Einzelbild herunterladen

Preis vierteljährig 1 st. 12 fr. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fl. 27 fr.

Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme Sonntags.

Expedition: Canzleiberg, Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Diesem

Nr. AS. Mittwoch den 21. Februar 1S72,

m'!! ............................ i,r irr o.Lr:~i|1i| mr. jr:_. j,T;:.~^TTrrirrwFTTOTm~^iir-'T''iTrTinnifl~:~-

MMtL icher Theiß.

Großh. Landw.-Bezirks-Commando Gießen. Gießen, den 18. Februar 1872.

Bekanntmachun g.

Die diesjährigen Frühjahrs-Control-Versammlungen im Kreise Gieße» werden, wie folgt, abgehalten werden:

I. Zu Lang-Göns

den 11. März 1 872, Vormittags 7% Uhr, an dem Bahnhof.

Hierzu gehören die Orte:

Ullendorf a. d. Lahn, Eberstadt mit Arnsburg, Groß-Linden, Grüningen, Heuchelheim, Holzheim, Klein-Linden, Lang-Göns, Leihgestern.

II. Z n Lollar

den 11. März 1872, Nachmittags 1 Uhr, aus dem Turnplatz.

Hierzu gehören die Orte:

Allendorf a. d. Lumda, Alt-Buseck, Bersrod, Beuern, Groß-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Daubringen, Staufenberg, Treis a. d. Lumda, Trohe, Wieseck.

III. Zu Giesten

den 12. März 1872, Vormittags 7y2 Uhr, im Oswald'schen Garten.

Hierzu gehört:

die Stadt Gießen, sowie die dazu gehörigen Mühlen und Höfe.

IV. Zu Garbeuteich

den 12. März 1872, Nachmittags 12y2 Uhr, an dem Bahnhofe.

Hierzu gehören die Orte:

Albach, Annerod, Bnrkhardsfelden, Dorf-Gill und Hof-Gill, Ettingshausen, Garbeutcich, Hattenrod, Hausen, Lich, Münster, Nieder- Vcssingen, Ober-Bessingen, Ober-Hörgern, Oppenrod, Reiskirchen, Steinbach, Watzenborn mit Steinberg, Winnerod.

Es haben aus diesen Ortschaften zur bestimmten Stunde sämmtllche im betreffenden Bezirke wohnenden beurlaubten Militärs aller Waffen des Deutschen Reichs, mit Ausnahme des Königreichs Bayern, zu erscheinen, welche zur Reserve gehören, zur Disposi­tion der Truppentheile beurlaubt oder zur Disposition der Ersatz-Behörden entlassen sind.

Die Landwehr-Mannschaften und Ersatzreservisten haben nicht zu erscheinen.

Die ohne Entschuldigung fehlenden Mannschaften haben die gesetzliche Strafe zu erwarten.

Schließlich wird noch bemerkt, daß die Leute, mit dem Militärpaß und Führungsattest versehen, in bürgerlicher Kleidung zu erscheinen haben und vor dem Beginne der Control-Versammlung Schirme, Stöcke und Pfeifen abzulegen sind.

Franck,

Major und Bezirks - Commaudeur.

Politischer X h e i l.

* Die gegenwärtige Session des englischen Parlaments

verspricht eine äußerst interessante zu werden, und zwar nicht blos für England allein, sondern weil die Fragen, an welchen sich dort die Kraft der Parteien erproben wird, zum Theil von principieller Bedeutung für die politische Entwicke­lung unserer Zeit überhaupt sind.

In erster Reihe wird es sich um die doch sehr kritisch gewordene Ausein­andersetzung mit Nordamerika handeln, welche, grade da sie bis vor die Schwelle der Entscheidung gerückt war, Plötzlich wieder in die Wege diplomatischer Ver­handlung gelenkt werden mußte, um England vor einer Uebervortheilung zu schützen, der es sich durch einen nicht genugsam vorbedachten Vertrag ausgesetzt hat.

Die Frage ist von eminenter Wichtigkeit für England, und wird deshalb auch für das Cabinet Gladstone entscheidend werden, welches zwar einem im Ober- Hause eingebrachten Mißtrauensvotum soeben durch eine Zwei-Stimmenmehrheit entgangen ist, aber eine eminente Virtuosität in den jetzt wieder angeknüpften Un­terhandlungen zu bewähren haben wird, um den bereits angekündigten Stürmen der Tory's zu entgehen, die ihm, mit dem Washingtoner Vertrage in der Hand, seine Sorglosigkeit nochzuweisen gedenken.

Aber der Streit zwischen England und Amerika, an dessen friedlichem Aus­gleiche wohl nicht zu zweifeln ist, wird nicht beendet werden können, ohne daß das Völkerrecht eine Fortbildung in humanem Sinne erfahren wird. Es handelt sich ja bet dem Streite wesentlich um die Pflichten der Neutralen; und die Ala­bamafrage ist nur der concrete Fall, an welchem ein internationales Rechtsprincip erprobt werden wird.

Die andere wichtige Frage, welche England von Neuem beschäftigen wird, ist die Ballotbill: eine Frage, deren Lösung das Cabinet Gladstone zu seiner Hauptaufgabe gemacht hat, obwohl man auch in England kaum darüber in Zweifel sein kann, daß die Annahme der Ballotblll das englische Verfassungsleben, dessen autoritativer Gryndzug bisher unverkennbar war, auf eine ganz neue Basis stellen wird, daß damit der Sprung in das Ungewisse vollführt wird.

Durch die Ballotbill wird der Versuch der Demokratistrung Englands ge­macht; und während dieses bisher die Vortheile seiner insularen Abgeschlossenheit

dadurch zu verwerthen verstanden hat, daß cs die revolutionären Slürme, wrlche Europa seit einem Jahrhundert erschütterten, nur als ein Schauspiel an sich ter- übergehen ließ, wird cs nun seinerseits der cusmerksawcn Welt ein Schauspiel aufführen, aus welchem diese Nutzen zu ziehen in die Lage kommt.

Es wird sich zeigen, ob die Decentrolisirung Englands ohne Gefahr für den Staat England und ohne Erschütterung seiner gesellschaftlichen Zustande aus­führbar sein wird ; ob dieCrbwcisheit", welche in ter traditionellen Handhabung seiner Institutionen bisher gefunden worden ist, unter dem Auf- und Abwogen der Massenbewegung nicht verloren gehen muß.

Vielleicht wäre gerade der gegenwärtige Augenblick einer auf England lasten­den internationalen Verwickelung nicht ungeeignet, um über die Corsequenzen, welche eine bcabsichtigte Erweiterung der sogen. Volksrechte für dasselbe im Ge­folge haben könne, ernsthaft zu erwägen.

Der Mangel an Umsicht, welchen das gegenwärtige Cabinet beim Abschluß des Washingtoner Vertrages an den Tag gelegt hat, wird Veranlassung zu An­trägen im Unterhause geben, durch welche das Volk gegen die Ungeschicklichkeit der zünftigen Diplomatie geschützt werden soll.

Herr Lawson wird am 30. März eine Adresse an die Königin einbringen, in welcher er beantragt, die Regierung möge von ollen Verträgen zurücktreten, welche England verpflichten könnin, zu Gunsten anderer Nationen bewaffnet ein­zutreten, und Herr Rylands wird schon am 12. März beantragen, daß in Zukunft alle Verträge dem Parlament vorher zur Genehmigung vorgelegt würden.

Die beiden Anträge stehen nicht auf gleichem Grunde; der erste entspricht der in England schon seit langer Zeit eifrig verfolgten und namentlich von den Manchesterleuten so lebhaft vertheidigten Trennung von Staat und Gesellschaft, bei welcher ersterer, als das nothwendige Uebel, auf das möglichst niedrigste Maß des Einflusses herabgedrückt werden soll. Der Rylands'sche Antrag aber entspricht durchaus den Bestrebungen der modernen Demokratie, welche, wenn sie nicht die direkte Regierung des Volkes durch das Volk durchsetzen kann, die Repräsentation doch so eng als möglich an den Volkswillen knüpfen will.

Wie in Frankreick- die Demokratie auf dem imperativen Mandat besteht, und die Schweiz von dem Referendum nicht lassen will, so soll dem englischen Parla-