Eduard Franz Ludwig Kullmann, 21 Jahre alt, katholisch, lediger Bött- chergeselle von Neustadt-Magdeburg, wird wegen des von ihm am 13. Juli 1874 an dem Reichskanzler Fürsten von Bismarck verübten VerbreckenS des Mordversuchs in eine Zuchthausstrafe von 14 Jahren und in die Kosten des Verfahrens und des Strafvollzugs verurtheilt, welche Kosten jedoch auf die königliche Sraatskasse verwiesen werden.
Gleichzeitig wird derselbe der bürgerlichen Ehrenrechte aus die Dauer von 10 Jahren für verlustig erklärt und dessen Stellung unter Polizetaussicht nach erstandener Strafe für zulässig erklärt.
Von den zu Gerichtshanden gekommenen Gegenständen sind die Pistole und bie drei Rehposten auSzuziehen, sämmtliche übrigen Gegenstände aber an Kullmann hinauSzugeben.
Okra, 2. November. Der Fürst hat in seiner Thronrede zur Eross- bung des Landtages am 29. v. Mts. erklärt, daß er zur Deckung der Staats- lasten einen Zuschuß geben wolle. Dieser Zuschuß besteht, wie der „Franks. Zeitung" mitgctheilt wird, in einem einmaligen Beitrage von 800,000 Thlr. und soll in zehn Jahresraten bezahlt werden. Weiter hecht es dort: „Das Ministerium glaubt, nach zehn Jahren wären die Finanzen des Landes in solch blühender Lage, daß ein fernerer Zuschuß des Fürsten aus der Kammerkasic nicht mehr nothwendig sei. In den Kreisen der Abgeordneten verlautet, daß eine derartige Offerte unter keinen Bedingungen angenommen werden könne."
Deflerreidj.
Wien, 4. November. Die französischen Vertreter im Ausland wurden angewiesen, gesprächsweise mitzutheilen, Frankreich besitze volle Gewißheit, daß die spanische Vcschwerde'Note nicht deutscher Inspiration entsproffen sei. Deutsch land habe sogar jede Aeußerung vermieden, welche in Madrid als Billigung der Form jenes Actenstückes hätte gelten können.
Wien, 5. November. Abgeordnetenhaus. Mehrere Interpellationen werden eingebracht, darunter über den Stand der Eijenbahnbauten in der eure päischen Türkei, betreffs des Eisenbahnbaus Ungarisch-Hradisch Brünn-Jglau- Bayerische Grenze und über die Eisenbahn Wien-Novi. Das Haus tritt hieraus in die Special-Debatte über das Actien-Gesetz ein, nachdem der Justizminister in einer beifällig ausgenommenen Rede die in der General-Debatte vorgebrack- ten Einwendungen widerlegt und erklärt hat, daß die Regierung mit dem ©•> sehe bezweckt habe, daß die Vorgänge bei den Gründungen nicht der Oeffent- lichkeit entzogen würden und das gezeichnete Capital wirklich eingezahlt und ausschließlich seinem Zwecke entsprechend verwendet werde, wobei der Minister auch die Regierung gegen die Anschuldigung vertheidigt, zu geringe Vorsicht vor dem Einbruch der Börsenkrise bethättgt zu haben. § 1 wird in der Fassung des Ausschuffcs angenommen.
/ian&reidj.
Paris, 5. November. Spanischen Nachrichten zufolge hatte das Bombardement von Jrun einen kaum bemerkbaren Erfolg. Die Negierungstruppen hatten einen Verlust von 6 Todten und 10 Verwundeten. Der Verlust der Carlisten ist unbekannt.
öchmeiz.
Bern, 5. November. Der Ständerach beschloß bei der Weiterberathung des Militärgesetzes, Studirende höherer Unterrichts-Anstalten auf ihr Ansuchen bis zum 25. Altersjahre vom Militärdienst zu befreien.
«Kußlüiiö.
Petersburg, 3. November. Der Negierungs - Anzeiger vom 31. October bringt das längst erwartete Gesetz über die Civilstands-Register der Sectircr. Dadurch gelangt ein bedeutender Theil des russischen Volkes, der in civilrechtlicher Beziehung bisher fast rechtlos war, aus gleiche Dtnse mit den übrigen Bürgern des Reiches. Die Familienverhältnisse der Sectircr erhalten eine gesetzliche Grundlage. „Die Regeln über die Civilstands-Register der Ehen, Geburten und Todesfälle der Sectircr" zerfallen in fünf Abtheilungen und 42 Paragraphen. Abschnitt 1 handelt von der Eintragung der Ehen in die Civilstands-Rcgister. „Die Ehen der Sectirer," so lautet ß 1, „erhalten in civilrechtlicher Beziehung durch Eintragung in die dazu eingerichteten Clvrl-'- stands^Register die Kraft und Wirkung einer gesetzlichen Ehe. Die Kinder der Sectirer werden nur in dem Falle in die Civilstands - Register eingeschrieben, wenn ihre Eltern als Gatten verzeichne! stehen. Die Civilstands-Register werden in den Städten und Kreisen von den localen Potizeiverwaltungen, in den Residenzen und den Bezirks- und Stadttheilspristaven nach ministeriell vorge- schricbenen Formen geführt. Die Ehcproceffe der Sectirer gehören vor die Civilgenchte. Im Allgemeinen gelten die gewöhnlichen rechtlichen Grundverbrechen über Ungültigkeit und Lösung der Eheverbindungen. Gegen Ehever« brechen der Sectirer kommen die allgemeinen Strafen in Anwendung, ausgenommen Kirchenbuße und Einsperrung in's Kloster."
(Cnflfonö.
London, 4. November. Der Prinz und bie Prinzessin von Wales sind von Marlborough House nach Packmgton Hall, dem Landsitze des Earls von AvleSsord gereist und werden von dort aus heute der benachbarten Stadt Birmingham eine» Besuch abstatten, woselbst zu ihrem Empfang große Vorbereitungen getroffen sind. Der Herzog von Edinburgh begab sich gestern mit seinem Schwager, dem Großfürsten Thronfolger, nach seiner kentischei^Besitzung Eaflwcll Park, wohin er demnächst mit Gemahlm, Söhnlein und Schwieger mutter (der Kaiserin von Rußland) übcrzusicdeln gedenkt.
London, 5. November- Bazatne ist deute nut Frau und Kindern auf einem englischen Dampfer nach Lissabon abgcreist, von wo er nach Madrid, woselbst er bereits eine Wohnung gemietet, geben wird. Die Nachricht, daß Vazaine der spanischen Regierung seine Dienste angeboren habe, entbehrt, dem Vernehmen nach, der Begründung. __ _zx_
London, 5. November. Die Arbeitslöhne von 60.000 Kohlengruben- Arbeitern sind um 10, statt, wie zuerst in Aussicht genommen war, um 20 pEt. herabgesetzt. Im Ganzen haben die Löhne seit dem Monat Mai eine Roduclion von 28 pCt. erfahren. In Liucolnshire steht die Entlaffunz ländlicher Arbeiter bevor. Die Pächter besteben aus einer Lohnherabsetzung von 3 Schill, pro Woche.
Amerika.
New-Aork, 4. November. Im nächsten Conzreß dürsten die Republi kaner eine Majorität von 10 Stimmen im Senat, die Demokraten eine Majorität von 30 Stimmen im Repräsentantenhauje haben. Ter Demokrat Belle ist zum Gouverneur von New-Jersey gewählt.
New-Z)or*k, 4. November, AbendS. Der Ausfall der Wahlen har bei der Regierung in Washington empfindlich berührt. Derselbe wird dort al, ein Symptom der Unzufriedenheit des Landes mit der Politik der Regierung und als ein Mißtrauensvotum gegen Letztere betrachtet. Die Republikaner sind nicht entmuthigt und überzeugt, daß ein dauernder Umschlag der Stun« mung des Landes nickt Platzgreifen wird. Die Preffe bctrachlkt das Wahlresultat als einen Protest gegen die dritte PräsidentschastS-Candidaten und die schlechte Verwaltung Grant'S.
Ncw-?)ork, 5. November. Die demokratische Mehrheit im nächsten Coilgreffe wird nach den nunmehr vorliegenden Wahlrciultaten auf 56 geschätzt. In Alabama hatten die Demokraten die Majorität. Es wurden daselbst 7 Demokraten gewählt. Florida wählte 12 Republikaner, Pennsylvanien 16 Demc- kraten, 11 Republikaner. In Illinois betrug die demokratische Majorität 12,000, in Missouri 40,000. In dem letzteren Staate wurden 10 Demokraten gewählt.
tiefefliapQil'dje Depeschen.
Wien, 6. Nov. Die Nachricht der „Times" von einer Berufung der Pforte an die Garantie Mächte scheint nicht zutreffend, da der hiesige türkische Botschafter gestern dem Grafen Andrassy gegenüber eine derartige Absicht ab« leugnete.
London, 6. Nov. Die Arbeiter in den Schiefergruben des Lord Penchyr haben beschlossen, die Arbeit unter den ihnen gemachten Bedingungen wieder aufzunehmen.
Paris, 5. Nov. Die „Agence Havas" meldet: Officiellen Nachrichten aus Jrun von Donnerstag Abend zufolge dauerte das Bombardement der Stadr den ganzen Tag fort, ohne erheblichen Schaden zu verursachen. Du Carlisten sollten große Verluste erlitten haben. Derselben Ouellc wird auc La Junquera gemeldet: Die Freiwilligen - Colonne, welche von Figueree nach Castello marschirte, wurde von den Carlisten vollständig geschlagen und verlor ihre Artillerie. — Boulevard: Rente 99, Türken 45.80.
Vermischtes.
Paris, 28. Oct. Paris ist einem schweren Unglück entgangen; es hätte beinahe frm.i größten Opernsänger verloren. Herr Faure, der Baritonist pur oxccllence, fühlte sich beleieiqt, daß der Director der Oper für eine Vorstellung in der die Patti auftrat, höhere Preise an.e- seht hatte, als für die Vorstellungen, in denen er mitwirkt. Er gab seine Entlastung, derTirc tor bat und flehte, aber der Bariton blieb unerbittlich, und Tage lang schlugen die eltflanictni Herzen In banger Erwartung, „ob er wohl gehen wird?" Endlich unterzeichnete ber unglürflidn Director, nachdem drei Akademiker-, drei Unsterbliche reinsten Masters, sich mS Mittel gelegt, em Erklärung, worin er alle Schuld auf sich nimmt und feierlich verfvricht, eS nie wieder zu thrn, und der ergrimmte Sänger beschloß, das Publicum noch weiter mit feinen Leistungen zu fctgtu» den. Die Affaire bat hier beinahe so viel Lärm gemacht, wie eine Staatsaetion in antnci Hauptstädten; alle Blätter waren voll davon und c8 bildete sich bcrcilS eine Damenverschwöru^ zu Gunsten des gekränkten Sangers. Derselbe aber wurde vom Figaro siegreich gesvrengt ; btr der Ungezogene erklärte, er würde alle Damen, die ihr angehörten, mit genauer Angabe ihre: Alters namhaft machen. Horrcur!
— Folgende heitere Gespenstergeschichte spukte vor einigen Tagen in der Dg «Ztg.: £» Lagliostrotheater zu Amsterdam führte Herr Basch allabendlich unter großem Zudranqe le, Publikums feine Geister- und Gespenstererschkinungen vor, bei denen dem Teufel eine sehr fc mische Nolle zugetheilt war, was sich mit den Ansichten einer gewissen SpecieS der holländiici^ Geistlichen nicht verträgt. So hatte der Viear einer amsterdamer Vorstadtkirche feine Gläubip-r schon mehrfach vor dem Besuche des Eagliostrotheaters gewarnt, allein da die Gläubigen fort- während zu den ungläubigen Vorstellungen strömten, so verfügte er sich eine* Abends sel> dorthin, um im frommen Eifer gegen die Aufführung des Äcisterstückeö zu protestiren, wtfcngr falls er auf eine Schließung des Theaters hinzuwirken drohte. Natürlich konnte sich Piofefo- Basch, der von den Anfeindungen des Geistlichen längst unterrichtet war, hiernach nicht richte, kaum aber hatte sich das erste Gespenst gezeigt, alS sich der Dicar von seinem Sihe erhob uv im gemächlichen, hier leider nicht wiederzugebenden flämischen Dialekt schrie: «Seht, tat nur der „Hexenmeister" die Geest, die Geest! (Geister). Bester hießen sie die Beestl (vestien I' Kaum batte er ausgeschrieen, als er plötzlich todtenblaß in seinen Stuhl zurücksiel, denn ci der Bühne erschien - der Geist seiner verstorbenen Rrau (eine Production, die bei vorhandcre: Photographie zu ermöglichen ist) und sagte mit hohler GrabeSstimme: „Du hast mich c Lebzeiten fo oft ein Beest genannt, so verschone mich doch jetzt mit diesem EhrentitelTv teufelSfreundlicke Dicar machte sich eben so schnell unsichtbar, wie eine Geistererscheinung; allf das höllische Gelächter, welches ihn toerfolgte, hat seiner TeufelSbeschützung von da an ein 6rt gemacht.
— Die Eichkätzchen im berliner Thiergarten haben sich im letzten Sommer fo w mehrt, daß man sie jetzt auf den bald blätterlosen Bäumen in Menge herumkletiern fehen fan So zierlich diese muntern Thierchen nun auch sein mögen, fo verderblich sind sie doch den, turt Polizcimaßrcgeln geschützten Vögeln und Vogeleiern; die Thiergarten-Verwaltung, welch« Recht darauf hält, daß sich gerade die Singvögel in möglichst großer Anzahl im Thiergar'? ansiedeln und heimisch fühlen, wird daher, wie das Taqebl. meldet, eine gründliche Ra»jia -» Eichhörnchen anstellen lasten, um mit Windsüchsen möglichst vielen das LebenSlickt auiwuKaf'i
— Der „Courier der Ver. Staaten" erstattet Bericht über das tzest „der dicken Tarn«-* welche- letzthin im Hotel Taylor in Plealant Valley Statt gefunden. Dieses Fest, ähnlich x rangirt wie das Fest ..der dicken Herren", befiehl in einem Austerndiner und Ball, und ver.e in größter Gemüthlichkelt; die schwere weibliche Garde amüsirte sich. Rur ein einziges mejjo, allerdings ein schwerer „Fall", 'st in den Annalen des Vereins zu verzeichnen. Reporter cineS new-yorker Blattes, hinterlistigen Aufstachelungen Folge gebend, forderte <’< Dame von circa 240 Pfund Gewicht zu einem Walzer auf Er batte vielleicht auf ein« <*' schläaige Antwort gerechnet; aber darin sah er sich bitter getäuscht. Seine Aufforderung «öl’* mit der größten Liebenswürdigkeit angenommen, und so sah er sich zu einem „Unterrcbmet* gezwungen, das ihn fein flehen lang gereuen wird. Das Thermometer zeigte 41) (Brat n Schatten seiner Dame Der unglückliche Reporter renkte sich fast den Arm au8 bei dem tc mühen, seine Tänzerin da zu umspannen, wo sonst die Taille zu sitzen pflegt. Jene aber t» ibn wie eine Feder auf und drehte ihn io hastig wie im Wirbelwinde herum, daß ihm e*: nur so viel Bewußtsein blieb, die Knöpfe fallen zu hören, die ihm vom Rock und ankern mäT licken Kleidungsstücken absprangen. So beklagcnswcrth aber dieser Unfall war, so war er VC nur das Vorspiel zu der viel schrecklicheren Schlußkatastrovse. Plötzlich nämlick rutschte >» Dame aus und fiel („6 la prussienne“, fegt der Berichterstatter) mit ihrem Tänzer bertt nieder, daß der Fukbodcn krackte. Nach mehrfachen verqeblickm Versuchen, die schwere floß xl stattlichen Dame wieder auf die Füße zu bringen , entfloh der arme Reporter verhöhnt und h schämt vom Schauplatz seiner Niederlage, mit dem Gelöbniß, mit einer Tänzerin so schwere: Ealibcrs einen so gefährlichen Tanz nicht wieder zu versuchen. Uebrigens batte der febnt^ Fall keine weiteren üblen Folgen für die leichtfüßige Riesendame, da sie die Vorsicht gebrau«' alS Präservativ sckleunigst einige Dutzend Austern, angefeuchtet mit dem schäumenden Wem w Champagne, zu vertilgen e .
— Eines der merkwürdigsten Testamente ist, wie österreichische Blätter erzählen, Je.*' deS in den fünfziger Jahren verstorbenen folonaer Erzbischofs Grafen Nadasdy. Die Hbrnd lung der darin enthaltenen Legate brauchte bei der riesigen Anzahl derselben eine ungetocbmre lange Zeit und manche Punkte dieses Testaments dürften auch beute nicht uninteressant fein, t.


