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Preis vierteljährig 1 fl. 12 ft. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 st. 29 kr.

Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Sonntazl.

Expedition: Canzleiberg, Ltt. v. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Archen.

Str. LV. Donnerstag den 27. Februar 1873.

WMNM» sssssssssssssssssssssssssssssMsssssssssssssssssssssssssssssssssssss

Der Frack thnt's nicht.

Dos Einverständniß der franzöfi chen Regierung mit der konservativen Ma­jorität erfüllt die ehrlichen Leute in Frankreich wieder mit Hoffnungen.

Aber wenn die Zeitungen, welche vir konservativen Interessen in Frankreich repräsentiren, Herrn Thiers dazu auffordern, sich entschieden von den andern Parteien loSzusagen, von Denen, die vor, während und nach der Eomwune ihm bei jeder Gelegenheit Opposition gewacht, wie sie die» unter jeder Regierung zu thun gewohnt waren, so dürfte dies kaum in den Grenzen der Möglichkeit lie­gen für eine Persönlichkeit von dem Alter und der geringen Popularität de- Herrn Präsidenten.

Man muß von Herrn Thiers nicht mehr verlangen, als er leisten kann.

Hcrr Thiers ist Präsident der französischen Republik, weil er einen Frack batte.

Er war zu Anfang des verhängnißvollen Jahre- 1871 die einzige präfen» Ifible Persönlichkeit, um die nutzlosen diplomatischen Missionen im Au-londe zu unternehmen, von denen man in Frankreich Hilfe erwartete. Er hatte außer seinem Namen diplomatische Bekanntschaften, diplomatische Sitten, kurz er hatte einen Frack. Dieser Frack half ihm aus den Präfiventenstuhl; aber Herr Thier- hot heut nicht um einen Deut mehr Macht, um die Situation zu beherrschen, als im Februar 1871 vor der Versammlung in Bordeaux. E- braucht in Frank- reich andere Dinge als einen Frack, in welchem ein alter Herr steckt, um eine feste Regierung zu begründen.

Und je mehr wir zugestehen, daß Frankreich Ruhe und Ordnung nöthig hat, je mehr der Wunsch des Landes gerechtfertigt ist, fein Schicksal nicht wehr dem Zufall Preis gegeben zu sehen, je dringender hiezu die Nothwendigkeit her­vortritt, daß sich der Präsident ausschließlich auf die konservative Partei stütze, um so mehr b-dauern wir, 'N der Persönlichkeit des Herrn Thier- keine Hoff­nung auf die Zukunst finden zu können. Jedenfalls müßten wir bald etwas davon iehcn.

Di- iranzMfchrn Zeitungen enthalten vielfache kleine Mitthetlungen, die es bestätigen, daß man zum September die Arrangements beendet glaubt, welche einer Räumung der noch occupirten Lanbe-theile entgegenstehen.

In diesem Augenblick wird Frankreich wieder anfangen Frankreich zu sein. Die radikalen Parteien warten nur auf diesen Augenblick, und wenn Herr Thiers nicht bereits j tzt schon Anstalten trifft, seine Stellung für diesen Augenblick zu sichern, daun dürste es mit seiner Regierung schlecht bestellt sein.

Schon jetzt beutet das Verfahren der Linken und de- linken EentrumS (Fraktion Christophe!) darauf hin, daß sie die Verbindung de- Präsidenten mit den Confervotiven zu beeinträchtigen suchen. Zu den Beschlüssen der Dreißiger- üomnussion werden eine Menge Anträge gestellt werben, welche die in Aussicht genommene zweite Kammer und die Wahlreformen wieder in Frage stellen, und schon in dieser Woche werden wir davon hören.

Wird der Herr Präsident sich dann entschieden auf die Sette der Rechten stellen? Wird er wieder seinem bisherigen Gchaukelspstem treu bleiben?

Wir werden sehen. Aber so oder so: derFrack" wtrd'S nicht thun, so wenig, wie'- der Regenschirm Louis Philipp'- gethan hat.

Deutschland.

Darmstadt, 24. Febr. Die in der Sitzung der zweiten Kammer der Stände vom 19. d. verlesene Aniwort de- Ministerium- de- Großh. Hause- und de- Aeußern auf die Interpellation des Abg. Frhrn. v. Rabenau, die Herstellung einer direkten Eisenbahnverbindung zwischen Eybtkuhnen und Metz betr., lautet:

Der Unterzeichnete beehrt sich, die in der vierten Sitzung der zweiten Kam- wer vom 23. December 1872 gestellte Interpellation de- Abg. Frhrn. v. Rabenau, die Herstellung einer direkten Eisenbahnverbindung zwischen Eydtkuhnen und Metz, hier deren Führung durch da- Lahnthal über Gießen nach Wetzlar betr., im Nachstehenden ganz ergebenst zu beantworten.

Zu 1. Bon dem Plane der König!. Preußischen Regierung, ihr östliche- Bahnnetz mit dem westlichen durch eine Staat-bahn zu verbinden, erhielt die Großb. Regierung die erste amtliche Kenutniß i» Juni v. I. und zwar durch eine Verfügung des Köntgl. Preußischen Handelsministeriums an den vermal- »ungsrath der Oberhessischen Etsenbahngescllschaft. Damals lag es in der Absicht der König!. Preußischen Regierung, das östliche Staat-bahunetz mit dem westlichen durch Erbauung einer Bahn in Verbindung zu bringen, welche, von Berlin aus­gehend, an einem noch näher festzustellenden Punkte in die Göttinger-Bebra- Frankfurter Bahn einmünden und von HerSfeld aus nach der Main-Weser- und der Nassauischen Bahn wettergehen sollte.

Mit Rücksicht auf dieses Projekt glaubte das König!. Preußische Handels- Ministerium die von dem Verwaltungörathe der Oberhessischen Eisenbahngesellschaft riachgesuchte Eoncession zur Erbauung einer Bahn vsn Al-feld nach HerSfeld auf preußischem Gebiete damals nicht ertheilen zu können.

Die Großh. Regierung sah sich hierdurch veranlaßt, den König!. Preußischen Herrn Handelsminisier darauf aufmerksam zu machen, baß Vie projectirte Verbin­dung zwischen bin östlichen und den westlichen Staatsbahnen Preußens in der Lürzesten und zweckmäßigsten Weise durch Benutzung der Rsute HerSfeld - Alsfeld-

Gießen zu erreichen sein werde. Es wurde daran die Frage geknüpft, ob man preußischerseits geneigt sei, wegen Führung der neuen Bohn von Alsfeld auf Hersfeld und wegen Benutzung, resp. Erwerbung der Strecke Alsfeld - Gießen von der Oberhessischen Eisenbahngesellschaft mit der Großherzogl. Regierung zu verhandeln.

Der König!. Preußische Herr HavdelSwintster erklärte sich bereit, in solche Verhandlungen einzutreten und bezeichnete im Allgemeinen die Gesichtspunkte, von welchen er dabei auszugehen gedenke. Nachdem man sich mit diesen Gesichts­punkten hierseits ausdrücklich einverstanden erklärt hatte und der Eröffnung der Verhandlungen somit nichts mehr im Wege stand, erhielt die Großh. Regierung von dem Königl. Preußischen Handelsministerium unterm 19. Oktober v. I. die Mittheilung, daß dieArage Über die zweckmäßigste Verbindung der östlichen preußi­schen Staatsbahnen mit dem westlichen Bahncomplex in ein anderes Stadium ge­treten sei. Es habe sich nämlich durch fortgesetzte Terrainuntersuchungen ergeben, daß eine von Oberhohne (bei Eschwege) über Waldkappel, Spaugcnbcrg, Treysa, direkt auf Wlhlar führende Linie nicht allein erheblich kürzer als die über HerS- felv führende ausfalle, sondern auch weit günstigere Steigerungs- und Betriebs- Verhältnisse als die letztere darbiete.

Das Projekt, die neue Staatsbahnlinie von Hersfeld aus abzweigcn zu lassen, werbe deshalb zu Gunsten der Linie Eschwege-Trrysa ausgegebcn. Auf eine selbstständige Durchführung der Linie zum Anschluß an die Lahnbahn werde inS- beiondere auch militärischerseitS großen Werth gelegt und komme die durch die­selbe zu erreichende Abkürzung zugleich der Verbindung mit Gießen zu Gute.

Inzwischen ist auch durch die dem preußischen Abgeordnctenhause gemachte Vorlage wegen Bewilligung eines Erevits von 120 Millionen Thalern zu Eisen­bahnzwecken bekannt geworden, daß die hier in Rede stehende neue Staatsbohn- liaie von Oberhohne, wo sie die Bedra-Friedländer-Bahn kreuzt, nach Treysa gehen, von da mit der Main - Weser-Bahn bis Kirchhain juGimmtnfatiti and v6ann, sowobl Marburg Vk7i-rrivrrr5, einet aas Wetzlar geführt wer­

den soll.

Die Grunde, welche die Köntgl. Preußische Regierung bestimmt haben, die soeben bezeichnete Richtung für die neue Bahn zu wählen, ergeben sich sowohl aus den oben erwähnken Verhandlungen der Großh. Regierung mit dem Köntgl. Preußischen Handelsministerium, als aus der zuletzt gedachten Vorlage an den preußischen Landtag. Die Königl. Preußische Regierung wünscht, im Interesse der Vervollständigung und inneren Consoltdtrung ihres StaatSbahnnrtzes nicht minder, wie im militärischen Interesse, eine möglichst abgekürzte, selbstständige (d. h. von anderen Bahnen und namentlich von zwischenlicgcnden Privatbahnea unabhängige) Schienenverbindung zwischen Berlin und Wstzlar, welche, im Zu­sammenhang mit den weiter projeetirten Bahnen von Oberlahnstein über Trier bis Sierk und von da nach Diedenhofen, zugleich den kürzesten Weg von dem nordöstlichen Deutschland nach Mktz bilden wird. Die Königl. Preußische Regie­rung glaubt diese wichtige Verbindung in der zweckmäßigsten Weise herzustellen, wenn die Bahn nur auf der kurzen Strecke von Treysa bis Kirchhain mit der Main-Weser-Bahn zusammenfällt, tm Uebrigen aber von der Main-Weser-Bahn unabhängig bleibt.

Zu 2. Wenn die Königl. Preußische Regierung au- den soeben angedeu­teten Gründen die direkte Führung der Bahn von Fronhausen nach Wetzlar, trotz der auf dieser Strecke ohne Zweifel sich ergebenden bedeutenden Terrainschwierig- keiten, einer Benutzung der Main-Weser-Bahn auf der Strecke Fronhausen-Gießen, beziehungsweise der Erbauung einer zweiten Bahn auf dieser Strecke vorzieht, so stehen der Großh. Regierung keine Mittel zu Gebot, welche mit AuSstcht auf Erfolg angewendet werden könnten, um die König!. Preußische Regierung zum Aufgeben dieses Projekts zn bewegen. Auch die von dem Herrn Interpellanten angeführten Artikel 41 und 42 der Reich-Verfassung bieten, nach Ansicht der Großh. Regierung, keinen gcnügenden Anhalt, um durch eine bei dem Reichs­kanzler zu erhebende Einsprache die Führung der in Rede stehenden Bahn über Gießen zu bewirken. Unter diescn Umständen wird die Großh. Regierung ihr Bestreben lediglich darauf richten können, baß die neue Bahn, wenn ste auch Gießen nicht unmittelbar berührt, doch für die Verkehrsverhältnisse dieser Stadt, durch die Art und Weife des Bltriebs, den möglichsten Dortheil mit sich bringe. Daß die Königl. Preußische Regierung in der letzteren Beziehung den diesseitigen Wünschen thunlichst entgegenkomwen werde, glaubt die Großh. Regierung, insbe­sondere auch mit Rücksicht auf die obengedachte Acußerung des Königl. Prcußi- scheu Herrn Handel-Ministers vom 19. Oktober v. I. mit Sichrrheit unterstellen zu dürfen.

Darmstadt, den 4. Februar 1873.

Der Minister des Großherzogltchen Hauses und des Aeußern: gez. Hofmann.

Darmstadt, 24. Febr. Mehr denn je erregen die oberhessischen Etsenbah. »kN die Aufmerksamkeit des Landes, da man sich wohl bewußt ist, daß der beste­hende, die Kräfte des Lande- fast überbürdende Zustand nicht auf die Dauer haltbar ist. In dieser Beziehung ist die Interpellation de- Abg. Ellenberger vo« allgemeinem Interesse. Sie lautet:

Die oberhessischen Eisenbahnen wurden von Seiten de- Großherzogthum- tn der Erwartung mit einer Zin-garantie subvrntionirt, daß dieselben in nicht zu ferner Zeit aus dem Zustand bloßer Lokalbahnen herau-treten, fortgcfetzt und