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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Sonntags.

Expedition: Canz lei berg, Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kietzen.

Nr. N8. Freitag den 26. April 1812.

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Der Carlistenaufstand.

Die gestürzte Priesterherrschaft, welcher Spanien das Elend vergangener Jahrhunderte und den tiefen Stand politischer und humaner Bildung noch bis zur Jetztzeit zu verdanken hat, erhebt von Neuem ihr unsiliges Haupt, um das unglückliche Land, so viel in ihren Kräften liegt, mit Blut und Thränen zu über­schwemmen. Welche Gegenden der pyrenäischen Halbinsel sind cs, wo der Carlis- mus noch seine Anhänger findet? Diejenigen, wo das arme, unwissende Land­volk noch wie eine Heerde Schafe der Führung jener gefährlichen Sorte von Geist- lichen folgt, denen der Staat nichts, die absolute Herrschaft der Kirche oder viel- mehr ihrer menschlichen Vertreter Alles ist. Hätte König Amadeus einen jesuiti­schen Beichtvater mit ins Land gebracht und dessen Ordensgenoffen über die Pyrenäen zurückberufen, wer weiß, ob die schwarze Partei es nicht vorgezogen hatte, dem schwachköpfigen Prätendenten Don Carlos begreiflich zu machen, daß für ihn kein Heil von einem neuen Auspflanzen der Bourbonenfahne zu erwarten sei. Die Erinnerungen an den alten Carlistenkrieg, einen der wildesten und grausig­sten inneren Kämpfe, die je ein Land heimgesucht, waren längst in demselben Maße auSgestorben, wie die Krieger jener Tage allmählich in ein friedlicheres Jenseits abberufen worden sind, wenn nicht eine fanatische Geistlichkeit das Andenken wach- gehalten und die Verehrung für den alleinlegitimen" Herrscher auch den inzwi­schen berangewachsencn Geschlechtern einglflößt hätte.

ES ist kennzeichnend für die legitimistisch-clerikale Bewegung, daß sie mit einer Ausnahme nur in den auf der tiefsten Stufe selbst der spanischen Cultur zurückgebliebenen Landschaften ihren Boden findet: in einzelnen verwahrlosten Ge­meinden CastilienS und Asturiens, wo der Bauer sich von dem Ochsen, mit dem er pflügt, fast nur durch die Gestalt unterscheidet, in dem rauhen Valencianischen Gebirgslande des Maestrazzo, dessen Bewohner den Guerrillakrieg als liebstes Gewerbe treiben, in dem seit der Vertreibung der betriebsamen Mauren elendiglich verarmten und spärlich bevölkerten Aragonien. Unter der erwähnten Ausnahme verstehen wir die baskischen Provinzen mit dem Königreiche Navarra, von denen zumal die ersteren zu den gesegnetsten Landen des Königreichs gehören. Aber gerade in ihnen hat der Carlismus von jeher seinen Hauvlsitz gehabt; sie legten stets Werth auf ihre. Sonderstellung zu den übrigen Provinzen, und es wurde den legitimistischen Parteiführern leicht, in ihnen das Mißtrauen zu erwecken, als werde eine liberale Regierung ihnen die Vorrechte der Selbstbesteuerung, der Frei­heit von der militärischen Aushebung und vom Salzmonopol rauben, während den Bewohnern von Navarra die verlockende Aussicht vorgehalten wird, daß sie dieselben im Laufe der Geschichte eingcbüßtenFueros" aus Don Carlos' Hand wiedererhalten würden.

Nun steht also das Land vor den Gräueln eines neuen Bürgerkrieges, wenn es der spanischen Regierung nicht gelingt, den Aufstand in seinen Anfängen zu ersticken. Aufruf und Begleitschreiben des Herzogs von Madrid zu zergliedern, sie in ihrer ganzen Unvernunft bloszustellen, wäre ein überflüssiges Beginnen; man braucht sie nur zu lesen, um sie zu verurtheilen. Die Phrasen vom Libera­lismus als dem Vortrab des Petroleums werden bei keinem denkenden Menschen verfangen, und die elenden Carlistenaufstände der letzten Jahre geben eine recht klägliche Vorstellung von derVorhut der großen katholischen Armee, welche die Armee Gottes, des Thrones, des Eigenthums und der Familie" fein soll. Genug und übergenug, daß der Herzog von Madrid nur noch denWeg der Waffen" für sich offen sieht und denselben zu beschreiten im Begriffe steht. Er ist dabei so dünkelhaft, sich einzubilven, daß er durch einenkurzen und entscheidenden Kampf" sein Vaterland retten, d. h. an Händen und Füßen gebunden der geisti­gen Knechtschaft, der von den carlistischen Blättern gepriesenenheiligen Unwissen­heit" überantworten könne.

Schon haben sich in verschiedenen Gegenden carlistische Banden, zum Theil wieder unter der Führung von Priestern, zusammengerottet, die unter dem Rufe: Es lebe Karl VII. I Tod den Liberalen!" das Land durchziehen; und schon ist, wie die neuesten Telegramme besagen, eine Schaar von 600 Mann auf dem Wege nach Roncesvalles, dem sagenberühmten Pyrenäenpaß, um ihrenHerrscher" an Der RolandSpforte zu empfangen und in sein Reich einzuführen. Trotz Der schwachen Militärmacht, über welche die Regierung gegenwärtig gebietet es sind nicht mehr als 40,000 Mann unter den Waffen und überall darf das Land nicht entblößt werden, ist an einen Sieg der Carlisten nicht zu denken; denn sollten auch die R-publikaner geneigt fein, im Trüben fischen zu wollen, so wird doch die radikale Partei, ungeachtet ihrer Entfremdung von dem Ministerium, die Selbstachtung und Vaterlandsliebe nicht so sehr verleugnen, um die Regierung bei einem solchen Kampfe gegen die fchlimmsten Feinde der nationalan Wiedergeburt im Stiche zu lassen. Auch hat schon der Marquis von Sardoal, Oberbefehls­haber der Freiwilligenmiliz und eine der Spitzen Der radikalen Partei, feine und seiner Untergebenen bereitwilligste Unterstützung zur Niederwerfung des Aufstandes angeboten. So mag sicy unter den carlistischen Generalen sogar ein Zumal- acarregut herausbilden, es werden ihm doch die Truppen fehlen, um ähnliche

Thaten zu vollführen, wie jener Feldherr des Großvaters des heutigen Präten- Deuten. Vielleicht, daß er seinen Genossen in Selbstüberschätzung, den französi­schen Obersten Chatelineau, weiland päpstlichen Zuavenbefehlshaber und Besieger aller deutschen Truppen, die ihm jemals vor Augen gekommen, mit dem Commando über Die carlistischen Schaaren betraut. Dieser Tapfere hält sich gewiß für be- sak'igt, einem Serrano die Spitze zu bieten: aber er Dürfte dabei doch wieder Die Erfahrung machen, Daß seine Siege unerklärlicherweise stets Den Rückzug im Ge- folge haben.

Wir können für Spanien unter Den obwaltenDen UmstänDen nichts Besseres wünschen, als Daß Don Carlos in höchsteigener Person mit ins Feld rückt; mag ihn Dann die Regierung auf seinem Kriegspfade abfangen und auf immer unschäd- lich wachen. Ein Mensch, Der Frieden, Glück und Leben seiner Landsleute so leichtfertig aufs Spiel sitzt, wie dieser hirnverbrannte Prätendent, ist gefährlicher und gemeinschädlichtr als ein toller Hund, dem es auch nicht als Entschuldigung angercchnet wird, Daß er nicht weiß, was er thut.

Deutschlands

Darmstadt, 23. April. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 21 enthält:

1) Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums des Innern, Die Be- siäiigung von Schenkungen an das DiakonissenhausElisabethenstift" in Darm­stadt betreffend.

2) Bekanntmachung desselben Ministeriums, die Bestätigung von Stiftungen und Vermächtnissen betreffend. x

3} Bekanntmachung Großh. Ministeriums der Finanzen, die Organisation der Hauptsteuerämter und die amtliche Bezeichnung der Nebenzollämter und der Zollaufseher betreffend.

4) Bekanntmachung desselben Ministeriums, die Organisation Der Ober- einnehmereien in Den Provinzen Starkenburg unD Oberhessen betreffend.

5) Bekanntmachung Großh. Commission für Post-Angelegenheiten, die Er- richtung einer Postagentur in Kostheim betreffend.

6) Bekanntmachung Derselben Commission, AenDerungen Der Personengeld­taren auf Dem Alsfeld-Ziegenhainer Postcurse betreffend.

7) Bekanntmachung Großh. Kreisamts Erbach, die Erhebung einer Umlage in der israelitischen Religionsgemeinde zu Michelstadt für das Jahr 1872 be­treffend.

8) Uebersicht Der für Das Jahr 1872, beziehungsweise 1872/74 genehmigten Umlagen zur Bestreitung Der Bedürfnisse Der israelitischen ReligionSgemeinden des Kreises Bingen.

9) Uebersicht Der für das Jahr 1872 genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Communaldedürfniffen in Den GemeinDen Des Kreises Lindenfels.

10) Uebersicht der für das Jahr 1872 genehmigten Umlagen zur Be- streitung der Bedürfnisse Der israelitischen Religionsgemeinden des Kreises Schotten.

11) Uebersicht Der für Das Jahr 1872 genehmigten Umlagen zur Bestrei- tung Der CommunalbeDürfnisse in Den GemeinDen Des Kreises Bingen.

12) Ordensverleihungen.

13) Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen eines fremden Ordens.

14) Dienstnachrichten. Seine Königliche Hoheit Der Großherzog haben allergnädigft geruht: am 27. März Dem PfarramtScanDiDaten FrieDrich Sahl aus Groß-Umstadt, im Kreise Dieburg, die evangelische Pfarrstelle zu Ruwpenheim, im Dekanate Offenbach, am 10. April dem Schullehrer an Der kathol. Schule zu Mühlheim, im Kr. Offenbach, Michael Joseph Blum, Die kathol. Schulstelle zu Flonheim, im Kr. Alzey, Dem Schulamtsaspiranten Philipp Gallus LuDwig Diehl aus Butzbach, im Kr. FrieDberg, Die evang. Schulstelle zu Mittershausen, im Kr. Lindenfels und Dem Schulamtsaspiranten Georg Falkenhein aus Aben­heim, im Kr. Worms, die 3. kathol. Schulstelle daselbst zu übertragen.

15) Concurrenzeröffnungen. Erledigt sind: die erste evang. DiakonatSstclle zu Erbach, im Dek. Erbach, mit einem Gehalt von 745 fl. 20 kr.; dem Herrn Grafen zu Erbach-Erbach steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu; die zweite luth. Pfarrstclle zu Groß-Ümstadt, im Dek. Groß-Umstadt, mit einem Ge­halte von 654 fl. 1 kr.

Berlin, 22. April. DieVoss. Ztg." wird von einem Chargirten auf einen in der ersten Lesung des Militärstrafgesetzbuchs nicht erwähnten Umstand aufmerksam gemacht. Er betrifft die Vollstreckung Der barbarischen Strafart des strengen Arrestes an Orten, wo kein Arrestlocal vorhanden, also beispielsweise im Felde. Und hier tritt Die Tortur im vollsten Sinne Des Wortes ein. Den armen SolDaten, Der seinen Tornister nicht ganz parademäßig gepackt, oder etwas zu laut gesprochen hat, läßt Der Hauptmann bei WinD unD fetter, bei Hitze und Kälte, im offenen Felde ans Rad binden. Man denke sich den sittlichen Zustand eines so an den Pranger gebundenen VaterlandSvertheidigerS!