die Wahl mit solcher Schnelligkeit zu betreiben, daß die Mächte nicht dazu kommen können, ihr Einspruchsrecht auszuüben, und die Jesuitenpartei einen Mann nach ihrem Herzen auf den päpstlichen Stuhl heben kann, so entsteh! die Frage: Was werden die Mächte thun? Oesterreich hat darauf bereite geantwortet. Graf Andrassy hat öffentlich erklärt, daß Oesterreich keineswegs auf seine alten Rechte bei der Papstwahl verzichte, und es steht fest, daß Oesterreich schon vor längerer Zeit der römischen Curie-hat erklären lasten, daß es nur einen nach den alten Vorschriften gewählten Papst anerkennen wird. Preußen oder vielmehr Deutschland hat seinen Standpunkt auch schon erklärt, nämlich durch die Worte Bismarck's in seiner Rede vom 9. Juni v.J. Preußen will sich in die Wahl des Papstes nicht einmischen, aber es behäli sich vor, die Rechtmäßigkeit der Wahl zu prüfen. Man hat sich gewundert, daß der Reichskanzler sür den Deutschen Kaiser nicht das alle Recht der 6iu spräche in Anspruch nimmt. Denn, jo sagt man, wenn der Kaiser selbst nich! Katholik ist, so herrscht er doch über viele Millionen katholischer Unterthanen und ist in so fern eine katholische, bei der Papstwahl nahe betheiligte Macht. Indessen mag die Negierung in Erwägung gezogen haben, daß die Ausübung dieses Rechtes auf mehr Schwierigkeiten stoßen würde und doch praktisch weniger wirksam sein dürste, als der Vorbehalt einer Prüfung der Papstwahl. Die besonnenen und gemäßigten Elemente im Cardinals-Collegium werden gewiß dahin trachten, nicht durch die Wahl eines Fanatikers schwere Conflictc hervorzurufen. Man kann saget!, daß Preußen ganz auf dem Standpunkt Oesterreichs stehe, mit Ausnahme, daß Preußen sich nicht unmittelbar in die Papstwahl mischen will, wozu es auch kein so umnittelbares, unbestreitbares, geschichtliches Recht hat wie Oesterreich.
Berlin, 17. Januar. Der Eindruck des gestrigen Wortkampfes zwi schen dem Fürsten Bismarck und den ultramontanen Wortführern ist, insoweit die Niederlage der Herren Mallinckrodt, Schorlemer-Alst, Windlhorst in Betracht kommt, ein durchaus erfreulicher; der Vorgang hat indessen noch eine andere Seite, auf welche heute die „N. Allg. Ztg." hinweist, indem sie der Verwunderung darüber Ausdruck giebt, daß die Behauptungen der Herren Schorlemer, Mallinckrodt u. s. w. allein von dem Fürsten Bismarck widerlegt werden mußten. Diese Verwunderung ist um so berechtigter, als es in parlamentarischen Kreisen nicht unbekannt ist, daß unter den Mitgliedern des Centrums eine Vereinbarung besteht, den Ministerpräsidenten durch fortgesetzte Angriffe dieser Art zu reizen und zu discreditiren. Die Majorität des Hauses/ welche die Politik des Fürsten Bismarck seit dem Jahre 1866 unterstützt und, in den letzten Jahren wenigstens, zu der eigenen gemacht hat, muß es sich doch zur Pflicht machen, die Taktik der Ultramontanen zu durchkreuzen, da die Erfolge, welche diese erzielen könnten, für die Majorität vielleicht noch gefährlicher sind als sür den Reichskanzler selbst, dessen Stellung durch frivole Anschuldigungen, an welche die Urheber selbst nicht glauben, sondern nur zu glauben vorgeben, um minder Urtheilsfähige irre zu fuhren nicht erschüttert werden kann. Scenen, wie die gestrigen, wenn solche sich wiederholen, können aber nur dazu führen, das Ausland über das thatsächlich jetzt bestehende Verhältniß zwischen der Landesvertretung und der Regierung zu täuschen.
Berlin, 18. Januar. Die vielbesprochene päpstliche Constitution ist der Gegenstand eifriger Erörterung in der Presse aller Länder, und es ist erfreu lich, wahrzunehmen, daß in den von der Herrschsucht des Vatikans zunächst bedrohten Ländern auch die praktischste Auffassung dieser neuesten Vethätigu.ig der Unfehlbarkeit sich knndgiebt. So äußert die Schweizer „Grcnzpost'' sich w einem Artikel: „Der päpstliche Staatsstreich" folgendermaßen:
Ob die Bulle: „Apostolicae sedis munus“ ächt oder unächt fei, diese Frage berührt uns heute nicht sehr; auf alle Fälle gehört zum Beweise der Unächtheit dieses interessanten ctenstückes etwas mehr als die bloße Behauptung des Hauptblattes der deutschen Ultramontanen, der Berliner „Germania", zumal sie gleichzeitig aus der Schule schwatzt, es bestehe allerdings eine päpstliche Bulle dieses oder ähnlichen Inhalts. Daß man gar der von ihr aufgetischten „Räubergeschichte" Glauben schenke, ist viel zu viel verlangt. . . . Wie dem aber sei, an den bestehenden Verhältnissen ändert der Staatsstreich, den Pius IX. gegen die jahrhundertalten Verfügungen seiner Vorgänger ausgeführt hat, um sieh einen jesuitischen Nachfolger zu sichern, im Wesentlichen nichts. Er constatirt nur, daß die alte päpstliche Kirche uicht mehr besteht, sondern auf dem Wege der Revolution von oben herab eine neue Religionsgemeinschaft geschaffen ist, deren Recht folgerichtig die Staaten nunmehr so weit zu achten verbunden ist, als ihnen beliebt. Diese Revolution ist aber nichts weniger als neu, sie datirt seit der Einsetzung des unfehlbaren Papstes, des absoluten Selbstherrschers im Reiche des Glaubens, dessen eigentliche Constitution der Syllabus ist-
Das Baseler Blatt ciiirt nun eine Auslastung der „Köln. Ztg." über die Stellung Preußens zu der vom Vatikan geschaffenen Sachlage und schließt dann mit folgenden Worten:
Was aber hier von den großen Staaten 'gilt, gilt eben so sür die kleinen, speciell für die Schweiz. Bekanntlich ist, und zwar noch vor Preußen, die Mehrheit der Basel'schen Diöcesanstände und sind Bern und Genf in ähn licher Weise vorgegangen. Daß diese einzig richtige, den Frieden, die Huma- nität und eie wahre Glaubensfreiheit schützende Politik recht bald eine gemein- eidgenössische werde, dafür möge demnächst das Schweizervolk durch Annahme der neuen Bundesregierung sorgen. Dann mögen Papst und Jesuiten so viele öffentliche und geheime Bullen fabriciren, wie sie wollen, — sie werden für uns keinen anderen Werth haben, als den mehr oder weniger komischer Curiositäten.
Berlin, 19. Januar. Abgeordnetenhaus. ^Schluß.) Längere Debatten rufen mehrere Resolutionen betreffs der Entschädigung der Geistlichen für den ihnen durch das Civilehe-Gesetz entstehenden Verlust am Einkommen hervor. Die Regierung spricht sich gegen die Resolutionen aus und will erst Erfahrungen machen. Ein Antrag Miquel's auf Ermittelung des Verlustes und Etati- sirung destelben pro 1874 wird in namentlicher Abstimmung mit 173 gegen 166 Stimmen abgelehnt.
Berlin, 19. Januar. Abgeordnetenhaus. Ren eingegangen sindRc- gierungs-Vorlagen, betr. Ergänzungen der Maigesetze und die Verwaltung erledigter bischöflicher Diöcesen. Vor dem Eintritt in die Tagesordnung nimmt
zweifelt habe, vielmehr seine Rede irrthümlich aufzefaßt sei. Hierauf wird die dritte Berathung des Civilehe-Gesetzes fortgesetzt, welches überall mit den Miquel'schen Anträgen angenommen wird und am 1. October 1874 in Kraft treten soll.
Berlin, 20 Januar. Dem Vernehmen nach erfolgt die Eröffnung des Reichstags am 5. Februar. Der Landtag wird am 17., spätestens 20. Februar, vertagt.
Aus Baden, 17. Januar. Laut einer Veröffentlichung in Nr. 3 des „greift. Kath Ktrcheubl. hat die badische S.-ction des „Kirchlichen Vereins des peil. Erzengels Michael für den bedrängten heil. Vater Pius IX " die zehnte Sendung mit 14'JO fl. an die apost.'lische Runciatur in München abgchen lassen. Also 14000 fl. sind aus unserem Lande bereits nach Rom abgeführt worden für den Gefangenen im Vatikan! Und die Leute, welche der katholischen B.völkerung bis hinab in die ärmsten Elasten diese Peterspfennige berntö- preffen durch herzzerreißende Schilderungen von der dürftigen Lage des Pabstes; tue Leute, welche nebst dem ihren Gläubigen jährlich noch ganz bedeutende Summen für allerlei „fromme" Zwecke abzunehmen wiffen, z. B. für das erz- bischöfliche Knabenseminar, für die verfolgten katholischen Priester in der Schweiz u. dgl., — diese selben Leute klagen und jammern über den Druck der Steuerlast, die vom Volk nicht mehr getrag u werden könne. O ihr Heuchler!
Schweiz.
Bern, 20. Januar. Der Bundesrath erließ, nachdem Rußland seine Theilnahme zugesagt, Einladungen zum internationalen Post-Congreß, dcr am 15. September in Bern stattfinden soll.
/ruukreich.
Paris- 17. Januar. Der Minister Decazes hat es für nöthig gehalten, den Abgeordneten vor der Sitzung zu erklären, daß die Gerüchte von ;nnem bevorstehenden Kriege mit Italien ganz unbegründet sind. Der Broglie'sche Fran^ais widerlegt diese Gerüchte ebenfalls nni fügt hinzu, die auswärtige Politik der Regierung sei eine durchaus friedliche. Die Regierung habe den Frieden selbst dringend nöthig.
— Laut „Evenement" soll der Ministerrath neulich beschlossen haben, nach Ankunft des neuen Gesandten Noailles in Rom den Orenoque zurück- zuberufen.
Paris, 18. Januar. Im deutschen Botschaftshotel herrscht seit vorgestern Abend riefe Trauer; die siebzehnjährige Tochter des Grafen von Arnim -st nach kurzer Krankheit verschieden. Die Vertreter des Auslandes, Fürst Or- loff, Graf Apponyi, Lord Lyons und Ritter Nigra in erster Reihe, kamen alle in die Rue de Lille, um d^n schwer heimgesachtcn Eltern ihr Beileid auszudrücken. Oie Leiche der Verewigten wird am Dienstag nach Pommern befördert nnft in der Familiengruft beigesetzt werden.
Paris, 18. Januar. Das „Journal de Paris" sagt, die Instruction, welche Bismarck neuerdings an den Grafen Arnim gerichtet habe, betreffe ans- schließlich die religiöse Frage, die allein der Gegenstand von Bismarck's Sorgen sei. Man versickert, Bismarck habe an seine Ägeiiteu eine vertrauliche Note geschickt, welche versichere, Deutschland sei entschlossen, die Jesuiten, die den Vatican beherrschen, auf's Aeußerste zil bekriegen.
Paris, 19. Januar. Der „Uuivers" ist wegen Veröffentlichimg eines Hirtenbriefs des Bijckofs von Perigueux, sowie wegen mehrerer in der letzten Nummer befindlichen Artikel auf zwei Monate suspendirt worden. — Der bekannte Specnlant Merton hat sich in London entleibt.
Paris, 19. Januar. Der Hirtenbrief des Bischofs von Perigueux, wegen dessen Veröffentlichung der „Uuivers" beute suspendirt wurde, behandelt die Encyclica des Papstes vom 21. November v. I und enthält die heftigsten Angriffe auf Deutschland, Italien und der Schweiz. Derselbe wird, der „Presse" zufolge, der Gegenstand einer Klage wegen Amtsmißbrauchs vor dem Staatsrathe sein.
Paris, 19. Januar. Der Befehl des Generals Ladmirault betreffs Suspendirung des .Uuivers" gibt als Grund dieser Maßregel an, daß die veröffentlichten Artikel und Documente geeignet schienen, diplomatische Verwickelungen hervorzurufen.
3talieiL
Rom, 17. Januar. Im Mailänder „Secolo" steht: „Die lombardischen Bischöfe haben ihren deutschen rebellischen College« ein Schreiben gesandt, um sie in dem Kampfe gegen den Staat, welcher die Kirche unterdrücken will, aufrecht zu erhalten und zum Aushalten zu ermuntern. Diese Adresse „ad Fortissimos Germaniae episcopos“ ergeht sich in den derbsten Ausdrücken gegen die italienische Regierung und spricht von dem Kriege, „welcher in diesem mijerabeln Italien mit noch mehr Heuchelei als Frechheit und Unverschämtheit" gegen die heilige Kirche geführt wird An der Spitze der Unterzeichneten steht der bekannte Bischof von Bergamo, Monsignore Speranza, und wir schätzen uns glücklich, den Namen nuferes Erzbischofs nicht darauf zu finden. Heute berichtet uns aber die „Voce della Verita" eines Veffern, denn sie druckt mit fetter Schrift, daß auch der Erzb!schof von Mailand, Monsignore Luigi di Calabiana, die Adresse der lombardischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe mit unterzeichnet hat. Aber ist es nicht eine ganz unglaubliche Heuchelei und und mit der Würde eines Senators ganz unverträglich, ein Schriftstück mit zu unterzeichnen, das gegen ein Gesetz gerichtet ist, welchem der Senat, deffeu Mitglied der Erzbischof ist, seine Zustimmung ertheilt hat?"
Jiußfunö.
Petersburg, 13. Januar. Nach den bis jetzt getroffenen Bestimmungen wird die Verr.mhlung der Großfürstin Marie Alexandrowna mit dem Herzog von Edinbnrg am 23. Januar stattfinden Nach der Hochzeit wird das hohe Neuvermählte Paar auf einige Tage Residenz in Zarskoje-Selo nehmen und daun im Winterpalais der früher von der höchstseligen Kaiserin bewohnten Ge-
Schorlemer-Alst das Wort, um zu constatiren, daß er in der Freitagssitzung, macher beziehen, welche im verflossenen Frühjahr für den Kaiser Wilhelm h?r- nachdem Fürst Bismarck gesprochen, sich ohne Absicht entfernt habe, und sucht gerichtet waren. Daun werden die eigentlichen Festlichkeiten beginnen, und wohl nachzuweisen, daß er in seiner Rede des Fürsten Glaubwürdigkeit nicht ange-'in einem großen Maßstabe vor sich gehen.
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