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Oicßmer Ameigtr.

Erscheint täglich, mit Auf­nahme Sonntags.

Expedition: Canzleiberg, Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.

Nr. 191. Freitag den 16. August 1872.

AMtl i ch e r T heil.

Bekanntmachung.

Betr.: Auswanderung nach Canada.

Aus einer von dem Consul des Deutschen Reichs zu Taronto (Canada) au das Reichskanzleramt gemachten Mittheilung geht hervor, daß nach Canada -der nach anderen englischen Colonien auswandernde Deutsche in den englischen Besitzungen nach einer gewissen Zeit wohl die Rechte aller eingeborenen englischen Bürger erwerben können, daß dieselben jedoch auf den, Schutz der englischen Regierung im Anstande und besonders in Ländern, wo das Paßsystem besteht, vorläufig entweder gar nicht, oder doch nur höchst ausnahmsweise Anspruch machen können.

Wir bringen dies in Auftrag Großh. Ministeriums des Innern hierdurch zur öffentlichen Kenntnis

Gießen, den 13. August 1872. Großherzogliches streisamt Gießen.

v. Röder.

Politischer Theiß.

Die Optionsbewegung

ab dcr Umstand ein, daß der Krieg das Absatzgebiet einiger französischer In-

Deutschland.

Darmstadt, 15. August. Gestern Nachmittag um 5 Uhr verschied Seine E^llenz der Präsident des Ministeriums des Innern, Dr. Friedrich Georg vo Bechtold, wirklicher Geheimerath. Am vergangenen Freitag, dem 9., hatte ih ein Schlaganfall betroffen, welcher nach mehrtägigem Leiden sein Leben bmdtgte. Der Verstorbene stand im 72. Lebensjahre, er hatte erst vor fünf Mnaren sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum gefeiert. Mit ihm ist ein treuer Dner seines Fürsten und des Staates, zu dessen Leitung er feit dem 6. April v.). berufen war, ein patriotischer und thätiger Beamter, ein redlicher und huaner Charakter aus dem Leben geschieden. Der Verstorbene bekleidete noch diiStellung eines Mitglieds des StaatSraths und war lebenslängliches Mitglied bei ersten Kammer dcr Stände. (D. Z.)

Mainz, 11. Aug. Nach verlässigen Privatnachrichten ist die Lage der deisch n Gerwerbtreibenden in Frankreich noch immer sehr schwierig und Vie Aus- fick auf Besserung oder gar Herstellung der früheren Beziehungen scheint in sehr wcer Ferne zu liegen. Einerseits ist zwar der Fanatismus, welcher während un kurz nach dem Kriege den Deutschen die Existenz unmöglich machte, verraucht, un äußerlich ist, namentlich unter den gebildeten Klaffen der Franzosen, wenig Aleigung zu erkennen; in den geschäftlichen Beziehungen aber macht sich eine zielich allgemeine Zurückhaltung geltend, welche höchst fühlbar ist. Die voll- stchig verrückten und veränderten Verhältniffe haben außerdem den französischen Aüitermarkt umgcstalttt und namentlich die früher so zahlreichen deutschen Ar­ber verscheucht, so daß «S für ganze Klaffen kleiner Fabrikanten unmöglich ge- woen ist, die nöthigen und namentlich jene stätigen und intelligenten Kräfte zu eilten, welche sich zumeist aus den Deutschen rekrutirten. Noch schlimmer wirkt

bewiesen aber es ist nicht zu bezweifeln, und die Thatsachen beweisen es, daß seit dem Iesuitengesetz clericale Einflüffe auf den Entschluß der Landbevölkerung mit aller Macht drücken.

Das alte Spiel wiederholt sich und die bekannte Methode hat ihre Macht nicht verloren. Wie man vor Alters in Schlesien und Polen dem urtheilslosen Volke vorredete: baß Preußischwerden gleichbedeutend fei mit Lutherisch- werden, so müht sich der vom Iesuitismus beherrschte CleruS für die Aus­treibung der Jesuiten durch das Bemühen, die Deutschen ihrem Vaterlande abwendig zu wachen.

Begreiflicher Weise muß diese Agitation eine Gegenströmung Hervorrufen!; ta ja das Iesuitengesetz recht eigentlich aus der Initiative des deutschen Dolks- zeistes hervorgegangen ist. Die Regierung wird sich streng auf ihre Pflicht be­schränken können uno die Freiheit des Entschlusses ehren und schätzen, indem sir ihn vor jeder ungesetzlichen Nöthigung bewahrt und den Bethörten die Wahrheit vsr Augen hält.

Wie die Dinge liegen, wird der auf die Optionsbewegung ausgeübte Truck auch nicht einmal eine zu Demonstrationszwecken zu verwerthende Wirkung hibcn, geschweige denn, daß die Option einen Umfang gewinnen könnte, bedenklich ^nug, um die wirthschastliche Entwicklung des Reichslondes in Verwirrung zu dingen; immerhin aber wird auch diese Verlockung eine Menge braver Leute zi Opfern eines fremden Interesses machen, wie Tausende braver Elsäßer,^welche ch schon früher durch französische Agitationen zur Auswanderung verlelten^ließen, btter zu büßen hatten für die Leichtgläubigkeit, mit der sie sich falschen Vor- ipcgelungen Hingaben.

Daß aber auch im Elsaß der clericale Einfluß die Leute zur Expatriirung relkitet, giebt einen neuen Beleg für die Ueberzeugung, daß der Staat alle Usache Habe, sich gegen Tendenzen sicher zu stellen, welche, indem sie die Ideen Vaterlandes verleugnen, die Grundlage alles Staatslebens unterwühlen.

9 Auch war man in Frankreich nicht einen Augenblick müßig, um den Sng duiezweige großentheil^ verlege hat, was auf einige vorzugsweise von deutschen . . r G A-idhPit,»(.VHP auStubeuten, welche in demonstrativer vdcn betrieben.n Industrien (Phantastemobel und kleinere Luxusgegenstände,

X 3Ufi®" Ur S aeitaL zunächst nur de. Socm ,c von denen eine Moste Hdnmr Speeialgewerbe abhäng.) sehr redu^ ,^nzbsifch°n Regierung V-rdrießlichke3.. verursacht, wie die Vorfälle tu Bordeaux cirden Einfluß übt. Brüste, und Berlin scheinen unter anderen Jndustrieplätzm

Durch Artikel 2 des Frankfurter Friedens wurde den von Frankreich ab­getretenen Territorien bomiciltrten französischen Untertanen, welche beabsichtigen, Vie französische Nationalität zu behalten, bis zum 1. October 1872 das Recht zugestanden, mittels einer vorausgehenden Erklärung an die kompetente Behörde, ihr Domicil nach Frankreich zu verlegen und sich dort niederzulaffen, ohne daß dieses Recht alterirt werden kann durch die Gesetze über den Militärdienst.

Durch diese Bestimmung des Vertrages wurde der Gerechtigkeit und Billigkeit Genüge geleistet, ohne die Thatsachen weiter in Frage stellen zu lassen. Es hatte ja nicht an Stimmen, selbst in Deutschland, gefehlt, welche von einem Eroberungsrecht nichts mehr wissen wollten, selbst wenn durch dasselbe ein altes Unrecht wieder aufgehoben würde, oder es dazu diente, neues Unrecht abzuwehren und eine verläßliche Bürgschaft für die Erhaltung des Frieoens zu geben. politische Phantasterei, welche sich in Phrasen gefällt, empörte sich dagegen, daß heut zu Tage noch die Menschen lediglich als Zubehör des Landes abgetreten werden, ohne daß sie selber darüber befragt würden.

Die deutsche Politik hielt es indessen mit Recht unter ihre Winde, der Welt ein nichtssagendes Schauspiel zu geben und eine jener AbstimmungScomödien aufzuführen, für welche das zweite Kaiserreich die Muster geliefert hat. Aber die deutsche Politik verschmähte es, den Erfindungen oder Interessen des Einzelnen Zwang anzuthun. Sicherlich war es ihr von vornherein klar, baß das in Art. 2 des Friebrnsvertrages gewachte Zugeständnis bei seiner Ausführung zu mancherlei Verdrießlichkeiten führen werde, da die Agitation sich desselben bemächtigen wurde, um es in demonstrativem Sinne auszubeuten und es gehörte viel Selbstbewußtfem dazu, es auf alle Eventualitäten ankommen zu lassen.

In der That hat es seitdem nicht an Versuchen gefehlt, die Bevölkerung des neuen Reichlandes in französischem Sinne zu bearbeiten, ohne daß die Re­gierung des Landes sich deshalb aus ihrer Gelassenheit bringen ließ, welche sich vor oller- Dingen davor hütet, die zu Tage tretenden Erscheinungen des politischen Lebcns in ihrer Bedeutung zu überschätzen. Selbst ein Korrespondent des Journal des DebatS", welcher über die Zustände im Elsaß berichtet, giebt der preußischen" Regierung das Zeugniß, daß siedurchaus vernünftig und nicht vexatorisch" verfahre, daß sietoleranter" sei, alswir" Franzosen) sein würden, wenn die Rollen getauscht würden.Die französischen Blatter dürfm frei circuliren, und unsere Nationalfarben sind überall zu sehen, obwohl sie offenbar ein Zeichen der Opposition sind."

Wenn sich eine französische Zeitung zu einem solchen Urtheil bequemt, so kann man wohl ohne Weiteres annehmen, daß Vie Wirkungen der deutschen Verwaltung im Lande bereits tief empfunden werben und daß, wenn auch die Tricolore noch zur Befriedigung der Oppositionsmacherei, welche den Deulfchen als französisches Erbtheil hinterblieben ist, ausgesteckt wird, sie doch nicht den Weg des praktischen Verhaltens zeigen wird. Gleichwohl sind neuerdings zwei Momente in die Optionsbewegung hineingetragen worden, welcye ihr einen großern Umfang ,u geben versprachen; der Erfolg der französischen Anleihe und das

3 Ma?w°, in welcher Weise die französische Presse jenen au-znbeut-n -er- sucht hat und man kann sich denken, daß die Rodomontaden auch tm Elsaß nicht ohne Eindruck geblieben sind. Wenn man hre- sich ->,t Dorll-be -n n° Zuiammengehörigkeit mit Frankreich hinelngelebt h-ttc, so «egt ,a U« darin, daß man von einem Reiche losgetrennt ward, welches Namm nach ein Reich war, während da« neue Vaterland m<t seinem «lau, und feiner Macht alle Staaten Europas überstrahl e und tkss°n Glan und Macht - wie die französische Presse bei dem^Erfolge d An>>->ub so sehr als eine Nothwendigkeit empfunden werden, daß alle Welt sich de I , ihm die Mittel der Wiederherstellung zu Füßen zu legen.