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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Sonntags.

Expedition: Canzletb-rg, Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kietzen.

Nr. 121 Montag den ?7. Mai LZ72,

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Amtlicher T b e i l.

sungsstaat - Ocherretch nach dem Recepte des Föderalismus zu rcconstruiren.

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größere Kraft

gegenüber

sie wußten sich mit Andraffy in gutem Einvernehmen zu halten, und es war avgen- schrinlich, daß sie auch bei Hofe eine viel festere Stellung einaahmen, als die

über Bord zu werfen.

Wenn man erwägt, welches Unheil dem Reiche aus der Nachgiebigkeit gegen

raths in dem Nathhaussaale dahier stattfinden soll- Gießen, den 24. Mai 1872.

Die Kirchenfrage in Eesterreich.

Schon längst hat sich in Oesterreich die Ueberzeugung Bahn gebrochen, daß die Opposition ter Nationalitäten ihre Hauptstärke der Verbindung mit dem CleruS verdankte. Dem CleruS war durch das Concordat eine Stellung eingeräumt worden, in der er sich mit Fug und Recht als Mitinhaber der höchsten RegierungS- gcwalt betrachten konnte. Das Bach'jche System beruhte ja eben darauf, durch eine enge Allianz der Regierung mit drm CleruS letzteren jur die CentrallfationS' idee zu gewinnen und mit feiner Unterstützung die clntrifugalen Triebe der Na» tionalitäten zu bekämpfen. Aeußerlich bewährte sich dies System auch, aber unter der äußeren Hülle wucherte das Verderben. Die Kraft des Volkes wurde mehr und wehr gelähmt: es trat eine Zcrsrtzung ein, der nur durch einen volligln Systewwechfel Einhalt gethan werden konnte. Oesterreich wurde durch Schmer- Ung ein Verfassungsstaat!

Anfangs wurde die Stellung des CleruS hierdurch wenig berührt. Er ver­hielt sich ziemlich gleichgiltig gegen die Verfassung, wie gegen die abermalige Sistirung" derselben. Er würde sich, zum größeren Theile wenigsten-, auch m die Wiederherstellung derselben ohne Widerstand gefügt haben, wenn nicht seit 1866 die Verfassung-Partei ihrerseits zum Angriff auf da- Eoncordat übergcgan-

im Ganzen aufgegeben hat.

Unter dem Eindruck dieser Verhandlungen hat sich denn der gesammten Der- fassungSpartei eine große Verstimmung bemächtigt. Zwar diePresse" mahnt noch dringend zum Vertrauen, warnt vor Disciplinlosigkeit, vor Rivalitäten, vor dem Jagen nach dem Unerreichbaren. Aber dieN. fr. Pr.", ein dem Ministerium in hohem Grade ergebenes Organ, spricht schon aus einem anderen Tone. Sie erkennt vollkommen an, daß die Versöhnung des CleruS mit der Verfassung außer- ordentlich viel zur Confolidirung verfassungsmäßiger Zustände beitragen wurde. Aber sie ist der Meinung, daß diese Versöhnung durch Nachgiebigkeit der Staats» regierung in wesentlichen Punkten nicht erzielt werden dürfte. Indem sie die deut- schen mit den österreichischen Zuständen vergleicht, findet sie, daß der deutsche Reichskanzler ohne Bedenken Rom den Frieden bieten könne: denn Jedermann wisse daß er die Rechte dcS Staates nicht preisgeben, daß er nicht nach Canossa gehen werde. In Herrn v. Stremayr'S Festigkeit srtzt da-Blatt nicht das gleiche Vertrauen, und mahnt daher dringend zur Entschiedenheit. Ein andere- Blatt räth den Ministern mit dürren Worten, lieber Stremayr, als ihr ganzes System

Mitglieder dls Bürgerministeriums.

Diese Wahrnehmungen steigerten zwar den Zorn der Nationalen und Feu­dalen, aber sie brachten den EpiScopat zum Nachdenken. Ein großer Theil des Episkopats, der Cardinal Rauscher an der SpiHe, ist ja im Grunde gut öster­reichisch, ja entschieden centralrstisch gesinnt und er konnte sich daher unmöglich wohl fühlen in der Verbindung mit einer Partei, die Oesterreich in eine lockere Col'iödcration verwandeln wollte, die das Gcsctz völlig mißachtete und gar kein Heh. daraus machte, daß sie sich durch Legalitütsbedenken gcw ß nicht von den äußersten revolutionären Schritten zurückhalten lassen würde, wenn anders ihr die Umrande die Anwendung von Gewalt möglich machen würden.

Dir Ueberzeugung also von dcr Festigkeit -er Stellung d?S Ministeriums Auersperg, der confirvative Instinct und ein Rest des österreichischen Staatsbe- wußtseins lirßen es dem Epiecopate räthlich erscheinen, dem Ministerium einen Schritt entgegen zu kommen, und den Versuch zu wachen, ob sich nicht ein modus vivendi für die Kirche unter der Herrschaft der Verfassung Herstellen l.eße. AuS den BischofSconferenzen entwickelte sich denn auch in der That eine Art von An­näherung zwischen den Kirchenfürsten und dem Ministerium.

Aber aus welch» ©runDlagc? Da» ist tie Frage, die alle Gemülher be- weg», unt) Vie auch durch die Erklärung des Minister» Stremapr keineswegs gc- nügrnv beantwortet ist. Daß bi» j-tzi da» Ministerium keine Verpflichtungen ein- gegangen ist, die mit seinen Verbindlichkeiten gegen die Verfoffungspartei in Wider- sxiuch ständen, läßt sich allerdings mit einiger Sicherheit annehmen. Aber ebenso sicher scheint e» auch, daß die Bischöfe sich zu gar keinem positiven Zugeständnisse herdcigeloffen haben. In der Congrnafrage ist e» nicht einmal gelungen, unter den Bischöfen selbst ein- Einigung zu erzielen. Hinsichtlich der Schulfrage soll man sich entschlossen haben, den prineipiellen Widerstand fallen zu lassen, aber da» sagt man allgemein voraus um im Einzelnen wiederzugewinnen, was man

Bekannt m achnn g.

Betreffend: Ordentliche Versammlung des Bezirksraths für 1872.

ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Freitag den 31. Äai, Vormittags 10 Uhr, die dteeiahrtge ordentliche Sitzung des Bezirks-

daran zu Grunde gehen. , . .

Der Kampf gegen das Concordat war daher für tie Regierung und dte DerfossungSpartei zu einer unabweislichen Pflicht geworden; aber die Energie- losiakeit, mit der er von Anfang an geführt wurde, legte schon ein beredtes Hruamß ab dafür, daß man sich der Gefahren eines ConflicteS mit dem vow Staate selbst zur größten Macht erhobenen und mit den maßlosesten Ansprüchen erfüllten (Sinus wohl bewußt war. Man wußte nicht, wie man die Sache an. areifen sollte. Man fürchtete die Verbindungen des CleruS mit dem Hofe. Man lab voraus, daß die Verfeindung mit der Kirche die Verfassung und Alles, was mit derselben zusamwenhing, in den höchsten Kreisen verdächtig und verhatz machen würde. Man suchte sich also mit halben Maßregeln zu helfen, die aber nur die Schwäche der Verfassung-Partei verriethen und den CleruS ermuthigten und dabei zugleich nicht minder erbitterten, als wenn man mit der größten Cnt«

grn wäre.

Es war da- im Grunde eine ganz selbstverständliche Wendung. Denn es war einleuchtend, daß die Entwickelung verfassungsmäßiger Verhältnisse mit den dem CleruS durch das Concordat ertheilten Vorrechten unvereinbar war. Für einen Staat, in dem die Erziehung und Volkeblldvng dem CleruS überliefert ist, in dem die Kirche sich als alleinige Verwalterin aller höheren, idealen Cultur- aufgaben betrachten kann, für einen solchen Staat ist eine Verfassung ein werth­loser Besitz, eine Form ohne lebendigen Inhalt. Ein kleiner Staat, wie Belgien, der vermeintliche Mufierstaat, mag solche Zustande ertragen; eineGioßmacht mutz

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Röder.

schiedenheit gegen ihn vorgegangen wäre. ,

In (einet Erbiit.rung entschloß sich der hohe Gleru« zu einet systematischen Opposition. Et »etbanv sich mit den Feudalen und Nationalitäten zu einem Stampf aus Leben und Tod gegen die BerfaffungSpartel. D efet Eoal.tion ver- ntochttn die Bütget- und Doclonnmintfletien, denen e« eben so an Klugheit un Geschicklichkeit wie Thaiktast gebtach, nicht zu wideiflehen. Die Ve'sassung«parte zetbröcktlte. Da« Au-gle.ch«minist«ium Hohenwart «utde putsch die Le'dal, ff ^Anm'aßüngen'"stuher "erwachsen ist, so wird man diese Besorgnisse und selbst zu °-m verderblichsten Bersuche gecrongt,, au den> Trümmern de«^ersa, .untau «n jberechtigt finden. Die Verhältnisse liegen in Oester-

sung-staat » Oesterreich nach dem Recepte be» Soeeralltm } sw(rl.ll6 allerdings ander« als in Deutschland, aber die Ueberzeugung een der Roth.

Sobald dieser Versuch auf dem Punkt angelI ngt , I { wendigleit, den Rampf mit dem Ultramontanibmu« nicht durch einen schlechten «Ä ÄTS * UäÄSä« x&Mäntt