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Erscheint täglich, mit Ausnahme Sonntags.
Expedition: Canz lei berg, Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. 12'4. Donnerstag den 30. Mai 1872.
mtf Spn SHmomor werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg B. 1, als auch bei allen Post-
tOqUHUngnl UUf vni LUIzelgel Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.
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Deutschland.
Berlin, 26. Mai. Bei Gelegenheit des von der Curie hinsichtlich des katholischen Militärgeistlichen in Köln eingeschlagenen Verfahrene erinnert man sich des Ausspruchs der militärischen Blätter, daß die Einsetzung der katholischen Mi- litärgeistl'.chkeit im preußischen Heere lediglich ein Versuch sei, der, wenn er sich nicht bewäre, alsbald wieder um so mehr außer Kraft gesetzt werden würde, ols dieses Heer 200 Jahre ganz gut ohne besondere katholische Geistlichkeit bestanden habe.
Berlin, 27. Mai. Das päpstliche „Interdikt" gegen die Garnisonskirche in Köln überrascht hier um so mehr, als man weiß, daß in der Pantaleonskirche bisher immer auch evangelischer MilitärgotteSdienst stattgefunden hat. Der katholischen Geistlichkeit ist es früher nie eingefallen, hieran Anstoß zu nehmen und die Pantaleonskirche durch die „Ketzer" für entweiht anzusehen; sie hat vielmehr ruhig auch ihrerseits dort Gottesdienst adgehalten. Jetzt plötzlich heißt eS, daß durch tie an dem alten Glauben festhaltenden Katholiken die Kirche entheiligt sei; man führt förmlich die Intervention des Papstes in den preußischen MiUtärorganismuS herbei und der Papst verhängt wirklich — etwas, was seit Jahrhunderten nicht vorgekommcn ist — das Interdikt über die Pantaleonskirche.
Berlin, 28. Mar. Der Bundesrath trat gestern Nachmittags in dem Sitzungssaale des Reichstages unter dem Vo-sitz des Staatsministers Delbrück zu seiner 26. Sitzung zusammen. Nachdem das Plenum zunächst die Mittheilung des Präsidenten des Reichstages über den Beschluß des Reichstages bezüglich Cer Petition wegen Gehaltsaufbesserung und Pensionsberechtigung der Postexpediteure entgegengenommen und biesilve dem Ausschuß für Eisenbahnen, Post- und Tele- graphenwefen überwiesen, nahm man Kenntniß von den Vorlagen des Präsidiums über die Ausführung der ergangenen Gesetze wegen Beschaffung de- Geldbedarfs zur Kriegführung mit Frankreich und über die in den einzelnen Bundesstaaten geltenden Vorschr.sten über die Feststellung des Personenstandes, welche beide den betreffenden Ausschüssen überwiesen wurden. Sodann wurde dem Anträge der vereinigten Ausschüsse für Etsenbahnen, Post-und Telegraphen und für RechnungS- wesen über den Entwurf eines Gesetzes über den außerordentlichen Geldbedarf für die ReichSeisenbahnen in Elsaß-Lothringen, der die Annahme der Regierungsvorlage empfahl, zugestimmt. Ebenso fanden die Vorschläge der Ausschüsse für das Seewesen und für das Rechnungswesen bezüglich eines anderweiten BesolbungS- movuö für Vas seemännische Personal der kaiserlichen Marine, der Ausschüsse für Handel und Verkehr und für Justizwesen über die Vorlage, betreffend den Gesetzentwurf wegen Einführung der Gewerbeordnung in Bayern, und der Ausschüsse für Justizwesku und für Elsaß-Lothringen über daS Gesetz wegen Einführung der deutschen Wechselordnung rc. in Elsaß - Lothringen und über den Gesetzentwurf wegen der Entschädigung der Inhaber verkäuflicher Stellen im Justizdienste in Elsaß-Lothringen die Zustimmung des Plenums.
Berlin, 29. Mai. Die „Provinzial-Correspondenz" schreibt: Das Vorgehen des Armeebischofs Namszanowski, welches eine Verletzung von StaatSrechten und Amtspflichten als Militarbeamter bildet, veranlaßt die Staatsregierung, die Disciplinarunterfuchung und einstweilige AmtSsuSpcndirung anzuordnen, sowie gleichzeitig seinem Generalvicar die Ausübung aller Functionen zu untersagen. Ferner stellt die „Provinzial - Correspondenz" daS Einverständniß der Staats» regierung mit der projectirten Vertagung des Landtags, sowie die Berufung der beiden Häuser des Landtags zu Sitzungen für die nächste Woche in Aussicht. Bei Besprechung des von der konservativen Partei dcs Reichstags aufgestellten Programmes erklärt^das Blatt: Das Programm habe eine große Bedeutung als Grundlage erneuter fester Beziehungen zwischen den Conservativen und der Regierung , sowie als Ausdruck einer tieferen politischen Gemeinschaft zwischen den konservativen Bestrebungen in Nord- und Süddeutschland.
Coblenz, 27. Mai. Wegen öffentlicher Beleidigung der Professoren Knoodt und ReinkcnS aus Bonn während des Gottesdienstes am 23. März in der Carme- literkirche zu Boppard stand der Caplan Beinroth heute vor dem Zuchtpolizei, gerichte. Die Entwickelung der Partei-Ansichten war eine sehr interessante; sie zielte hauptsächlich darauf hin, ob das Verfahren des Caplans Beinroth gegen den Professor Knoodt als eine kirchlich nothwendige Maßregel zu betrachten fei, indem nur eine Excommunicatio minor vorliege, ober ob derselbe von einem jetzt nicht mehr üblichen Rechte Gebrauch gemacht habe. In Betreff des Professor Reinkens, bei welchem zur Zeit der Kirchenausweisung noch gar keine Excommuni- cation vollzogen, wird daS Urtheil jedenfalls bedenklicher ausfallen. Der UrtheilS- spruch ist auf übermorgen vertagt.
Köln, 28. Mai. Bekanntlich (fo schreibt man der „A. Z.") ist seitens des preußischen Feltprobstes Namszanowski über die staatliche, und zwar evangelische, Garnisonsk rche widerrechtlich (denn über staatliches Eigenthum kann doch, außer den Organen des Staates, Niemand irgendwelche und irgendwie geartete Nechte ausüben) das Interdikt ausgesprochen; anstatt nun dieses wieder aufzu h-eben und dadurch den Confl-ct friedlich zu lösen, hat der Papst dass.lbe als zu -iecht bestehend anerkannt und demnach sogar den Felbprobst angewiesen, den hie
sigen katholischen Divisionspfarrer Lünnemann, falls derselbe noch ein einzigeSmal in dieser mit Genehmigung des Staatsministeriums auch von den Altkatholiken benutzten Kirche celkbrire, mit der großen Excommunicatio» zu bestrafen. Dieser päpstlichen Aufforderung hat der Felbprobst Folge gegeben, und es erhebt sich nun cie Frage, nas vergehen soll: staatliche Gesetze ober hierarchische Willkürmaß- regeln. Einstweilen Hot Lünnemann, bis seitens des Kriegsministers endgiltiger Bescheid eingelaufen sein wirb, den katholischen MilitärgotteSvienst mit Bewilligung des hiesigen Gouverneurs, v. Frankenberg, eingestellt, und am Sonntag Morgen in einer Seitencapelle — so weit also reicht das Interdikt nicht — eine stille Messe gelesen. Man erzählt auch — boch kann ich es nicht verbürgen — daß auf Befehl des betreffenden Divisionsgenerals der katholische Militärgottes- bienst in der ganzen betreffenden Division bis auf Weiteres surpendirt sei.
Aus Elsaß-Lothringen, 27. Mai. Belfort und Nancy sind die beiden Hauptzufluchtsorte der für Frankreich Optirenden. Aus letzterer Stabt wirb mit» getheilt, daß es in Folge der massenhaften Einwanderung nach dorten bereits nothwenvig geworden fei, für die Ankömmlinge hölzerne Buben zu errichten, um sie darin unterzubringen. Uebrigens wirb aus bcm Umstande, baß z. B. Vie Fabrikarbeiter in Mühlhausen Belfort bei ihrer Optionserklärung als ihr künftiges^ Domicil bezeichnet haben, mit ziemlicher Gewißheit ber Schluß gezogen werden formen, es sei den guten Leuten mehr darum zu thun, festzustellen, baß sie nicht! Deutschland angehören wollen, als thatsächlich auszuwandern; denn es ist weder anzunehmen, daß die Belforter eine besondere Freude an den zahlrelche» Arbeitern Hoden, noch daß diese dort alle Beschäftigung finden würden. Die Optirenden werben in Mühlhausen bleiben, aber sie benutzen die Get^enheit, eine „pÄVotische T^t" ;u vcrüb-n; sie werben sagen: Wir haben uns für Frankreich entschieden und gehören nur gezwungen Deutschland an. Solch eine Heldenthat erheischt kein Risiko, aber sie bringt Ehre, und sie ermöglicht es der elsasser Liga, noch dem 1. Oktober sich, gestützt auf die große Zahl der Optirenden, zu brüsten und in die Welt hinauszuschreien, welch' eine Gewaltthat Deutschland an dem elsaß-lothringischen Volke verübt habe. Die Regierung ist so klug, den Widerstand, wenn verselbe nur passiv auftritt, gar nicht zu beachten, und wir nehmen es z. B. Den Colmarern weder übel, daß sie keinen einzigen Deutschen oder Deutschgesinnten zu dem am 16. d. M. veranstalteten französischen Concert mit Pariser Künstlern eingeladen haben, noch baß sie sich beim Vortrag ihrer Vaterlandslieder gegen- fettig unter Thränen in die Arme gefallen sind. Unseren protestantischen Geistlichen, die bisher nicht vom Brod allein lebten, weil sie dessen zu wenig hatten, beginnt jetzt ein Stern Der Hoffnung aufzugehen: Es ist eine vom Reichskanzler unterzeichnete Vorlage zur Aufbesserung Der Gehälter Der Pfarrstellen in Elsaß- Lothringen an den Bunbesrath gelangt.
Die Pariser Patrie vom 13. hat Folgendes gelogen:
Der französische CleruS nimmt einen großen Antheil an Der schwierigen Lage, worin sich der Bischof von Metz befindet. Dieser ehrwürdige Prälat hat sich geweigert, dem Kaiser Wilhelm den Eio zu leisten, und sein Gehalt wurde ihm entzogen. Er bat auf der Kanzel erklärt, er werbe unter keinen Umständen seine Heerde verlassen. Se. Hochwürden besitzt kein Privatvermögen, und man spricht davon, ihm mittels Subskriptionen in Den Reihen des Clerus eine lebenslängliche Rente zu sichern.
Dazu bemerkt die in Metz erscheinenDe Zeitung für Lothringen:
Wir sind berechtigt, zu erklären, daß es aller und jeder Begründung entbehrt, wenn gesagt wird, Der Bischof von Metz habe sich geweigert, Dem Kaiser Wilhelm Den Eid Der Treue zu leisten, und schon aus Dem einfachen GrunDe, weil der erstere zu einer solchen Eidesleistung nicht aufgefordert worden ist. Völlig eben so unwahr ist Die Behauptung, daß sein Staatsgehalt einbehalten und nicht ausbezahlt worden sei.
Oesterreich.
Wien, 28. Mai. In Der Abgeordnetenkammer machte der Präsident Mittheilung von Dem erfolgten Ableben Der Erzherzogin Sophie und gab in seiner Rede Dem tiefen Beileid, sowie der steten Loyalität des Hauses Ausdruck. Nachdem Der Präsident Die Ermächtigung erhalten, Dem Kaiser s. Z. das tiefe Beileid des Hauses zu übermitteln, werden die Sitzungen bis nach erfolgter Beisetzung ausgesetzt.
Schweiz.
Bern, 29. Mai. Der Nationalrath und der Ständerath genehmigten einstimmig, ohne Debatte, Die Nationalbotschaft über die Revisionsabstimmung. Beide Räthe wurden hierauf vom Präsidium entlassen.
Frankreich.
Paris, 25. Mai. Der Kriegs-Minister hat allen Maires von Paris und den Departements den Befehl ertyerlt, sofort alle Mobilen und Mobilisirten, Die sich wahrend 1870/71 Dem KriegSbieuste entzogen haben, aufsuchen und bestrafen


