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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mtt^Aus- nähme Sonntags.

Expedition: Canzletberg, Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.

Nr. 9'1. Montag den 22. April 1S72.

Bestellungen auf den Gießener Anzeiger SB 1( ot§ ou4 bei Qen

die Erfahrung wird lehren, ob es damit

Deutschland

Darmstadt. DerFrkf. Pr." wird von hier geschrieben: Unsere Kirchen- verfassungeangelegenheit, welche seither etwas langsam vom Platze glückt ist, geht, wie wir aus zuverlässiger Quelle vernehmen, nunmehr rascherer Entwicklung ent- gegen. Das Haupthinberniß ihrer Förderung war die Verzögerung einer Anzahl von Klrchenvorstandswahlen nicht allein von Seiten lutherisch-orthodoxer Geist, lichen, sondern auch solcher Gemeinden, in denen Reklamationen gegen Gewählte vorkamen, wodurch es theilweise nötbig wurde, sogar zum dritten Mal den Wahl- act vorzunehmen. Da die kirchlichen Behörden, wie wir hören, mit Energie gegen jene Geistlichen vorschreiten werden, oder bereits vorgeschritten sind, und die be- zeichneten Wahlen in Aussicht stehen, so wird die Einberufung ter Dekanatosynoden nicht mehr lange auf sich warten lasten. Die nöthigen Vorbereitungen dazu sind getroffen. Was die personellen Verhältniste in unserem Obercensistorium anbe- longt, so erfahren wir, daß die mit der Superintendentur der Provinz Starken­burg verbundene Stelle dcS um seine Pensionirung eingekomwenen Prälaten Zimmermann in diesem Colleg vor der Hand nicht besetzt, die Prälatur aber einem

unter ^Umständen werden kann, und zwar nur deshalb, weil ihre Leitung unter dem Schutze des englischen Asylrechts steht.

England verleugnet also was auch immer Lord Granville in seiner Depesche vom 8. März vorbringen mag seine internationalen Pfl chten, indem es die Mitwirkung, welche von Seiten Spaniens beantragt worden ist, ablehnt, es isolirt sich und tritt aus der Solidarität der europäischen Interessen heraus obwohl diese von ihm nur eine dem Umständen angemessene Anwendung der Fremvenbill verlangt.

Man kann aber eben deshalb sagen, daß, obwohl der Lawson'sche Antrag abgelehnt wurde, die Ablehnung nur deshalb erfolgte, weil der Antrag überflüssig war, d. h. weil England sich doch nicht durch Verträge gebunden hält, falls ihm die Erfüllung derselben lästig wird, und insofern schloß sich die Debatte über den Lawson'fchcn Antrag ganz logisch an die Debatte über das Genfer Schiedsgericht an constatirle aber zugleich, was Gladstone nicht Wort haben wollte, daß aller­dings eine sehr wesentliche Veränderung in der auswärtigen Politik Englands etngetreten ist.

England hat sich nicht mit solcher Einseitigkeit der Verfolgung der materiellen Interessen hingeben können, ohne daß die für unumstößlich und unanfechtbar aus- gegebenen wirthschastlichcn Principicn ouch in seine Politik Eingang gefunden haben; daß der politische Individualismus dem wirthschaftlichen gefolgt ist, so daß England j'tzt eben so sehr in der Isoltrung die Voraussetzung seiner politischen Entwickelung erkennt, wie es früher eine Solidarität mindestens der europäi­schen Interessen anerkannte, in deren Folge es sich auch vielfach in Vertragsver- bindlichkeiten einließ und Rücksichten beobachtete, die natürlich auch ihre Belästi­gungen und Zumuthungeu im Gefolge hatten.

Aber das England der Pitt's und selbst das England Lord Feuerbrand's behauptete allerdings eine Stellung in der Welt, mit welcher seine jetzige sich nicht vergleichen läßt, und selbst diejenigen, welche für staatliche Größe fein Der- ständniß haben, müßten mindestens aus der Alabamafrage gelernt haben, daß auch die materiellen Interessen und deren Befriedigung nur im Verhältniß der Machtstellung der einzelnen Staaten gewahrt und gefördert werten können, und daß diese Abhängigkeit um so klarer hcrvortreten muß, je mehr ein Staat da- nach strebt, sich außer Zusammenhang und Solidarität der internationalen Inter­essen zu bringen, wie dies bei England augenscheinlich der Fall ist.

Und, als wäre es in der Unterhauesitzung vom 12. d. M. darauf obge- sehen gewesen, die gegenwärtigen Bedrängnisse in ihrem innerlichen Zusammen- hange mit dem leitenden Gedanken seiner Politik zu zeigen, so knüpfte sich an die Debatte über das Genfer Schiedsgericht nicht blos die Erörterung über die Be­deutung, oder richtiger die Bedeutungslosigkeit von Garantieverti ägen; die Sitzung schloß auch mit einer Diecussion über Duldung oder Nichtdultung der Inter­nationale, gegen welche England auf diplomatischem Wege zur Cooperation aber vergeblich aufgesordert worden ist.

Auch in Bezug auf diese Frage, welcher die meisten Regierungen Europa's ihre ernsteste Aufmerksamkeit zuwenden, um eine allen Staaten gemeinsame Gefahr abzuwenden, stellt sich England bei Seite und entzieht sich jeder Solidarität, weil es für den Augenblick für sich selber noch keine Gefahr erkennt, der es nicht aus eigener Jhoft wirksam begegnen zu können glaubt. Möglich, daß die englische Regierung in dem Urtheil Über die Internationale und keren Bedeutung für Ugland sich nicht täuscht sie kann sich aber nicht darüber täuschen, daß die Internationale eine wirkliche Gefahr für andere Staaten schon graviden ist, oder

Darmstadt, 19. April. Heute Mittag nach 1 Uhr traf Prinzessin Karl von Preußen, Gemahlin des Prinzen Karl und Mutter des Feldmarschalls Prinzen Friedrich Karl, zum Besuche am Großherzoglichen Hofe ein. Höchsttiefelbe wurde von dem Großherzog und dessen Hofstaat am Bahnhof empfangen und in das Residenzschloß geleitet. Die hohe Frau reiste nach eingenommener, von dem Groß­herzog veranstalteter Hoftafel Abends nach 7 Uhr wieder ab, bis zum Bahnhof von dem Großherzog und dessen Gefolge ebenfalls wieder begleitet.

Darmstadt, 21. Apnl. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: am 12. April den Superintendenten der Superintendentur Staikenburg, Oberpfarrer der Haupt- und Risitcnzstadt Darmstadt und erster Rath in dem Oberconsistorium, Prälaten Dr. Car! Zimmermann, auf fein Nach- fuchen und unter Anerk-nnung feiner langjährigen, der evangelischen Kirche ge- leisteten ersprießlichen Dienste in den Ruhestand zu versetzen und der ihm verliehe­nen Würde eines Prälaten der evangelischen Kirche zu entheben; den Superinten­denten der Superintendentur Oberheffen, Dr. Friedrich Carl Simon, unter Ver­leihung der Würde eines Prälaten der evangelischen Kirche, zum lebenslänglichen Mitgliede der ersten Kammer des Großherzogthums, zu ernennen.

Berlin, 16. April. Der Allg. Ztg. wird geschrieben:An der Loyalität sämmtlicher Bischöfe in Preußen, die ja auch ohne Ausnahme vor ihrer Wahl von der Regierung als personae gralae acceptirt worden sind, zweifeln weder der Kaiser noch Fürst Bismarck. Beweise dieser Loyalität haben auch manche unter ihnen, trotz des obwaltenden Dissenses, noch in den jüngsten Tagen geliefert, so besonders der Erzbischof Graf LedochowSki in Posen, und wenn dem Bischof von Paderborn zum Vorwurfe gemacht wurde, daß er sich nicht an dem Festessen zu Ehren des KönigS-GeburtStages betheiligt habe, so erscheint diese Enthaltung vollständig dadurch entschuldigt, daß bei dem letzten Festessen die taktlose Aeuße- rung siel: der Papst sei ter Dalai Lama der Katholiken. Seinen royalistischen und patriotischen Gesinnungen hat der Bischof indtß am Geburtstage des Kaisers in einer im Dom gehaltenen Predigt einen beredten Ausdruck geliehen."

Berlin, 18. April. Die Regelung des Verhältnisses der römischen Curie zur Besetzung der katholischen Militärgeistlichen-Stellen begegnet sehr bedeutenden Schwierigkeiten, welche die Ansprüche an den CultuSminister Dr. Falk noch er­höhen. Es ist richtig, daß durch die fiühere Leitung des CultueministeriumS un- »ntlich viel veifahren worden ist; aber es heißt doch wohl die vorhandenen Schwierig­keiten Übelkeiten, trenn man von Verträgen spricht, welche im Jahre 1865 ge- ichlcffin und der römischen Curie vollständig freie Hand bei Besetzung der ge­dachten Stellen lassen sollten. Die kürzlich erfolgte Ankunft des Cardinals Fürsten Hohenlohe steht politischen Gründen durchaus fern, die Reise des Prälaten galt nur einem Besuche seiner Familie, namentlich seines schwer erkrankten Neffen, des Sohnes des Herzogs von Ratibor, und der Beglückwünschung des Herzogs und der Herzogin v. Uzest zu deren silberner Hochzeit.

Berlin, 19. April. Der Postverirag mit Spanien ist heute hier von dem General - Postdirector Stephan und dem spanischen Gesandten Rascon unter­zeichnet; das Porto wird auf drei, nächstes Jahr auf 2y2 Groschen herabgesetzt werden.

England isolirt sich Recht thut.

* Zur auswärtigen Politik Englands.

Der Washingtoner Vertrag, welcher zur Erledigung der Alabamafrage mit Hilfe eines schiedsrichterlichen Verfahrens führen sollte, ist zu einer Quelle bitteren Verdruffes für England geworden, welches ter Bisorgniß sich nicht entschlagen kann, daß cs den Schaden eines ihm nachiheiligcn Schiedsspruches haben könne.

Diese Besorgnisse haben sich in den Verhandlungen beider Häuser des Par- loments vom 12. d. M. Luft gemacht und der Regierung Gelegenheit gegeben, sich dahin zu erklären, daß sie lediglich einen solchen Schiedsspruch nnmbmen werde, welcher sich aus die Buße wegen timten Schadens bezieht. Mindestens ist das der Sinn der von Lord Granville und Herrn Gladstone abgegebenen Erklärungen.

Wir wollen dahingestellt fein lassen, wie das Genfer Schiedsgericht über ferne Competenz denken und ob es dieselbe auf die Auslegung des Washingtoner Vertrages erstrecken wird, je nach deren Ergebn ß es sich über die seitdem auf. getauchte Forderung Awerika's aus Ersatz auch des indirekten Schadens schlüssig machen könnte; gewiß aber trägt die ganze Angelegenheit wesentlich zu dem Um behagen bei, welches man in England über dessen internationale Beziehungen empfindet, ein Unbehagen, welches sich v. A. in der von Lawson vorgeschlagenen und in der Unterhaussitzung vom 12. d. M. zur Debatte gestellten Adresse auösprach.

Nach den Wünschen des ehrenwerthen Abgeordneten sollten die nöthigen Schritte gethan werden, damit die Regierung sich von allen Verträgen lossage, welche England nöthigen, sich mit Waffengewalt in die Angelegenheiten anderer Länder zu mischen.

Der Antrag wurde mit einer überwältigenden Majorität abgelehnt, und gewiß hat auf diese Verwerfung die Erwiderung Gladstones den meisten Einfluß geübt, daßdie Garantie in der Regel nur eine Erklärung der Thatsache, als'im Lande allgemein'geachteten höheren Geistliches flemä¥tßter Ifikbtuna üVekraqen eines Bündnisses fei"; zumal Herr Gladstone sich zugleich auf die wegenfwerden wird.

Luxemburg gegebene Garantie bezog und einem I^den dabei die Erklärung des' damaligen Ministers einfallen mußte, nach welcher die Verpflichtung Englands aus dem Londoner Vertrage gleich Null fein sollte.