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Gießener Anzeiger

Preis vierteljährig 1 fl- 12 Ft. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 29 Fr.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Sonntags.

Expedition: Canzleib er g, Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Archen.

ar*. 31, Montag den 10. Februar 1873.

* L werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg B. 1, als auch bei allen Post-

Bcstemmgm aus den Wietzener 'Anzeiger Expeditionen und den Land-Poftboten entgegen genommen.

ÄbMlMtten welche den Anzeiger bei der Erpeditivn abhoien lassen, erhalten denselben für Vie Monate Februar und März zu 40 fr.

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Nr. 2 des Reichsgesetzblattes, ausgegeben den 1. Februar l 873. enthält:

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1 Nr. 3 des Neicksgesetzblattes, ausgrgeben oen 3. Februar 1873, enthalt.

Gießen, den 7. Februar toi6. Verhinderung des Kreisraths:

Gros, Kreisassessor.

Tauscnde von Deutschen und Amerikanern nach Deutschland, welche entweder in unsere» Badeörtern Genesung oder Erholung suchen oder die alte Heimath ein­mal wiedersehen wollen, und wenn sie dann im Herbst wieder nach Amerika zu- rüclkkhren, werden sie einfach alsAuswanderer" verzeichnet. Ebenso ist eS falsch, wenn man glaubt, alle Arbeiter, welche auS den einzelnen Provinzen fortgezogen sind, seien nach Amerika gereist, im Gegentheil, sehr Diele haben btt den großen Eisenbahnanlagen, welche überall im Gange sind, guten Ver­dienst gesuttden und denken gar nicht daran, nach Amerika auszuwandern, oder wohl gar wieder in die Heimath zurückzukehren, wo sie täglich nur 5 Sgr. ver- otrnen können, während ein fleißiger Arbeiter anderwärts pro Tag seinen Thaler

haben kann. M , , ,, _ , t

Die Auswanderung hat für Deutschland nicht nur Nachtheile, sie hat auch großen Nutzen gehabt, Vie Hinübergereisten haben die Fäden mit der alten Hei- math nicht ganz zerrisse», im Gegentheil sie zu erhalten gewußt. Man blicke nur hin auf den großartigen Handelsverkehr zwischen Deutschland und Amerika, der sich in den letzten sünfzig Jahre» entwickelt hat und wir dürfen getrost einen Theil davon der AuSwanoerung anrechnen. ES kann und darf nicht Ausgabe der Regierungen sein, die Auswanderung durch allerlei Plackereien zu erschweren. Sie erreichen dadurch nichts, als daß sie den Strom der AuSwauderung nach concurrirende» auswärtigen Häfen treiben. Die Agenten zu vertherdigen, ist unsere Sache nicht, wir find fest überzeugt, daß es ihnen schwerlich gelingen würde, so viel Leute zu expediren, wenn die Verhältnisse in Amerika wirklich schlecht und in Deutschland besonders gut wären, daß sie aber von der Aus- Wanderung abrathen sollen, kann ihnen nicht zugemuthet werden. Wer die Lust hat auszuwandern sollte sich einzig und allein nur an die concessionirte« Expeditionen und Agenten wenden und in den AuS- und Einschiffungshäfen nur üUf den Rath der zum Schutze der Auswanderer errichteten Büreaus und deren Beamten hören und sich namentlich vor den sogenannten Deutsch-Amerikanern hüten, die hier und drüben ihr Unwesen treiben. Ihnen pflegt der arglose Deutsche am meisten zu trauen. Wenn Jene nach Deutschland reisen um Gimpel in sangen, so treten fie natürlich ganz gewaltig groß auf. Welche- Aussehen im Orte, wenn ein solcher, der vielleicht als armer Teufel fortgezogcn ist, nun plötzlich als anscheinender Millionär wiederkehrt. Alles lauscht mit Staunen seinen Worten, was er sagt, ist ihnen ein Evangelium, er weiß ihnen so viele ichöne Dinge von dem Wunberlande zu erzählen, daß Viele vom AuSwanderuugS- fieber befallen werken. Der Deutsch-Amerikaner spielt natürlich den Uneigen­nützigen, und die Opfer ahnen cs kaum, wie er sie überall verkauft, daß der : Expedient ihm pro Kopf so und so viel zahlt, ebenso der Wirth, zu dem er sie führt, die Geldwechsler uud andere Geschäftsleute. Und wenn sie erst drüben i angelangt find, so zieht er wieder seinen enormen Profit von den Eisenbahn- zesellschaften, denen er fie zuführt; wen« sie sich Ländereien ankaufen, fällt dem Uneigennützigen der Löwenantheil stet- in den Schooß uud so lohnen sich solche Reisen nach Deutschland immer außerordentlich gut. Damit jene Opfer nun nicht zur unrechten Zeit gewarnt werden könnten, schärft der biedere Landsmann eS ihnen unterwegs ein, sich mit Niemand als mit ihm einzulassen, nur ihm in allen Dinge» za folgen und ganz besonders die Auswanderer-Büreaus und deren Be­amte zu meiden. Mit solchen Deutsch - Amerikanischen Scelenverkaofern wird Deutschland in jedem Jahre überschwemmt, ohne daß gegen ihre Agitation irgend­wie eingeschritten werden kann. ES ist Pflicht der Presse, den Leuten in Bezug auf diese AuSwanveruugSfaisrurS die Augen zu öffnen.

Zur Auswanderungsfrage.

3tn preußischen Adgeordnetenhause wurde »or Kurzem die äliifW au«8e> sprachen, die Agenten seien allem Schuld daran, daß so viele Leute nach Amerika auewancerten; in höheren Kreisen scheint men diese Ansicht vittf«» zu^thetten, dasür spricht der Umstand, daß der Anstellung eine» Agenten 6ie größten isoomie. riflfetten in den Weg gelegt w-rden und die Prolongation der bisherigen Agen- ,u?en seltsamer Weese verzögert wird. Wir selbst bedauern, daß so viele rüstige Leute dem Baterlarde den Rucken kehren, allein e» will un« durchaus nicht ein- leuchten, daß die AuSwandlrung aushoren werde, wenn e« keine Agenten h gebe, oder wenn man die billigen Fahrpreise sur Auswanderer auf den Esn- bahnen aushebt. So lange e» noch den in Amerika lebenden Deutschen 8ftat = ist, da» Lerhältniß de« neuen Welttheil« mit den glänzendsten Farben i" >' be>n und so lange unsere Besölkerung noch Vergleiche ziehen darf, wird die Au

Sil»9 die ersten deutschen Auswanderer Ansang« der dreißiger Jahre durch die mißlichen Verhältnisse ihre« Heimathlande« gedrängt, nach «mertka zogen. und dort soso,« lohnenden Verdienst sanden, forderten fie natürlich ihr- Ang, - gen und Freunde daheim aus, fie mochten ihnen fegen. Damals gab e» keine Ag nteu, von denen die Leute überredet worden waren. Was zu >enet Zelt in9tleine» Maßstabe geschah, wiederholt fich b.« letzt ^S l«' Tag. Der s 114 de« deutschen Strafgesetzbuches bestraft solche,die e« sich zum Geschäft machen, unter Vorjpiegelung falscher Tha.sachen oder wissentlich mit begründe, ten Anaaben zur AuSwa- derung verleiten !" Aber find e« denn falsche That- s7ch.n7°-«n 'den Leuten gesagt'wird, daß e« m Amerika nicht schwer . , em kleines Besitztum zu erwerbe« oder d«ß der Verdienst dort ein sehr hoh r st Hätten dies die Agenten gesagt, man würde cs ihnen schwerlich geglaubt haben, kber die Anverwa'dien bestätigen e» selbst in ihren Briefen an, Amerikaun deshalb zweifelt Niemand daran. Gerade die Dorangegangenen find er., d,- s Viele nach fich ziehen, nicht blos durch ihr Schreiben, sondern vor Allem durch vecuniäre Unterstützungen. Die wenigsten jener armen Arbeiter aus Preußisch. Poftn, aus Pommern, Mecklenburg oder Böhmen (und diese bilden de» größten Tbeil der AuSwauderer), würden im Stande gewesen fein, W» lhrem ger.ng I iienft, der 5 Sgr. täglich nur selten übersteigt, die Reisekosten zu erübrigen, wäre ihnen nicht von Amerika ausgeholfen worden, sie hatten me an Stu6»' der» denken können. Die inneren Verhältnisse finde-, durch welche die Leute aus der Heimath getrieben werden; hier der schlechte Verdienst, dort die Angst vor dem Ausbruch eines neuen Kriege-, der Druck der subalternen Beamten, Steuerlasten, das Auftreten d-r Geistlichen k. k. 3et>e f möiiuna hat Amerika Tausende vo« Auswanderern zugefuhrt. Zuerst waren es die Demagogen"rfolgungen, ba« Au-beu.espstem per kleinen Hofe, dann 'am das ^abr 1848 mit seinen gewaltigen Strömen und bald darauf tue Zett iS die so Viele zwang, die Rolle der politischen Flüchtlinge zu spielen. Du AuSwanoerung steigere fich von Jahr zu Jahr. Dan» kamen die g-°tz n ^ g von 1866 uns 1870-71, die Auswanderung erreichte eine nie gefejene «u» s»ei»in fc0ll lm I^hre 1872 allein über Bremen mehr al« 80,000 Auswanderer na» Amerika. In Rücksicht hieraus ist mant bestrebt, dw Berbtn- tunaen mit Amerika täglich zu verbessern und zu -»mehren, und die E ahrung leb-t e« daß der Verkehr fortwährend zunimmt, je mehr tote SoMiunicatton«

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