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09/04/1876 Erstes Blatt
 
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Sonntag, den 9. April

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Erstes Blatt.

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Die französische National Versammlung.

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wägung in einzelnen Fällen; man fürchtet offenbar das Zuströmen revolutionärer Elemente und will durch die Einzelbegnadigung ein wirksames Mittel zur Ein­wirkung auf die einzelnen Persönlichkeiten gewinnen. Wir glauben, die Furcht ist unbegründet. So wenig die Rückkehr der im Exil lebenden 1848er in Deutschland irgend einen Einfluß auf die allgemeine Stimmung auszuüben ver­mochte, so wenig werden die entflohenen oder deportirten Communards bei ihrer Rückkehr in die Heimath einen bestimmenden Einfluß gewinnen. Neben dem Capitol liegt der Tarpejische Felsen, und die Popularität von gestern ist heute schon verraucht. Wir denken, die französische Nation ist schon jetzt so weit consoltdirt und in sich gefestigt, um sich-nicht mehr vor jenen überspann­ten Köpfen zu fürchten, welche der Commune-Aufstand an die Oberfläche brachte. Die Gesellschaft hat einen gründlichen Widerwillen gegen jene Ausschreitungen und gegen deren Letter, sie wird den letzteren keinerlei Einfluß zugestehen.

Noch hat die französische National-Versammlung keine Gelegenheit gehabt, eine jener Hauptschlachten zu liefern, deren Verlauf ein Bild von der Eigenart einer parlamentarischen Körperschaft und von den Anschauungen und Talenten der Führer derselben zu geben pflegt, aber Alles, was sie bisher gethan und noch mehr wie sie es gethan j zeigt einen Geist der Milde, der politischen Weisheit und des Bewußtseins der Macht, die um so sicherer ist, als sie nicht nöthig hat, den äußeren Eindruck derselben zu brusquiren, daß man mit einem Vertrauen und einer Ruhe, die man Frankreich gegenüber lange nicht mehr kannte, der weiteren Entwickelung der Dinge entgegen sehen darf.

PrciA vlerteljöhrttch 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.

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Erscheint täglich mit Ausnahme dis Montags» Krpeditionr Schulstraße, Lit. B. Nr. 18.

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Berlin, 6. April. Wie diePost" hört, sind durch königliche Ordre die Mittel angewiesen worden, um die Arbeiten in Angriff zu nehmen, welche für nöthig befunden werden, um dem Bergrutsch bei Canb Einhalt zu thun.

Berlin, 6. April. In Folge der ungewöhnlichen Naturereigniffe dieses Jahres haben mehrere Civilbehörden Veranlassung genommen, sich wegen Ge> Währung militärischer Hülfe an verschiedene und mehrfach nicht zuständige Militärbehörden zu wenden. Wie der Minister des Innern jetzt den Negierun­gen und Landdrosteien zur weiteren geeigneten Veranlaffung mittheilt, erwachsen hierdurch, da zur Gewährung derartiger Hülse zunächst die General-Comman- dos besucht sind, nur Verzögerungen, weshalb der Kriegs-Minister darauf auf­merksam gemacht hat, daß bei Vorkommnissen der beregten Art die betr. Be­hörden sich unmittelbar an das bezügliche General-Commando zu wenden haben.

Kefterreiltz.

Wien, 6. April. DerPolit. Corresp." wird aus Ragusa gemeldet: Gestern trafen die Jnsurgenten-Führer Vukalovich, Bazevic, Gjaricic, Zimunic, Radovic, Perovic und Sotschitza nebst zwanzig hervorragenden Unter-Anführern in'der Suttorina ein. Abends introducirte sich bei denselben ein russischer Agent, Bozedar Wesselitsky, als mit Vollmachten von Fürst Gortschakoff aus­gerüstet. Derselbe erklärte den versammelten Jnsurgenten-Führern,^der Czar rathe ihnen ans das Ernstlichste, Frieden zu machen und die vom Sultan ge­botenen Reformen gutwillig anzunebmen. Die Jnsurgenten-Führer erklärten hierauf, sie würden im Lause der Nacht über die Eröffnungen Wesselitsky s Berathung abhalten.

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Frankreich.

Paris, 5. April. DasJournal officiel" veröffentlicht ein D-cret, welches den Zeitpunkt für die Eröffnung der internationalen Weltausstellung in Paris auf den i.Mai 1S78 anberanmt; ferner das Gesetz, betr. Anfärbung des Belagerungs.Zustandes in den noch übrigen vier Departements.

Belgier».

Brüssel, 6. April. Die Repräientanten-Kammer hat heute die beiden ersten Abschnitte des Gesetz-Entwurfs über deu höheren Unterricht, welche die Ertheilnng der Grade betreffen, nach den Vorschlägen des Haupt Ausschusses angenommen, unter Verwerfung aller Abänderungs-Anträge der Linken ein­schlüssig eines von Frere-Orban selbst gestellten Antrags in Bezug auf die Freiheit des anwaltschaftlicheu Berufs. Der ganze Gesetz Entwurf wird mor­gen sicher zum Beschluß erhoben werden.

England.

London, 6. April. Die Verhandlung des Criminalgerichts gegen den Capitän derFrankonia" wurde heute fortgesetzt. Der als Vertheidiger f>m- girende Advocat Parry plaidirte für die Jnevmpetenz des Gerichts, indem er

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Die Dinge entwickeln sich in Frankreich in durchaus erfreulicher Weise , unb die Rente, dieses empfindliche Barometer des öffentlichen Vertrauens, zeigt, trotz der in den wirthschaftlichen Verhältnissen auch in Frankreich herrschenden Mßconjunctur, auf schön Wetter. Vor und nach den Wahlen schien eine ge- Vifse Besorgntß in den besitzenden Klassen der französischen Bevölkerung Platz qreifen zu wollen, denn daß das Land sich sehr entschieden gegen das System Buffet's aussprechen werde, lag auf der Hand und die Unbesonnenheit des Mrschall-Präsidenten, der die bevorzugte Stellung, welche die Constitution ihm einräumt, der, den Vortheil seiner neutralen Position außer Acht lassend, 4 für das System Buffet's erklärt hatte, ließ die Besorgniß nicht fernliegend erscheinen, daß mit dem Ministerium auch dar Septennat enden könne. Allem hi ruhigen Erwägung gegenüber konnte solche Besorgniß nicht Stich halten.

Der Marschall Mac Mahon hat vor allen Dingen die Absicht, feine höbe Stellung zu behaupten: er glaubte dies am Besten mit einem reactionä- M Ministerium thun zu können, allein er sieht, das ist ein Jrrthum, und an Niederlagen von seiner militärischen Carriöre her gewöhnt, sucht er als kluger General auch aus der verlorenen .Schlacht seinen Vortheil zu ziehen. Bei Sedan schickte er Wimpfen zur Unterzeichnung der Capitulation und nach den Wahlen ließ er Buffet capituliren. Man besinnt sich em wenig, wenn eine Stellung gilt, die kaum der eines Souveräns nachsteht. Der Marschall- Päsident hat sich besonnen und ist geblieben. Auch dachte man auf der anderen Seite nicht daran, ihn zu beseitigen. Er ist noch immer der Mann der Situa­tion, Frankreich braucht ihn als Repräsentanten und seine Indifferenz ist ein Grund mehr für seine Brauchbarkeit. Ein genialer Präsident wäre eine Gefahr str die Republik, ein blos gescheuter: eine Unbequemlichkeit, der Marschall Mac Mahon ist Allen genehm, weil er Niemand gefährlich ist.

Der eigentliche Herrscher in Frankreich ist die National-Versammlung. Der Präsident der Republik, das Ministerium, der Senat sie alle spielen M eine secundäre Rolle. Es ist damit das eigentlich natürliche Verhältmß zachen den Gewalten in einer Republik hergestellt und es gereicht der National­versammlung zu hohem Ruhme, daß man, so weit ein Urtheil schon heute, Lach so kurzer Existenz-Dauer möglich ist, von ihr sagen darf, daß sie im Ge­fühl ihrer Kraft unb ihres maßgebenden Einflusses sehr geneigt ist, den aller- bescheidensten Gebrauch von dieser Machtfülle zu machen. Jede Uebertreibung nürbe der Sache der freiheitlichen republikanischen Weiterentwickelimg unendlich ftbabett, denn die National-Versammlung findet ihre Bedeutung nur m dem Umstände, daß ganz Frankreich hinter ihr steht. Die Majorität des ftanzoft flhen Volkes ist zur Zeit aber keineswegs dem Radicalismus geneigt. Die Erschütterungen, welche Frankreich seit 1789 durchgemacht hat, haben das Be- dürfniß nach Ruhe gezeitigt. Das Bedürfniß hat s. Z. den Dürgerkönig auf dm Thron gesetzt und sich getäuscht, dasselbe Bedürfniß hat das zweite Empire ermöglicht, im suffrage universel seinen überraschenden Ausdruck gefunden, und jich damit ebenfalls getäuscht, dasselbe Bedürfniß hat jetzt die Republik ge jibaffen und zwar mit der Hoffnung, damit eine Dauer und Stärke verspre- chnde Staatsform zu constitiiiren. Gerade das Bedürfniß war die stärkste Inebfeder gegen die Restanrations- und Reactionsgelüste des Marschalls Mac Äahon und ihm vollauf Rechnung zu tragen, muß daher die Sache der gegen- Ilärtigen republikanischen National-Versammlung sein. In der That scheint die , Khrheit derselben ihre Aufgabe durchaus richtig auszufassen und selbst die sehr Zahlreich vertretene radicale Partei, als deren Führer Gambetta anzusehen ist,

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* üb"' legt sich eine weise Mäßigung auf. Das Land muß zur Freiheit erzogen wer­ten und jede Ueberschwänglichkeit in dieser Beziehung würde nur der Reaction . Ähür und Thor öffnen.

Die außerordentliche Reserve, die die Mehrheit der National-Versamm lang beobachtet, wird einmal durch die Unterstützung bekundet, deren sich das 4 Mtiff jPge keineswegs dieser Mehrheit entsprechende Cabinet erfreut, und alsdann luid) die Behandlung der auf der Tagesordnung stehenden Fragen: der Ans- , libung des Belagerungs-Zustandes und der Amnestie für die Communards. gegen die französische Art, die zu lebhaften Declamationen bei der Be- dlichung so wichtiger politischer Fragen hinneigt, ganz in der Stille ist dlt Aushebung des Belagerungs-Zustandes beschlossen worden. Die Frucht war itif und ist geräuschlos vom Baume gefallen. Gar zu lange Zeit währte die . /Mit Staction gegen die Ausschreitungen der Commune und aus der Nothwehr ist J »llaiahlig eine bequeme Handhabe für die Polizei geworden. Aber bie^ver- Unfftche Regierungspraxis von nun fast fünfjähriger Dauer ist in-aller

r \ üjne jedes Echauffenement beseitigt worden. Ein wenig umständlicher ist die |J andlung der Amnestiefrage. Hier leistet das jetzige Ministerium einen eiier- jischikn Widerstand. Es will keine allgemeine Amnestie, sondern nur die Er-