Ausgabe 
16.10.1872
 
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Dreipfennig-Milchbrod, wie es in Berlin am 12. October verkauft wird. Das! Bild hat etwa die Größe zweier neben einander gelegter Kupferdreier. Und die Qualität? Darüber ließe sich auch viel sagen!

Berlin 14. Oktober. Für den BunveSrath wird sofort nach Wiederauf­nahme seiner ^Geschäfte die weitere Vertheilung der französischen KriegScontribution der Gegenstand eingehender Berathungen bilden. Nach dem tsm Reichstage an­genommenen Anträge feiner Commission ist die Disposition über P/a Milliarden Vorbehalten und hinsichtlich der übrigen 31/2 Milliarden noch zu bestimmen, wie der Antheil NorvdeutschlandS unter die Mitglieder des ehemaligen norddeutschen Bundes vertheilt werden soll.

DiePos. Ztg." schreibt:ES ist bezeichnend, daß jetzt aus dem gelobten Land unserer Conscrvativen, aus Hinterpommern, die lebhaftesten Klagen über die Auswanderung der ländlichen Arbeiter ertönen. Ein landwirthschaftlicher Verein in Cöslin pet-tionirt um Beschränkung der Auswanderungsagenturen und um freie Rückfahrt aller Personen aus Amerika und Australien, welchenetwa die Auswanderung leid geworden sein möchte." Noch immer bildet man sich ein, Verführung locke die Tagelöhner fort, während doch nur die Unmöglichkeit sie fvrttreibt, sich in der Heimath über ihr kümmerliches Dasein hinauSzuarbetten und rin Eigcnthum zu erwerben. Dee Mangel an verkäuflichen Grundstücken zeigt sich grade in Hinterpommern als ein wahrer Nothstand. Zu den zahlreichen Ritter­gütern (der Regierungsbezirk Cöslin zählt deren 853) kommt noch ein großer Besitz der todten Hand (Pfarrländereien, Domänen, Forsten, Fcheicommisse). Anstatt sich mit österreichischen Geheimräthcn über dieArbeiterfrage" zu unter- halten, thäte die Regierung besser daran, hier Hand anzulegen durch Parzellirung der Domänen, Aufhebung der Fideikommisse u. s. w."

Berlin, 15. Oct. Prinz Albrecht (Vater) von Preußen ist gestern Abend 11 Uhr 10 Min. verschieden.

Hannover, 12. Oct. lieber die Mißhandlung von Soldaten durch Vorgesetzte berichttt dieH. L.-Z." wie folgt: Der Musketier N. der 4. Comp. 74. Jnfan- tericregimentö kehrte krank und fast lahm aus Frankreich nach hier zurück. Der Hauptmann v. N. und auch der Feldwebel glaubten indeß, daß derselbe seine Krankheit fimulire, und stellten nachfolgende Procedur mit dem Unglücklichen auf: derselbe ward Morgens früh auf den Welfenplatz gelegt, um hier den ganzen Tag über ohne jegliche Nahrung und jeder Witterung pretsgegeben zuzubringen. Abends ward derselbe tn die Caserne zurückgetragen. Anwohner der Celler Straße erbarmten sich jedoch des Unglücklichen und reichten ihm Speise und Trank; hier­über wurde der Herr Hauptmann erbittert und um dieses zu inhibiren, ließ er sein Opfer auf den Kasernenhof setzen, mit dem strengen Befehle, falls einer seiner Kameraden demselben etwas zustecke, denselben mit scharfem Arrest zu bestrafen. Als dieses bet den Anwohnern der Celler Straße ruchbar wurde, machten die» selben beim Militär Oberkommando Anzeige, und in Folge dessen wurde eine Untersuchung eingeleitet. Der Unglückliche wurde in'S Hospital geschafft, und als derselbe so weit genesen war, daß er sich an Krücken sortbewegen konnte, unter- nahm er die Reise nach Berlin, um bei dem Kaiser diesen Fall zur Kenntniß zu bringen; dieses Glück wurde ihm jedoch nicht zu Theil, wohl aber erhielt er Audienz bei dem Kronprinzen, dem Prinzen Friedrich Karl und dem General von Moltke, von welchen er durchaus freundlich empfangen wurde und die seine Klagen dis in's Kleinste sich erzählen ließen. Die Untersuchung scheint jetzt beendet zu sein, denn der Hauptmann v. N. ist vor etwa drei Wochen abgeführt worden, um 6 Monate Festung zu verbüßen. Was die übrigen Mitschuldigen für Strafe bekommen, ist bis jetzt noch nicht bekannt geworden. Am 24. September Abends erhängte sich von derselben Compagnie ein Recrut. Dieser Unglückliche hatte fast beständig zerrissene Ohren und zerschundene Backen gehabt in Folge der Behand­lung seines Unteroffiziers.

Aus Elsaß-Lothringen 13. Oktober. DerKarlsr. Ztg." schreibt man aus Metz: Es scheint, daß die französische Regierung nun doch dem Friedens- vertrage gerecht werden wird. Neulich wurden mehrere junge Leute von hier, die ohne Eltern ausgewanbert waren, um französische Kriegsdienste zu nehmen, von Nanzig aus wieder nach Hause gewiesen. DerAls." schreibt: Die er­forderlich gewordenen GemeinderathSwahlen in Mülhausen sind auf den 26. und 27. b. M. festgesetzt. Die Theilnahme der aus Altdeutschland eingewanderten Bürger dürfte dadurch wesentlich beeinträchtigt sein, daß die meisten dieser Kategorie Angehörigen unterlassen haben werden, bet Ausstellung der Wählerlisten iw verflossenen Monat Januar ihre Namen eintragen zu lassen.

Straßburg, 9. October. Seit dem festlichen Acte der Grundsteinlegung der neuen Veste Straßburg werden mit sichtbarem Eifer die Arbeiten an den bereits begonnenen Forts weiter befördert. Die Abholzung des städtischen Waldes auf dem Terrain zu Fort 1 in der Rupprechtsau, dem sogenannten Niederwald, soll gleichfalls beschleunigt werden, so daß dann in einigen Wochen die ersten sieden Forts ter neuen FeflungSerweiterung in Erbauung begriffen fein werden. Die Ervaufwürfe und Anfüllungen sind bereits weitaus sichtbar und in kürzerer Periode, als man anfänglich vermuthete, soll der moderne steinerne Gürtel die alte Reichsstadt umgeben. Die langersehnte Ausdehnung der Stadt wird sich dann vollziehen.

München, 10. Oktober. Der Allg. Zeitung zufolge wird das königliche Hoflager auf Schloß Berg am 12. d. Mts. aufgelöst und nach Hohenschwangau verlebt. Der König wird am Samstag hier eintreffen.

Speyer, 9. Oktober. Durch eine gestern hierher gelangte Mtnisterial- Entschließung ist der Geschichtsunterricht am hicsigen humanistischen Gymnasium den Reli^tons-Profefforcn abgenommen und für jede einzelne Claffe dem betreffen- den Classenlehrer übertragen worden. An den technischen Lehranstalten ist der confessionSlose Geschichtsunterricht schon im vorigen Schuljahre zur Em- führung gelangt.

Oesterreich.

Wien, 12. October. Sehr peinliches Aufsehen hat die in der gestrigen Gemeinderath-sitzung zur Sprache gekommene Bestechungsangelegenheit des Advocaten Dr. Georg Schmidt hier erregt, welcher sich dem Vertreter eines Pariser Con- sortium- zur Erbauung von Marktstellen gegenüber erboten hat, die Entscheidung des Gemeinderaths zu Gunsten des ConsortiumS zu lenken, falls ihm für feine Mühewaltung die Summe von 10,000 Gulden zugeflchert würde. Bürgermeister Felder hat sich in den Besitz der Dokumente zu setzen gewußt, welche die Schu v des Dr. Schmidt außer allen Zweifel stellen und denselben dadurch veranlaßt,

seine Stellung als Gemeinderath niederzulegen. Damit hat aber der Gemeinde­rath die Angelegenheit nicht für erledigt erklärt, sondern auf Vorschlag der RechtSsection einstimmig beschlossen, die Belege der Staatsanwaltschaft zur Ver­fügung zu stellen, und sie um Mittheilung vom Ausgange der Untersuchung zu ersuchen. An Skandal fehlt es hier eigentlich niemals, bald sind es skandalöse Processe, bald unerhörte Vorgänge im Schovße der Aktiengesellschaften, bald Be­stechung von Gemeinveräthen, bald Sequestration von Eisenbahnen.

Frankreich.

Paris, 13. Oktober, Abends. Man versichert, Thiers beabsichtige nach Zusammentritt der Kammer ein Ausnahme-Gesetz gegen die Familie Bonaparte einzubringen.

Bien publie" versichert, daß in Folge der letzten Erklärung des Präsidenten der Republik in der Permanenz-Commission eine große Anzahl der Mitglieder des rechten Centrums entschlossen fei, sich der Politik dcS Präsidenten anzufchließen.

Paris, 13. Oktober. Prinz und Prinzessin Napoleon sind heute Morgen tn Gens angekommen.

Spanien.

Madrid, 12. Oktober. Die Amtszeitung sagt, daß an dem republikanischen Aufstande von Ferrol ungefähr 1000 Leute Antheil genommen haben. Eine Panzerfregatte und zahlreiche Truppen sind nach dem Herde des Aufstandes hin­geschickt worden. Die Insurgenten haben sich ins Arsenal eingeschlossen. DaS Fort San Felipe wird ihre Fahrzeuge am Auslaufen verhindern. Alles ist zum Angriff bereit. Die Aufrührer haben den Muth verloren und viele von ihnen schon die Waffen gestreckt.

Schweden.

Stockholm, 14. October. Der König verlieh dem preußischen General v. Steinäcker das Großkreuz des Schwertordens. Heute findet am Hofe große Cur statt, mit welcher die Trauerfeierlichketten für den verstorbenen König zum Schluß gelangen.

England.

Dublin, H. Oktober. Seit zwei Tagen herrscht in Lisburn Aufregung; die Volksmenge verbrannte in effigie den katholischen Priester Kelly. Die Behörden haben von Belfast Polizei und Truppen requirirt.

Türkei.

Konstantinopel, 14. October. Das hiesige officiöse JournalBaffiret" führt in einem Artikel aus, Montenegro sei eine Provinz der hohen Pforte, seine Regierung und Bevölkerung sei der Pforte unterthan. Die Regierung des Sultane halte es deshalb nicht für geboten, sich betreffs der Bestrafung der Auf­rührer, wie es früher wohl für nothwendig erachtet sei, einer Besprechung mit den fremden Botschaftern zu unterziehen ein Verfahren, welches die Schuldigen öfters ermuthigt habe, ihr widerrechtliches Beginnen fortzusetzen: Ellad Pascha ist zum Kri^sminister und Mustopha Pascha zum Marineminister ernannt worden.

Vermischtes.

//cord- Am 6. October, Abends, ereignete sich in Gebweiler (im Elsaß) ein scheußl X r Mord. Ein dortiger Bürger, ein Maurermeister (so viel bekannt, geborener Baden r), wurde auf der Hauptstraße in der oberen Stadt Nachts ein Viertel zwölf Uhr mit fast gänzlich abgeschnittenem Kopfe aufgefunden; zwei seiner Arbeiter, in denen man die Thäter entdeckt zu haben glaubt, sind verhaftet. Die That läßt sich nicht anders erklären, als daß der Eine den Ermordeten vom Rücken her packte, während der Andere den Hals durchschnitt. Ain gleichen Abend soll ein Soldat, welcher am Kopfe durch 2 Hiebe ziemlich bedeutend verwundet worden ist, ins Lazareth gebracht worden sein.

(Kurzes Glück.) Wie dieR- S- Petersb. Ztg." meldet, war der Gewinn von 40,000 Rubeln bei der Ziehung der Obligationen der fünfprocentigen Prämien-Anleihe auf das BiUet des Sohnes eines der Wald-Industrie beflissenen Bauers in Wassilssursk (Gouvernement Nischnei Nowgorod) gefallen- Als der junge Mensch von seinem Glücke erfuhr, begab er sich nach Kasan, um der dortigen Bankabtheilung sein Billet zu über­geben, und in seiner Freude labte er sich weidlich an allerlei Getränken. Doch nicht lange war es ihm vergönnt, sich seines Glückes zu erfreuen. Nach Hause zurückgekehrt, starb er in Folge des übermäßigen Genusses spirituoser Getränke. Seine Erben sind seine junge Frau und sein Vater-

(Eine neue Art reich zu werden) Einer unserer ehrenwerthen Mitbürger, schreibt ein Newyorker Blatt, hat kürzlich eine neue Art, reich zu werden, erfunden. Derselbe klemmt allabendlich den Schwanz seines großen schwarzen Katers in eine dazu besonder- coustruirte Zange, bindet dieselbe an einen Strick und befestigt letzteren an einen Pfahl mitten auf dem Hofe- Dem Manne ist es so ermöglicht, jeden Morgen auf 20 Schritte im Umkreis des Thieres eine reiche Ernte an Stiefelknechten. Zahnbürsten, ©eifreften, Wichstöpfen, Kartoffeln, Mohrrüben u. dgl. auf und an sich zu nehmen, welche die umwohnenden Nachbarn als Zeichen ihres aufrichtigen Beifalls ob der nervener­schütternden Katzenmusik dem klugen Thiere während der Nacht zugeworfen haben- Alle diese Liebesgaben trugen die Devise:Wenig, aber vom Herzen."

Börsenberichte.

Frankfurt a. M., 15- October. Die heutige Börse war fast nur der Mcdioregulirung gewidmet, die sich, wie gestern schon erwähnt, ziemlich coulant abwickelte, indem Geld zu Pro­longation willig war und sich der Zinsfuß auf 43/45 Procent stellte. Von Speculalion^effecte« waren StaatSbahn in Prolongation gesucht und bot hier der EvurSgang starke Schwankungen. Bei 350 einsetzend, stieg man bis 352 V«, sank auf nicht entsprechende Berliner Notirungen wieder bis 350, um bald darauf wieder auf 351% zu gehen. Dabei erreichten die Umsätze bedeutende Dimensionen. Auch Creditactien schwankten, wenn auch nicht so heftig wie Staatsbahn, un> schließen zu gestriger Notiz, während Lombarden entschieden im Rückzug begriffen waren, nament­lich durch VerkaufSordreS aus Berlin gedrückt. Alle anders Effecten mußten mehr oder weniger den drei HauptspecieS nachstehen. Von Banken waren vorzugSwe se Deutsche Vereinsbank, Bank­verein und Brüsseler begehrt, sodann Oesterr.ichische Nationalbank, welche circa 7 fi. höher ging. Darmstädter 1 fl. besser. Deutsche Effectenbank, für welche in Berlin gute Meinung herrscht, begehrt. Deutsche Handelsgesellschaft preiShaltcnd, auch Berliner Bankverein nicht unbeliebt. Da­gegen war es in Bahnactien sehr still. Galizier gaben von der gestrigen Avance wieder etwa» ab. Bayerische Ostbahn abermals t/z Procent schlechter. Von Prioritäten waren alte und neue Lombarden offerirt. Oesterreichische Renten beliebt und abermals höher. Dagegen konnten c< österreichische Loose zu keinem rechten Aufschwung bringen, wie denn überhaupt Loose derzeit dir Aschenbrödel der Börse sind. Nur Braunschweiger Loose wegen der Nähe der Ziehung gefragt. Der Pfandbriefmarkt erhielt durch die neue Emission russischer Bodencredit-Pfandbriefe wieder etwas mehr Leben, und wurden mehrere Abschlüsse bei festen Coursen gemacht. Rheinische Hypo- thekrnbank und ^/yprocentige Frankfurter sehr beliebt.