Einzelbild herunterladen

(trtil ©♦ertrfiäVVJ 1 12 k* Mtt T^rrt^n. Durch Wt rrsst Lezd-eu »erid)^tic 1 fL 2B h.

»nctrtiit tdfllid), mit »u» nahmt Sonntag-.

«ntVIHon : Lanzletbtrß, 9it. B Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.

Nr. « Mittwoch dcn 8. Januar 1873.

< i»trw ~wiiiwi hr» wimm

Amt! i ch er X heil.

Gießen, am 4. Januar 1873.

Betreffend: Die Bewilligung einmaliger Unterstützungen aus der Großherzoglichen Staotsunterstützungskasse.

Das G r u y h e r f v g l i ch e K r e i s a m 1 Gießen

an die Gloszhrrzogtichen ?3ürgmnriRmieii des Krcisrs.

Nach einer neuerdings getroffenen Einrichtung sind Gesuche um Unterstützung aus der Staatsunterstützungskasse in Zukunst nicht mehr bei Groß­herzoglichem Ministerium des Innern, sondern bei den betreffenden Kreisämteni eiuztireichen.

Sie wollen hiernach in vorkcmmeuden Fällen entsprechende Belehrung eintreten lassen, v. Röder.

B e k a u n t m a ch u n g.

Im Kreise Gießen sind in der Zeit vom 1. September 1871 bis dahin 1872 in den einzelnen Gemeinden die nachstehend verzeichneten Beträge für die Waisenkaffe eingegangen. Man bringt dies mit herzlichem Danke für die Geber hierdurch zur öffentlichen Kenntniß.

Gießen, den 7. Januar 1873. Großherzoglich es Kreisamt Gießen,

v. Röder.

Albach 54 fr. Allendorf a. d. Lahn 36 fr. Allendorf a. d. Lda. 2 fL 2^ kr. Alt-Buseck 1 fL 28 fr. Annerod 5 fL 39J/2 fr. Bersrod 26 fr. Benern 1 fL Burkhardsfelden 51/4 fr. Daubringen 18 kr. Dorf - Gill 6 kr. Eberstadt 22 kr. Garbeutcich 4 st. Gießen 19 fL 53/4 kr. Groß-Buscck 2 st. 453/4 kr. Groß-Linden 4 st. 36 kr. Grüningen 10 kr. Hattenrod 32 kr. Hausen 1 fL 41J/4 kr. Heuchelheim 36 kr. Holzheim 103/4 fr. Klein-Linden 1 st. 36 kr. Lang-Göns 46 kr. Leihgestern 1 st. 51 kr. Lich 1 fL 3 fr. Lollar 1 st. lV/4 kr. Mainzlar 2 st. 28 kr. Münster 30 fr. Ober-Bessingen 12 kr. Ober Hörgern 1 fL Oppenrod 1 fL Reiskirchen 4 st. 18 kr. Rödgen 1 st. 1% kr. Ruttershausen mit Kirchberg 1 fL 16J/2 fr. Staufenberg 2 fL 17>/2 fr. Steinbach 4 st. 45 fr. Treis a. d. Lda. 1 fL 7 fr. Watzenborn mit Steinberg 2 st. 29>/2 fr. Bon Watzenborn 7 st. anonym hierher einzesendet. Wieseck 3 st. 49 fr. Zusammen 87 st. 53/4 fr.

Bekanntmachung.

Der laudwirthschastliche Bezirks-Verein 'hat eine Anzahl Exemplare des in Nr. 49 der landwirthschastlichen Zeitschrift sehr günstig beurtheilten Landwirthschaftlichen Kalenders für den kleineren deutschen Landwirth für 1873, hcrausgegeben vom Grafen zur Lippe-Weihenfeld", bezogen, welche zu dem Preis von 12 fr. auf Anmelden durch das Bureau Großherzoglichen Kreisamts Gieße,! abgegeben werden.

Gießen, den 3. Januar 1873. Der Vorsitzende deS landw. Bezirks-Vereins Gießen:

v. Röder.

Polit i fd)

Herr Thiers und die Parteien.

Frankreich hat im abgelausencn Jahre wiederum bewiesen, daß es ein zc-che-, gewerbfleißiges Land ist, daß seine HülsSquellen fast unerschöpflich sind und daß seine Bewohner Nicht- mehr wünschen, als diese HülsSquellen nach allen Richtungen hin au-zubeuten und die Früchte ihre- Fleißes und Wohlstandes in Ruhe und Frirdtn zu genießen. Selbstverständlich wurde daher die öffentliche Meinung von dem Verlangen nach Wiederherstellung ruhiger, den Innern Frieden verbürgenden Zustände fast ausschließlich beherrscht. Aber eben diese Sehnsucht nach Ruhe wurde die Quelle einer beständigen Aufregung, als man sah, daß die Parteien feine Neigung zeigten, dem Bedürfnisse dlS Landes Rechnung zu tragen, daß fL sich in ihren Bestrebungen bald von egoistischen Berechnungen, bald von den blinden Eingebungen der Leidenschaft leiten l eßen. Man mußte es sich Tag füi Tag wiederholen, daß man in provisorischen Zuständen lebte, und daß jeder Versuch, au- dem Provisorium herau-zukomwen, alle Leidenschaften zu entfesseln und dem Burgerkrige, der al drohende- Gespenst im Hintergründe schwebt, die Entscheidung üb<r öranfr ich- Schicksal anheimzugeben drohe. Man trug daher da- Provisor'um au« Furcht vor einer Katastrophe, aber man suchte unablässig nach dcn Mitteln, um ohne Katastrophe aus dem Provisorium endgültige fest, Zustände hervorgehen zu löffln.

Im Beginn der Hcrbstsession wagte der Präsident Thier-, in Irr Voraus­setzung, daß chm eine starke und entschiedene parlamentarische Majorität zur Ver­fügung stehen werde, dcn Versuch, da« Ei- zu brechen und die thatsäcdlich be­stehende Republik mit denjenigen Institutionen auszurüsten, die ihre Dauer zu verbürgen geeignet schienen. Gelang es, für diesen Plan eine starke und ent­schiedene Mehrheit zu gewinnen, so war die BeriassungSfrage wenigsten- für die nächste Zukunft entschieden. Ob freilich republikanische Institutionen, auch wenn die Republtk sl- definitive Versaffung anerkannt worden wäre, Wurz.l im Lande geschlagen haben, oder ob fortdauernde Parte,kämpfe, die voraussichtlich bei jeder Präsidentenwahl das Land in die leidenschaftlichste Aufregung versetzen würden, einem neuen Usurpator die Wege gebahnt haben würden, da- war und blieb zweifelhaft, und Niemand hat in Frankreich Zeit oder Lust, sich um Fragen zu kümmern, auf welche erst eine fernere Zukunft eie entscheidende Antwort zu geben vermag. Für dcn Augenblick würde die Durchführung der in ter Präsidenten, otschast vorgetragenen Entwürfe das Dertraucn bescst gt Haden: und medr konnte man eben nicht anstreben oder erwarten.

Aber Herr Thier- hatte sich über da- Maß seine- Einfluss - getäuscht. Er hatte aus eine kräftige und sichere g mäßigt conservative Majorität gerechnet, aber eine compacte MMelparLi, wie er deren bedurfte, ex>stirte nur in seinen Ein- bedungen, nicht in der Wirklichkeit. Die Zugeständnisse, die Thier- in dem nn« berechenbaren Gange seiner Schaukelpolitik gelegentlich dem Radikalismus gemacht

e r T d e i L

hatte, seine höchst verdächtige und zweideutige Haltung der Auflösungsagitation gegenüber, halten ihm die conservativeren Elemente der Mi'ttclpartei entfremdet. Nur die Unterstützung der Radikalen vermochte ihm für einen Augenblick eine Majorität zu verschaffen. Aber die Unterstützung diese- verdächtigen Elcmente- hatte auch die Wirkung, diese Majorität sofort wieder aufznlösen. In dn Eentren gewann die rntschirdene conservative Strömung die Obrrhaud. Die conservative Partei sah sich rasch wieder in den Besitz der parlamentarischen Mehrheit gesetzt, und sie war entschlossen, die Gunst der Umstände zu benutzen, um Thier- unbedingt ihrer Leitung zu unterwerfen oder sich seiner zu entledigen.

Wenn ThicrS es nicht auf ein n unmittelbaren Entscheidung-kampf ankommen lassen wollte, so blieb ihm Nicht- übrig, vlS sich in die Verhältnisse z» schicken und sich zunächst vor der konservativen Majorität zu beugen. Dazu entschloß er sich denn auch in der That. Er wachte ter Rechten Zugeftändn fff, er ließ durch Dufavre den Nadicali- mv- und die Auflösungsbewegung unzweideutig de-avouiren, er befriedigte einige Lieblingsfordtrungen der Rechten mit einer Selbstverläugnong, die bei den R publlkanern großen Anstoß erregte.

Dessenungeachtet aber laßt sich nicht behaupten, daß die Situation sich wesentlich geklärt hat, daß jede Zaeideutigkeit aus dlrfelben verschwunden ist. Wenn Thiers sich vor der Rechten gebeugt hat, so denkt er doch nicht daran, sich zu ihrem Werkzeuge zu machen. Er beharrt vielmehr im Wesentlichen auf dem in der Botschaft eingenommenen Standpunkt und sucht die Reate, oder wenigstln- den gemäßigteren Thc l derselben, auf diesen Standpunkt hinüberzuschmeicheln, da - ihm mit der Ucbcrraschung nicht gelungen ist. Sein Plan scheint nach wie vor auf die Begründung einer überlegenen Mittelpartei hinau-znlausen, und, wie c- heißt, läßt er es an heimlich n Bemühungen nicht fehlen, um da- rechte Centrum von der Coalition ter Fraktionen der Rechten abzuziehen und auf seine Seite zu locken. Wie tt.it diese Bemühungen Erfolg haben werden, muß sich alsbald nacy Ablauf der kurzen Parlament-serien zeigen.

In den Commissionsberathungen, in denen augenblicklich der Schwerpunkt der Situation liegt, herrscht e>n höflicher, entgegeokom-vender Ton, aber eine ent­schiedene Abneigung gegen reelle Zugeständnisse, wovon die Folge vl, daß »an nicht von der Stelle fo.nmt. Es ist o ficiöser Hum'oug, wenn die eLseitige Versöhnlich­keit gepriesen und eine nahe Verständigung in sichere Aussicht gestellt wird. Die Rechte kennt kein höhere- Z'el als die Durchführung einer Ministerveramwortlich. feit, die Thiers ganz von ihr abhängig machen soll, und Thiers seinersei'- verlangt vor Allem nach Institutionen, die ein Gegengewicht g«g:n die Allgewe.lt der Nation^loersammlung bilden sollen. Dabei aber will er sich durchaus nicht dazu verstehen, seine Pläne >u formuliren, und eben so wenig hat die Commission Last, Thier-' Wünsche zu errathcn und in GesetzkSparagraphen umzusetzen. Kurz, man beobachtet sich, schiebt sich gegenseitig die Initiative zu, und hinter glatter Höflichkeit verbirgt sich auf beiden Seiten da- tiefste Mißtrauen.