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Sonntag, den 7. Mai
Zweites Blatt.
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Mommsens einherschleppen lassen. Aber wer vermag das Andenken der bisher für ehre n- werthe Leute gehaltenen Todten weiß zu waschen, welche nut solchen Schandllchketten aus dem Gewissen in die Grube gefahren sind? Und noch schlimmer : welche Möglichkeit einer Rehabilitirung ist denjenigen lebenden akademischen Collegen offen gelassen, welche einst als Mitglieder der gebrandmarkten Fakultäten alle jene verruchten Mißbrauche übten, duldeten, vielleicht sogar schaffen halfen, inzwischen aber ihre Schritte m eine reinere und tugendhaftere Atmosphäre, etwa an die Spree, gelenkt haben und dort nur deßhalb aus- ,. 1 ' ... c . ... if V- ai.-r, des allen
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Gieße», 6. Mai. Im Aprilheft der preußischen Jahrbücher hat Herr Prof. Dr. Th. Mommsen einen Aussatz veröffentlicht, in welchem die Promo, tionen auf einer Anzahl deutscher Universitäten einer verurlheilenden Kritik unterworfen werden. Da auch Gießen unter den getadelten Universitäten genannt wird, so wird es für das hiesige Publikum von großem Interesse sein, auch eine dem Mommsen'schen Aufsatze entgegentrerende Beurlherlung des deutschen Promotionswesens kennen zu lernen. Wir theilen daher unseren Lesern den nachstehenden in der „Allgem. Ztg." erschienenen Artikel des Herrn Pros. Dr. Heinze (Jurist) unverkürzt mit:
Preitz vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Expedition: Schulstraße, Lit. L. Nr. 18.
vSTf«ST «Ä bie Sc^attniffe »^Umgebungen die Fortsetzung Äs alten Lasters unmöglich machen! Oder besteht vielleicht das innerste Wesen der ganzen Nichts Würdigkeit darin, daß man zaudern kann, auf den herrischen Zuruf des Berliner gen diesen Universitäts-Moloch stehenden Fußes abzuschworen? Lautet etwa die,BeIenntmß- sormel, an der die Gerechten und die Gereinigten erkannt werden: „Allah 'st Allah und Mommsen ist sein Prophet"? Aber Scherz beiseite bie erhobenen Vorwürfe send so um geheuerlich, sie erinnern so unwillkürlich an bte gestohlenen Pendulen, daß es schw" 'st ihnen gegenüber den vollen Ernst zn bewahren; unmöglich freilich auch an der Abfas ung einer Urkunde theilzunehmen, zn welcher ein solcher Eingang geschrieben ist. Ich denke, leine deutsche Fakultät wird sich von hrn. Mommsen unter das Joch schicken lassen. Und wie würden Hr. Mommsen und Andere entrüstet fern, wenn man 'hren Angriffen Schee- sucht oder andere egoistische Alotive zu Grunde legen wollte ! In Wirklichkeit aber hieße di-b denn doch gewiß nichts anderes, als den Angre, ern die gleiche Münze he,m ahlen. Oder behaupten etwa jene mit der Gnadengabe einer aller Versuchung überlegenen Herzens- reinheit und Charakterhoheit ausgerüstet zu fein ? . nh..r
Dieß auf die Schmähungen, welche der Sache selbst, ohne allenl Schaden oder richtiger mit entschiedenem Nutzen, hätten fern bleiben können. Für ^"e sachliche Ve) lung der Frage ist entscheidend als was man gegenwärtig den Doctorhut zu betrach hat-, eine Vorfrage, welcher Mommsen nur beiläufig näher getreten ist, freilich ohne Uebereinstimmung in den gelegentlich gegebenen Antworten, also wohl auch ohne volle
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Mommsens Vorschläge, ohne Laxheit durchgeführt, werden dahm fuhren, daß wenigstens um den juristischen Doctorhut künftig so gut wie aus chlicßlich dieiemgen stch bewerben, welche auf den aeademischen Lehrberuf aspiriren. Damit aber wird die Di etor^ Prüfung eine Berufsprüfung, verliert die Ertheilung des Doetorats den ®h"r"kter einer Promotion, tritt sie einfach in die Reihe der Staatsprüfungen. Und wozu dannnoäi Sie Tautologie von „Doetoren" und „Docenten?" Der Dünkel der Professoren -st letzt schon ein Thema, das in allen Variationen und endlosen Wiederholungen als be _ f« Hauer aus der großen und kleinen Presse dem lieben Publikum entgegen , 3 _
lichen Zeichen, daß es mit der Professoren-Herrlichkeit seit einigeni Iah s'h bereite die Neige geht. Versteht der in der That die Zeichen der^Zeft, welcher dem. oereus wegen seiner Exclusivität verlästerten Stande die Pistole auf die Br s s tz, h o
Besteigen des Jsolirschemels zu zwingen? Ist es heutzutage angez g , eine „b . 'n
zu graben zwischen dem zünftigen Gelehrtenthum auf der '-wen fl $
strebsamen, wissenschaftlich gebildeten Menschheit, der aber die Pf s * ....
Hut gesteckt ist, auf der anderen? Sollte die richtige Parole
Popularisirung der Wissenschaft, aber persönliche Absperrung, der^^^Hrtenzunft, welche zum Hüter des heiligen Feuers bestellt ist. Die Doctorpron Eonvtntion die
tation des Neophyten durch das Priestercollegium. Bekanntlichaber ^dwCooptation die gefährlichste aller Wahlarten, und die Erfahrungen nicht bloß der -Lergangenheit zeigen, daß die größte Gelehrsamkeit kein Gegengift ist gegen bert
modus seinen Trägern einimpft: Ich könnte über diese Seite des P^rograimm,o Mommsen viel mehr sagen, aber es scheint mir wohlanständig Uber den Stand, dem ich selbst- ange- höre, ein achtungsvolles Schweigen zu bewahren. Nachdem übrigens die-GelehrtEnst einmal der Zunftsprache sich hat entäußern mussen und.durch die breit ^nstrbm nde Fluth der Naturwissenschaften gesprengt ist, wird es selbst einem Gott Nicht gelingen dieelbe unter dem alten Zeichen des Doctorhuts oder durch einen neuen Zauberspruch zu einem anderen als einem Scheinleben zu erwecken. .
Die Lebensqewohnheitcn haben stch dahm ausgebildet, daß m mehreren Deutschlands die Erlangung des juristischen und des philosophischen Doctorchiüs. n nicht mehr, doch eine Anstandspsticht rst für brejemgen, welche tn gerorffe »ffen«^^ 2kn «r eintreten wollen. Eine beträchtliche Anzahl junger Juristen ferner will> cht öffcntllche Armier oder Dienste übernehmen, bedarf aber für engere oder wertere Kreise eines ? nisses über ernst und erfolgreich betriebene wissenschaftliche Studien, ^ch will au!
Herr Dr. Th. Mommsen und die Promotionsreform. 1
.Heidelbera, Ende April 1876. Die literarischen Fehden deutscher belehrten bieten j bis in die Neuzeit viele Beispiele eines Kampfes, in welchem ^e Triftigkeit der Grunde ersetzt werden soll durch die Stärke der Ausdrücke. Aber die Palme m dieser Jlat lipfeg- rveise dürfte dem Aufsatz Theod. Mommsens „Die Promotionsreform m deindreßlührigen Aprilhefte der „Preußischen Jahrbücher" gebühren. Mommsen „.sprichr selbstv«-rstand ich nur für stch, und die individuelle Ueberzeugung ist nothwendig eine einseitige . Er har „vermieden und wird vermeiden, (KB.) so lange er es kann, die Individuen m dre < Debatte hineinzuziehen". Er will alles thun, „daß die Angelegenheit nicht n das nüber- . wärtige Gezänk ausraufe, wie es in den Verhandlrurgen dieser Art hergebracht ist - Aber wie hält er Wort? Ich finde völlig begreiflich, daß Mommlen dre Unmersttaten Herdeb berg, Jena, Gießen, Freiburg nennt, denen sein Angriff hauptsächlich gilt. Unbegreiflich bleibt mir, wie er diese Anstalten für Kugelfünge ansehen konnte, m denen seine ü'.geln sitzen bleiben würden, ohne die Individuen zu gefährden, aus welchen diese Um- rersitäten zusammengesetzt sind. An Stelle der, Vorsicht rm Urthei , we che. geboten gewesen wäre durch die bewußte und bekannte Emjeitigkeit, werden alle Schleußen eurer überall berechtigten sittlichen Entrüstung aufgezogen. Man memt em Caprtel aus emer jener berüchtigten päbstlichen Bannbullen zu lesen, wenn man den Duft des Bluthen- kranzes einathmet, mit welchem Mommsen die Schläfe ferner Gegner zu schmucken bemüht ist. Es „gibt (durch Wiederholung bekräftigt) nicht wenige recht gewissenlose Professoren , denn „leider ist der Stand noch nicht erfunden, der seine Genossen von Leichtfertigkeit und Schändlichkeit fern hielte". „Die von nicht wenigen deutscheri Universitäten betriebene unredliche Fabrikation gelehrter Titel hat em Makel auf diej Nation selbst,, ihre Nachbarn wohl halb spöttisch, halb neidisch als die gelehrte bezeichnen . Es sei nicht angebracht, „die hergebrachte akademische Leisetreterei weiter zu üben und, um em■ College zu bleiben, der Schändung des deutschen Namens ferner geduldig' ruzusehe . .Ein milderer Ton gegenüber perversen und pervertirenden Instituten sei nicht an Zeit". Keine Nachsicht „diesen Parasiten der Kleinstaaterei", als welche die ',corru^rten Facultäten" mit dieser ihrer „Mißwirthschaft", „zerrüttete Korporationen , ,,Fakultäten, welche ihr ernstes Geschäft leichtfertig betreiben", characteristrt werden. „Wenn die^Faul- niß weder durch Heilmittel noch durch Amputation beseitigt
ehrenwerthe Einrichtung (der Doctorpromotivnen) unter dem Fluch der ^^rlichkeit un der Verachtung zusammen". Gegen diese Würfe nut faulen Eiern ueßmen sich die „httist- lichen Doetoren", wie Mommsen die ohne Veröffentlichung einer DMtation creirtcn Doetoren nennt, und dem entsprechend die z. B. in Gießen und Heidelberg ..heimlichen Promotionen" fast noch aus wie Anklänge an einen harmloseren H • gibt es auch unter diesen heimlichen Missethätern noch Abstufungen. Gewisse 6 nämlich „fordern die Controle der Publicität, lassen sie sich aber gegen eine we ' bühr abkaufen". „Nachlässige Regierungen" halten die Hand über''Sewisienlose^Fakultäten"". Unerhörter endlich als unerhört ist eine Wendung, zu welcher die Erwa) g der bekannten Feilbietung des Doctorhutes in Zeitungsannoncen Anlaß bietet. Hier yan e es sich freilich um „andere Diplomfabriken und einen Schwindel von gröberer derjenige sei, mit welchem man an den Universitäten zu kämpfen habe", doch aber „ on c niemand dafür einstehen, ob nicht dieses auf der Hintertreppe sich bewegende Vermittlung qeschäft schließlich irgend einen deutschen Spectabilis compromittire"".
Was würde erfolgen, wenn ein Offizier über seine Cameraden, ein Richter o e Anwalt über seine Collegen so sich äußern wollte? Ich weiß nicht, aber ich hoffe, aß den lebenden Sündern und Zöllnern verziehen wird, wenn sie in Sack und Ajche -«i ß thun und mit zerknirschten Mienen und gefesselten Händen sich hinter dem Triumphwage
Klarheit in der Auffassung. Einmal ist ihm die Doctorprüfung wesentlich em Act zwischen dem Lehrer und dem bei ihm Lernenden, d. h. seinem Schüler. Der Doctorhut ser denen zu versagen, deren Leistungen den für die praktische Thätigkeit erforderlichen Mim- m. als ab von Anlagen und Kenntnissen nicht erheblich übersteigen. Anspruchsvoller klingt schon, daß der Doctorgrad im Allgemeinen diejenige Kategorie bezeichne, m der die Fakultät für die Zukunft ebenbürtige Gelehrte anerkenne, den Nachwuchs der eigentlichen Gelehrten. Viel höher greift dagegen der Ausspruch : es handle sich bei der ^.octor- promotion um Constatirung hervorragender wissenschaftlicher Leistungen. ^>ch will kommst n nicht bei diesem letzten Wort nehmen, dessen Verwirklichung den Kreis der Doetoren der Zukunft doch wobl sehr beträchtlich über seine eigene Absicht hinaus cmengen wurde. Schiebe ich ferner die Prüfung des Schülers durch den Lehrer beiseite, die anlchcmend bloß Beiwerk ist, um die Bannrechte derjenigen Universitäten zu motiviren, auf denen der Candidat studirt hat, so bleibt als Kern übrig: das Doctordiplom soll die Urkunde sein über die Aufnahme in die eigentliche Gelehrtenzunft. Stünde dies fest, so konnte man stch den Forderungen Mommsens an und für sich betrachtet in der Haupffache Aohl anschließen. Aber ich kann diese Voraussetzung, auf der das ganze Gebäude rener Vorschläge ruht, als eine berechtigte nicht anerkennen. Weder vom Standpunkte der thatsach- lich gegebenen, geschichtlich gewordenen Sachlage, noch vom Standpunkte des Bedurfnisie^ und Nutzens für die künftige Entwickelung der Dinge.
Der Doctor verschiedener Fakultäten und Universitäten ist heutzutag ohne Wuer- streit ein Gut von sehr verschiedener Bedeutung. Die theologischen Fakultäten behandeln bekanntlich ihre Ereationen, soweit sie dieselben nicht honoris eausa emtreten la>stn, annäherungsweise in jenem Sinn der Aufnahme in die Zunft ihrer ergentüchen Geleh^ Hier wäre also Mommsens Ideal bereits verwirklicht, ^ch weiß a6er ^^06^ gegen- wärtige Lage der theologischen Fakultäten sehr ermunternd ist für den f^schlag, diese Praxis auf die übrigen Fakultäten zu übertragen. Der doctor der Medicm war bis in die Neuzeit vielfach von Rechtswegen und ist tatsächlich wohl auch letzt noch und für utt nächste Zukunft die einzige Thür, durch welche der solenne Eintritt in die Praxis g^stom- men werden konnte. Dies erkennt Mommsen selbst an. Und um die akademischen Garten
. von diesem unbequemen Bastard zu reinigen, schlägt er ^ls Auskunftsmittel Gewinnung ■ des Doctorats durch das Bestehen der medicinischen Staatsprüfung vor. Mit. anderen : Worten : diejenigen Bewohner des Hauses, für die der Riß des Neubaues schlechterdings nicht passen will', werden nöthigenfalls an die Luft gesetzt. Hinsichtlich der juristffchen
; und der philosophischen Doctorprüfungen weichen thatsächlick Statuten und Praxis der . einzelnen Universitäten vielfach von einander ab; die äußeren und inneren Anforderungen t liegen bei den einen auf der Linie der Mommsen'schen Vorschläge, bei den anderen begnügt _> man sich mit Leistungen in geringerer Zahl, vielleicht auch von bescheidenerem Gehalt.
^S(U ^Sobald man9 die Dinge radical behandeln will, müßte man mit dem Doctor überhaupt tabula rasa machen. Doctorhüte, Titel, Ordensbänder, Mitgliedschaft ge.ebrter Gesellschaften ohne Mitwirkung gehören sämmtlich in die Kategorie Dmge, w^che absolut betrachtet ohne Werth, also ohne Existenzberechtigung sind. Sub;ectiv betrachtet freilich werden diese vermeintlichen Nichtigkeiten von keinem Individuum germanischen Blutes für völlig werthlos gehalten, und die geäußerte Mißachtung ist oft nichts andere^ als der Ausdruck unerwiederter Liebe. Wir germanisch gearteten Menschen können uns nun einmal von dem Vorurtheil der äußeren Ehren in allen ihren Erscheinungen und Abstusungen so wenig losreißen, wie von dem Anspruch der mneren Ehrenhaftigkeit auf Herrschaft über all unser Thun und Treiben. Wer von dieser Schwachheit frei ist, wird mit dem ganzen Plunder auch den Doctorhut in die Rumpelkammer werfen. Wer aber einmal jener Schwäche das Zugeständniß macht, daß er die akademische Decorativn Fortbestehen lassen will, wird das Object nicht blos von der einen Seite
die ihm zumuthet, sondern er wird auch ejmgen anderen Eigenschaften und Wirkungen der Einrichtung gerecht werden müsfen. .... . -«
Die akademischen Ehren unterscheiden sich äußerlich von anderen offeiitlichen und ofsiciellen Ehren dadurch, daß sie ausgehen von Körperschaften, welchni dem Staate gegenüber noch eine gewisse Selbstständigkeit zukommt. Glaubt man die Bedeutung der Institution und der Korporationen dadurch zu heben, daß man ihre Aeste bu hart an


