Abgesehen von der schmerzlichen Erinnerung an die Geschicke eines edlen deutschen Fürsten, mit welchen der Name Bazaine eng verknüpft ist, hat keiner der französiscken Feldherrn im letzten Kriege uns die Siege und, Erfolge so theuer erkaufen lassen, wie gerade er; an keinen andern Gedenktagen dieses Krieges hängen so viel blutige Thranen, wie an den Schlachttagen vom 14., 16. und 18.' August, an keiner Belagerung so viel schwere Erinnerungen, wie an ^^kerischer mochte dem Prinzen Friedrich Karl die Pflicht er
scheinen dem in seinem eigenen Vaterlande geschmähten Gegner öffentlich die Achtung zu bezeugen, welche sein militärisches Verhalten ihm und dem deut- schen Heere einaeflößt hat. r
Was das politische Ergebniß des ProcesieS betrifft, so ist schon jetzt un- rweifelhast, daß durch die Verhandlungen so wenig, wie durch den Ausspruch des Kriegsgerichts daö Urtheil Europas über die militärische und moralische Bedeutung der deutschen Siege eine Aenderung erfahren hat, und daß Frankreich durch die Bloßstellung seiner inneren Zustände, wie sie in diesem Proceß einaerreten ist, an Ansehen unter den Nationen gewiß nicht gewonnen hat.
Berlin, 19. December. Der „Reichs-Anz." schreibt: Der Kaiser ist seit drei Tagen an einem Schnupfen und Luftröhren-Kararrh erkrankt und dadurch zu größerer Schonung genöthigt. Uni Uebrigen ist keine ungünstige Veränderung im Befinden des Kaisers eingetreten.
München, 18. December. Für die bevorstehenden Neichstagswahlen hat der Erzbischof von München einen besonderen Hirtenbrief erlassen, worin auf die große Wichtigkeit der Wahlen aufmerksam gemacht und an die Pflichten der katholischen Wähler erinnert wird, da im Reichstage auch die katholische Kirche betreffende Fragen zur Entscheidung kommen.
Schweiz.
Bern, 18. December. Der Ständerath genehmigte gleich nach dem Nationalrath die Abschaffung jeder geistlichen Gerichtsbarkeit, das Verbot des Jesuiten-Ordeus, die Ausdehnung der Bundes-Competenz auch auf andere geistliche Orden, ferner die Unzulässigkeit der Errichtung neuer und Wiederherstellung alter Klöster, sowie die Leitung der Civilstands - Register und des Be- gräbnißwesens durch Civil-Behörden. — Die Sitzung des Nationalraths ist geschlossen.
Frankreich.
Paris, 17. December. Die neuesten Wahlen haben einen tiefen Eindruck auf Mac Mahon gemacht und ihn zu einer versöhnlicheren Politik bestimmt, deren erste Frucht die Anerkennung seines Ministeriums sein wurde. Wie das „Bien Public" sagt, soll der Herzog Audiffret - Pasqmer Kriegs- Minister werden. w L.„ , .
— General Soleille, ehedem Ober-Commandant der Artillerie der Rhem- Armee, welcher im Processe gegen Bazaine eine so wichtige Rolle spielte, aber krankheitshalber nicht erschienen war, ist gestorben. Wie verlautet, wird Bazaine nicht nach der Insel St. Marguerite gebracht werden, da die Kosten zu groß sein würden. Es ist die Rede davon, ihm vorläufig das Fort Viucennes oder den Mont Valerien als Gesängniß anzuweijen.
Spaniern
Barcelona, 16. December. Ueber 50 Verhaftungen sind in Folge des jüngst gescheiterten Versuches einer cantonalistischen Erhebung vorgenommen worden.
Gibraltar, 18. December. Der Sultan von Marocco ist nach Fez abaeaanqen, um den Thronprätendenten Emkadio, der mit einer Armee vor der Stadt lagert, anzugreifen. Fez hat die Thore geschlossen und ist ruhig, jn der Stadt wurden einige Karawanen geplündert.
England.
London, 19. December. Dem protestantischen Meeting, welches am 27. Januar stattfindeu soll, werden folgende Resolutionen unterbreitet werden: 1) Das Meeting wünsche sein Gefühl der Bewunderung für den vom deutschen Kaiser an den Papst gerichteten Brief auszudrücken; 2) das Meeting erkenne an, daß die Aufrechterhaltmig der bürgerlichen und religiösen Freiheit die Pflicht und das Recht der Nationen sei, es sympathifire daher auf's Innigste mit dem Volke Deutschlands in dessen Kampfe gegen die Ultramontanen; 3) der Präsident solle diese Beschlüsse dem deutschen Kaiser und dem deutschen Volke mittheilen. _ .
London, 13. December. In allen katholischen Kirchen der Dwcese Westminster, vermuthlich auch in allen übrigen katholischen Kirchen Englands, kam gestern auf höheren Befehl die päpstliche Encyklica zur Verlesung. In einigen Kirchen geschah dies von der Kanzel, in anderen von den Altarstnfen. Dem an und für sich bedeutsamen Acte folgte ein anderer von noch größerer Wichtigkeit. „Auf höheren Befehl;" das heißt auf directe Anordnung des Papstes, wurde eine amtliche Mittheilung, in gleich feierlicher Weise, verlesen, welche quf das Unfehlbarkeitsdogma Bezug hat. Den Anlaß zu dieser Mittheilung' gab die Behauptung einer londoner Zeitung — der Standard ist gemeint —, daß für Katholiken in England das Unfehlbarkeitsdogma nicht in gleicher Strenge bindend sei wie für ihre auswärtigen Glaubensgenossen, und daß sie das Dogma je nach ihrer Ueberzeugung annehmen oder verwerfen könnten, ohne sich der Gefahr einer Verweigerung des Sacramentes oder gar der Excommunication auszusetzen, welche auf die Läugnung eines andern kirchlichen Dogmas unfehlbar folgen würde. Diese Behauptung, erklärt das Edict, sei grundfalsch. Das Dogma sei hier zu Lande eben so bindend wie anderwärts, und eben so bindend wie jedes andere Dogma, das von der Dreieinigkeit z. B., oder von der Fleischwerdung Christi. Wer sich dem Dogma nicht unterwirft, der vollzieht ipso facto seinen Ausschluß aus der Kirche und verfällt der großen Excommunication. Was den Papst zur Anordnung solcher Mittheilung treibt, ist nicht recht ersichtlich, wenn es nicht die Ueberzeugung ist, daß es mit dem Gehorsam der denkenden englischen Katholiken etwas zweifelhaft aussieht. Aus den merkwürdigen Erklärungen des Unfehlbarkeitsdogmas, welche herorragende Katholiken in Vertheidigung ihres kirchlichen Oberh-errn
in den öffentlichen Blättern gegeben haben, schaut unverkenubar ein Kampf des Gehorsams mit der Ueberzeugung heraus. Der buchstäbliche Siun der Unfehlbarkeit wird hinwegerklärt, und ein übertragener Sinn untergeschoben, an den der Papst selbst gewiß am wenigsten gedacht hat und an den er sich nicht gern binden dürfte. Wo große Lichter von bewiesener Fahnentreue so sichtbar schwanken, da werden wohl weniger hervorragende Schafe weitweg von der orthodoxen Trift grasen, und für diese mag das Sammelsignal berechnet sein. Den englischen Bischöfen, die lieber jeden neuen Anstoß vermeiden, kommt die herausfordernde Haltung des Papstes, welche vor keinen Consequenzen zurückzuschrecken scheint, schwerlich gelegen; unter der katholischen Bevölkerung Londons bildete das merkwürdige Edict am gestrigen Tage den Hauptgegenstand des Gesprächs.
flmerifta.
New-Uork, 18. December. Nach officiellen Berichten ist der „Vir- ginius" am 16. d. Mts. den amerikanischen Behörden ausgeliesert worden und hat bereits den Hafen von Bahiahonda verlassen. Alle auf die Anerkennung der cubanischen Insurgenten als kriegführende Macht bezüglichen Acten und Denkschriften sind dem Ausschüsse für auswärtige Angelegenheiten übergeben worden.
Vermischtes.
Frankfurt, 18. December. In Folge der durch das Ableben der Königin Elisabeth veranlaßten Landes-Trauer bleibt das Theater von heute bis zum 22. d. incl. geschlossen; ebenso fällt das auf nächsten Freitag angesetzte Concert des Museums aus. Was Das bedeuten will, sagen folgende Bemerkungen des „Bert. Bors. Cour.": Das Land hat die Todte acht Tage hindurch zu betrauern. In ganz Preußen dürfen während dieser Zeit weder Theater- Vorstellungen, noch Concerte, weder Lustbarkeiten, noch Schaustellungen stattfinden. Die etwa 90 Theater, welche Preußen besitzt, haben mit ihrem ganzen Personal — allein ca. 5000 Schauspieler — ihren Orchestern und allem Zubehör unfreiwillige Muße. Die Behörden haben ihre Briefe mit schwarzem Lack zu siegeln und von 12—1 Uhr müssen während der nächsten Wochen im ganzen Lande täglich die Glocken läuten. Die Gesetzsammlung hat schleunig ein neues Stück ausgegeben, mittelst dessen festgesetzt wird, daß die „Directoren und Räthe der Landes-Collegien, owie die ihnen im Range gleichstehcnden Civilbeamten während der ersten vier Wochen bestorte Zpauletten, Agraffen und Kordons, bestorte Portepee, Flor um den linken Oberarm, schwarze Unterkleider und schwarze Handschuhe, und wenn sie bei officiellen Veranlaffungen in Civil- kleidung erscheinen, Unterkleider, wollene Westen und Handschuhe von schwarzer Farbe tragen." Im Uebrigen. haben die Herren vom Hof „am dreieckigen Hut eine schwarze Feder, in den ersten 4 Wochen schwarze wollene und in den letzten 14 Tagen schwarze seidene Westen zu tragen.
(Eingesandt.)
Es grenzt fast ans Unglaubliche, was in politischen Zeitungen und Unterhaltungsblättern Alles über das Leben und den Haushalt der Bienen manchmal gefaselt wird zum Beweis, wie wenig man im Allgemeinen die Naturgeschichte eines so interessanten und nützlichen Jnsectes kennt. So bringt der Gießener Anzeiger in Nr. 292 laufenden Jahres unter „Vermischtes" die Notiz, über eine neue Erfindung zum Schutze der Bienen gegen die Honig motte (?), welche Erfindung in Amerika gemacht und auch bereits patentirt sein soll. Ohne das Abenteuerliche in der Beschreibung der Erfindung weiter zu berühren, erlaubt sich ein alter, erfahrener Bienenzückter, der das Bienenleben genau kennt, nur zu bemerken, daß eine sogen. Honigmotte in der Jnsectenwelt gar nicht existirt, daher auch den Bienen nicht gefährlich werden kann. Nur Wachs motten giebt es, und zwar 2 Arten, eine größere und eine kleinere aus der Gattung tinea cercella und tinea inello-mella, deren Raupen, gewöhnlich Maden (Rand- oder Rangmaden) genannt, dem Wachsbau lebender Bienen gefährlich werden können, wenn der Bienenzüchter nicht auf seiner Hut ist, indem sie lange Röhren in die Waben hineinfressen und sich darin mit einem weißlichen Gespinnst umgeben, wodurch sie es den Bienen schwer und zuletzt unmöglich machen, diesen ihren Feinden beizukommen. Und auch nicht einmal vorzugsweise von Wachs leben diese Maden, sondern viel mehr von den aus Chitin bestehenden, in den Zellen, aus welchen die junge Bienenbrut ausgelaufen ist, zurückgebliebenen Nymphenhäuten, daher jene sich immer am liebsten ganz alte, schon viel zur Brut benutzte Waben aussuchen, weil diese am reichlichsten die erwähnte Chitinmasse enthalten. — Die verehrlichc Redaction des Gießener Anzeigers kann sich also fest darauf verlassen, daß die von ihr mitgctheilte Erfindung zum Schutz der Bienen nichts weiter als amerikanischer Humbug ist. Auch das ist Humbug, daß man, um die Bienen zu schützen gegen Feinde, ihnen die Fluglöcher verschließen dürfe; denn das würde schon nach kurzer Zeit den Erstickungstod derselben herbeiführen. —
(Indem wir Vorstehendem gerne Raum geben, müssen wir dem Herrn Einsender nur bemerken, daß wir frag!. Bienenstocksgesckichte doch nur als Humbug betrachtet und so aufgefaßt wiffen wollten. Red. d. Gieß. Anz.).
Kirchliche Anzeige
der evangelischen Gemeinde zu Gießen.
G o t t e s d i e n st.
Sonntag den 21. December Morgens: Pfarrvikar Schlosser. Nachmittags: Pfarrer Landmann.
Am 1. Weihnachtsfeiertage, den 25. December:
Morgens: Pfarrer Dr. Seel.
Nachmittags: Schulinspector Vigelius.
Am 2. Weihnachtsfeiertage, den 26. December:
Morgens: Pfarrer Landmann. Nachmittags: Mitprediger Drescher.
(Collecte für die Stadtarmen.)
Die Pfarrgeschäfte für die Woche vom 21. bis 27. December 1873 besorgt Pfarrer Dr. Seel.
Auszug aus bcn Mrchrnbüchem der Stadt Gießen.
Evangelische Gemeinde.
Kovulirte.
Den 16. December. Friedrich Löhr, Stationsbcamter an derColn-Gießener Bahn dahier, aus Butzbach, des Bürgers in Butzbach und Bäckermeisters in Groß- Linden, Friedrich Löhr, ehelicher Sohn; und Anna Berhold, geborene Appel, des verstorbenen Gymnasial-Pedellen dahier, Johann Berhold, Wittwe.
Getaufte.
Den 14. December. Dem Bürger zu Landau im Waldeckischen und Schuhmacher dahier, Philipp Kliffmüller, eine Tochter, Marie Karoline, geboren den 26‘ ^"De^nselben. Dem Stationrassistenten an der Oberhessischen Bahn dahier, Philipp Stapp aus Biedenkopf, eine Tochter, Hedwig Amalie Auguste Bertha Karolme Leontine Mathilde Magdalene Seraphine Wilhelmine, geboren den 7. November.
Den 16. December. Dem verstorbenen Burger und Kufermerster, ^ohann Heinrich Krämer, eine Tochter, Elisabeth, geboren den 7. December.


