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Und jetzt sagt die Denkschrift: die gegenwärtigen Wirren wären plötzlich gegen Erwarten hereingebrochen!
Wie können Wirren, welche man von vorn herein als unausbleiblich kommen sah, bei ihrem Eintritt überraschen, selbst wenn dieser sich mehr verzögert hätte, als man anfänglich berechnete.
Der 18. Juli 1870 war der Ausgangspunkt unausbleiblicher Wirren und die Bischöfe wissen ebenso gut, durch welche welterschütternde Ereignisse dec' Ausbruch verzögert wurde, wie sie sich erinnern müssen, daß mit der Neugestaltung Deutschlands gleichzeitig die Mobilmachung des Ultramontanismus begann, um der deutschen Politik Schwierigkeiten zu bereiten, die dieselbe nöthigten, ihre volle Aufmerksamkeit dem durch das Vattcanum völlig veränderten Verhältniß des Staates zur katholischen Kirche zuzuwenden.
Was die B schöfe für unausbleiblich erklärt hatten, blieb nicht aus und konnte nicht wieder Erwarten kommen, weil es später kam, al* es ohne den inzwischen siegreich durchfochtenen Kampf Deutschlands gegen Frankreich gekommen wäre.
Es hat kein glücklicher Stern über der Redaction der Denkschrift geleuchtet, als sie eine Beleuchtung an die Spitze derselben stellt:, welche ihre Widerlegung in sich selbst trägt. Aber zur Klärung der Urtheile ist es von großem Vortheil, daß die Aufmerksamkeit des Lesers sofort auf den rechten Ausgangspunkt des Kampfes, wenn auch sehr gegen die Absicht der Denkschrift selbst, hingelenkt wirb.
Wenn man sich erinnert, daß die deutschen Bischöfe selbst den jetzt aus- brochenen Kampf für unausbleiblich erklärten, wenn das Unfehlbarkeitsdogma angenommen würde: so verliert die gegenwärtige Insinuation einer antichristlichen Tendenz wohl ziemlich alles Gewicht.
Ls ist gar nicht zu bestreiten, daß sich sehr unlautere Elemente bei dem großen Kampfe betheiligen, durch welchen die Staatsgewalt sich gegen die Prätensionen der Kirchengewalt sicher stellen will; es ist ja ersichtlich, daß die Mot ve der Hülfsleistung sehr verschieden sind, wie die Hoffnungen, welche sich an den AuSirag des Kampfes knüpfen und der Staat wird viele Mühe haben, um die Ansprüche, welche aus einer arglistigen Genossenschaft ihr entgegentreten werden, zu beseitigen; aber sicherlich können die Bischöfe jetzt nicht sagen, daß die nach Pactirung des Unfehlbarkeitsdogmas nach ihrer eigenen Voraussicht unausbleiblich geworbene Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche nur die Auflehnung gegen Religion und Chriftenthum maskire.
Deutschland.
Darmstadt, 12. October. Die internationale Vereinigung, deren Präsidium die Prinzessin Ludwig übernommen hat, bezweckt die Heranbildung der Frauen zur Arbeit. Eine Gemeinsamkeit mit Denjenigen, welche auf Erweiterung der Fcauenrechte, insbesondere der politischen, hinarbeiten, lehnt die Antragstellerin, Miß Carpenter, ausdrücklich ab. Zu Correspondentinnen der Gesellschaft wurden ernannt: Miß Nightingale, Miß Carpenter, Miß Winkworth, Miß Hill und Miß Merewather.
^armslaoi, iz. ou. Bish.» «s Vorschrift daß die Regierungscom- misiäre bei den landstäudischen Berathungen in Uniform erschienen. Einer neuer- dingS getroffenen Allerhöchsten Bestimmung zufolge wird, wie wir hören, den Beamten, die als Vertreter der Regierung an landständischen Berathungen Theil nehmen, gestattet sein, hierbei in Ctvilkleibung zu erscheinen.
Berlin, 9. Oktober. Die Temporaitensperre gegen den Bischof von Ermetand hat, wie die „Ostpr. Ztg." schreibt, große Sensation im Volke hervorgerufen, weil letzteres gewohnt ist, bet seinen Geistlichen Alles nach der äußeren Schein zu beurthetlen. Man giebt dort aus diesem Grunde auch nicht so viel auf die später zu erwartende Amtssperre, als auf die jetzige Entziehung dem Einkünfte. Da die letztere Maßregel eine größere Sparsamkeit bedingt, so ist von der bischöflichen Curie einigen ihrer Beamten das Einkommen gekürzt worden, wa» bei den Betreffenden viel böses Blut hervorrtef. Man erwartet in nächster Zeit Zustimmungs-Adressen an den B.schof, für die seine Organe bereits Unter» schriften sammeln sollen. Auch sagt man, daß bei der Bevölkerung Geldsammlungen für den Bischof, ähnlich wie für den Papst — eingeleitet werden. Wir haben also Aussicht, künftig nicht allein von einem Peters-, sondern auch von einem Philippspfennig zu hören.
Berlin, 9. Oct. Auf der in Fulda abgehaltencn Conferenz der deutschen Bischöfe und Erzbischöfe war eine Commission der hervorragendsten Mitglieder zur Abfassung einer Denkschrift „über die gegenwärtige Lage der katholischen Kirche im deutschen Reiche" beauftragt worden, welche jetzt in Paderborn erschienen ist. (Wir würden dieselbe unfern Lesern auch bringen, aber sie ist für den Raum unseres Blattes zu umfangreich. Red.) Schon auf Grund des in der heutigen „Germania" abge- druckten Theiles der Denkschrift darf man Voraussagen, daß sie allseitig große Beachtung und seitens der Staatsregierungen ernste Prüfung finden werde, da sie sich als die schroffste und feindseligste Kundgebung characteristrt, welche im ganzen Verlaufe des gegenwärtigen Kampfes zwischen Staat und Kirche von Seiten des Epiöcopats gegen die Staatsobrigkeit ausgegangeu ist. Die Denkschrift ist eine offene Kriegserklärung gegen alle legislativen Acte und deren angebliche Tendenz, welche Viesen Kampf heraufbeschworen hat, und sie wird für die weitere Entwicklung desselben ein bestimmendes Moment abgeben. Um so auffälliger ist es, daß die Denkschrift von einer Entstellung der Thatsachen auSg'ht, indem sie behauptet, daß gleich nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges die öffentliche Meinung und die Regierungen eine aggressive Haltung gegen die Kirche angenommen hätten, welche zu Widerstand und Abwehr genöthigt habe, während gerade das Entgegengesetzte wahr ist. Die Mobilmachung des Ultramontanismus erfolgte unmittelbar nach dem Kriege und resultirte in der Bildung der Centrumspartei, in deren Politik ihre Tendenzen sich abspiegelten. Die offenen und versteckten Angriffe und Kriegs- acte dieser Partei drängten erst die Regierungen dazu, den Kam-f gegen die her- vortretcnden feindlichen Bestrebungen aufzunehmen und Schritt für Schritt fort- zusetzen.
Berlin, 10. October. Die von den in Fulda versammelt gewesenen Erzbischöfen und Bischöfen beschlossene „Denkschrift über die gegenwärtige Lage der katholischen Kirche im deutschen Reiche" ist im Druck erschienen und die „Germania" hat dieselbe gestern und heute in vollem Wortlaut veröffentlicht. Alle Maßregeln der preußischen wie der Reichsregierung gegen die Bischöfe NamSzanowSkt und Krementz, das Jesuitengefetz, das SchulauffichtSgesetz, der neue Kanzelparagraph
des Strafgesetzes rc. rc. werden als himmelschreiende Verletzungen des guten Rechts der Kirche bargestellt.
Schweiz.
Bern, 8. Oct. Ja Genf hat der Große Rath mit 34 gegen 32 Stimmen nach iebhafrer Debatte sich in der Frage der Trennung der Kirche vom Staate gegen die staatSräthlichen TrennungSaoträge und für Beibehaltung des seitherigen Status quo entschieden. Für letzteren kämpften hauptsächlich Naville, James Fazy, Hornung und Ctzeneviere, für die Anträge des Staatsraths Chomer, Carteret, Graffelin und Heredier, tarieret und James Fazy ließen sich mehrmals zu Persönlichkeiten hinreißen; ein verläßlicher Bericht über die Debatte liegt uns jedoch noch nicht vor. — Nächsten Donnerstag wirb Bischof Mermtllob in Vevey erwartet, um dort die Einweihung der neuen katholischen Kirche vorzunehmen.
Belgien.
Brüssel, 12. Oct. Das „Echo du Parlament" theilt mit, daß in Pariser diplomatischen Kreisen ein Gerücht circulire, wornach Thiers in formellcr Weise die Abberufung des italienischen Gesandten, Ritters Nigra, verlangen würbe, weil dieser den Bonapartisten Vorschub leiste.
Frankreich.
Paris. Der Ruhm des „kleinen ErmelänberS" (wie bie „Germania" zu sagen pflegt) hat den großen Bischof von Orleans nicht schlafen lassen. Wahrend ber deutsche Bischof mit dem preußischen Minister einen polemischen Briefwechsel darüber führt, ob er unter allen Umständen verpflichtet sei, dem Staatsgesetze zu gehorchen, hat sein französischer Amtsbruder bie Frage sogleich auf das praktische Gebiet übergeführt. Der Unterrichtsminister Jules Simon hatte vor Kurzem neue Instructionen für die Direktionen und Professoren der höheren Unterrichts- anstalten erlassen. Den Leitern unv Lehrern ber Seminarien in seinem Sprengel befiehlt nun Dupanloap kurz und bündig, sich um bie Verfügungen bes Ministers nicht zu kümmern. „Der Fall istkttzlich", würde ber Bürgermeister von Saarbam sagen. Der Bischof kann sich wirklich schon so etwas erlauben, denn er ist Berichterstatter ber Unternchtscommission ber Nationalversammlung unb hat deren Majorität hinter sich. Die Nationalversammlung aber ist ber „Souverän" von Frankreich; wenn Herr Jules Simon solche Kitzelung nicht vertragen kann, so mag er gehen. Eben dies ist es auch, worauf Dupanloup abzielt. Der liberale Minister ist längst ein Gräuel vor seinen Augen. Man darf neugierig sein, wie diese Episode sich abwickeln wirb.
Paris, 9. Oktober, Abends. Der oberste Kriegsrath hielt beute feine erste Sitzung im Elyfse. Thiers, welcher den Vorsitz führte, hielt eine Rede, in welcher er die Wichtigkeit der neuen Schöpfung hervorhob, welche besonders dazu beitragen müsse, die Armee baldigst unvergleichbar zu machen.
„Bien Public" enthält heute Abend einen heftigen osficiösen Artikel gegen Gambetta.
Timascheff hat heute Paris verlassen.
Paris, 10. Oct. In der heutigen Sitzung der Permanenzcommission war Thiers anwesend. Er sprach sich anläßlich eines Vergleichs, welchen Larochefou- rauld, zwischen der Wallfahrt nach Lourdes und der Reise Gambelta's machte, sehr lebhaft gegen Gambetia's Theorien aus, welche nach Innen schadeten und nach Außen die Stellung ber Regierung erschwerten. Er billige nicht bie Angriffe auf die Nationalversammlung und werde derselben Achtung zu verschaffen wissen. Eine gewisse Anzahl von Republikanern seien Feinde der Republik, weil sie die feste Begründung ber Republik hinderten. Und gegenwärtig sei die Republik die einzige Möglichkeit. Thiers wies den Monarchisten ihre Ohnmacht nach uno rieth den Confervativen dir Vereinigung auf dem neutralen Boden der Republik an. Der Minister des Innern erklärte auf Interpellation Mornay's betreffs eines Artikels der „Republtque froncaife", daß die Ausfälle dieses Blattes die in Grenoble proclamirte weite Kluft zwischen der Regierung und der radikalen Partei bezeichneten. Thiers theilte schließlich mit, daß er, gestützt auf zwei Beschlüsse der Nationalversammlung, welche den Sturz des Kaiserreichs ausjprechen, den Prinzen Napoleon aus Frankreich auSweisen lassen werde, weil derselbe ohne Genehmigung des Ministerraths ins Land gekommen sei. Der Befehl soll unverzüglich gegeben werden.
Paris, 12. Oct. Ueber die Ausweisung des Prinzen Napoleon wird zuverlässig mitgetheilt, daß der Prinz die Aufforderung erhalten, bis spätestens Mittags Frankreich zu verlassen. Da der Prinz die festgesetzte Stunde nicht innehielt, so wurde der Ausweisungsbefehl von dem Secretär des Polizeipräfecten in Begleitung zweier Polizeiagenten Nachmittags 121/2 Uhr wiederholt, und zugleich die Abreise nach der schweizer Grenze bestimmt vorgeschriebcn. Der Prinz trat die R tse demnächst in Begleitung seiner Gemahlin in dieser Richtung an. Die bona- partistischen Journale erzählen den Hergang folgendermaßen: Ein Polizeicommiffär kam Morgens nach Millemort zu Moritz Richard, und zeigte die AuSweisungs- ordre dem Prinzen vor. Dieser sagte, er werde nur einem VerhaftSbefehl Folge leisten. Der Prinz frühstückte mit den Familien Richard, Rouher und Abbatucci. Der Polizeicommiffär kam Mittags 12l/,Uhr mit zwei Gensv'urmen wieder, diesmal mit einem Verhastbefehl versehen. Der Prinz stieg hierauf, indem er die Anwendung von Gewalt constatirte, mit ber Prinzessin und Moritz Richard in den Wagen. Letzterer begleitete den AuSgewiesenen bis zur Grenze. Der „Ordre" publicirt einen Protest, den der Prinz Napoleon an den Präsidenten Grevy abressirt hat.
Spanien.
Madrid. 11. Oct., Abende. 1500 Mann von der Besatzung des See- arsenals zu Ferro! haben einen Aufstand gemacht. D.e Urheberschaft der Bewegung wirb den Alphonsisten zugeschrieben, obwohl die Aufständischen Hochs auf die föderale Republik ausbringen. Der Gouverneur von Galizien marschirt gegen Ferrol, um bie Bewegung zu unterdrücken.
Amerika.
Bon den Antillen wird gemeldet, baß das französische Schiff „Jacques Semin", bas am 6. April von Macao absegelte, am 4. September mit einer Labung Chinesen in der Havana eintraf. Kurz nach der Abfahrt des Schiffes meuterten bie Chinesen, und der Capitän tödtete, wie es heißt, mehrere derselben. Auf der ganzen Fahrt wurden die Unglücklichen unbarmherzig mit Peitschenhieben tractirt. Die Chinesen kamen in schrecklichem Zustande an. Von 300 waren
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