Lebendsten Gerüchten Thür und Thor geöffnet. Der größte Theil derselben ist sensationell und grundlos; einem Theile jedoch muß Rechnung getragen werden, weil sich der thatsächliche Charakter nicht leugnen läßt. In die letztere Kategorie gehört die Meldung über die bevorstehende Verhängung des Belagerungszustandes über die Militärbezirke von Odessa, Kiew, Charkow und dem Kaukasus. Mit Rücksicht aus die im Süden angeordneten Vertheidigungs- Arbeiten und starken Truppen-Concentrirungen zwischen Obeffa und Bender dürfte solcher Beschluß um so weniger überraschen, als auch zur Kaukasusgrenze seit mehreren Wochen beträchtliche Truppentransporte gehen, die zur Verstärkung der Besatzungen in den Grenzfestungen und zur Bildung eines Observations- Corps bestimmt sind. Die Arbeiten an den Küsten des Schwarzen Meeres von Odeffa bis Tiflis schreiten schleunigst voran. In den letzten Tagen sind die Vertreter aller von Moskau nach Westen, Süden und Osten gehenden Eisen bahnen aufgefordtrt worden, Vorkehrungen für etwa nothwendig werdende große Truppentransporte zu treffen und dem Minister einen Communications- plan vorzulegen, der ein gemeinsames Operiren der einzelnen Eisenbahngesellschaften zulasten würde.
Wien, 31. October. Der „Polit. Corresp." wird aus Petersburg telegraphisch gemeldet: Der Befehl an Jgnatieff wegen Uebergabe des Ultimatums ist birect vom Kaiser ergangen, welcher durch die neuesten Ereigniste auf dem serbischen Kriegsschauplatz und durch die ohne Rücksicht auf die schwebenden Verhandlungen über den Waffenstillstand fortgesetzte türkische Kriegs- Action dazu bestimmt worden ist.
— Das „Fremdenblatt" meldet unter Vorbehalt aus Bukarest, der Minister-Präsident Bratiano werde am Donnerstag den Kammern einen Gesetz-Entwur vorlegen, wodurch die Einberufung der Milizen verfügt wird; gleichzeitig würde den Kammern eine andere Vorlage des Ministers zugehen, wonach Rumäniens Unabhängigkeit proclamirt werden solle.
KrauLreich.
Paris, 1. November. Der „Havas" zufolge ist das russische Ultimatum an die Pforte gestern Abend durch Jgnatieff überreicht worden.
Versailles, 30. October. Nach Schluß der Sitzung wurde in Versailles die Stelle der Thronrede des Deutschen Kaisers über die äußeren Angelegenheiten bekannt. Im Allgemeinen fand man sie nicht sehr beruhigend, und zwar deshalb, „weil sie die Lage für ernstlich genug halte, um versichern zu müssen, daß Deutschland in die orientalischen Angelegenheiten nur dann eingreifen werde, wenn seine eigenen Interessen bedroht seien." Vielfach wies man auch darauf hin, wie sehr sich die Verhältnisse geändert, da heute, wo zu gleicher Zeit die Kammern in Berlin und Paris eröffnet werden, man sich, selbst in Versailles, fast nur mit Berlin beschäftige, während sonst der Tag der Eröffnung des französischen Parlaments nicht allein für Frankreich, sondern für ganz Europa als ein hochwichtiger erachtet wurde.
Melgim.
Brüssel, 31. October. Der „Nord", indem er die Lage der orientalischen Frage bespricht, gibt der Hoffnung Ausdruck, die Mächte würden die Forderungen Rußlands unterstützen und der Waffenstillstand zu Stande kommen. Die dilatorische Tactik der Pforte erleichtere freilich nicht die definitive Herstellung des Friedens, nöthige vielmehr die Mächte, ihre Festigkeit und Energie in Bezug auf die zu gewährenden Garantieen zu verschärfen.
London, 30. October. Wenn auch die Telegramme, welche am Samstag und heute der Börse aus Konstantinopel den Abschluß eines Waffenstillstandes als vollendete Thatsache meldeten, nicht richtig sind, so ist die Hoffnung auf eine bezügliche Vereinbarung doch in finanziellen und politischen Kreisen eine nahezu allgemeine. Auch in unseren Tagesblättern gelangt sie heute mehr oder weniger bestimmt zur Aeußerung. — Der türkische Botschafter veröffentlicht eine Depesche des Gouverneurs von Jerusalem vom 28. d. Mts,, wonach es bisher unmöglich war, die Spur des angeblich gewaltsam dahin verschleppten Bulgaren-Mädchens zu entdecken und wonach der protestantische Bischof in Jerusalem selber die Geschichte als unbegründet erklärt. — Laut übereinstim menoer Telegramme erhielten alle Nlcht-Combattanten in Deligrad und Den umliegenden Dörfern Befehl, diese zu räumen. Der serbische Widerspruch gegen die Nachricht von der Eroberung von Djunis ist daraus zu erklären, daß die Serben noch einige am Morawa-User befindliche Stellungen besetzt gehalten hatten, die zu den Stellungen von Djunis gerechnet werden können. — Die neuesten Berichte aus Kalkutta lauten insofern günstiger, als in Bombay und Madras nicht gerade eine Hungersnoth zu gewärtigen sei, doch ist der Nothstand in einzelnen Bezirken groß. — Ein heute von der Admirälität veröffentlichter ausführlicher Bericht über die heimgekehrte Nordpol-Expedition bestätigt die gemachten telegraphischen Angaben. Capitän Nares, der Führer der Expedition, spricht seine feste Ueberzeugnng aus, daß es kein offenes Polarmeer gebe, daß über 82° 50' hinaus keine Spuren von Thierleben mehr vorkommen, daß es vergebliche Mühe sein würde, mit Schlitten den Nordpol erreichen zu wollen, und daß ein Vordringen durch den Smith-Sund zum Pol wegen des undurchdringlichen Packeises schlechterdings unmöglich sei.
London, 31. October. Sämmtliche Berichte schildern die Niederlage der Serben als eine vollständige. Alexinatz uud Dellgrad sind unhaltbar, die Straße nach Kruschewatz nur durch Horoatovic nothdürftig gesperrt. Die Stimmung des serbischen Heeres ist eine verzweifelte. — Der russische Botschafter Schnwaloff hat dem Lord Beaconsfield auf ausdrücklichen Wunsch des Czaren des Letzteren Unwillen über den beleidigenden „Golos"-Artikel ausgesprochen. — Die Berliner Thronrede wird hier als ein Beleg für das Fest halten Deutschlands an der Neutralität und am Drei-Kaiser-Bund betrachtet.
London, 1. November. Die heutigen Morgenblätter enthalten noch keine Mittheilung über die Antwort der türkischen Regierung auf das russische Ultimatum; fast alle sprechen die Meinung aus, die Pforte werde nachgeben. Die „Times" glaubt, daß die Mächte ohne Zweifel dem Sultan die Annahme der russischen Forderung anrathen werden und äußert schließlich: Unsere letzten Nachrichten lauten widersprechend, doch ist es undenkbar, daß die Pforte Rußland zum Aeußersten treiben werde. Nach einer Depesche des „Daily Telegraph" aus Konstantinopel von Dienstag Abend wäre ein zweimonatlicher Waffenstillstand unterzeichnet worden.
Nußlaud.
Moskau, 31. October. (Proceß Strousberg.) Der Staats-Procu- rator und die Anwälte der Civilkläger suchten, um Letzteren Anspruch auf Schadens-Ersatz zu sichern, nachzuweisen, daß der Verwaltungs-Rath in seiner Gesammlheit den Sturz der Bank herbeigeführt, falsche Bilanzen aufgestellt, Actien verkauft und Depots eilig herausgeuommen habe.
ILrkei.
Konstantinopel, 24. October. Die gestrige Nummer des „Vakit" machte ihren Lesern folgende lakonische Mittheilung: „Muhieddin Effendi und Sherif Effendi, Ulemas, von welchen der Erstere Kazasker (Oberrichter) von Rumelien, der Andere Kazasker von Anatolien war, ebenso Ramiz Pascha, bisher Rumeli Begier-Bey, und Riza. Bey, Beamter der ersten Claffe des ersten Ranges, sind ihrer Stellungen entsetzt und im Jntereffe des Staates und des Landes aus Konstantinopel verbannt worden. Dieselben sind bereits aus der Hauptstadt entfernt und auf dem Staatsschiff Arcadie nach Tenedos, Lemnos, Nhodus und Cypern gebracht worden." Wenn man den Aussagen der Minister Glniben schenken darf, so ist es der Regierung gelungen, eine höchst gefahr- drobeade Verschwörung im Keine zu ersticken. Aufgeregt durch die fanatischen Reden der Sofias und die maßlose Sprache der türkischen Blätter hatten sich einige Hundert Anhänger der Partei der Unzufriedenen, von den obengenannten Anführern geleitet, bereit finden lassen, eine förmliche Verschwörung zu bilden, deren Ziel bie Revolution sein sollte. In regelmäßigen, abwechselnd an verschiedenen Orten stattgehabten Versammlungen wurde abgemacht, in nächster Zeit die Wohnungen der den Reformen geneigten Minister und hohen Staatsbeamten anzuzünden, diese selbst zu ermorden, die maßgebenden Posten mit strenggläubigen Muselmännern zu besetzen und auf diese Weise eine gewaltsame Aenderung der türkischen Politik herbeizuführen. Ramiz Pascha war der Anstifter und Leiter der Bewegung, Riza-Bey soll die behufs Ausführung der Vorbereitungen nöthigen Geldmittel hergegeben haben. Die Wachsamkeit der Regierung, welche durch Spione von allem Vorkommenden auf dem Laufenden gehalten wurde, vereitelte die Ausführung des Vorhabens, welches nicht geringe Gefahren auch für die christliche Bevölkerung in sich trug; in der Nacht vom 19. auf den 20. d. Mts. wurden in aller Stille die Rädelsführer verhaftet, im Laufe der folgenden Tage eine große Anzahl der an der Verschwörung beteiligten Sosras aufgegriffen und auf dem Schub in ihre Heimat befördert. Alles geschah mit solcher Ruhe und Vorsicht, daß kaum eine Kunde von dem Geschehenen unter die Menge drang und alles Gerede vermieden blieb. Die in die Verschwörung verwickelten Ulemas Muhieddin Effendi und Sherif Effendi sind inzwischen schimpflich cassirt, ihrer Turbane entkleidet und nach Cypern verbannt worden. Rami; Pascha und Riza-Bey werden, wie ich aus verläßlicher Quelle in Erfahrung gebracht, der Nachricht des „Vakit" entgegen, noch immer in Stambul in strengster Einzelhaft gehalten. Man ist noch unschlüssig darüber, ob man ihnen förmlich den Proceß machen oder sich mit ihrer Entfernung und der Beschlagnahme ihrer Güter begnügen soll.
Konstantinopel, 31. October. Einem der Regierung .zugegangenen Telegramm aus Rustschuk vom 31. Octbr. zufolge hätten die Türken heute Alexinatz mit Lsturm genommen.
Semliu, 3 October. Kruschewatz wurde von den Serben aufgegeben, alles verfügbare Militär dirigirt man nach Paratschin, welches in Eile befestigt wird. Man gesteht zu, daß bei Djunis 1200 Serben und 2500 Ruffen ge- tödtet und verwundet wurden. Nistics erklärte, daß, wenn Rußland nicht ein» schreite, Serbien Frieden schließen würde. Der Vertreter Rußlands, Karzvff, soll geäußert haben, bis morgen werde der Waffenstillstand eintreten oder die russische Armee in die Türkei einmarschiren. In Belgrad herrscht großer Schrecken
Ragufa, 1. November. Die Montenegriner haben gestern Podgoritza eingeschlossen und beschießen den Ort mit den bei Medun eroberten türkischen Geschützen; bereits ist eine türkische Batterie demontirt. Podgoritza hat stark gelitten. Medun ist von den Montenegrinern gänzlich zerstört. Die Truppen, welche früher Medun cernirten, sind tiefer in Albanien eingedrungen und haben die Verbindung mit Podgoritza abgeschnitten.
Keröieu.
Belgrad, 31. October. Fürst Milan befindet sich in Paratschin, die Armee Tschernajeff's bei Deligrad, diejenige des Generals Horoatovic zwischen Djunis und Kruschewatz. Die durch den Verlust der Stellung bei Djunis hervorgernfene Bestürzung hat sich etwas gelegt; es herrscht große Thätigkeit und der Entschluß, bis zum Aeußersten Widerstand zu leisten.
Lokal-Notiz.
Gießen, 2. Noo. Auf dem am 31. October und 1. November stattgehabten Viehmarkte waren aufgetrieben 1615 Schweine und 881 Stück Rindvieh.
Vermischte-.
Friedberg, 31. Oct- Der Pferdemarkt am 23- und 24. d. Mts. verlief nach allen uns zugekommenen Berichten in befriedigendster Weise. Die Händler sind alle zufrieden von hier weggegangen und versprachen nächstes Jahr den Markt wieder zu besuchen. Im Ganzen wurden 91 Verkäufe protocollwt. lieber die sonst stattgehabten Verkäufe konnten wir genauere Nachrichten nicht erhalten. Zu dem gestern abgehaltenen Fafelmarkt waren ctrka 20 Fasel zugetrieben, von welchen 9 Stück verkauft wurden.
Dessau. Vor einigen Tagen ist dem „Anh. Staatsanz." zufolge in hiesiger Stadt ein Mann in Fol^e einer Vergiftung durch Petroleum gestorben. Derselbe hatte eine frische Schnittwunde am Finger und goß sich aus Versehen Petroleum darauf; den beißenden Schmerz, den ihm diese Uebergießung verursachte, achtete er nicht, und erst als ihm Arm und Brust roth zu werden und zu schwellen anfingen, consultirte er den Arzt Dieser konnte nicht mehr helfen. Der Vergiftete starb nach schweren Leiden. Wir theilen dieses Faktum unfern Lesern und Leserinnen zur Warnung mit.
Aus dem Odenwald, 27. Oct- Am Mittwoch Morgen wurde Leuten, welche den sog. Rodauer Wald pafftrten, ein grausiger Anblick zu Thetl. Hoch an einer Buche hingen zwei Bursche an einem Strick dergestalt übereinander, daß die Füße deS Einen den Kopf des Andern berührten. Der Vorfall wurde dem Großh. Landgericht Reinheim gemeldet, welche? sofort eine Commission zur Aufnahme des Thatbestandes an Ort und stelle entsendete. Wie die „St. Prov- Ztg" mittheilt, erfuhr die Com- mtffion von den Bewohnern einer in der Nähe befindlichen Mühle des Näheren, daß besagte Burschen am Abend vorher in ihrer Mühle gewesen wären und unter Vorzeigung eines Strickes leichtsinnig geäußert hätten, sie wollten sich erhängen, bei dem Erhängen jedoch müßte auch geläutet werden. Auf Grund dieser letzten Aeußerung wird vermuthet, daß die jugendlichen Selbstmörder ihren Tod gerade während des
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