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hauptsächlich find in den Augen von Pusey die großen Steine des Anstoßes, die erst weggeräumt werden müssen.

Blicken wir auf jene, ans deren Mitwirkung etwa gehofft werden darf, so vernehmen wir jetzt häufig Klagen über eine allgemeine Anfeindung der Kirche. ES bestehe, heißt eS, vielfach eine weitverbreitete Abneigung und eine Mißstimmung in ganzen Bevölkerungen gegen die Kirche eine Abneigung, die fich in der Presse, in der Gesellschaft auf mannichfache und kränkende Weise kundgebe. Daß solche Klagen auf katholischer Seite erhoben werden, ist sehr begreistich; denn jene Partei, welche jetzt in dieser Kirche zur Herrschest gelangt ist, ist kriegerisch aggresfiv, kündigt eS offen an : daß sie nach zwei großen Zielen strebe: sie will erstens herrschen und unter­jochen , nicht nur im religiösen Gebiete, sondern auch im sittlichen, also auch im staatlichen und bürgerlichen Leben, und will zweitens die bestehende gesellschaftliche Ordnung, die moderne Gesetz­gebung mit den Freiheiten der Presse und der Religionslehre untergraben und im geeigneten Moment siü zen. Sie bekennt sich zu den Grundsätzen deS SyllabuS von 1864, zu den Anschauun­gen der Päpste, und kann sich also allerdings mit diesen modernen Einrichtungen und Gesetzen nicht versöhnen. Anders aber verhält eS sich mit der protestantischen Kirche. Ihrem Klerus kann, von einzelnen Ausnahmen natürlich abgesehen, weder Herrschsucht, noch Anfeindung der jetzigen gesellschaftlichen Ordnung zur Last gelegt werden. Wie ist denn nun diese Erscheinung zu erklären, und toi: ist das ihr zur Seite Gel,ende zu deuten, das ich mit den Worten eines vorzüglichen protestantischen Theologen, Professors Brückner zu Leipzig, in einem vor einigen Jahren gehal­tenen Vortrag wiedergeben will. Dieser Mann sagt:Unsere Kirche lenkt, trotz allen Unterschie­des der da bleibt, in vielen Beziehungen zur vorconstantinischen Zeit zurück," also zur Zeit der Verfolgungen, als die Christen in kleiner Minderzahl der großen heidnischen Mehrheit gegenüber waren.Wieder," sagt Professor Brückner,sind die wahrhaft Gläubigen ein kleines Häuflein, wieder hat das Christenthum die öffentliche Meinung im großen und im ganzen nicht für sich, sondern wider sich u. s. w."

Und so erwartet denn dieser Mann in der nächsten Zeit Druck und Leiden für seine Kirche. Hier ist aber offenbar nicht bloS der nackte Unglaube, nicht bloS die Feindschaft gegen die posi­tive Religion überhaupt die Ursache deS Phänomens, das Uebel liegt tiefer. Der vo nehmste unter den Geistlichen in Berlin, der General-Superintendent und Hofprediger Wilhelm Hoffmann, hat kürzlich erst, 1870, über die Ursachen der Mißstimmung wider die Kirche in Deutschland geschrieben Er gibt viele dieser Ursachen an, vorzüglich die Unsicherheit und Zwiespältigkeit gegen die Lehre, wie sie von den Kanzeln vorgetragen wirv, und zuletzt gewinnt man auS seiner Schrift den Ein­druck , daß daS Uebel wohl am meisten in dem Mangel an Vertrauen und Ansehen liege, daß eben der Weltliche in dem Prediger nur einen Mann sieht, der nach dem Maße seiner Kenntnisse und aus seiner persönlichen Ansicht heraus lehre. DaS Volk hat einem solch n Manne gegenüber nicht daS Gefühl, daß der zu ihm Sprechende getragen sei von den durch 18 Jahrhunderte fließen­den Strömen der christlichen Ueberlieferung; daß seine Predigten nur der Widerhall von der Stimme der ganzen, bis zu Christus hinaufreichenden Kirche sei: nicht das Gefühl, daß es aus seinem Munde nut daS vernehme, was allzeit und überall im Namen des Herrn verkündet wor­den ist. Wenn nun die ^deutsch-protestantische Kirche sich durch Einigung mit anderen Kirchen er­weiterte, wenn sie durch diese Einigung mit den alten Kirchen wieder in die für sie bisher unter­brochene Cvntinuität des kirchlichen Lebens und der kirchlichen L.hre einträte, würbe diese Kirche nicht bann an Kraft und Ansehen gewinnen, würde ihr Zeugniß nicht gewichtiger, ihre Anzie­hungskraft im Volke nicht stärker werden? Wenn wir näher zusehen, so dürfen wir eine Eini­gung und Bereitwilligkeit zu einer Vereinigung bei allen jenen voraussetzen, welche anerkennen, daß derjenige kirchliche Körper, welchem sie angehören, nicht die Kirche schlechthin, nickt die eine und einzige, in sick völlig abgeschlossene Kirche ist. der allein die Verheißungen etwa gelten son­dern welche ihre Kirche eben nur für eine Theilkirche anseben, für eine Kirche, die sich allein keineswegs rühmen darf, daß sie jene eine, heilige, katholische und apostolische Kirche sei, welche daS uralte Glaubensbekeuntniß betont. DaS behaupten nun aber jetzt auch jene Theologen, welche am entschiedensten die lutherische Lehre festhalten wollen z sie und überhaupt wohl jetzt die meisten protestantischen Theologen sagen, eS gibt überhaupt keine Kirchengememschaft, von welcher gesagt werden könnte, daß Alles außer ihr Abfall und Ketzerei sei, daß bei ihr ausschließlich die Fülle der Gnadengaben und das geistliche Leben sei. Und daraus ergibt sich denn für alle' diese Män­ner der Schluß, daß eben die eine katholische Kirche jetzt in Bruchstücken bestehe, daß jede der großen Kirchen, natürlich in ungleichem Maße, wie ihre Vorzüge so auch ihre Mängel hat. Dann ergibt sich aber auch weiter, daß die Katholieität jetzt nicht schlechthin vor einer einzigen Kirche mit Ausschluß aller übrigen in Anspruch genommen werden darf. DaS thut selbst die griechische und russische Kirche nicht, so hoch sie sonst ihre Ansprüche erhebt. Ein angesehener russischer Schriftsteller, ein Mann von, großen Verdiensten um seine Kirche Murawiew, bemerkt, daß die Concilien, welche im Orient von griechischen und russischen Bischöfen gehalten worden find, sich deS Namens oder Titelsökumenischer, allgemeiner' enthalten hätten, weil die grie­chische ohne die abendländische Kirche sich nicht als die Universalkirche ansehen könne. Und hier liegt eS m»'r nahe, auf eine Lehrbesiirnmung der katholischen Theologie hinzuweisen, die sich selbst bei jenen Theologen findet, welche streng Papistisch gesinnt sind, und die, wie ich glaube , für daS Werk, mit dem wir uns beschäftigen, für das UnionSwerk, sehr ersprießliche Dienste leisten könnte.

Es wird nämlich in der katholischen Kirche gelehrt:Die Taufe ist es, welche jeden zum ©liebe der wahren Kirche, der katholischen Kirche mache." Wenn nun die Taufe nie verloren gehen kann, daher auch nie wiederholt werden darf, so bleibt jeder Getaufte ein- für allemal Mitglied dec einen Kirche, der er gleich bei feiner Geburt durch die Taufe eingefügt worden ist. Er bleibt eS selbst bann noch, wenn er zu einer Secte oder Kirche übertritt, nur daß er bann die Reckte einet Kirchenmitgliedes verliert. In dem Lehrbuch der Religon für die bayerischen Gymnasien, daS kirchlich approbirt ist, heißt es wörtlich:Was diejenigen betrifft, welche durch das Sacrament der Taufe in Gemeinschaft mit Christus gelangt sind, so sieht die Kirche in ihnen, wenn sie bloS in schuldloser Unwissenheit und unfreiwilligem Jrrthum von ihrer sichtbaren Ge­meinschaft entfernt bleiben, ihre angehörigen und schuldlosen irrenden Kinder." Hier muß ich noch hinzufügen, daß der Begriff vonschuldlos irrenden" ein sehr weiter ist, denn er umfaßt alle nach theologischer Auffassung, welchen nicht pertinacia, d. h. Hartnäckigkeit, zur Last fällt, d. h. alle, denen nicht bewußte Verschließung gegen die als wahr erkannten Lehren zur Last gelegt werden kann. Demnach sind nach dieser Lehre jedenfalls die allermeisten Glieder in der protestantischen Kirche Angehörige der einen katholischen Kirche. So erweitert sich der Begriff der Katholieität. So verschwindet das anstößige und gehässige, was der Ausspruch:Außer der Kirche fein Heil" sonst mit sich führt.

Allerdings hat Papst PiuS VIII. in seinem Breve vom Jahr 1830 an die rheinischen Bi­schöfe diesen Satz, daß außer der Kirche kein Heil sei, wieder in der schroffsten Weise und ohne Beifügung irgendeiner mildernden ober berichtigenden Erklärung und mit ber büecten Anwendung auf die Protestanten, als nicht zur Kirche gehörig, zu l-ehren befohlen. Allein PiuS IX., der jetzige Papst, hat sich durch diesen AuSspruch seines Vorgängers nicht für gebunden erachtet, und in feierlicher Allocution vom 9. December 1854 hat der jetzige Papst erklärt: 1) Unkenntniß ent­schuldige vor Gott, 2) Niemand darf sich herauSnehmen, die Grenze dieser Unkenntniß je nach der Verschiedenheit der Völker, der Länder und deS Gesetzes und je nach dem Einfluß verschie­dener anderer Umstände bestimmen zu wollen. DaS sind seine Worte, also lehrt dieser Papst, oder müßte er folgerichtig lehren und einschärfen: Richtet nicht, auf daß ihr nickt gerichtet werdet, verdrängt keinen der Meinung nach Irrenden, denn ihr könnt nicht wissen, ob fein Jrrthum schuldlos ist ober nicht. Ich würde noch beisetzen: im Gegentheil, ihr seid durch das Gebot christlicher Liebe gehalten, immer vorauSzusetzen, daß, wenn euch nicht der Jrrthum als ein frei­willig erwählter bekannt ist, derselbe ein schuldloser sei. Daß nun die PrariS in der katholischen Kirche und daS Verhalten vieler ihrer Priester mit dieser Theorie im grellsten Widerspruche stehe, daS ist allerdings richtig. Wenn die Päpste und die Bischöfe confzquent sein wollten, so müßten sie auch anerkennen, daß die argen Mißbräuche in ber Kirche, daß die Masse von begünstigtem und gepflegtem Aberglauben, daß der Anblick so vieler durch den CleruS gegebenen Aergerniffe, daß alles dieS eine Verdunkelung der Kirche, eine Minderung ihrer Klarheit und ihrer Anziehungs­kräfte fei, und daß dadurch also auch daS Urtheil derjenigen vor Gott entschuldbar gemacht werde, welche die Einladung zum Eintritt in diese Kirche angesichts solcher Aergerniffe ablehnen.

UnS aber dient diese Lehre von der thellS sichtbaren, IbeilS unsichtbaren Kirche vortrefflich Denn erstens hebt sie den alten Streit auf, der über die Sichtbarkeit ober Unsichtbarkeit ber Kirche zwischen protestantischen und katholischen Theologen geführt worden ist; zweitens können wir vermöge dieser Lehre allen Angehörigen anderer Kirchen sagen:Sehet, als Getaufte find wir alle, hüben und drüben, Brüder und Schwestern in Christus, wir alle sind im Grunde schon Glieder der rechten, wahren, allgemeinen Kirche. Laßt unS in diesem großen Garten GotteS über die eonfeffioncllen Zäune hinweg einander die Hände reichen, und reißen wir diese Zäune nieder, um vollends uns umarmen zu können. Diese Zäune sind d e Lehrunterschiede, bezüglich welcher entweder wir irren ober ihr. Solltet ihr die Irrenden sein, so machen wir euch daraus keinen sittlichen Vorwurf, denn in Folge eurer Erziehung und Umgebung, eurer Kenntniß und eures Bil- dungSstandeS wird wohl das Festhalten an dieser Lehre entschuldbar, selbst vielleicht gerechtfertigt sein. Laßt uns allo gemeinschaftlich prüfen, vergleichen, suchen und forschen, und wir werden am <8nbe die köstliche Perle des religiösen Friedens und der kirchlichen Eintracht finden, und bann

mit vereinigten Händen und Kräften den jetzt noch von Unkraut überwucherten Garten des Herrn der Kirche reinigen und bauen."

Und nun, ich habe versprochen, auch einen Blick auf die Unterscheidungslehre selbst zu werfen, um uns ein Urtheil zu ermitteln, inwiefern denn diese Schwierigkeiten überivindbar ober unüberwindbar seien. Sie werden nicht erwarten, daß ich der Reihe nach alle Streitfragen und UnterscheidungSlehren Ihnen vorführe und ein Urtheil darüber abzugeben versuche. Aber einige der vor allem in die Augen fallenden mögen, auch zugleich als Beispiele, wie bei einer Unter­handlung über die Wiedervereinigung zu verfahren sei, erwähnt werden. Da ist denn zunächst die Lehre von der Bekehrung und Rechtfertigung beS Menschen, bie aich jetzt noch vielfach als der wichtigste aller Differenzpunkte zwischen der katholischen und ber protestantischen Kirche betrachtet wirft. Man sagt ja gewöhnlich: biefe Lehre von der Rechtfertigung sei der Mittelpunkt der beut- schen Reformation, ihr edelstes Kleinod, ihre eigentliche Substanz. Ja jogar dec Ausdruck wird häufig gebraucht: diese Lehre sei der Artikel ber stehenden und fallenden Kirche. Man pflegt eS oft anzuführen, daß der Kurfürst von Brandenburg seinen zu einer Besprechung mit den Gegnern reisenden Theologen vor allem ans Herz gelegt habe: daß sie ihm das Wörtleinsola znrück- bringen sollten, sola fide, daß der Mensch gerecht werde durch den Glauben allein, und in ber That bildete ehedem diese Lehre allein den vornehmlichsten Gegenstand der öffentlichen Discusfionen auf den Reichstagen und in den religiösen Gesprächen, wic zu Regensburg schon 1541 und 1546.

Selbst auf die Gefahr hin, vielfach Wiederspruch hervorzurufen, muß ich doch bekennen, daß ich hier gerade die Versöhnung, den kirchlichen Freden, am ersten erreichbar halte. Einmal stehen hier auf dec einen Seite die ganze abendländisch-katholische Kirche, die ganze griechische und russische Kirche, der größere Theil der anglicanischen Kirche, alle diese hatten eS mit Der alten Lehre. Die protestantische Lehre, wie sie am klarsten in den beiden symbolischen Concordien- formeln und in dem Heidelberger Katechismus ausgesprochen ist, würde sich allerdings, so wie sie da lautet, mit ber Lehre ber Übrigen Kirchen schieckterbingS nicht ausgleichen lassen. Der Wider­spruch ist da zu grell, zu entschieden; sollte die Lehre so festgehalten werden auf ber protestanti­schen Seite, bann bliebe nichts anderes übrig, als jede Hoffnung auf Vereinigung aufjugeben. Aber so steht es glücklicherweise nicht, denn ich behaupte, daß die überwiegende Mehrzahl der deutschen protestantischen Theologen, und ganz besonders diejenigen, welche mit der Erklärung ber heiligen Schrift sich berufsmäßig beschäftigen, nur etwa in den Ausdrücken, nicht in der Sache selbst mehr, von der alten Lehre der Kirche abweichen. In das Einzelne hier einzugehen, was diese Lehre betriffr, würde wohl nicht angezeigt sein. Nehmen wir andere schon auf den ersten Blick sich darbietende Differenzpunkte, so durfte die Ehelosigkeit der Geistlichen schon darum kein Grund einer Trennung sein, weil auch die römische Kirche sie selbst nicht als ein göttliches Gesetz ansieht, sondern nur als eine kirchliche Ordnung, und daher auch mit dem verheiratheten CleruS der orientalischen und der russischen Kirche unbedenklich, wenn sie sonst unirt sind, Gemeinschaft pflegt. Da dürfte man denn dock auch gewiß, der Paulinischen Mahnungen eingedenk, auf pro­testantischer Seite zugeben, daß es der Kirche wohl anstehe, wenigstens doch eine Klasse von Dienern zu haben, welche freiwillig dem Familienleben entsagen, um fich ungetheilt dem Wohle der Gern nde zu widmen, und um der großen h utzutage durch Armuth oder Lckensberuf zur Ehe­losigkeit gezwungenen Volksmaffe mit dem Beispiel einer sonst für unmöglich auSgegeb.nen Ent­haltung vorzuleuchten. Nicht minder leicht scheint mir die Ausgleichung in der Frage vom heil. Abendckahl, ber Frage von den beiden Gestalten deS Abendmahls. Die Entziehung deS Kelches hat in der abendländischen Christenheit unsägliches Unheil angerichtet, hat Kämpfe und Kriege erzeugt, und ich habe noch keinen erheblichen Vortheil, der sich an diese Verstümmelung bei Abendmahles verknüpft hätte, entdecken können. Die ganze morgenländische und russische Kirche, die getrennte wie die unirte, spendet die Communion unter beiden Gestalten. Jedenfalls also dürfte den Kirchen welche sich vereinigen wollen, um d:S Ke'ckeS willen Die Gerne nschaft nicht versagt werden. In Der Lehre von dem Zustande nach dem Tode zeigt fich recht deutlich, wie beide Kirchen durch einen Ausgleich und eine Verständigung gewinnen würden. Protestantische Theologen beklagen eS, daß die gewöhnliche Vorstellung, als ob es nach dem Tode nur Himmel und Hölle, nur Sofortige Seligkeit ober Verdammniß gebe, und der durch diese Vorstellung ver­ursachte Wegfall des Gebetes für die Verstorbenen das Volk bis an den Rand des Zweifels am ewigen Leben überhaupt geführt hat. Ich bediene mich da der Worte eines protestankischen Theo­logen, Neumann. Dieselben Männer erkennen an, daß ein Mittelzustand und ein LäuterungSzu- stand nach dem Tode anzunehmen, und daß das Gebet für die Verstorbenen auch um ber Leben­den willen zu empfehlen, ja förmlich wieder einzuführen fei. Andererseits hat die lateinische Kirche bei der Vereinigung mit den Orientalen die scholastische Vorstellung eines materiellen Feuers a($ Strafmittel in dem Purgatorium aufgegeben. Die Substanz der Sacke wird also feinen Anstoß mehr erregen, wenn nur einmal die allerdings argen Mißbräuche und Mißverständnisse, welche in der kirchlichen PrariS und in den Vorstellungen deS Volkes noch wie eine unreine Kruste um den Kern der Lehre herum sich gelagert haben, abgetrennt sein werden. Was die Beichte betrifft, so genügt eS für unseren Zweck, zu erinnern, daß daS Bedürsniß einer unmittelbaren Einwirkung auf das Gewissen beS einzelnen Christen, eine Anstalt, welche bem Geistttchen die Möglichkeit einer solchen unmittelbaren Einwirkung gewährt, daß dieses Bedürsniß in jeder Kirche lebhaft empfun­den wird. In der anglicanischen Kirche hat man seit einigen Jahren vielfach die Beicht im eigentlichen Sinne mit fpeciellem Sündenbekenntniß wieder von selbst eingeführt. In Der deut­schen protestantischen Kirche ist, so viel ich aus Der kirchlichen Literatur ersehen habe, der W msch, daß an bie Stelle ber allzu bedeutungslosen und gar zu mechanisch gewordenen allgemeinen Beichte eine andere, der altkirchlichsn näher kommende Form treten möge, gar sehr verbreitet. Auch DaS eucharistische Opfer und die Nothtoendigkeit ober Zweckmäßigkeit, diesen Opferact wieder zum Mittelpunkte deS Gottesdienstes, wie er eS in allen alten Kirchen war, zu machen, auch diese« hat unter den deutschen Theologen protestantischen Bekenntnisses eifrige Vertheidiger gefunden. Andererseits werden, was die Feier des Gottesdienstes betrifft, die katholischen nicht anstehen, zu bekennen, daß der Gebrauch ber lebenben unb allgemein verstänblichen Volkssprachen ein Vorzug fei im Vergleich mit bem unverständlichen und tobten Latein, besten Verwenbung gewöhnlich nur den Volkswahn nährt, als ob in unverständlichen Formeln eine geheime Weihe unb eine zauber­hafte Kraft liege. Zu ben Punkten, in welchen bie Kirchen wie von selbst schon einander näher gekommen sind, als sie früher waren, gehören die monastischen Institute, bie geistlichen Verbrü­derungen. Auf protestantischer Seite wird jetzt zugegeben, wie es z. B. Rothe in seiner Ethik auSspricht, daß nur durch solche Körperschaften, die in der sittlichen Gemeinschaft immer mehr und unübersehbarer hervortretenden Bedürfnisse fick befriedigen lassen, ^ynb in Wirklichkeit ent­sprechen sich ja bereits bie protestantischen Diaconniffen unb bie barmherzigen Schwestern auf der katholischen Seite, und unverkennbar liegt darin schon die Wegräumung eines früheren Anstoßes und eine Anerkennung, daß in der katholischen Kirche jene besonders häufigen Klöster, welche, praktisch ganz unthätig, blo« auf die Andacht und auf bie stete religiöse Kontemplation berechnet sinb, jetzt entroeber verschwunden ober im Versckwinben begriffen find, wogegen jene Genossen­schaften, welche bem körperlichen unb geistigen Wohle beS Nebenmenschen, ber Krankenpflege und Erziehung getoibmet sind, eine Kraft unb Wirksamkeit entfalten, wie sie früher in diesem Umfange nicht gekannt war.

Wie Sie wahrnehmen, ist mein Zweck mit dieser Aufzählung nur der gewesen. Ihnen einige Beispiele zu zeigen, denn große schwierige Fragen habe ich ja allerdings nickt erwähnt, die immer noch vorliegen. An einigen Beispielen jedoch wollte ich zeigen, wie man sich theilS schon näher gekommen ist, unb wie es zum Theil möglich, ja sogar leicht sei, fick bei gutem Willen zu verständigen. Auf zahllose Gegner, die daS Werk der Vereinigung finden wird, müssen wir unS allerdings gefaßt machen. Vor allem werden unseren ireniscken Bestrebungen drei Klaffen von Gegnern entgegentreten. Die erste dieser Klaffen ist außerhalb Deutschlands, in England unb Amerika, die zweite in Deutschland, die dritte allenthalben zahlreich unb mächtig. Ich meine nämlich ersten« alle, welche die biblischen Weissagungen von bem großen Feinde Christi und von dem an ihn geknüpften Abfall in dem Papstthum verwirklicht sehen, unb folgerichtig keine Ver­besserung unb Reform Der päpstlichen Kirche mehr für möglich halten, fonbern nur Strafgerichte über sie unb ihren Untergang erwarten. Daß diese jeder Vereinigung feindlich entgegenwirken werden, versteht sich von selbst. Die zweite Klaffe dürften jene Theologen bilden, denen auch schon die Lehren, w Icke allen christlichen Kirchen gemeinsam sind, ein Aergerniß unb eine Last sind, deren sie fick gern entledigen möchten. Die dritte uns feindliche Heersckaar unb ihre Zahl ist in bet That Legion bilben bie. welche unter päpstlichem und jesuitischem Banner zu Felde ziehen, denn daß man von dieser Seite alle« aufbieten wird, jede Annäherung schon zu verhindern, jeden friedlichen Gedanken in der Geburt ersticken wird, daS ist gewiß. DaS vaticanlsche Concil ist ja eigens auch in der Absicht veranstaltet worden, alle die Pläne von Kirchenvereinigung für immer unmöglich zu machen. Man siebt auf dieser Seite einzelne Uebetgriffe unb Bekehrungen sehr gern. Denn bas sind Tropfen, welcke sich allerdings in Dem Occan Der römischen Unifor­mität auflösen unb mit ihrer Jnbividualität verschwinden, aber nur keine Unterhandlung in grö­ßerem Maßflabe für Viele und auf der Grundlage von gleicher Berechtigung!AIS vor mehreren Jahren in England eine Gesellschaft von Anglicanern und Katholiken zusammentrat zur gemein* ! schaftlicken Förderung einer Einigung der christlichen Kirchen, da wurden sie sofort von dem katho­lischen Erzbischof Manninq in Rom Denuncirt , und auf sein Betreiben verdammte der Papst die ganze Gesellschaft. Im Anfang also, wenn wir eS zu einer irenischen Bewegung bringen, wird die Zahl der Gegner ungeheuer groß fein, größer jedenfalls als die der Freunde und Helfer.