daß er Gnade walten lassen möge und daß er errette aus den Klauen der Gottlosen und Uebelthäter „Rome et la France !*
Es ist ein schändlicher Handel, den die Vonapartisten und die mit oder unter ihnen arbeitenden Clericalen drüben treiben. Und wie es überall zu gehen pflegt, daß der Eifer der Diener gar manchmal den Herren unangenehm wird, also ist's auch hier der Fall. Diese entwürdigende Schleppenträgerei der römischen Elerisei gegenüber hätte doch Louis Napoleon selbst in seinen bösesten Tagen nicht gutgeheißen, geschweige anbesohlen. Allerdings setzte er die römische Expedition in Scene, aber hinter diesem Kreuzzuge steckte etwas ganz anderes, als Kircheninteresse. Louis Napoleon wollte zunächst wieder auf der vielbestrittenen Halbinsel Fuß fassen und den allmächtig gewordenen Einfluß Oesterreichs schwächen. Heute wirft sich das gefesselte und gedemüthigte Frankreich dem Gefangenen im Vatican an den Hals und gelobt, alle Sünden und Jrrthümer seit der Revolution abzuschwören — um die römischen Legionen gegen uns deutsche Ketzer zu führen und das katholische Rheinland von seinen preußischen Drängern zu befreien- Zunächst soll Frankreich sich als einen katholischen Staat fühlen. Zwar kann man die gesetzlich gewährleistete und durch mehrere Generationen praktisch durchgeführte Freiheit der Gewissen nicht mit einem Federstrich cajsiren — aber die öffentlichen Sünder sollen fürder nicht mehr mit denselben Ehren zur Erde bestattet werden, wie die frommen Lämmer oder die reuig in den Mutterstall zurückkehrenden Schafe. Noch ist der Syllabus und die Encyclica nicht gültiges Recht in Frankreich, aber die Herren Minister Ernoul und Veul6 erklären ihre unbedingte Unterwerfung unter diese Manifestationen des „Unfehlbaren." (In der so verführerisch-anmuthigen Sprache der voce della veritä nennt man eine derartige Entäußerung seiner Mannhaf tigkeit „sacrilitio del inlelletto.“) Armes, unglückliches Land, das die Unglücksschläge, welche ihm der Bonapartismus geschlagen, durch ein Bündniß nut den Jesuiten wieder ausgleichen will! Beklagenswerthes, doppelt beklagenswertheö Volk, in dessen Schooß ein derartiges Bündniß geschlossen werden kann! Es hat in den letzten Jahren alle nur erdenklichen Enttäuschungen erfahren, nur die letzte ist ihm bisher erspart gewesen, nämlich durch Rom gerettet zu werden. Sie wird nicht ausbleiben.
Louis Napoleon wies einstmals ein Bündniß mit Oesterreich ab, indem er das verletzte Wort aussprach: „Kann ich mich mit einem Cadaver alliiren." Der Pantoffel-Held und der glorreiche Verwundete von Sedan hofft Errettung für sein Land voll der moralischen Unterstützung einer Mumie! Ja und in Wahrheit einer Mumie, denn llichts anderes als das ist Rom, und sein Aussehen schreckt nur Kinder und abergläubische Gemüther. Uns ketzerischen Deutschen jagt aber diese etgenthümliche Dreieinigkeit der schwarzeil Republik, der schwarzen Madonna von Chartres und der schwarzen Roma ebensowenig Furcht ein wie weiland den Cimbern und Teutonen jene römischen Greise, die allein in der verödeten Stadt zurückgeblieben waren. Wir fürchten uns vor derlei Spukgeistern und Gespenstern nicht.
Gleichzeitig mit der Pest des Unglaubens sollen auch die Gegner der Vonapartisten ausgerotter werden. Naguet, der seiner Zeit unter der Dictatur Gambetta's Waffenankäufe in England gemacht hatte, soll in Anklage versetzt werden, weil er das Wohl des Landes geschädigt, ein gleiches Loos ist Steen- acker'ü zugedacht; in letzter Zeit ist es natürlich ^luf Gambetta selbst abgesehen. Doch soll gegell die durch Audiffret-Pasquier's Strafgericht blosgestellten bona- partistischen Beamten nicht vorgegangen werden. Bazainc's Schicksal ist soniit unschwer vorherzusehen.
Es soll finster werden in der „schwarzen Republik" und nur die geweihten Kerzen sollen ihren fahlen Schein in die Nacht hinein werfen. Vielleicht werden noch dermaleinst die Pechfackeln der Bartholomäusnacht in dem „wieder erstandenen" Frankreich lenchteli. Vielleicht bequemt sich das neue Frankreich zur Einführung von Autos da fe, diesen spanischen Ketzergerichten, vor denen es früher einen gewissen Abscheu hatte. Vielleicht!
Deulfdjfanö.
Darmstadt, 28. Juni. Gleich nach Eröffnung des Landtags hatte der Abg. Schröder eine Interpellation wegen Wiederherstellung der katholisch- theologischen Fakultät in Gießen an die Negierung gerichtet. Die Antwort aus dieselbe ist jetzt erfolgt und geht dahin, daß die Frage wegen der nuffeii schaftlichen Vorbildung Derjenigen, welche sich dem Berufe eines katholischen Geistlichen widmen wollen, von der Negierung gelegentlich des in Ausarbeitung begriffenen Gesetzentwurfs über die rechtliche Stellung der Kirchen- und Religions-Gesellschaften im Staate in Erwägllng gezogen werde. Der Gegenstand der Interpellation werde somit nach erfolgter Vorlage jenes Gesetzentwurfs zur Erörterung gelangen, und die Negierung finde es nicht empsehlenswerih, außerhalb des Zusammenhanges mit den sonstigen hier einschlägigen Bestimmungen in eine abgesonderte Verhandlung über diesen einzelnen Punkt einzutreten. Der Interpellant hat sich mit dieser Auskunft zufrieden erklärt.
Berlin, 27. Juni. Unter dem Vorsitze des Fürsten von Hohenlohe- Schillingsfürst hat vor einigen Tagen in einem der Säle des Reichötagsge-, bäudes das Comitö, welches sich die Errichtung des National - Denkmals auf dem Niederwalde zum Ziele gesetzt hat, eine Sitzung abgehalten. Ans den interessanten Mittheilungen des Vorsitzenden des gcschästsführenden Ausschusses, Herrn Ober-Präsidenten Grafen zu Eulenburg, entnimmt die „9t A. Ztg" folgende Notizen über die jetzige Lage des Unternehmens. Fast über ganz Deutschland erstreckt sich die Organisation von Local Comilcs und haben die einflußreichsten Herren überall die Vertretung der Angelegenheit als Vertrauens männer übernommen. Obwohl die Sammlungen noch nicht überall in Gang gesetzt sind ii d erst theilweisc ihren Abschluß gefunden haben, stehen zur Zeit bÖ,000 Thlr. zur Verfügung, welche verzinslich angelegt sind. Besonders her vorgehoben wurde der reiche Ertrag der Sammlungen im G roßherzogthum Hessen und in den preußischen Regierungsbezirken am Rheine. Nach den weiteren Mittheilnngen hat sich der geschäftssührende Ausschuß seither vor Allem bemüht, zu einem geeigneten Entwürfe für das Denkmal zu gelangen. In einer ersten Concurrenz wurden alle deutschen Künstler zur Einreichung von Plänen aufgefordert und denselben die Bestimmung des künstlerischen Charakters, ob Plastik oder Architektur oder eine Verbindung beider, frcigestellt. 9hir die Bedingung wurde beschränkend beigefügt, daß als Vausumme annähernd der Betrag von 250,000 Thlr. festzuhalten sei. Nachdem die Jury keinen der Entwürfe als für geeignet hatte bezeichnen können, wurde eine zweite engere
Concurrenz unter 11 Künstlern eröffnet und dabei das Programm dahin abge- äudert, daß als Standort ein bestimmter Punkt am Waldsaum oder ein Platz wenig höher auf dem Kamm des Niederwalcs bezeichnet und daß ein architec- tonischer Aufbau von möglichst einfachen aber wirksamen Formen gewünscht wurde, an welchem durch Sculpturen der Sinn und die Bedeutung des Ganzen zum Ausdruck gebracht werde. Auch diese engere Concurrenz ist insofern bedauerlicher Weise resultatlos verlaufen, als die Ausführung bei allen Entwürfen, welche übrigens eine Fülle schöner Gedanken enthalten, die in Aussicht genommene Bausumme überschreiten würde. Auf Grund eines Gutachtens der Jury soll nunmehr der Wald selbst als Standort bezeichnet und die Ausführung eines plastischen Kunstwerks angcstrebt werden. Die hierauf gerichteten Anträge wurden von der Versammlung znm Beschlüsse erhoben. — Wie das Blatt vernimmt, ist Prof. Johannes Schilling zu Dresden, welcher in seinen seitherigen Entwürfen, in seinen früheren Arbeiten gezeigt hat, daß er der großen Aufgabe gewachsen ist, um Ausstellung eines Entwurfs von dem geschäftsführenden Ausschüsse ersucht worden.
Ems, 30. Juni. Die Kaiserin von Rußland, die Großfürstin Marie und die Großfürsten Sergius und Paul sind gestern Abend zum Besuch des Kaisers von Rußland hier eingetroffen und haben im Hotel zu den „vier Thür- men" Wohnung genommen.
Dresden, 27. Juni. Der „Allg. Ztg." schreibt man.- Obschon der Gesundheitszustand unserer Stadt zu irgend welchen Befürchtungen znr Zeit keinerlei Veranlassung gibt, so hält es doch der Rath, mit Rücksicht auf die in einigen benachbarten Dorfichasten vorgekommenen „auffälligen" Erkrankungssälle, im Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege für geboten, das Publikum zur strengen Befolgung der betreffenden sanitätischen Vorschriften zu ermahnen. Jene „auffälligen Erkrankungsfälle" sind nämlich eine wirkliche Cholera-Epidemie in dem nahen Nieder-Gorbitz und einigen Nachbardörfern. Laut einer amtlichen Bekanntmachung war die Cholera durch einen in Nieder-Gorbitz wohnenden Heizer vom Elbschleppdampfer „Moldau" eingeschleppt worden und kam bei diesem Mann am 29. Mai zum Ausbruch. Nach diesem ersten Fall kam ein zweiter am 8. Juni in Neunimptsch zur Beobachtung, woran sich bis zum 17. Juni in beiden Orten noch 5 Fälle anschlossen. Nach einer dreitägigen Pause folgten sich aber die Fälle rascher aufeinander, so daß deren bis vorgestern 27 vorkamen: 14 in N'eder-Gorbitz, 7 in Neunimptsch, 3 in Wölfnitz und 2 auf Naußlitzer Gebiet. Leider hatten 11 Erkrankungen einen tödt- lichen Ausgang, während die übrigen Kranken sich theil in der Genesung, tbeils noch in Behandlung befinden.
Schweiz.
Bern, 30. Juni Dem Vernehmen nach wird ein europäisch-nordamerikanischer Staatencongreß behuss Berathung eines gemeinsamen Postvertrages spätestens am 1. September d. I. in Bern stattfinden.
Spornen.
9D?cibrib, 29 Juni. Die Wiederherstellung der Disciplin im spanischen Heere hat bis jetzt keine Fortschritte gemacht, so wenig als die Besiegung der Carlisten. Ueber die Ereignisse des Carlistcnaufstandes der letzten 24 Tage ist aus widersprechenden Nachrichten folgendes Nesume znsammengestellt. Die Carlisten haben am 12. d. Mts. bei Prats de Chusanes (Catalonien) eine Colonne mit Erfolg angegriffen; znm Glück kamen den Bedrängten Truppen zur rechten Zeit zu Hilfe und verjagten die Carlisten, ohne ihnen übrigens eine erbeutete Kanone wieder abnehmen zu können. General Velarde soll den Oberbefehl in Catalonien wieder übernehmen nnd einige Tausend Mann Civilgarde und Ca- rabineros die -Disciplin wieder Herstellen. Das Verbrettungsgebiet der Carlisten will sich wieder ausdehnen, sowohl nach dem Süden, in Murcia, als nach dem Nordosten. In Murcia wurde die Bande vorläufig geschlagen. Im Nor- den hat sich der Pfaffe Santa Cruz am Feuerschein der brennenden Station Beasain geweidet, welche er sammt 103 befrachteten Güterwagen imd 27 Personenwagen , die dort wegen der Bahnstörung nicht weiter konnten, angezündet hatte. Es stimmt das nicht recht zu der Nachricht, daß die Carlisten und die Nordbahn einen Vertrag zur Schonung der Bahn abgeschlossen haben, der sofort in Kraft treten soll. Aber der Pfaffe ist auch sonst mehr als ein en faul lerrible der Partei; er treibt Carlismus auf eigene Faust.
Mabrib, 30. Juni. Das neue Ministerium trägt den Charakter einer Versöhnung; dasselbe enthält zwei Mitglieder der Linken. — Das Detachement Castanons's ist durch die Carlisten überrascht worden; die Soldaten zerstreuten und flüchteten sich. In Pampeluna rottete sich das Volk zusammen und stieß Todesdrohungen gegen General Nouvilas aus.
Rußland.
Petersburg, 29. Juni Der „Russische Invalide" enthält ein gestern eingrgangenes Telegramm des Generals Kanfmann, wonach die vereinigten Truppen-Abtheilungcn am 29. Mai (a. St.) die Hauptstadt Chiwa eingenommen haben nnd der Khan von Chiwa nach Jumudow entflohen ist.
Lokal-Notiz.
Gießen, 30. Ium. Don Seiten Der Direktion Der Main-Weser-Bahn geht uns fob gcnDc Erwiderung zu, welche wir hiermit zur Kcnnlniß unserer Leser bringen. In Der No. 13" Des „Gießener Anzeigers" vom 18. Juni d. I. hat ein Artikel aus Der No. 68 Des Ober- hessischen Anzeigers Ausnahme gcfmhoen, welcher zwei Anordnungen der diesseitigen Verwaltung einer tadelnden Kritik unterzieht, nebenher aber dabei von mehreren falschen Annahmen und Voraussetzungen ausgeht rcsp. unrichtige Behauptungen enthält.
Wir bemerken in dieser Rücksicht darauf Folgendes:
„Die Einrichtung, daß Nctourbillcts für Die Rückfahrt vor Antritt Derselben abgestempelt werden müssen, besteht seit Langem auf einer Mebrzahl von Bahnen, namentlich Der Preußischen Staats- und unter Staatsverwaltung stehenden Eisenbahnen. Die Nothwendigkeit, dieselbe auch auf der Main-We'er-Babn einzuführen, hat sich herausgestcllt, indem gerade bei den lokalen 'Verhältnissen Derselben ohne Diese Eontrol Maßregel Unterschleife namentlich Seitens des Bahn- persvnals ungemein erleichtert, auch nachweislich in vielen Fällen vorgekommen sind. Auch andere Bahnen, auf denen bisher diese Anordnung nicht bestand, haben dieselbe für erforderlich erkannt und neuerdings — wie z. B. die Hannoversche Staatsbahn — gleichfalls eingeführt. Ein Bedenken dagegen konnte um so weniger obwalten, als ohnehin sogar die gänzliche Aufhebung der Retourbillets bei sämmtlichcn Staatsbahnen schon wiederholt in Frage gekommen ist.
Den Druck und Vertrieb der Frachtbrief^Formulare für Die Main Weser Bahn anlangend, so ist die Gestattung dazu in früherer Zeil einer Mehrzahl von Druckereien, ausdrücklich jedoch auf jeder- zcitigen Widerruf ertbeilt worden. Das Fortbcstehenlassen dieser Eonecssionen ist als mit den Bestimmungen des 8 5 des BetriebSrcglements B. für Die Eisenbahnen Deutschlands vereinbar nicht mehr zu erachten Auch hierin lediglich dem Beispiele anderer Bahnen folgend, ist daher


