H«8errei<8.
Wien, 31. Mai. Laut einer beim auswärtigen Amt eingelaufcnen Meldung wurde Abdul Aziz von den Sofias gestern erdrosselt. Die Auf regung ist in Folge dessen größer geworden.
Pesth, 31. Mai. Die Meldung mehrerer Wiener Zeitungen, wonach dem auswärtigen Amte die Nachricht zugegangen sei, daß der entthronte Sultan erdrosselt worden, wird für unbegründet erklärt, da nach den neuesten Nachrichten aus Konstantinopel Abdul Aziz noch am Leben war. Dieselben Berichte melden ferner, daß die Patriarchate der christlichen Genossenschaften dem neuen Sultan bereits gehuldigt haben.
AiranLreich.
Paris, 30. Mai. Der „Agence Havas" zufolge ist der türkische Thronwechsel in den hiesigen politischen und Finanz-Kreisen günstig ausgenommen worden, indem man glaubt, daß die Lösung der Schwierigkeiten im Orient dadurch erleichtert werde. Dem Vernehmen nach würden in dem neuen türkischen Ministerium Midhat Pascha das Großvezirat, Khalil Sherif Pascha das Auswärtige und Sadyk Pascha die Finanzen übernehmen.
Paris, 30. Mai. Die Nachricht von der Entthronung des Sultans Abdul Aziz machte heute hier und Versailles ungeheures Aufsehen. Der türkische Botschafter Sadik Pascha machte dem Minister des Auswärtigen heute Mittheilung von dem Thronwechsel in Stambul; eine lange Unterredung folgte. In Ems, wie man hier erfährt, traf die Depesche diesen Morgen um 8 Uhr ein; Gortschakoff eilte sofort zum Kaiser Alexander. Der Großvezir Mehemed Ruschdi Pascha steht, wie aus Konstantinopel gemeldet wird, mit Midhat Pascha an der Spitze der Bewegung; das türkische Heer ist, wie es heißt, dem Thronwechsel günstig gestimmt. Der entthronte Sultan wird in seinem Palaste überwacht. Auch der russische Botschafter Fürst Orlow hatte diesen Morgen bereits eine Unterredung mit dem Herzog Decazes, der demselben die Versicherung gab, daß Frankreich Alles für Erhaltung des Friedens in Europa und für ein Einvernehmen zwischen Frankreich und den Großmächten aufbieten werde. Der neue Sultan hat drei Punkte angenommen: 1) Einberufung einer ständigen Notabeln-Versammlung, 2) Auflösung des Serails, 3) Ermäßigung der Civilliste des Sultans auf 5 Mill. Piaster. Diese Summe würde nicht ganz 900,000 Mk. betragen.
England.
London, 30. Mai. Officiösen Meldungen zufolge ist das englische Mittelmeer-Geschwader am 26. Mai in der Besika-Bay eingetroffen. Das gegenwärtig kreuzende Canal-Geschwader wird am 6. Juni in Vigo erwartet. — Im Unterhause erklärte der Unter-Staatssecretär Bourke auf eine Anfrage Mare's: er halte die Mittheilung der Correspondenz über die orientalische Frage für inopportun. Bourke bestätigte die Entthronung des Sultans und die Proclamirung Murad's zu dessen Nachfolger. Details fehlten. Bourke verliest ein Telegramm aus Salonichi, wonach die Nachricht dort günstig auf genommen worden sei.
London, 31. Mai. Die hiesigen Morgenblätter äußern sich über ben; Thronwechsel in Konstantinopel im Ganzen günstig, aber vorläufig zurückhaltend, ohne übertriebene Hoffnungen zu äußern. Namentlich wird in den Zeitungen hervorgehoben, die Sofias hätten die Bewegung klug upb geschickt in's Werk gesetzt, inbeß sei bie Frage berechtigt, ob bie Absichten ber Sofias auf einem förmlichen Programm beruhten unb ob sie eventuell letzteres auch burchführen könnten. Im Uebrigen betrachten bie Blätter ben Thronwechsel als ein günstiges Ereigniß, welches bie friedliche Lösung ber orientalischen Frage erleichtern werbe, und stellen bie Meinung auf, baß bie Mächte bie Anstrengungen ber Türkei unterstützen müßten.
Türkei.
Konstantinopel. Das Geschwaber im Hafen von Salonichi besteht jetzt aus 19 Fahrzeugen. Es ankern bort bie französischen Kriegsschiffe: Gla- diateur, Chateau - Renarb, Heroine, Gauloise (Flaggenschiff bes Admirals Jaures), Couroune, Desaix; bie englischen: Bittern unb Swiftsure; bie russische Fregatte: Askolb; die italienische Fregatte: Maria Pia; die österreichische Fregatte: Radetzky; bas griechische Panzerschiff: Georgios; bie beutsche Corvette: Mebusa, und fünf türkische Kriegsschiffe.
Konstantinopel, 30. Mai. Den Nachrichten zufolge, welche der Regierung zugingen, ist, Dank den energischen combinirten Maßregeln, der Aufstand in Bulgarien vollständig unterdrückt. Die von allen Seiten einge- schloffenen Insurgenten eilen, maffenweise sich zu unterwerfen. Die Führer werden vor Gericht gestellt. Man ist augenblicklich damit beschäftigt, die Bewohner in ihre verlassenen Wohnungen zurückzuführen. Papiere und Corre- spondenzen der Insurgenten befinden sich in den Händen der Regierung, die ehestens nach der allseitig eingeleiteten Untersuchung die Thatsachen feststellen, die Schuldigen bestrafen und die Anstifter der Unruhen öffentlich anklagen wird.
Konstantinopel, 30. Mai. Sultan Murad V. wurde als Kaiser von Gottes Gnaden und durch den Willen der Nation proclamirt. Sein ab- gesetzter Vorgänger wurde mit seiner Familie nach dem alten Serail gebracht. Die Umwälzung vollzog sich in vollständiger Ruhe. Unter den Christen und Muselmännern scheint über den Thronwechsel Befriedigung zu herrschen. Heute Morgen sand eine Volkskundgebung statt; heute Abend soll die Stadt festlich lich beleuchtet werden. Auch sind dreitägige Festlichkeiten vorbereitet. Sultan Murad hat heute seine Residenz im kaiserlichen Palais genommen.
Amerika.
Quebec, 30. Mai, Abends. Eine große Feuersbrunst ist hier ausgebrochen : 50 Häuser find bereits verzehrt.
.Quebec, 31. Mai. Spät Abends ist man der Feuersbrunst, wovon die Stadt heimgesncht war. Herr geworden ; gegen 1000 Häuser sind verbrannt, der verursachte Schaben wird auf 1 Mill. Dollars geschätzt.
Lokal-Notiz.
Gießen, 26. Mai (Sitzung des Provinzialtags ber Provinz O der Hessen.) Heute fand in dem Rathhaussaale dahier die diesjährige ordentliche Sitzung des Prooinzialtags der Provinz Oberhessen statt. Anwesend waren der Vor
sitzende, Gr. Provinzialdirector Freiherr v. Röder, dessen Stellvertreter Gr Reaie- rungsrath Hoffmann, sowie 19 Abgeordnete. Entschuldigt blieben auS die Herren Buderus, Weitzel, Ramspeck, Dietz, Bramm, sowie das Mitglied des Provinzial-Ausschusses Reuning, ohne Entschuldigung Kammerdirector Justizralb Dr. Geyger.
Nachdem der Vorsitzende die Sitzung eröffnet und die Anwesenden begrüßt hatte sprach er sein Bedauern aus über den Verlust, den der Proviazialtag durch den Tod deS Abg. Collector Kuhl von Butzbach erlitten und ersuchte die Versammelten dessen Andenken durch Erheben von den Sitzen zu ehnm, wag sofort geschah.
Zu Urkundspersonen für die heutige Sitzung wurden durch Acclamation gewählt die Herren: Fürst Bruno zu Ulenburg und Büdingen Durchlaucht, sowie Wilhelm Kleberger I. von Södel. ’ '
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Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildete die Prüfung der Rechnung der Provinziulkasse für die Zeit vom 1. Juli dis Ende December 1875, bei welcher fufi kein Anstand ergab.
Sodann trug der Vorsitzende den von dem Provinzial-Ausschuß nach Vorschrift des Art. 93 bezw. 40 der Kreis- und Provinzial Ordnung erstatteten Verwaltungs- bericht für die Zeit vom 1. Juli bis Ende December 1875 vor. Danach sind, dem für diese Pertode aufgestellten Voranschlag entsprechend, auf die Kreise der Provinz ausgeschlagen und erhoben worden 1700 M. An Proceßkosten waren nach demselben Voranschlag in Aussicht genommen 20 M. Es ist jedoch Nichts eingegangen, weil dir mr Leistung von zusammen 50 M. verurtbeilenden Erkenntnisse erst nach Ablauf bei I ihres 1875 rechtskräftig geworden sind, jener Betrag also erst in 1876 vereinnahmt werden konnte.
Bezüglich ber Ausgabe wurde, bemerkt, daß von dem unter Rubr. 10 „Besoldungen" vorgesehenen Betrag von 80 > M. nur 300 M verausgabt worden für Gehalt des Protokollführers und Provinzialk-iss Rechners, während der für ein von der Regierung zu ernennendes juristisches Mitglied des Provinzial-Ausschusses vorgesehene Betrag von 500 M. erspart wurde, weil ein solches Mitglied nicht in Funktion getreten 'ft. Es wurde zugleich bemerkt daß auch der für den gleichen Zweck pro 1876 unter Rubr. 11 »Diäten und Gebühren" vorgesehene Betrag von 1000 M. voraussichtlich nicht zur Verwendung kommen werde, roetl auch bis jetzt noch nicht die Ernennung eines solchen Mitgliedes erfolgt fei, falls aber eine solche Ernennung noch im Laufe dieses Jahres ftattfinden sollte, bie demselben za verwiegende Remuneration wahrschemlich auf die Staatskasse übernommen werden würde, wonach für diesen Zweck in dem Voranschlag der Provinzialkasse demnächst nichts mehr oorzusehen sein werde.
Von den unter Rubr. 11 „Diäten und Gebühren- vorgesehenen 600 M. wurden verwendet 415 M 4 Pf., indem an das Mitglied der Ober-Ersatzcommission 287 M. 4 Pf. und an die Mitglieder des Provinzial Ausschusses 128 M. an Diäten unb Transportkosten verausgabt word m sind, wonach sich auch hier eine Ersparniß ergeben hat von 184 M. 96 Pf.
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Von den unter Rubr. 12 „Botenlohn und Verkündigungskosten" vorgesehenen 20 M. wurden nur 70 Pf, und von den unter Rubr. 13 „Bureaugegenstände unb Gerätschaften" vorgesehenen 150 M. nur 121 M 76 Pf. verausgabt-
Da auch von dem Reservefonds im Betrag von 150 M nichts verwendet wurde, so sind nach Vorstehendem totaliter verwendet worden 837 M. 50 Pf., wonach ein Rest verbleibt von 862 M. 50 Pf.
Bei diesem Verwaltu gsbericht fand der Provinzialtag Nichts zu erinnern.
Hierauf wurde der von dem Provinzial Ausschluß entworfene Voranschlag der Provinzialkasse für 1877 vorgelegt. Ehe in die sp.-cielle Berathung desselben eingetreten wurde, entspann sich eine längere Discussion Über die in der letzten Sitzung des Provinzial-Ausschusses verhandelte Frage, ob zur Unterhaltung der beiden Ackerbauschulen zu Alsfeld und Friedberg eine entsprechende Smumme in das Budget der Provinzialkasse für 1877 eingestellt werden solle, well der landwirthschaftliche Prooinzial- Verein von Oberhessen nicht mehr im Stande fei, die bedeutenden Zuschüsse, welche er seither zur Unterhaltung fraglicher S bulen geleistet habe, für die Folge zu gewähren-
Da indessen ein bestimmter Antru, in dieser Hinsicht nicht gestellt wurde, der Provinzial-Ausschuß vielmehr die Einstellung eines entsprechenden Betrags in daS Budget mit Mehrheit abgelehnt hatte, so konnte auch ein Beschluß über diesen Gegenstand nicht gefaßt werden.
Das Budget wurde hierauf fpeciell beratben und ganz nach den Anträgen bei Provinzial-Ausschusses mit einer Gesammteinnahme und Ausgabe von 4850 M. 50 Pf. genehmigt- Insbesondere wurde die Erhöhung des unzulänglichen Gehalts des Protokollführers um jährlich 300 M- vom 1 Januar 1877 an und die Verwilligung einer Remuneration von jährlich 100 M. an ben Amtsdiener Egly für Besorgung ber Kanzleidiener-Geschäfte vom 1. Januar 1876 an genehmigt-
Zum Schlüsse theilte ber Vorsitzende ber Versammlung noch mit, baß bie Commission, welche im vorigen Jahre auf Antrag des Abg. Ge yger bezüglich der V^cinal- straßen ernannt worden, durch den Vorsitzenden im Etnverständniß mit dem Provinzial- Ausschuß deshalb noch nicht zusammenberufen worden sei, weil inzwischen im Landtag von den Abgg. Pf annstiel unb Wadsack ein Antrag gestellt worden sei, welcher in Bezug auf den hier vorliegenden Antrag von präjudicieller Natur sei, weshalb es sich empfehle, zunächst das Ergebniß ber Berathung der Landstände abzuwarten. Die Versammlung erklärte sich hiermit einoerftanben.
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Hiermit war die Tagesordnung erschöpft unb wurde deshalb die Sitzung gt schlossen.
Nachmittags fand im Hotel Kühne ein gemeinsames Mittagessen statt.
Gießen, 30. Mai. In ber heute stattgehabten öffentlichen Sitzung Großherzoglichen Hofgerichts ber Provinz Obertassen wurden bie Haupt- unb Ergänzungs-ge- lchwornen für bas Schwurgericht vom III. Quartal, welches feine Sitzungen
Montag den 3. Juli l. I., Vormittags 9 Uhr, unter bem Vorsitze des zum Präsidenten des Schwurgerichtshofs bestimmten Großh Hofgerichts Raths Herrn Becker, bezw. des zu dessen Stellvertreter ernannten GroK HofgerichtS-Raths Herrn Muth beginnen wird, in folgender Reihenfolge auSgeloost I Ergänznngs - Geschworne:
1. Dr. Karl Zöppritz, Professor,
2. Adolf Oppenheimer, Liqueurhändler,
3. August Meyer, Weinbändler,
4. Ludwig I. Heinrich Petri, Weißbinder,
5. M of es Rosenthal, Frvchtdändler,
6. A d olf Zinßer, Wetnbändler,
7. Georg Karl Gail, Commerzien-Rath,
8. Friedrich Habenicht, Blechwaarenfabrikant,
9. Sigismund Heichelheim, Banquier,
10. August Montanus, Ellenwaarenhändler,
11. Alexander Meyer, Ellenwaarenhändler,
12. Georg Sack, Metzger; sämmtlich in Gießen.
II Haupt - Geschworne:
1. August Stammler, Liqueurfabrikant in Grünberg.
2. Johannes Göbel H, Landwirth in Pfordt.
3. Georg Wilhelm Hammel, Landwirth in Altenstadt.
4. Heinrich Wagner II., Landwirth in Gettenau.
5. Georg EaSpar Mogk II., Landwirth in Echzell.
6. Heinrich Hahn, Handelsmüller in Muschcnhetm.
7. acob König, Müller in Lindheim.
8. Georg Winter II., Landwirth in Glauberg.
9. Georg Hergert in Berstadt.
10. Karl Haberkorn, Kaufmann in Grünberg.
11. Heinrich Wilhelm Spengler, Gutsbesitzer von Hof-Schwalheim bei Unter-Widdersheim.
12. Joh. Wilhelm Koch, Landwirth in Langen-Bergheim
13. Conrad Beltz, Müller in Oberau.
14. Heinrich Schmidt Vll, Landwirth in Ober-Seemen.
15. Johannes Bäh: VIII, Pachter von Rohrbach
16. Christoph Conrad Küchel, Bürgermeister von Butzbach.
17. Johannes Weil II, Bürgermeister von Berstadt.
18. Friedrich Keil, Lanowirth von Melbach.
19. Johannes Viehl II., Bürgermeister von Rainrod.
20. Georg Wilhelm Wenzel, Fabrikant von Lauterbach.
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