nicht zuzustellen, sondern als unbestellbare BriessenDungkN zu behandeln. Derartige Correspondenzkarten kamen sehr häufig vor.
Berlin, 27. Juli. Ucberall in Deutschland rüsten sich die Jesuiten zum Abzug. Der Aufbruch erfolgt, wie man erfährt, an fast allen Orten ihrer Nieder- loffung in ruhiger Weise. Die Jesuiten erbitten sich theilwe.se Paste, scheinen jedoch die Bezeichnung als „Jesuit" oder „Mitglied der Gesellschaft I su" darin vermieden zu wünschen. Selbstverständlich halten die Behörden aber gerade auf diese Bezeichnung, um das Auftauchen der bloßen „Geistlichen" an anderer Stelle wenigstens nicht ihrerseits zu erleichtern.
Berlin, 27. Juli. Der „Social-Dernokrat" hetzt nach Kräften an den ländlichen Arbeitern. Seine Mittwochsnummer enthält einen Aufruf „An die Landarbeiter in Dithmarschen." Darin heißt es u. A. in Bezug auf die Erntezeit:
„Wir halten es für unsere Pflicht, gerade die Crnteze t zu benutzen . . so wollen wir dieses Mal selbst den Preis festsetzen und verlangen für den Morgen Korn in Hocken zu bringen, gleich 20 Scheffel, 30 Mark. Eine Dreschmaschine, mit Dampf betrieben, ersetzt von uns Arbeitern täglich 40 Mann, nimmt uns also, den Tagelohn zu 1 Mark 8 Schillinge gerechnkt, täglich 60 Mark weg. Wir müssen daher solcher schädlichen Wirkung der Dreschmaschine fest und einig entgegentreten und verlangen: 1) nicht länger als 10 Stunden täglich bei den- selben zu arbeiten; 2) bei einem Tagelohn von 1 Thlr. 6 Sgr., welcher 3) bezahlt werden muß, wag die Maschine gehen oder auch während des Tages stillstehen. Dieses diene allen ländlichen Arbeitern zur Nachricht. Und wir hoffen auch von Euch, ihr Arbeitsbrüder von Nah und Fern, daß Ihr uns bei ditflm Bestreben keine Concurreoz machen werdet. Der Zuzug nach Wesselburen ist vor Allem abzuhalten, da dieses der Haupt-Menschenmarkt in Norderdithmarschen ist.
Berlin, 30. Juli. Bezüglich der leihweisen Abgabe von Locomotiven und Wagen für die Luxemburger Bahn haben mehrere Verwaltungen wegen Materialmangels ablehnend geantwortet.
Berlin, 30. Juli. Die Zeichnungen auf die französische Anleihe betrugen in Norddeutschland V/2 Milliarden, wovon 3y2 Milliarden auf Berlin kommen.
Bonn, 22. Juli. Die hier residirenden Jesuiten setzen, noch einem Berichte der „Ess. Ztg.", ihre Thätigkeit auf der Kanzel und im Beichtstühle in der von ihnen erbauten großen stattlichen Kirche ununterbrochen fort. Heute früh wurden von ihnen neue Mitglieder in eine von ihnen längst gegründete Eongregation zahlreich ausgenommen. Diese Eongregation soll allerdings sür die Folge nicht mehr von den Jesuiten geleitet, indeß von Geistlichen in ihrem Wesen nach ähnlicher Weise fortgeführt werden.
Aus Thüringen, 25. Juli. Seit einer Woche herrscht in ganz Thüringen eine außergewöhnliche Hitze, die bis zu 30 Grad im Schatten steigt und wodurch schon wiederholt mehrere Personen, vom Sonnenstich befallen, auf der Stelle todt niedergestürzt sind. Mit am meisten leiden die Soldaten darunter, die j tzt unausgesetzt, mit vollem Gepäck belastet, ihre sehr angestrengten Uebungen machen müssen, und es sind in verschiedenen Garnisonen schon Falle vorgekommen, baß Soldaten aus Erschöpfung im Gliede niederfielen. Das neue Exercir-Reglement, nach welchem die ganze Gefechtsformation stets im Laufschritt geschieht und wobei ein sehr häufiges Niederwerftn der Soldaten flach auf die Erde, schnelles Aufspringen und dann Vorwärtseilen im Laufschritt 60—80 Schritte weit geschieht, was äußerst anstrengend ist, nimmt die Kräfte der Truppen ohnehin ungemein in Anspruch. Es ist jetzt daher in mehreren Garnisonen in Thüringen der Befehl ertheilt worden, daß alle Exercirübungen so früh beginnen müssen, daß die Mannschaften bis spätestens um neun Uhr Morgens, bevor die wahrhaft afrikanische Sonnengluth eintritt, wieder in die Quartiere eingerückt sind.
Straßburg. Man schreibt der „Saarbrücker Zeitung" von hier : In Straß, bürg würden vielleicht die Männer die dargereichte Bruderhand ergreifen; allein die Frauen fühlen sich nicht berufen, in diesem Kriege die Rolle der Sabinerinnen zu spielen. Noch behandeln sie die deutsche Muttersprache wie bas arme Aschenbrödel. In drn Städten bilten sich die sogenannten Ligues du dädain und die patriotischen Vereine zur Bezahlung der französischen Nationalschuld und zum Unterricht der Kinder in der alleinseligmachenden französischen Sprache. Diese Abneigung läßt sich sowohl durch die Schrecken des Krieges als durch den con- servativen Charakter der Frauenwelt erklären. Mit derselben Zähigkeit wider standen die Frauen Straßburgs den Edikten Ludwigs XIV., der ihnen den Ge- brauch der Muttersprache bei Geldstrafe untersagen wollte, wie den weit höflicheren Proklamationen der republikanischen Proconsuln, welche die freien Bürgerinnen der einen und untheilbaren Republik aufforberten, die Sprache der Sklaven fahren zu lassen. In dem so beliebten Lustspiel „Pfingstmontag" protestirten die Patriziertöchter Straßburgs gegen die drakonischen Gesetze und behaupteten das Recht, reden zu dürfen, wie ihnen der Schnabel gewachsen sei. Im Hoffnungsjahre 1789 ergab sich die deutsche Reichsstadt dem fränklschen Sieger, welcher ihr Freiheit versprach und Gleichheit und KriegSrubm als Morgengabe brachte. Als die alfatischen Dichter, welche sich in den „Deutschen Stimmen aus dem Elsaß" zu Gunsten der Versöhnung aussprachen, die unversöhnlichen Straßburgerinnen bald an ihre deutschen GcsichtSzüge, bald an die 300 silbernen Ringe erinnerten, mit welchen einst Kaiser Sigismund die Frauen Straßburgs an das deutsche Vater- land binden wollte, hotte die Romanisirung schon in dem weiblichen Herzen feste Wurzel gefaßt. — Auf den Dörfern ist das Verhältniß umgekehrt. Hier reden die Frauen von den Franzosen als von einem fremden Volke. Die „wälschc Haushaltung" ist in ihren Augen eine polnische Wirthschaft. Das Kindlein „wälscht noch", wenn es stammelt; es redet „ditsch von der Brust", sobald es klar und verständlich sprechen kann. Noch sagt man auf dem Lande „fuggern", statt Hande! treiben, wie in den Blüthezeiten brr süddeutschen Reichsstädte. Die allemann-sche Physiognomie des Dialekts und der Volkslieder, der Trachten und der Gesichts- züge, der Giebelfronten und der Dolkssitte ist so auffallend, daß vor mehreren Jahren ein deutscher Schriftsteller, Wirth, sagen durfte: Unter allen Provinzen hat das Elsaß am besten den deutschen Typus bewahrt.
Oesterreich.
Wien, 27. Juli. Das „Univrrs" pflegt in seinen Mittheilungen aus und über Oestcrreich in dasselbe Kerbholz zu hauen wie bas „Vaterland", dagegen offener mit der Sprache herauszurücken. So auch heute. Ihm ist die Reise Franz Joseph's nach Berlin nicht nur wieder unwahrscheinlich, wie dem „Vaterland"; sein Gewährsmann, ein Vollblut ouS dem klerikalen Lager, fetzt drohend hinzu: „In der Tbat, jeder, der Oesterreicher von Herzen, von wahrer Vaterlandsliebe beseelt ist und aus Orsterrei S Würde und Wahrung seiner Stellung
als Großmacht etwas hält, kann und will nicht an diese neue Erniedrigung seines Ka fers glauben; und wer den W derwillen Franz Joseph's, ich will nicht sagen, geg-n den Kaiser Wilhelm, so doch gegen jenen Blut- und Etsenmenschen, Herrn v. Bismarck, kennt, kann schwer daran glauben, daß Se. Majestät sich der Con- trole der kalten kritischen Blicke der preußischen Garderegimenter auSsetzen wolle, welche von Hochmuth und von ihren Siegen berauscht ohne Zweifel die Anwesenheit des österreichischen Monarchen bei ihren Parabemanövern als Huldigung nehmen werden für das vom Kanzler des brutschen Reiches vollführte Werk und für Vie Helkenthatcn feiner SolbateSca." Dies ist eine Probe aus den Mittheilungen dlS „UniverS" aus Wien; man sieht, mit welchen elenden Hetzereien diese Leute am Wiener Hof beschäftigt sind und mit welchen Mitteln sie gegen Andrassy, den sie für den Urheber des R-iseplaneS hal.en, zu Felde ziehen. Das „UniverS" fährt aber noch ungleich fchäifer und roher über die deutsche DerfaffungSpartei her. Die Wiener Blätter würden wohl thun, diesen Wuthschrei ihren Lesern nicht vorzuenthalten.
Holland.
Amsterdam, 29. Juli. Die Supscriptl'on auf die französische Anleihe bei den Däusern Hope u. Comp. und D. L. Goldschmidt hier wird auf eine Milliarde taxirt.
Frankreich.
Paris, 25. Juli. Laut telegraphischen Nachrichten begannen die Arbetter- vnruhcn im Departement du Nord in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli in Anzin, die Unruhen wurden sofort von Truppen unterdrückt. Der SouSpräfect von DalkucienncS eilte an Ort und Stelle und von Paris rückte ein Regiment mit Zelten und LebsnSwitteln zur Verstärkung der Truppen ab. In Denain schossen am Abend des 24. die Arbeiter auf die Truppen, welche das Feuer er- wieberten. Ein Grubenarbeiter blieb todt auf dem Platze; die übrigen ergriffen die Flucht: 40 wurden verhaftet. Die Nacht verging ruhig. Um die Freiheit derjenigen Arbeiter, welche fortarbeiten wollen, zu schützen, werden umfassende Maßregeln ergr ff en. Der Präsident der Republik richtete an die Präfekten und Generale ein sehr energisches Schreiben, worin er sie auffordert, die Freiheit der Arbeiter, die nicht arbeiien wollen, zu achten, aber auch die Freiheit der anderen, Die arbeiten wollen, zu schützen.
Paris, 29. Juli. Die Resultate der Zeichnungen sind ganz enorm. Die Anleihe wurde acht- bS zehnml überzeichnet. Das HauS Rothschild und die Pariser Bank zeichneten allein die Anleihe l^maL
Paris, 30. Juli. SubscriptionSresultate, soweit sie bis Mitternacht bekannt waren: Paris zeichnete 12 Milliarden, die Departements 2 Milliarden, das Ausland wehr als 12 Milliarden.
Paris, 30. Juli. Die bis 10 Uhr heute Morgen bekannten Zeichnungsresultate ergaben die Summe von 28 Milliarde!,. Man glaubt, daß die Zeichnungen die Hobe von 29 bis 30 Milliarden erreichen werden.
Versailles, 29. Juli. Die Nationalversammlung berieth die Anträge der Commission für L-eferungscontracte, welche sich mißbilligend gegen Naquet uni Andere auSfprechen. Naquet verteidigte sein Verhalten. Der Präsident der Commission, Herzog von Audiffret, forderte in einer fuliminanten Rede dir Bestrafung der verantwortlichen Personen und beantragte Die Verweisung der Commissionsanträge an die zuständigen Minister, welchen man die Sorge überlassen müsse, WcitireS zu beantragen. Gambetta replikirte. Unter lebhafter Bewegung werden die Commissionsanträge mit 384 gegen 1 Stimme angenommen. Die Linke enthielt sich Der Abstimmung.
Italien.
Nom, 29. Juli. Der Papst ernannte 7 italienische und 11 ausländische Bischöfe. — Die Municipolwohlen sind in Den meisten Städten des Südens uni Der römischen Provinz liberal ausgefallen.
Spanien.
Madrid, 24. Juli. Um Die Nachforschungen über Den Mordanfall gegen Den König zu beschleunigen ist Der Richter des Stadtviertels Del Centro beauftragt worden, sich einzig und allein Der betreffenden Untersuchung zu wiDmen und feine übrigen Obliegenheiten einem Stellvertreter zu übergeben. Aussehen erregt eine Stelle in Dem Glückwünsche, welchen Der spanische Botschafter in Paris an Den König Amadeus richtete: eine große Zahl seiner diplomatischen College», mehrere hochstehende Franzosen, viele Spanier Der verschiedenen Parteien, nut keine Alfonisten, hätten sich in Der Botschaft eingefunden, um ihren Abscheu gegen Den Mordversuch kundzugeben u. s. w. Herr Olozaga muß, wenn et jene bestimmte Ausnahme macht, damit entweder andeuten wollen, baß er dit Urheber des Verbrechens in Der Partei Des Prinzen Alfons zu vermuthen Grund habe, oder er begeht eine sehr tadelnSwerthe Taktlosigkeit, wenn nicht Schlimmeres Denn Daß feine Worte eine Verdächtigung enthalten, wird Jedermann heraus- fühlen, zumal da sie in einer Depesche an Die Regierung stehen. Einstweilen aber wäre es noch immer voreilig, irgend eine Partei für die abscheuliche Thal ver- antworlich zu machen, und ob wir so bald Lickt über Die Sache erhalten werden, ist bei Dem schleppenden Gange Der spanischen Justiz noch sehr fraglich.
Madrid, 24. Juli. Die nicht geraDe von politischer Klugheit zeugende uni Deshalb auch vom Cardinal Antonelli hinwegerklärte Ansprache des Papstes, worin die „sogenannten Regierungen" mehrerer europäischen Staaten erwähnt wurden, hat auch bet ter gleichfalls betroffenen spanischen Regierung einen unangenehme» Eindruck gemacht. Der der letzteren nahestehende Jmparkial erinnert daran, daß schon manchmal auf die Gefahren hingewiesen worDen sei, die daraus entstehe» mußten, wenn der Papst und Die Geistlichkeit sich in politische Fragen einmischen, und daß Die Kirche gewiß Dadurch gewinne, wenn die vatikanische Curie sich bemüssigt finde, die spanische Regierung als eine „sogenannte" zu bezeichnen. „Wir leben ntcht mehr in Den Zeiten" — fährt das Blatt fort —, wo die Päpste Throne verschenkten und nahmen und Königreiche mit Dem Jnterkikt belegten. Für Das Ansehen Der Religion bedauern wir diese päpstlichen Ausfälle; aber was sollen wir von der Erklärung halten, Die Der CarDinal Antonelli dazu giebt? Was von Der geringen Achtung, mit welcher Dieser Den Papst behandelt, indem er sagt, daß solche Improvisationen eines so leicht Den äußeren Eindrücken zugänglichen Greises nicht buchstäblich zu nehmen seien? Ja, wenn ein radikales Blatt eine Erklärung gewagt hätte wir Die De* Cardinals Antonelli, was für ein Geschrei würden Die Uttramontanen dann erhoben haben!"
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