Ausgabe 
31.12.1873
 
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bleiben, bis sie sterben. Wer dort drüben arbeitet, ist doch wenigstens sein eigener Herr und seine Kinder sind doch nicht für die Schulden der (Eltern haftbar wie h ie r."

Der Gewinn der saueren Arbeit stießt nickt dem Colonisten, sondern dem Landbesitzer zu. So hatte ein einzi­ger Herr dieser Art im Jahre 1860 von 380 Kolonisten einen reinen Gewinn von 75,000 Thlr. Der bekannte Rei­sende Gerstacker erzählt von ganzen Trupps hohläugiger, abgemagerter Parceria-Deutschen, denen er begegnete, als sie nach 10 - LOjähriger widerrechtlichen Parc<ria-Sclaverei durch das Dazwischentreten des Herrn von Meusebach erlöst worden waren, um ihr Leben mit zerrütteter Gesundheit und keinen Heller in den Taschen wieder von vorne anzufangen.

Am schlimmsten ist es, daß der Colonist den politischen und polizeilichen Staatsgeschen unterworfen ist, ja, doch factisch vom Rechtsschutz der brasilianischen Constitution ausgeschlossen, er steht unter dem Ausnahmegesetz der für seinen Empfang herg« richteten Gesetze über die Dienstverträge.

Im Jahre 1872 wurden auf Grund der erwähnten Bestimmungen in der Provinz St. Paula 30 Personen wegen Contractbruchs ins G.fängniß gesetzt.

Roch im Januar 1873 war folgende Annonce in einer brasilianischen Zeitung zu lesen:Ich Unterzeichneter mache hiermit bekannt, daß der Deutsche Adolf Ponse, klein, Gesicht breit, spricht gut portugiesisch, schreibt schön, hat ein gutes Talent als Kaufmann und für Maurerprofession sich von der Arbeit bei mir entfernt hat. Derselbe ver- miethete sich mit einem andern Deutschen beim Unterzeichneten, bis dieser seine Schuld abbezahlt habe. Man hat Steckbriefe abgesaudt, nm denselben einzufangen, und protestirt der Unterzeichnete mit voller Gewalt des Gesetzes gegen Jeden, der denselben beschützt oder versteckt in seinem Hause oder auf seinem Gut. Bragunza den 9. Dez. 1872.

Das Entsetzlichste dieser ganzen Institution ist die solidarische Haft, Kerker Einer für Alle, ein Raffinement, durch welches der Grundbesitzer ganze Generationen an der Sclavenkette hält. Zur Erläuterung diene folgender Fall: Der Kaffeepflanzer Amaral in St. Paula gab im April 1872 der Tochter seines Colonisten Carl Krüger die Erlaubnis; zur Verhcirathung mit Johann Köster, einem in der Nähe seiner Pflanzung ansässigen fleißigen Prosessionisten, ließ jedoch am dritten Tage nach der Trauung die minorenne (17 Jahre alte) Frau auf Grund jener Solidarität, weil ihr Pater ihm angeblich 1400 Thlr. schulde, aus ihrem Hause holen und sie so lange ins Gefängniß werfen, bis ihr Mann die Schuld bezahlt hatte.

Eine weitere Eiaentbümlichkeit jenes Dienstboten-Gesetzes besteht darin, daß der Grundherr durch willkürlich auferlegte Strafgelder den Colonisten seines ganzen Jahreslohnes berauben und sodann sogar die ihm aus dem Con- tracte zustehenden Rechte willkürlich auf einen Dritten übertragen kann, welcher Letztere den weißen Sclaven in seinem eigenen Dienste arbeiten lassen darf. (S. 27 ) Auch wenn das Recht und Gesetz ganz auf Seite des Deutschen wäre, würde es ihm schwer, ja unmöglich, zu seinem Rechte zu gelangen. Die Streitigkeiten zwischen den Colonisten und den Grundherren werden von Schiedsrichtern, nicht von der zuständiger: Behörde entschieden, so daß ein Recurs nicht durch­führbar, meistens sogar unzulässig ist. Darum kann der arme Deutsche nichts gegen den brasilianischen Grundbesitzer ausrichtew Die Friedensrichter, sagt Herr von Tschudi in seinem amtlichen Berichte, sind nicht unabhängig genug, um die betreffenden Fragen auf unparteiische Weise entscheiden zu können, besitzen auch oft nicht gesunden Verstand, um den Sinn der Gesetze und ihre Anwendung zu verstehen." Die Kosten des Gerichtsverfahrens übersteigen überdies noch immer das Vermögen des Colonisten. deshalb werden die Waisen auch ost ohne Vormünder gelassen und es findet fich Niemand, der ihre Rechte vertritt. Sie sind durch die Ansprüche des Grundherrn zeitlebens an dessen Herrschaft gebunden. (S. 33.)

In welchen Händen die Justizverwaltung liegt, beweist noch der Umstand, daß der Justizminister Nabuco vor einigen Jahren von einem einflußreichen Deputirten mit den Beweisen in dvr Hand in der Kammer selbst angeklagt wurde, Dokumente und Unterschriften für seine Clienten er ist nämlich zugleich Advocat gefälscht zu haben. (S. 44.)

Weiter zur Charakterisirung der dortigen Rechtszustände: Die Zahl der in Brasilien alljährlich stattfindenden Morde beläuft sich auf 1000 und doch kommen nur etwa 40 Verurteilungen vor, während von diesen 40 Schuldig- besundenen noch ein Theil aus den Gefängnissen entspringt. Kein Wunder, daß das Comit6 für die protestantischen Deutschen in Südbrasilien in einer Mittheilung von 1869 sagt:Das sittliche Leben der Colonisten muß hier sinken, da Rohheit und Sittenlosigkeit, Unreinlichkeit und sinnloser Luxus, Ehrlosigkeit und Faulheit bei der eingeborenen Be­völkerung Brasiliens in einem Grade herrschend sind, von dem wir in Europa kaum eine Ahnung haben Und wie sieht es in religiöser Beziehung aus. S. 47 heißt es:Unsere protestantische Religion findet keine Stätte in Brasilien; der Katholicismus, vertreten durch einen unwissenden und geradezu unglaublich verkommenen Klerus, beherrscht das ganze Leben des Volkes. Der Protestant bleibt immer nur geduldet, selbst der naturalisirte Einwanderer bleibt immer Aus­länder und kann zu Einfluß höchstens gelangen, wenn er katholisch ist; der dort geborene Protestant kann nie die vollen Rechte als Bürger erhalten und bleibt von jedem höheren Amte ausgeschloffen."

Um zu zeigen, wie es bei den Evangelischen in kirchlicher Beziehung aussieht, fügen wir hier eine Stelle ein aus der Rede, welche Dr. Borchardt in Solingen, früher evangelischer Geistlicker in Südbrasilien, in Speier bei der Gustav-Adolf-Versammlung 1872 gehalten hat. Er sagt:Ich wußte, daß in dem Urwald, in den Municipien von St. Leopolds 18,000 Deutsche ohne alle evangelische Predigt, ohne alle kirchliche Pflege mit sogenannten Pastoren, deren Namen man sich zu nennen schämt, durchgegangenen preußischen Unteroffizieren, unnützen Bedienten, fortgejagten Lehrern und ohne Uebertreibung bankrott gewordenen Branntweinwirthen sich befanden. Um seine Kinder nicht von kathol. Priestern taufen und sich von kathol. Priestern nicht trauen zu lasten, batte mau den ersten besten oder vielmehr den ^llerschlechtestcn zum Pastor gemacht."

In Beziehung aus die Schulen sieht es nicht bester aus. S. 47 heißt es:Nach dem Berichte des Ministers empfangen von 13,057 Kindern in der Provinz Santa Katharina 10,416 keinen Schulunterricht In der Colonie Montalverne wachsen 200 Kinder ohne Unterricht auf; junge Leute von 20 I ihren können nicht lesen und schreiben, weil keine Gelegenheit vorhanden ist, cs zu lernen, und die Schulen, wo sie vvihanden sind, werden als die Pflanz­stätten der künftigen Generation dazu benutzt, das deutsche Element systematisch zu unterdrücken; unsere Sprache, unsere Sitten, unsere Geschichte sind Gegenstände des Hasses und der Verfolgung. Der Schulinspector Madureira sagt in einem Berichte vom vorigen Jahre über den Unterricht des Deutschen in den Privatschulen von St. Leopoldo:Im