaufenden Publikums gelegen, auch als die Pflicht jedes Einzelnen.
In Uebereinstimmung mit Dielen anderen Vertretungs-Organen des Handels- und Gewerbestandes und auf der Grundlage vieler sachgemäßen, die beregten Mißstände beleuchtenden Schriften wenden wir uns deshalb an den Handelsund Gewerbestand unseres Bezirks, sowie an Jedermann, dem an der Besserung unserer gewerblichen Zustände gelegen ist, und fordern zu gemeinsamem Wirken zwecks Abkürzung und sachgemäßer Regelung der Kreditfristen, sowie zur Durch sührung der Baarzahlungen im Verekhr mit Handwerkern und Detaillisten hiermit auf. Die Durchführbarkeit solcher Reformen im Großhandel ergibt sich aus den in Frankreich und England geltenden Handelsgebräuchen. Bezüglich des Kleinverkehrs wird an der Möglichkeit der Beschränkung der Mißstände um so weniger gezweifelt werden können, als der Grund der Zahlungs- Verschleppungen in den weitaus meisten Fällen nicht in her mangelnden Zahlungsfähigkeit, sondern in der Indolenz und Saumseligkeit der Käufer liegt.
Selbstredend wird es in erster Linie Ausgabe der Kaufleute und Gewerb- treibenden fein, durch Begünstigung der baarzahlendeu Käufer, durch festnor- mirte Zinsenzuschläge bei unvermeidlicher Gewährung längerer Zahlungsfristen, durch allmählige Abminderung der in manchen Groffobranchen jetzt usaucemäßi- gen sechsmonatlichen oder längeren Fristen, durch vermehrte Benutzung des äußerst empfehlenswerthen Postanftragverfahrens für kleinere Beträge und des TrattemSystems bei größeren Summen durch allseitig strenges Vorgehen gegen säumige oder böswillige Schuldner, vor Allem aber durch sofortige, oder längstens in vierteljährlichen Fristen zu bewiikende Ausschreibung und Aussendung der Rechnungen, aus welchen die lästigeren Bedingungen bei verspäteter Zahlung vorgemerkt sind, eine Besserung der Mißstände zu ermöglichen.
Jedermann, so oft er als Käufer und Consument anstritt, wird an seinem Theile zur Behebung eine- nationalen Krebsschadens in verdienstlicher Weise
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mitwirken, wenn er im Verkehr mit Detaillisten und Handwerkern die Baar- zahlung als Regel sich vorschreibt, eventuell aber jedenfalls für regelmäßige Begleichung der Gewerbs-Rechnungen in längstens vierteljährlichen Fristen Sorge trägt.
Zu Alledem erneute Anregung in allen beteiligten Kreisen zu geben, ist der Zweck dieser Veröffentlichung.
Gemeinsames, einheitliches Vorgehen der gewerblichen und kaufmännischen Korporationen wird die Erreichung des Zieles erleichtern.
Hesterreich.
Wien, 9. December. Die Meldung deutscher Blätter von Versuchen, ein Cabiuet im Sinne der Rechten zu bilden, begegnet in parlamentarischen und sonstigen competenten Kreisen dem entschiedensten Widerspruch. Von . irgend welchem derartigen Versuche ist nichts wahrnehmbar gewesen. Gut unterrichtete Korrespondenzen aus Konstantinopel constatiren die entgegenkommende versöhnliche Haltung Rußlands bei den derzeitigen Vorbesprechungen über das Programm der Konferenz.
— Savfet Pascha erklärte mehreren Botschaftern, die Pforte würde einem Occupations-Beschluß des gesummten Europas unbedingt weichen, aber officiell anerkennen werde sie auch diesen nicht. — Die russische Kriegskaffe wurde auf 17 Waggons von Petersburg nach Kischenew geschafft, währenddem war der Gesammtverkehr sistirt.
— An den auswärtigen Börsen waren Gerüchte anläßlich des Todes eines Cassirers der österreichischen Kredit-Anstalt.verbreitet. Es ist zwar richtig, daß der Effecten-Eassirer der Kredit-Anstalt, Lang, am Schlagflusse plötzlich verstorben, aber ebenso steht die Thatsache fest, daß dessen Kaffe in vollster Ordnung befunden worden, und sind daher alle übelwollenden Gerüchte tendenziös erfunden.
Wien, 9. December. Anläßlich des Georgs-Ordensfestes sandte der Kaiser Franz Joseph dem russischen Kaiser ein Glückwunsch-Schreiben. — Aus Konstantinopel wird gemeldet: Der Erlaß der Pforte, die Aushebung aller Männer von 21 bis 40 Jahren betr., rief großen Unwillen unter der Bevölkerung hervor. Die Parteien Murad's und Juffuf's, des Sohnes Abdul Aziz', rühren sich aus's Neue.
— Die „Neue Fr. Pr." berichtet übereinstimmend mit einer Meldung der „Polit. Korrefp." vom 4. d. Mts. über die Auflage einer neuen Kriegssteuer in Konstantinopel, wonach auf jedes männliche Mitglied der Bevölkerung vom 5. bis 60. Lebensjahre die Zahlung von 15 Piastern entfalt.
AranLreich.
Paris, 9. December. Ueber den gegenwärtigen Stand der Minister- Krisis verlautet in Parlamentskreisen: Alle Minister bleiben, außer Marcere, welcher durch Jules Simon ersetzt würde. Es heißt, Mac Mahon wäre mit dieser Kombination einverstanden.
Versailles, 8. December. Bei der Discussion über das Budget der Einnahmen in der Deputaten-Kammer erklärte der Finanzminister, es sei unmöglich, daß die Steuern herabgesetzt würden; zu einer Besteuerung der französischen Rente werde er niemals seine Zustimmung geben. — Die Minister haben mit den Delegirten der Linken eine Konferenz gehabt, doch scheint das von den Delegirten vorgelegte Progamm bis zu diesem Augenblicke keine Aussicht auf Annahme zu haben. Die endgültige Entscheidung der Minister ist noch nicht bekannt.
Sttßtottk
London, 8. December. Das Appellgericht hat das Urtheil des Admiralitäts-Gerichts, welches einen Tadel gegen den Kapitän des deutschen Schiffes „Frankonia" wegen des Zusammenstoßes mit dem „Strathclyde" ausspricht, bestätigt.
London, 8. December. In der Abend-Versammlung der „National- Konferenz" führte Lord Shastesbury den Vorsitz. Derselbe hielt eine längere Rede in anti-türkischem Sinne, welche sich gegen die Fortdauer der türkischen Herrschaft in den christlichen Provinzen aussprach und ein vorsichtiges Zusammengehen mit Rußland, so lange dies ausführbar fei, befürwortete. Sodann führte Gladstone aus, das Land mißbillige die der Türkei günstige Politik, für welche Disraeli persönlich verantwortlich sei. Die Pforte habe den Pariser Vertrag verletzt und vernichtet, und sei dazu von der britischen Regierung ermuntert worden; das britische Volk sei aber nicht damit einverstanden, daß Salisbury auf der Konferenz zu Konstantinopel die Tyrannei und Korruption unterstütze. Der absoluten Suprematie der Pforte in Bulgarien, Bosnien unb der Herzegowina müsse ein Ende gemacht werden, dazu unbedingt fremde Intervention nothweudig sei. liebet den Kaiser und das russische Volk äußerte sich Gladstone mit Anerkennung und erklärte zum Schluß, England muffe zum Befreiungswerk im Orient beisteuern.


