an's Bezirksgericht eingesetzt. Statt der Muschelschaale dient nur ein Adelenwechsel •U Wahrzeichen. Ob die Werthdifferenz zwischen dem Papier und der Pilger- schnecke groß sein wird, muß erst die amtliche Untersuchung lehren, welche die ultramontanen Blatter mit der größten Schamlosigkeit noch zu durchkreuzen suchten, als schon die Criminalhaft wegen betrügerischen Bankerott« gegen die Spitzeder ausgesprochen war. UebrigenS hat die Großartigkeit oder breite Unter schämtheit, womit der ganze Schwindel angelegt war, eine bet allem Jammer fast komische Seite. Eine Komödiantin sechsten Ranges, die vor 5—6 Jahren in der Schweiz mit 1209 Francs Schulden durchging, hat es in der Stadt der Isar- Athener dahin gebracht, nicht blos die famose Bolkebank zu gründen, sondern bis alle Armen durch sie Millionär oder doch Rentier geworden, gab sie in der „Volksküche" unter dem Motto: „Aus dem Volk für DsS Volk", billige Speisen ab und in einer „VolkSfing- und Spielhölle" sollte aus den Händen ter (eiben gütigen Fee das Münchener Volk feine geistigen Genüsse empfangen. Das Pancm et Circenses hatte die Damen den römischen Volksbeglückern prächtig abgelernt. Nur jenes zweideutige Motto: „Nus dem Volk", hat sich zum Schaden der dummen Habsucht allzu sehr bewahrheitet. Aus dem Volk, dem städtischen sowohl wie dem ländlichen, sind die Gelder gekommen, aber für das Volk wird bei der letzten Dertheilung verzweifelt wenig herau-springen. Unter den niederen Staats- bediensteten find es besonders die zum Unterpersonal der Verkehrsanstalten gehörenden, welche zahlreich in die Netze des Dachauer Schwindels gefallen find. Es ist bemerklnswerth, daß schon seit Jahren die ultramontanen Zutreiber derselben förmlich staatsfeindliche Propaganda unter dieser Claffe getrieben haben. Hier laufen offenbar noch Faden mit, welche auf das frühere Regime im Post- und Eisenbahnwesen zurücksühren und wovon flch namentlich bet Wahlen noch in jüngster Zeit deutliche Spuren gezeigt haben.
Karlsruhe, 20. Rovbr. Heber das Befinden des Kronprinzen des deutschen Reiches wird von unterrichteter Seite mitgetheilt: Der Kronprinz war bu seiner Hierher-Rrise tu Folge einer Erkältung an einer Entzündung des Blinddarmes erkrankt. Das Leiden erreichte nur einen mäßigen Grad und blieb örtlich beschränkt, auch ohne anhaltende Fieber-Erscheinungen. Die in den letzten Tagen eingetretene Besserung schreitet gleichmäßig fort. Der Kronprinz konnte seit gestern wieder für den größeren Theil dcs Tages das Bttt verlassen.
Oesterreich.
Pesth, 19. Rovbr. Die Aufregung über den Csernatonv - Scaudal hat flch seit gestern nicht gelegt, sondern eher gesteigert. Lonyay sondert volle Genug, thuung, und das Ministerium, welches gestern mit Ausschluß Lonyay's einen Ministerrath hielt, beschloß die »ollste Solidarität mit seinem Chef, da Cserna- tony nicht blos Lonpay, sondern alle Minister beleidigte. Wenn das Haus dem Cabtnete nicht volle Genugthuung zu verschaffen vermag, so will cs nennen. Die Drak.Partei will nach dem Präcedens, welches Daniel Jranyi dadurch ge- schaffen, daß er den früheren Justizminister Horvath den Mörder Böszörmevyi's ge- nannt, in der nächsten Sitzung beantragen, das Haus solle seine entschiedene Mißbilligung über Esernatony's Auftreten aussprechen. Allein auch Esernatony wird dann sprechen und verlangen, das Haus solle wegen der dunklen Anspie- lungen Lonyay's auf Esernatony's Vergangenheit gegen Viesen die Untersuchung verhängen. Lonyay's Anspielung bezieht sich darauf, daß die ungarische Emigra- tion in Paris unter dem Vorsitze des Grafen Telikt und in Anwesenheit Bitto's als Schriftführer Esernatony aus dem Elub ausfchloß, weil er im Verdachte stand, österreichischer Polizei» Spion zu sein. Heute hält der Deal-Club eine Conferenz in dieser Angelegenheit. Sämmtliche deakistische Blätter besprechen das TageSeretgniß. Der „Pesther Lloyd" findet, daß ©eenen wie die gestrige geeignet sind, die politische Hegemonie des magyarischen Stammes, die nur "im Parlamentarismus beruht, zu untergraben. Die Opposttions-Biätter beobachten tiefes Stillschweigen. Nur „Magyar Ujsag" sagt, der gestrige Seandal sei nur unter diesem Ministerium möglich gewesen; deßhalb werden die Scandale fortdauern, bis das Eabinet refignirt. Lonyay reiste heute nach Gödöllö, um dem Kaiser peisönltch über die Vorfälle im Abgeordnetenhause zu berichten. Vice» Präsident Perczel hat vielen Abgeordneten gegenüber erklärt, er werbe refigniren. — In London ist der ungarische Justizmintster aus dem Jahre 1849, Sabas Vukovicö, gestorben. (D. Z.)
Frankreick.
Paris, 18. November. Die französischen Zeitungen spotten gern über die deutschen Blätter, wenn diese über die Zustände im Elsaß, wie sie wirklich sind, berichten, und geben bann ihren eigenen Uebertreibungen und falschen Nachrichten freien Lauf. Das Evenement, ein halbosfictelles Blatt, sitzt so eben den chau- vinistischen Berichten einiger Blätter, welche die vor dem Kriege übliche Auf- schneideret sich wieder angewöhnen, oder gar nicht abgewöhnt haben, einen kleinen Dämpfer auf. Dieses Journal zeigt an, daß es sich Special-Eorrefpondenten im Elsaß und in Lothringen angeschafft hat und veröffentlicht den ersten Brief seines Korrespondenten in Straßburg, des Herrn Bcckel, von dem es sagt, er sei trefflich mutrt, um zu erfahren und zu urtheilen. Herr Beckel beginnt damit, die lächerlichen Geschichten zu widerlegen, welche einige Pariser Journale über die kleine Zahl der jungen Leute gebracht haben, die sich zum deutschen Militärdienste gemeldet hätlen. Er schreibt: „Im Allgemeinen bemerke ich seit meiner Ankunft «n Straßburg, daß die Lage von Elsaß und Lothringen in Paris sehr schlecht verstanden wird, und daß das Feld der Phantasie dasjenige ist, welches man mit dem größten Eifer cultivirt." Und er fügt hinzu, daß man darüber in diesen Ländern sebr erzürnt ist und daß die Elsässer sehr bedauern, gewisse Sensations- blalter, deren einzige Sorge ist, das Publikum durch überwürzte Speisen zu reizen, den Deutschen das Recht geben zu sehen, sich über die unverbesserliche Leichtfertigkeit der Französin lustig zu machen. Ueber die Conscription sagt er: „Zunächst sind eine große Anzahl von jungen Leuten nach Hause zurückgekehrt, m Frankreich keine paffende Beschäftigung finden konnlen. Der erste
Aufschwung hatte freilich alle Börsen geöffnet zur Unterstützung der Ankömmlinge, aber als cs sich darum handelte, alle diese Arme und Intelligenzen zu beschäsiigen ist man auf Schwierigkeiten aller Art gestoßen. Die Association D'Alsacc-Lorrainc weiß davon zu sagen, sic hat nicht immer das Entgegenkommen gefunden, welches sie zu erwarten das Recht hatte. Was diejenigen betiifft, welche nach Algerien gegangen waren, so sind die zuerst Angekommenen so gewaltsam enttäuscht woroen, daß die Uebrigen die Lust verloren haben, ihnen zu folgen. Jetzt stoßen sich die Bauern noch an anderen Hindernissen. Sidon mangelt es sehr an Leuten für ben Feldbau und die Wiederaufnahme der Industrie einerseits, die Bauthatigkeitf
Ifür die Festungen und in den bombardirten Städten andererseits nehmen alle tüchtig.» Arbeiter in Anspruch. Der Bauer ist deshalb grnöthigt, seine Söhne bei sich zu behalten und zieht es vor, fie während sechs Monaten zum Regiment zu sch'ckcn, um hernach fein Gut mit Nutzen bevirthschaften zu können." Wie man steht, bestätigt Herr Buckel in einer für feine französischen Leser möglichst gemäß atcn Weise nur die Anstchten der deutschen Presse.
Paris, 19. Rovbr. Die „Agence HavaS" meldet: Es ist gewiß, daß Thiers gegenwärtig seine Entlassung nicht nehmen wird. Noch dem Ministecrathe von heute Morgen hatte Thiers eine Unterredung mit hervorragenden Mitgliedern ves linken Centeuws, insbesondere mit Picard. Der Minlsterrath war heute Nachmittag wieder versammelt.
Versailles, 19. Novbr. In der heutigen Sitzung der Nationalversamm- lung wurde ohne besondereu Zwischenfall die Berathung über das Grschworenen. gesetz fortgesetzt. Dem Vernehmen nach wird Picard oder ein anderer Mitglied vcS linken EentrumS demnächst einen Antrag bezüglich der constitutionellen Fragen und der Verlängerung der Vollmachten Thiers', wobei gleichzeitig die Vertrauensfrage zur Entscheidung kommen soll, einbringen. Der Finanzminister und der Minister des Innern haben ihre Entlassung eingereicht, welche jedoch nicht ange- nommen worden ist. Heute wurden die Mitglieder der Eommission für Berathung des Kerdrel'fchcn Antrages von den Bureavx gewählt. Neun von den 15 Mitgliedern gehören Der Rechten und dem rrchten C ntrum an. NichkSdestoweni- ger wird die Zusammensetzung der Commissionen einem versöhnlichem AuStrage dcr Anaelcgenheit günstig erachtet.
Versailles, 20. Novbr. Thiers empfing gestern Abend die Deputirten der Linken und druckte diesen gegenüber den Wunsch «uS, in Folge seiner angegnffe- nen Gesundheit die Last Der durch das Treiben der Rechten erschwrrten G walten niederzulegen. Die Uebertrogung der Regierungsgewalt werde Dank ter bewunderungswürdig organiflrten, dem Gesetze und der Regierung treu anhängenden Armee ohne Unordnung erfolgen. Auf dem Platze werde er nur dann verbleien, wenn er ein formelles Vertrauensvotum und die Zusicherung der Unter- stützung Der Nationalversammlung für die Durchführung gewisser Reformen er- hulte. — Die Rechte beharrt auf ihrem Widerstande gegen die Proclamirung cer definitiven Republik und weist augenblicklich jede monarchische Kombination zurück. Sie ist aber dem Vernehmen nach geneigt, durch besondere Maßnahmen .nneryalb Der Schranken des Vertrages von Bordeaux die Regierungsgewalten des gegenwärtigen Präsidenten zu befestigen. — Zu dem gestrigen Empfange bei Thiers hatten sich, Der „Agrnce Havas" zufolge, viele Dcputirte eingefundcn, die Thiers bestürmten, auf seinem Posten zu bleiben. Das Minifteiium tst Ange- stchts Der Krisis geschloffen und einig.
Versailles, 20. Novbr. Die Regierung hat Der „Agence Havas" zufolge noch keinen Entschluß gefaßt. Es scheint, sie will die Befchlüffe Der Commission für Den Kerdrel'schen Antrag abwarten. — Die Minister werden heute Vormittag wieder Conseil abhalten.
Versailles, 21. Novbr., Morgens. Die „Agence Havas" meldet: Man glaubt, daß Kerdrel sich heute mit Thiers verständigen werde. Aus den Aeuße- rungen mehrerer Mitglieder Der Commission unD aus Demjenigen, was über Die Gesinnungen Des Präsidenten bekannt ist, läßt sich auf eine baldige günstige LS- sang der Krisis schließen. Vollkommene Ruhe überall.
England.
London, 18. November. Am Samstag Abend drohte in Der Londoner Polizei eine kleine Meuterei auszubrechen. Eine Art von Gewerk- und Strike- verein hatte auch in dieser Körperschaft Boden gefunden, und ein gewisser Goodchild war Schriftführer. Dieser Mann wurde am Samstag in einen anderen Distrikt versitzt, und als er sich darauf nicht einlaffen wollte, entlassen. Seine Kameraden, denen er Anzeige von diesem Vorfälle machte, scheinen geglaubt zu haben, daß er wegen feiner Eigenschaft als Schriftführer des Vereins abgesitzt worden sei, und beim abendlichen Appel weigerten sich mehrere Adtheilungen, ihren Dienst zu übernehmin, so lange dem Manne nicht Genugthuung gegeben sei. Es gelang den Borg« setzten jedoch, die Leute mit wenigen Ausnahmen zu beruhigen, und so war Denn die Stadt Der Erfahr entgangen, Die nächtlichen Hüter Der Sicherheit entbehren zu müssen. Eine Untersuchung wurde selbstverständlich angestellt, da ein Mangel an Disciplin in Der Polizei gerade fo gefährlich werden kann, wie in der Armee, und wie Daily News angiebt, sind heute 180 derjenigen Polizisten, a^che den längsten Widerstand geleistet hatten, ihres Postens enthoben worden.
Amerika.
Ncwyork, 20. Novbr. Die Tabaks-Depots von New-Jersey wurden durch Feuer eingeaschert. Der Verlust beläuft sich auf eine Million Dollars.
Boston, 20. Novbr. Eine abermalige Feuersbrunst verursachte einen Schaden von 350,000 Dollors.
Vermischtes.
Paris. Hiesige Blätter erzählen in Folgendem den letzten Act eines Familien- dramas, welches wenn wahr, den berüchtigten ^Fall Dubourg" noch übertrifft: Vor ungefähr sechs Monaten überraschte Herr James Robert L., einer der ersten Kaufleute aus New-Ha ifax, feine junge nnd schöne Gattin in den Armen eines Bankiers, Namens Peter R. Als echter Yankee keinen Augenblick unschlüssig, was zu thun fei, zog Mr. L. einen Revolver und tödtete den Verführer seines Weibes. Verfolgt und später durch Richterspruch in Freiheit gesetzt, verließ er die Vereinigten Staaken und wandte sich mit seiner Frau nach Paris, wo er ein Commissionshaus in der Straße der Foubourg St- Honore ctablirte. Beide Ehegatten hatten seit ihrer Abreise jenes Vorfalles, den wir erzählten, nicht erwähnt, es war, als banne ein stillschweigendes Uebercinfommen bie Zungen. Vor ungefähr zwei Monaten brachte der Briefträger ein Schreiben aus ^Wubame L- Dasselbe trug die Handschrift ihres früheren Liebhabers, des getodteleii Bankiers , und lautete also: ^Jcb langweile mich in der anderen Welt; komm mir Gesellschaft zu leisten. Ich erwarte Dich am neunten November." Dieser -örtef brachte eine furchtbare Wirkung auf die ohnedies schon nervenichwache Frau her- vor- Zu '?"r großen Herzensangst vertraute sie sich einer Freundin an und diese wußte nichts Besseres zu thun, als dem Ehemann Alles zu entdecken. Mr. L. zuckte die Achseln, meinte, daß er kein Wort glaube und wies der Dame barsch die Thüre. Indessen langten noch fünf oder sechs ähnliche Briefe für Madame L. an. Die Unglück- liche, welche feinen Augenblick zweifelte, daß die Handschrift ihres ehemaligen Liebhabers echt sei, bereitete sich zum Sterben vor und ordnete ihre Angelegenheiten. Am Sonn- L?^ub den 9. November Morgens langte der letzte Bries an. Dieser kam nicht durch die Post; Madame L. fand ihn aus ihrem Schreibtisch liegend. In dem Briefe standen folgende Worte, wiederum von der Hand des tobten Geliebten: „Ich werde erscheinen, Dich abzuholen. Um Mittag werde ich dreimal gegen die Wand klopfen, um Dich zu rufen. Du wirst kommen und wir werden dann vereinigt fein " — — Der Mittag kommt. Es schlägt zwölf. Bleich und zitternd, vom Fieberfrost geschüttelt, steht die


