Herrn V. Krittler geträumten einstimmigen Protest den gehörigen Nachdruck zu verleihen I
Berlin, 25. Aug. Zu den vielen durch die Angaben der „Spener'schen Zeitung" hervorgerusenen und meist einander widersprechenden Vermuthungen in Betreff der Frage, ob der Fürst Reichskanzler zu der Drei-Kaiser-Zusammenkunst hierher kommen werde oder nicht, ist zu bemerken, daß der Reichskanzler, wofern ihm sein Gesundheitszustand überhaupt in dieser Zeit zu rufen gestattet, am 1. oder 2. September in Berlin eintreffen wird. Dann wlrd er zu den Festlichkeiten gehen, die in der zweiten Woche des kommenden Monats in Marienburg statt finden, und von dort wird er nach Darzin zurückkehren. Der Staatssekretär (nicht Unter-Staatssccretär) v. Thile, dessen Geschäfte dermalen von dem deutschen Gesandten am belgischen Hofe, v. Balan, versehen werden, wird Mitte September von seinem Urlaub, den er in Schandau verlebt, zurückkommen.
Berlin, 25. Aug. Es ist dahin entschieden worden, daß die Bestimmung der Militär-Ersatz-Instruction, wonach der nächstälteste Bruder eines vor dem Feinde gebliebenen oder an den erhaltenen Wunden gestorbenen oder erwerbe- unfähig gewordenen Soldaten, sofern durch die Zurückstellung den Angehörigen des letzteren eine wesentliche Erleichterung gewährt werten kann, vom Militärdienste befreit werden soll, nunmehr auch Anwendung auf den nächstältesten Bruder eines im Kriege oder in Folge der Strapazen des Krieges verstorbenen Soldaten ic. finden soll. Etwa hiernach vorhandene begründete Reclamationen für bereits dienende oder noch einzuziehende Militärpflichtige sollen den Kreisbchörden möglichst bald vorgelegt werden.
Berlin, 27. August. Nach Pariser Meldungen wird die Räumung der beiden ersten der sechs Departements, welche jetzt noch deutsche Besatzung haben, nicht am 7. September, wie so ost versichert worden ist, sondern erst nach Mitte des Monats erfolgen, da die Baracken, welche die abziehenoen Truppen in den besetzt bleibenden vier Departements bewohnen sollen, nicht früher vollendet fern werden. Schließlich wird es, wie wiederholt betont norden ist, bei den Festsetzungen der Räumungsconvention bleiben, daß die Zahlung der ersten halben Milliarde bis zum 7. September d. I., zwei Monate nach Austausch der Ratificationen, die Räumung der beiden Departements bis zum 21. September erfolgen muß.
Berlin, 28. August. Die „Provinzial - Eorrefpondenz" führt in ihrem heutigen Leitartikel aus, daß die Auffassung, wonach mit dem Verbot der Ordens- thätigkcit der Jesuiten nicht die Untersagung seelsorgerischer Verrichtungen aus- gesprochen sei, keinen Anspruch auf Berücksichtigung habe, und daß über den Sinn des Jesuitengesetzes die Landcsbehörden ebensowenig wie die Reichsgewalt im Zweifel sein können und dieselben deshalb für den wirksamen und allseitigen Vollzug des JesuitengesetzeS Sorge zu tragen haben. — Wie dasselbe Blatt meldet, ist Seitens der französischen Regierung bereits die Nachricht etnßegangen, daß sie mit der Zahlung des Kriegskostenrestcs in der nächsten Woche zu beginnen gedenke.
Berlin, 28. August. Die gemeinschaftliche Sitzung der Maschinenfabrikanten und der Deputirten der strikenden Maschinenarbeiter verlief resultatlos, da Seitens der Fabrikanten auf Grund der vorgelegten Geschäftsbücher nachgewiesen wurde, daß bei Bewilligung der Forderung die Fabrik mit Schaden arbeiten würde, die Deputirten der Strikenden trotzdem aber an allen Forderungen sesthielten. — Dir „Kreuzzeitung" meldet, daß in der bevorstehenden Landtagösitzung das Schulgesetz noch nicht kingebracht werde.
Berlin, 28. Aug. Fürst Bismarck wird am 1. September hierher zurückkehren. Großfürst Nicolaus ist bereits heute früh 53/t Uhr hier eingetroffen. Derselbe wurde auf dem Bahnhose feierlich empfangen und stieg im Erdgeschoß des russischen Botschaftshotels ab.
Einen interessanten Gast wird Europa im nächsten Jahre beherbergen: der -Kaiser von Japan, der Mikado, wird, dem Japan Herald zufolge, Europa wahrscheinlich bei Gelegenheit der Weltausstellung auch Wien besuchen. Drei Kriegs- schiffe werden den Mikado zur See begleiten. Das Blatt fügt hinzu, daß der Mikado aus Furcht vor den allzu demonstrativen Freundschaftsbezeigungen der Amerikaner erst Europa sehen wolle, um dann, schon etwas „an Demonstrationen gewöhnt", gelassen denen der Amerikaner entgegensehen zu können. Es steht zu erwarten, daß die Reise des Mikado nicht ohne den größten Einfluß auf die japanesifchen Verhältnisse fein werbe. Der Fürst ist von dem Wunsche beseelt, Japan zu heben, und er schrickt vor Riformen keineswegs zurück. Selbst religiöse Reformen werden von ihm begünstigt. So sind durch ein Decret alle unzüchtigen Götzenbilder verboten worden, und es wird gedroht, dieselben zu verbrennen, wo sie immer gefunden werden mögen. In dem Verkehre ist ein wichtiger Fortschritt durch die Einrichtung der Post gemacht worden; fünfmal täglich geht die Post schon von Jeddo nach Yokohama. Am besten aber können wir sehen, baß Japan sich wirklich Mühe giebt, er anderen civilisirten Staaten gleichzuthun, indem es eine neue Anleihe vom Stapel läßt. Allerdings ,st es nur eine Anleihe von 200,000 Pfv. St., um die Mineralreichthümer des Lande« auszubeuten.
Köln, 27. Aug. Das erste Blatt der heutigen Nummer der „Köln. Volks zettuug" wurde conftscirt wegen des Abdrucks einer Adresse des katholischen Adels an die Väter der Gesellschaft Jesu, datirt Münster, 31. Juli, welche in anderen Zeitungen, u. a. der „Germania", schon vorher veröffentlicht worden war.
Essen, 24. Aug. lieber die Erceffe, welche hier um der Jesuiten willen stattgcsunveu haben, wirb folgenbcS Nähere berichtet: Am 22. dS. hatte sich ber Landrath v. Hövel in Begleitung des KreiSsccrctärs, nach vorheriger Anzeige seines Erscheinens, gegen halb 7 Uhr zum Hause der Jesuiten begeben, um denjelben die Eröffnung zu machen, daß die inländischen Jesuiten die Statt binnen drei Wochen, die beiden ausländischen (Schweizer) Jesuiten innerhalb drei Tagen zu verlassen hätten. Zahlreiches Publikum hatte sich vor dem gedachten Hause und in ber Frohnhauser Straße, Limbecker Platz rc. eingefunden. Als der Landrath das Haus verließ, begann ein Werfen mit Steinen auf denselben, so baß er gelungen war, eilenden Schrittes dem tumultuirenben Haufen zu entkommen, wobei ihm von einem Bewohner eines Hauses am Limbecker Platz Schutz in dem- selben angeboten wurde, was indeß abgelehnt wurde. Der Haufen folgte, bis er schließlich beim Erscheinen der Polizeideamten auseinander ging. Verätzungen haben ber Landrath und der Kreisstcretär nicht bavongctragen. Es verzog sich dann das Publikum aus ber Frohnhauser Straße, bis gegen 10 Uhr die Massen wieder anschwollen und demonstrative Bewegungen machten, die damit endeten, daß an dem Hause des vermeintlichen Schützers des Landraths am L mdeck.r Platze, einem Kaufmann, eine Demolirung vorgenommen wurde, die wirklich groß- artig zu nennen ist, indem mit Steinen sämmtliche Fenster, Spiegelscheiben rc.
total zertrümmert worden sind. Die Polizei traf bald an der Stätte ein; eine erste Aufforderung zum Auseinandergehen wurde mit Steinwürfen beantwortet, und kam es dann zu einem längeren Handgemenge; die Polizeibeamten, in zwei Abtheilungen getheilt, säuberten Platz und Straßen, wobei von der blanken Waffe Gebrauch gemacht wurde und mehrere Verwundungen vorgekommrn sind. Verhaftungen sind nicht vorgenommen worden, der Tumult währte li/z Stunden. Heute 'reffen bereits zahlreiche hierher commandirte auswärtige Gensd'armen zur Verstärkung der SicherheitSbehörde hier ein, auch wird dem Vernehmen nach wegen ber Excesse der Regierungspräsident v. Ende heute erwartet. Die Schließung des Collegiums, Casino's ic. ist seitens der Behörde erfolgt. Am 23. wiederholten sich Abends die Exc.sse auf dem Limbecker Platze und der Frohnhauser Straße, und zwar in verstärktem Maße. Wahrend des ganzen Tages waren die Straßen in jener Gegend von Zuschauern gefüllt, gegen Abend indeß wuchs die Menge in bedeutender Weise. Selbstverständlich waren fortwährend Polizei- und Gensd'ar- rnericpatroutllcn und Posten in der Nähe zugegen zur Uebcrwachung und Aufrechthaltung der Ruhe, die bis 10 oder 11 Uhr nicht in besonderer Weise gestört wurde. Um diese Zeit jedoch, nachdem die Sicherheitsbeamten lange Zeit hin- vurch die Ehicanen des Publikums ertragen hatten, begann ein Bewerfen dersel- Ken mit Steinen, worauf man zur Säuberung der Straßen und des Platzes schritt, wobei wiederum die blanke Waffe gebraucht werden mußte. Die Manöver mußten wiederholt werden, und der Straßenkampf, wobei auch aus der Menge heraus auf die Beamten geschossen worden ist, währte etwa bis nach 1 Uhr; ote Ruhe selbst konnte erst um 2 Uhr als hergestellt betrachtet werden. Auch gestern sind mehrfache Verwundungen vorgekommcn, sowie Verhaftungen vorge- aommen worden, Auch wurden die zum Theil wieder eingesetzten Scheiben an rem vorgestern Abend demolirten Hause aufs Neue durch Steinwürfe zerstört, so daß der betreffende HauSeigenthümcr sich zur vollständigen Schließung des Hauses veranlaßt gesehen hat. Der Bürgermeister hat durch öffentliche Bekanntmachung oen § 116 des Strafgesetzbuches in Erinnerung gebracht.
Augsburg, 24. August. Als der Kronprinz des deutschen Reichs das hiesige Rathhaus besuchte, hieß der Bürgermeister Fischer denselben mit einer Ansprache willkommen und hob in derselben hervor, daß die ehemalige freie Reichsstadt Augsburg zwar gut bayerisch geworden, aber stets auch gut deutsch geblieben sei. Diese gleichzeitig gut deutsche und gut bayerische Gesinnung könne um so weniger unvereinbar mit einander erscheinen, als man ja recht gut wisse, oaß diejenigen, welche gegenwärtig unter dem Vorwande der Sorge für Erhaltung der Selbstständigkeit Bayerns mit scheelen Augen auf das neu erstandene deutsche Reich hinsähen, niemals Bayerns wahre Freunde gewesen seien oder werden würden. Der Kronprinz dankte für den ihm gewordenen freundlichen Willkommen und erwiderte: „Zu jedem der bedeutungsvollen Worte, die Sie, Herr Bürgermeister, über das Verbältniß Bayerns zum Reiche gesprochen, sage ich: Ja und Wahr! Die Einzclstaaten in ihrer Eigenart müssen erhalten bleiben, ihr Zusammenwirken giebt dem Reiche Kraft. Wir haben Großes errungen und ich schätze mich glücklich, als Führer Ihrer wackeren Landsleute im Kriege, bezeugen zu können, wie viel die bayerische Tapferkeit zu den glänzenden Erfolgen bei- getragen hat. Die gut bayerische und die gut deutsche Gesinnung, die ich überall >n Bayern gefunden habe, hat meinem Herzen wohlgethan und ich glaube meinen Gefühlen einen besseren Ausdruck nicht geben zu können, als mit dem Rufe: Seine Majestät, König Ludwig von Bayern, lebe hoch!"
Nach dem gestrigen Besuche des Rathhauses machte der Kronprinz M deutschen Reiches eine Spazierfahrt durch die Dorstadt nach der Fuggerei, nahm dieselbe in Augenschein und begab sich darauf in den Schießgraben, woselbst ihm zu Ehren ein allgemeines Volksfest veranstaltet worden war. Der Kronprinz wohnte demselben bis 8 Uhr Abends bei und kehrte alsdann in fein Hotel zurück. Um Jalb 10 Uhr erfolgte eine Umfahrt durch die Straßen der festlich beleuchteten Stadt, auf welcher der Kronprinz allerseits mit begeisterten Hochrufen von der Bevölkerung begrüßt wurde.
Ingolstadt, 27. Aug. Nach der Rückkehr vom heutigen Felbmanöver empfing der Kronprinz den Mittags per Extrazug hier eingetroffenen Kriegsminister Freiherrn v. Prankh und reiste Nachmittags unter dem Donner der Kanonen und dem Jubel des Volkes nach Regensburg. Ein Theil des kronprinzlichen Gefolges geht direkt nach Darmstadt.
Oesterreich.
Wien, 22. August. Vorgestern waren „ganz Ungarn", Siebenbürgen und einige andere Annexa nach Pesth Ofen zusammengeströmt. Der europäische Hut und Rock wurden für einen Tag an den Nagel gehängt, und der ungarische Attila und der runde Botyarenhut übten eine unbestrittene Herrschaft. Es war das Fest des heiligen Stephan, des unter die Heiligen erhobenen Königs, welcher seine Reiterschaaren dem Ehristenthum unterwarf und als der Schutzpatron Ungarns von allen Eonfessionen des Landes, den Lutheranern und Ealvinisten, wie von den Katholiken verehrt wird. Bei der großen Kirchenprocefsion des 20. wurde die Rcl quie des Heiligen, seine mumisirte Hand, von der ofener Burg- capelle bis zur FestungSpfarrk>rche dahergctragen und den zuströmenden Tausenden durch die Krystallwände des RcliquienkästchenS vor Augen gebracht. Bis zum Jahr 1848 war die StephanSfeicr ein katholisches Fest wie das FrohnleichnamS- fest, dem die Nichtkatholiken gleichgültig gegenüberstanden und um deffentwillen es auch keinem Bewohner der Provinz einfiel, feine Pußta zu verlass.». Seit Dem Jahr 1860 ward sie ober ein Landesfest, ein Mittel zur Demonstration gegen die Wiener Oderherren und die verdorrte Hand des Königs wurde als der Hebel verehrt, Der die Emancipation von Oesterreich herbeiführen und das Land auf (td) selbst stellen würde.
Gastein, 28. August. Kaiser Wilhelm ist beute, Morgens um 91/1 Uhr, unter dem lebhaften Hochrufen eines zahlreichen PublicumS von hier abgereist. Derselbe versprach, das nächste Jahr wieder hierher zu kommen.
Schweiz.
Bern, 28. August. Die Genehmigung des Vertrages über den Bau des GottbardtiunnelS mit Favre Seitens des BundeSrathes erfolgte mit dem Vorbehalt des Resultats d:r Verhandlungen, welche über die Betheiligung des technischen Personals des Tunnelbaues des Mont-Eenis schweben.
Frankreich.
Bayonne, 27. Aug. Die Behörden lassen die in den GlenzdepartemeniS lebenden EarUgen interniren.


