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Mzeige- und Wmtsölatt für den Kreis Hiessen.
Sir. » 53
Montag öcn 18. Mai
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x politischer Theis.
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Die französische Nationalversammlung.
Wenn Jemand ein Tagebuch führt, in welches er allabendlich nicht allein seine Erlebnisse, sondern auchZeiu? G^dankew, uMAbsichten einträgt, so ist das löbliche, für die Selbsterkemstniß" niitzehb^ngyide< Arbeit. Der Tagebuchschrei- ber tritt eine lange ^Reise« an und unterlaßt während der Zett die Aufzeichnung gen. Wenn er denn von seiner Reise zurückgekehrt das Blich wieder anfklappt, er wird höchlich erstaunt sein über die mannigfachen Veränderungen, welche in seinem Innern vorgegangen sind; nur muß er versuchen, seine durch die jiing- sten Erlebnisse veränderten Anschauungen zu sichern und mit den früheren m
Einklang zu bringen. In sehr ähnlicher Lage bestndet sich eine parlamentarische
Corporation, welche durch die täglicheli Sitzungen Tagebuch über ihre Wünsche und Absichten fuhrt; das Parlament geht in die Ferien und findet bei seiner
Rückkehr nicht sowohl die allgemeine Lage verändert, sondern befindet sich selbst
in einer neuen Stellung zu der alten Lage. Je weniger ein Parlament au Consequcnz hält, desto schwieriger muß ihm die nunmehrige Situation erscheinen, welche sollen nicht alle gehegten Hoffnungen aufgegeben werden — zum energischen Handeln drängt.
Am 12. Mai hat die französische Nationalversammlung nach einer Ian geren Ferienpauie ihre Sitzungen wieder aufgenommen. Dieselbe Majorität, welche im September vorigen Jahres das Septennat als letzten Rettungsanker einjetzte, steht heute diesem Septennat mit ganz andern Gefühlen, mir ganz andern Absichten gegenüber, Die dreigeglrederte monarchistische Majorität fürchtet heute, daß durch Aufrechterhaltung des Septennatö die republlkanische Staatsform in Frankreich festen Fuß fassen könnte; sie hält es deshalb jetzt für ihre nothwendigste und vornehmste Aufgabe, die constitntionellcn Gesetze, welche dazu bestimmt sind, das ^Leptennat zu stützen und zu stärken, zu hintertreiben, wenigstens so lange als möglich zu verzögern.
Als das Septennat geschaffen wurde, hielten die Monarchisten diese Einrichtung — im Gegensatz zu der jetzigen Anschauung — gerade für ein Schutzmittel gegen die Republik. Wir erinnern hetite daran, daß wir schon damals de>. Monarchisten nicht zutraulen, daß sie es mit den sieben Jahren nicht ehrlich meinten, sie wollten nur Zeit gewinnen, jede Partei für ihren Prätendenten, die Wege zum französischen Throne zu ebnen. Eine aufrichtige Versöhnung zwischen den drei monarchischen Parteien gehört in das Bereich der Unmöglichkeit, aber auch alle Bemühungen, zeitweilig eine Einigung ad hoc, d. h. um gemeinschaftlich einen Prätendenten auf den Thron zu erheben, haben sich als unmöglich erwiesen. Es ist bezeichnend, daß während der letzten Parlaments- Ferien in Frankreich nicht einmal die bereits zur Seeschlange gewordene Fusion der Bourbonen und Orleans ihr Erscheinen möglich gemacht hat. Im Gegentheil, jede Partei operirte auf eigene Faust, wie immer, die legitimistische am ungeschicktesten. Es ist gleichgiltig, ob der Principienmensch von Frohsdorf wirklich in Versailles gewesen ist oder nicht, jedenfalls hat die lange Zeit für wahr gehaltene Behauptung seiner Anwesenheit dortselbst, um einen entscheidenden Coup auszuführen, nicht dazu beigetragen, das Ansehen und auch die Chancen der Partei zu heben. Man muß sich diesem feudalen König mit seinen früheren Jahrhunderten angehörigen Ansichten, mit seiner Principienrciterei, mit den schort erlittenen Fiascos nur denken, um das Lächerliche davon einzusehen, daß man von seiner Anwesenheit einen Hauptcoup erwartet.
Auch die beiden anderen Parteien der Monarchisten haben sich nicht zu ihrem Vortheil consolidirt, bei den Bonapartisten besteht zwischeii der männlichen und weiblichen Linie, zwischen dem rothen Prinzen und der zukünftigen Mitregentin Eugenie,^ eine nicht unerhebliche Spannung. Die Prinzen ans dem Hause Orleans sind sich auch noch nicht klar darüber, ob sie den Herzog von Aumale lieber als Königslieutenant, oder den Grafen von Paris lieber als Bürgerkönig sehen möchten. Jedenfalls aber laviren die beiden letztgenannten Parteien geschickter, |ie setzen keine von vornherein verunglückten Hauptcoups in Scene, sie accommodiren sich den Verhältnissen, und namentlich verstehen es die Orleans, bald mit dem rechten, bald mit dem linken Centrum zu liebäugeln, indem sie vorgeben, nur ihrem Vaterland, gleichviel, in welcher Eigen sckaft, dienen zu wollen.
Diese drei zerfahrenen Parteien stehen nunmehr dem anscheinend festen Willen eines Mannes gegenüber, welcher das ihm im November vorigen Jahres übertragene Septennat unter allen Umständen aufrecht zu erhalten entschloss, n ist. Die Passirnng der constitutionellen Gesetzesvorlagen, namentlich die Creirung einer zweiten Kammer sollen wesentlich dazu beitragen, den Status quo bis Ende 1880 zu erhalten Das Cabinet des Marschalls Mac Mahon scheint auch nicht ganz einheitlich zu sein, stellt sich aber doch wenigstens, was die erwähnten Gesetze betrifft, vollständig auf den Standpunkt des Marschall- Präsidenten. Es hat während der Ferien der Nationalversammlung auch schon mehrfach von Modificationen im Cabinet zum Vortheil der linken Seite des Hauses verlautet, die Thiersisten arbeiten an Revanche für den parlamcntari- jcben ^Lkaatsstreich, dem Thiers zum Opfer gefallen, und die republikanische Linke drängt stürmisch zur Entscheidung.
^^rd nun die Majorität der Nationalversammlung, die uneinigen Monarchisten, den Willen und den Muth haben, die constitutionellen Gesetze, sei es durch einfache Verwerfung, sei cs durch Amendirung, zu beseitigen? Wie wir den Mnth der Majorität, welche nicht die Majorität der Nation ist, schätzen, io werden die Monarchisten in der Natiynalvirsammlung die Tragweite der constitutionellen Gesetze möglichst abzuschwächen suchen. Wie dies überhaupt in Parlamenten jetzt gewöhnlich ist, wird die Compromiß-Politik auch in Versailles eine große uicöc spielen. Die Monarchisten müssen zum bösen Spiel gute Miene macheii.
Schluß der letzten Session der Nationalversammlung sdie Verhatmsie nicht dazu angethan waren, eine monarchische Erridte einzuheimscn, so sind sie es heute noch viel weniger, denn die monarchischen Parteien haben !klther im Zersitzungsproccß augenscheinliche Fortschritte gemacht. Auch der Marschall-Präsident durfte einem irgend aiinehmbaren Compromiß nickt abgeneigt sein, denn er ist wohl der Letzte, welcher wirklich an das Evangelium seines Septennats glaubt.
Die Lage der Dinge in Frankreich wird in.der Schwebe bleiben, bis ein Impuls von Unten ober von Außen eine Katastrophe und im Gefolge einen Regierungswechsel bedingt.
Deutfcfjfanö.
Darmstadt, 16. Mai. Der vierte Ausschuß der zweiten Kammer hat über den Antrag der Abgg. Goldmaiin, Küchler, Edinger und Heinzerling auf Vorlage eines Gesetzes Entwurfs, wonach vom 1. Januar 1876 an in keiner Gemeinde des Grvßhcrzoglhums Octroi auf Vrodfrucht, Mehl, Backwaaren, Kartoffeln, Schlachtvieh, Fleisch und Fleffchwaaren. Brennmaterial mehr erhoben werden dürfe, Bericht erstattet. Obgleich die Vertretrmgen der in erster Linie betheiligten Städte Maiiiz, Darmstadt, Offenbach und Gießen sich alle dahin ausgesprochen haben, daß dem Antrag dermalen wenigstens nicht zuzu timmen sein möchte, und die Regierung sich demgemäß nicht in der Lage erklärte, dem Antrag znznstimmen, so geht doch der Beschluß des Ausschusses auf dessen Annahme : der von dem Abg. Stüber erstattete Bericht weist in aus^ ührlicher Begründung die Verwerflichkeit des Octrois, unter Widerlegung der ür principiellc oder auch nur temporäre Beibehaltung desselben vorgebrackte Gründe, nach.
Berlin, 15. Mai. Herrenhaus. Vor dem Eintritt in die Tagesordnung nimmt Fürst Putbns das Wort und protestirt sehr heftig gegen die Aus- führungen Lasker s im Abgeordnetenhanse bei der Debatte über die Berliner Nordbahn. Derselbe hebt hervor, er habe nur der heimischen Provinz aufhel- fen wollen und dieses mit eigenen pekuniären Opfern gethan, er sei bei den Bahn-Unternehmnngcn durchaus vorschriftsmäßig verfahren, selbst Lasker habe widerwillig die richtige Rechnungslegung über das Actienkapital constatirt. Der Fürst äußert: „Lasker hat schon einmal die Tribüne als Deckmantel frecher Lügen gegen mich benutzt." Hier wird der Riedner vom Präsidenten wegen unparlamentarischen Ausdrucks rectificirt, worauf derselbe fortfährt: er sehe das Hauptmotiv der Angriffe Lasker's in persönlicher Rancune. Vor und nach Las- ker'S Reden über derlei Dinge werde an der Börse viel speculirt. Solchen Manipulationen sei Lasker nicht fremd (Widerspruch); er lasse sich wenigstens von seinen Gesinnungs-Genossen mißbrauchen, die ans dem Unglück Anderer Gewinn ziehen, das sei das Verbrechen oder die Mitschuld daran. Hierauf wird der Rechenschafts-Bericht über Consolidirung der Anleihe und der Gesetzentwurf über Eintrag der Grundlasten in den vormals bayerischen Gebiets- theilen in einmaliger Schlußberathung genehmigt. Die Gesetze über Verwaltung erledigter Bisthümer und zur Ergänzung des Mai-Gesetzes über die Vorbildung der Geistlichen wurden in zweiter Verathung unverändert endgültig angenommen Nächste Sitzung morgen, und kommt die Synodal-Ordnung zur Berathuug.
Berlin, 15. Mai. Man erwartet morgen die Erwiderung Lasker's auf die ^Rechtfertigung des Grafen Putbus. Lasker hält jeden Satz, den er m der Sißnng vom Dienstag ausgesprochen, aufrecht/
Berlin, 16. Mar. Herrenhaus. Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärt Prinz Biron, daß er gegen Lasker's Angriffe anläßlich der Debatte über die Berliner Nordbahn vorgehen werde, sobald cer stenographische Bericht vorliege. Die Rechnungen der Ober-Ncchnungs-Kammer und der Berickt der iLtaatsschuldeii-Verwaltung werden durch einmalige Schlußberathung, die Gesetze über das hannover'sche Höfe-Recht und über die Regelung der Wasserlauf-Abgaben im Regierungsbezirk Wiesbaden in erster Verathung erledigt. Das Kir- ckengerneinde- und Synodal-Ordnungs-Gesetz wird nach längerer General- und Special-Debatte, wobei der Cultusrninister für die Fassung des Abgeordnetenhauses eintritt', in letzterer angenommen.
Berlin, 16. Mai. Abgeordnetenhaus Vor Eintritt in die Tagesordnung ergreift der Abg Lasker das Wort zur Widerlegung der von dem Fürsten Putbus im Herrenhause gehaltenen Rede. Lasker behauptet in 16 Punkten die


