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Gießener Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Ausnahme SonntagS.
Expedition: Canzletbera, Lit. B. Nr. 1.
Mnzeige- und Mntsölatt für den Kreis Kiessen.
Kr- 62 Freitals den 14. März. 1873.
Deutschland.
Mainz, 9. März. In unserer Stcdterweiterung oder vielmehr der durch sie bedingten Hinausschiebung der Wälle steht der Angriff der Arbeiten in diesen Tagen bevor. Die mit der Führung der Bauten beauftragten Militär-Ingenieure treffen in den nächsten Tagen hier ein, um die technischen Vorbereitungen vor- znnehmrn. In zwei oder längstens drei Wochen werken ihnen gegen 4000 Grundarbeiter aus der Provinz Sachsen Nachfolgen. Die Bauarbeiten sind cn hiesige Bauunternehmer vergeben, welche bereits größere Festungsbauten avsge- führt haben. Auch die übrigen fortificatortfchen Etablissements sind tbeils in Angriff genommen, theils werden die Arbeiter in nächster Zeit b ginnen. Es gehören hierher die große Confervenfabrik und eine große gedeckte Reitbahn. Erstere wird auf einem 40 Morgen großen Terrain, dicht an der neuen FestungS- vwwallung im westlichen Theil ter künftigen Neustadt errichtet. Die aus E sen und Mauerwerk construirten Hallen und Gebäude lassen auf ein Etablissement in größtem Maßstab schließen. — Für die Unterkunft der vielen Arbeiter, welche die verschiedenen Unternehmer hierher bringen werden, ist Seitens der FeflungSbau- Leitung die Kaserairung jener Arbeiter in die noch aus dem Kriege vorhandenen Gefangenen Baracken angeorduet. Menage und Verpflegung werden ebenfalls militänfd) organisi.t. Die Hessische LudwigSbahn, welche ebenfalls ihre großen Arbeiten, wie die Erweiterung des Centralbahnhofs und Verlegung der Perfonen- hallcn u. s. w. in den nächsten Tagen beginnt, hat unter der Eila'elle bereits Terrain erwoiben und steht mit rem Mrl'tär-Aerar wegen dem neben diesem liegenden Militär-Eigenthum, einer kleinen Kaserne u. dergl., in Unterhandlung, um dort ebenfalls Räume zum Unterbringen ihrer Arbeiter zu schassen. Diese werden mit dem Beginn der Arbeiten an der neuen Eisenbahnbrücke ebenfalls an die Tausende zählen. Neben diesen Bauten tritt noch Vie Immobilien Gefellschufr mit ihren Operationen auf und hat rin n Theil der an der zu erweiternden Rheinstraße, dicht an dem vergrößerten Bahnhof, zu errichtenden Häuser, den Umbau der von ihr acqnirirten Straßenseite an demselben, bereits an einen Unternehmer vergeben. Daß für alle diese Baute« nöthige bedeutende Material wird seit Wochen bereits herbeigeschafft; im Uebrigen find Lieferungs-Verträge auf zum Theil ziemlich weite Entfernungen abgeschlossen. Auch in unserer Nähe werden einige Etablissements zur Fabrikation der nöthigen Millionen Backsteine entstehen. Wir hören von vier Backsteinsabriken in großem Maßstabe, welche in unserer Nähe auf der kurzen Entfernung von einer Stunde Wegs errichtet werden.
(D. Pr.)
Berlin, 11. März. Der General.Consul a. D., I I. Sturz in Berlin, hat ein Schreiben an den spanilchen Minister der auswärtigen Angelegenheiten gerichtet, worin er die spanische Regierung auffordert, nicht nur die Sclaverei in Cuba aufzuheten, sondern auch der Veifclavung der chinesischen Kulis daselbst entgegen zu arbeiten; sonst sei schon der Name Republik eine Lüge für Spanien.
— Die Vorstavien, welche bas Münzgesetz im Bundesrathe zu durchlaufen hatte, sind jetzt zurückgelegt. In den Ausschüssen ist eben nur der Zusatz gewählt worden, daß außer den Einmarkstücken und Einhalbmarkstücken auch Einsünftel. Markstücke (20 Pfennige) als Silbermünze geprägt werden sollen. Die Sach, verständigen, in erster Linie die Münzmeister, haben die Bedenken gegen den Feingehalt der Silbermünzen als haltlos bezeichnet und sich schließlich auch für die Zweckmäßigkeit der Nickelmünzen ausgesprochen. Das Gesetz wirb nunmehr als- bald das Plenum des Bundrsraths beschäftigen und Sann an den Reichstag gelangen. Uebrigens wird man im UebergangSstadium Mecklenburg und Bayern die Beibehaltung der kleinen Kupfermünze im internen Verkehr gestatten. Die heute im Bundesrathe angenommenen Entwürfe gelangen sofort an den Reichstag.
Berlin, 11. März. Wagrner ist bis nach Beendigung der gegen ihn auf feinen rigenen Antrag eingeleiteten DiSciplinar.Untersuchung formell beurlaubt.
Berlin, H. März. Auch die „Beri. Aut.-Corrrsp." nimmt heute Abtnd Notiz daron, daß jetzt auch von osficiöser Seite eine RegierungSsorlage im Reichs- tage wegen Regelung der EivilstanbS . Register angekündigt worden, und drückt ihrerseits die Erwartung aus, baß, wenn die Civilehe wieder vom Reichstage angenommen werde, der BundeSrath keine Eompetenzbedenken entgegenstellen werbe. Diese Gegenstände werben jedenfalls zu den wichtigsten Materien Der bevorstehenden Session gehören. — Versailler Privatnachrichten zufolge soll man in franzö- fischen Regierungskreisen sich in der Hoffnung wiegen, schließlich doch noch vor Her Zahlung der letzten Halbmilliarde die völlige Räumung vermittels genügender (Varantieen zu erlangen, was mit den hiesigen halboffietellen Erklärungen, bi- «och vor wenigen Tagen ergingen, im Wiberfpruch steht.
Berlin, 12. März. Auf Anordnung der Regierung ist den Militär-Geist. Itchen zu Jülich, welchen wegen ihres Gehorsams gegen den vom Amte suspen- Hirten Felbprobst Namszanowski die Seelsorge bei der Jülicher Garnison verbo- len war, auch das Gehalt entzogen worden.
Berlin, 13. März. Gestern Abend wurde dem Kronprinzen von der Stu- ldentenfchast em Fackelzug gebracht. 12.000 Fackeln stark erschien der Zug um 9 Uhr vor dem kronpunzlichk» Palais unv wurde vom Kronprinzen und dessen Familie vom Balkon aus begrüßt. Der Kronprinz trat dann auf die R^mpe hinaus, wo der Sprecher des EomiteS eine Adresse verlas, welche den Slrwprtn» jzen nach langer schwerer Krankheit in Berlin willkommen heißt. Der Kronprinz
entgegnete, daß er stets ächt deutschen Geist, der in der jüngsten Zeit Großes vollbracht, zu würdigen gewußt habe; er fei überzeugt, daß dieser Geist, welcher sein eigenes Haus erfülle, stets in allen Schichten und Altersklassen der Nation lebendig bleiben werde. Nach dem Gesänge: „Deutschland, Deutschland Über Alles", bewegte sich der Zug nach dem Schillerplatze, wo die Fackeln zusammen- geworfen wurden. Später fand ein großer C^mmerS in der städtischen Turn- Halle statt.
Berlin, 13 März. Die heute Abend erscheinende „Spen. Ztg." wird eine Denschrift des Ministers Itzenplitz bringen, worin nochgewiesen wird, daß ein großer Theil der von Lasker gegen das Handelsministerium erhobenen Vorwürfe ungegründet ist.
Berlin, 12. März. Die „Prov.'Corresp." erinnert in einem „Bischöfliche Huldigung und Treue" überschriebenen Artikel an die von Ledochowski dem Äcj nige geleistete Huldigung, reproducirt den Huldigungseid, in welchem Treue gegen den König und Gehorsam gegen die Gesetze gelobt wird, und bezeichnet das Auf- treten des Erzbischofs in der Frage der Unterrichtssprache als eine entschiedene Auflehnung gegen die Regierung. Das Auftreten des Erzbischofs sei eine Bus- reizung von Unterthanen und Beamten zum Ungehorsam. Der Vorgang gebe einen neuen Beweis der Unerläßlichkeit von Gesetzen gegen die Abwehr geistlicher Uebergriffe; die Staatsregierung werde selbstverständlich ihre Anordnungen betreffs Ver Unterrichtssprache in der Provinz Posen aufrecht erhalten. Die Religion«, lchrer würden nicht im Zweifel sein können, daß sie den königlichen Behörden den schuldigen Gehorsam nur unter Gefährdung ihrer AmtSstellung versagen könnten; ober abgesehen voh der Durchführung der zunächst in Rede stehenden Maßregel werde die Regierung Sorge tragen, daß die Erfüllung einer gelobten Untcrthanenpflicht nicht von einer willkürlichen Deutung der Bischöfe abhängig sei.
Berlin, 13. März. Plenarfltzung de« Reichstages. Die Auszählung ergiebt die Beschlußfähigkeit de« Hauses. 209 Deputirte find anwesend. Auf Antrag des Grafen Münster werden der seitherige Präsident Dr. Simson und die Viceprasiventen Fürst Hohenlohe und v. Bennigsen durch Arclamatton wiedergewählt; ebenso die seitherigen Schriftführer. Nächste Sitzung Montag.
Elberfeld, 11. März. In den hiesigen Druckereien ist am 8. d. Mts. sämmtlrchen dem deutschen Buchdrucker - Verbände angehörigen Gehülfen gekündigt worden. Dieselben erklärten entschieden, Mitglieder des Verbandes bleiben zu wollen.
Magdeburg, 11. März. Bon den hiesigen Buchdruckereien ist, wie der „Magdeb. Eorresp." meldet, den zum Verbände gehörigen Buchdrucker - Gehülfen am 8. d. Mt«. gleichfalls gekündigt worden. — Nach derselben Quelle trifft der neu ernannte Oberpräsivent v. Prtow morgen hier ein.
Leipzig, 12. März. Einer Nachricht des „Tagesblattes" zufolge ist der Literat Hepner, Mitarbeiter des social-demokratischen Blattes „Dolksstaat", durch durch Verfügung des Polizeiamts aus Leipzig ausgewiesen worden.
München, 12. März. Die coalirten Buchdruckereibesitzer Münchens beschlossen an das Publikum eine Ansprache über die schwebenden Differenzen zu richten. Die Redacteure und Verleger aller hiesigen Zeitungen (ausgenommen die vom „Vaterland" und der „Volkszeitung"), die Verlagsbuchhändler und der Allgemeine Gewerbeverein gaben den Principolen förmliche Erklärungen, daß sie, von der Gerechtigkeit ihre Sache vollständig Überzeugt, mit allen Kräften deren Bestrebungen, die Freiheit der Presse wieder herzustellen, unterstützen werden. Die Verlagsbuchhändler reduciren die Herausgabe neuer und die Fortsetzung begonnener Werke auf die vorhandenen Kräfte. Die Ansprache wird allen auswärtigen Vereinen, den Behörden, dem BundeSrath und dem Reichstag mtt- getheilt.
Stuttgart, 11. März. Die Leiche der verewigten Königin-Mutter wird Donnerstag Abend in der Gruft des Schlosses zu Ludwigsburg beigefetzt werden. Ein Paravebett wird nicht errichtet unv das Publikum zur Verstorbenen nicht -ugelaffen. Aus Anlaß des Todes derselben ist eine sechswöchentliche Landestrauer angeordnet worden.
Straßburg, 12. März. Von den öffentlichen Kaffen werden die österreichischen und ungarischen Zweiguldenstücke nur noch zu 4 Fr. 90, die Guldenstücke zu 2 Fr. 45, halbe und Viertelgulvenstücke gar nicht mehr angenommen. Die Kaffen verausgaben solche Stücke nicht mehr an Zahlungsempfänger aus dem Inlande.
— Das in München erscheinende „Vaterland" ist für Elsaß - Lothringen verboten.
Aus Elsaß-Lothringen, 9. März. Das „Wunder in Gereuth" hat zu Ausschreitungen geführt, welche eine Intervention der Behörden nothwendig gemacht haben. In Folge der Verordnung des Bezirkspräsivtums bkfinden sich feit 3. März in Gereuth, Dikffenbach, Thannweiler militärische Abtherlungen, welche die an die vermeintliche Wunderstätte drängenden Massen mit Ernst und Ruhe zurückweisen. — Das Volk ist aber sehr wieverfpenstig und die Stellung des Militärs sowie der in Gereuth st^tionirten Polizei und Gendarmerie von Weiler krine angenehme. Bis jetzt wurde nur ein fremder Pfarrer, der offen gegen die Anordnungen des Ofsiciers revoltirte, verhaftet und nach Schlettstavt geliefert. Jäßie schon früher, verfahren auch diesmal die Militärs (Sachsen vom 105. Re-


