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Die zur Conferenz hier versammelten orthodoxen Geistlichen haben sich für die Fortführung der Schulaufsicht entschieden, freilich nicht ohne das neue Gesetz lebhaft zu beklagen und in der ausgesprochenen Hoffnung, daß die Mängel der­selben durch das künftige Unterrichtsgesetz würben ausgeglichen werden. Zugleich votirte die sehr zahlreiche Versammlung dem hiesigen Landes - Consistoriurn ihren Dank für alles, was diese Behörde zur Abwendung des neue» Gesetzes und zum Schutz der Rechte der Kirche gethan habe. (K. Z.)

München, 6. Juni. DieNeuesten Nachrichten" schreiben: Wenn nicht alle Zeichen trügen, stehen wir vor einer Ministerkrisis. Möge deren Austrag sich so gestalten, daß fortan die Wahrung der Äronrechte und der staatlichen Selbst- ständigkeit nicht blos in kleinlichen Dingen, nicht blo« in mißverstandenem parti- cularistifchem Interesse, sondern im wahren Interesse der Krone, des Königs und de« Staates erfolge und man nicht berechtigt fei, auszurufen:Gott bewahre die Krone, den König und den Staat vor feinen angeblichen Freunden." In Be­treff de« zwischen Universttätssenat und Cultusministerium ausgebrochenen ConflictS ist der klerikaleBayer. Kur." der Ansicht, daß der CultuSminister, auch wenn die Universität auf die 26,000 st. verzichte, was lediglich ihre Sache fei, dennoch den Kammerbefchluß auf Anstellung infallibilistifcher Professoren nicht preisgeben könne und dürfe. Im LandtagSabfchted, welcher de« Königs Namen trägt und vom Gesammtministerium gegengezeichnet ist, sei ausdrücklich gesagt, daß das Cultusministerium den Auftrag erhalten habe, da« Geeignete zur Vollziehung de« betreffenden Wunsche« de« Landtag« (auf Anstellung solcher Universttätsprosessoren) einzuleiten, und keine Rede von Bedingungen, an deren Erfüllung oder Nicht­erfüllung der Vollzug des allerhöchsten Auftrage« geknüpft wäre. Wenn, wie es heißt, Herr v. Lutz wirklich erklärt haben sollte, er werde dem Senat der sich dem Vollzug eines königlichen Befehls und den Wünschen der Landesvertretung widersetzt die für die Festfeier genehmigte Summe nicht ausfolgen lassen, so hätte sich der Herr Minister unseres Dafürhaltens auf einen falschen Standpunkt gestellt. Herr v. Lutz mußte ganz einfach erklären: wenn die Herren die 26,000 fl. nicht wollen, so ist da« ihre Sache; meine Pflicht ist, dem Wunsche der Landes­vertretung und dem Befehl de« Königs zu entsprechen.

Oesterreich.

Wien, 7. Juni. Laut dem amtlichen Berichte des Statthalters von Böhmen an den Minister de« Innern hat am meisten da« Goldbachthal gelitten. Der Durchbruch der hebner Tcichdämme verursachte daselbst eine vollständige Ueber- fluthung der Gemeinden Miecholup, Groß- und Klein-Hellctic, Welletic, Tronitz, Drobitschau und Trnowan; sämmtliche Hopfengärten sind dcvastirt. Unterhalb de« Dorfes Miecholup ist die Anhöhe, längs welcher die Bufchtiehrader Eisenbahn führt, in einer Länge von etwa 150 Klaftern gegen den Bach zu abgerutscht und dadurch der Eisenbahnverkehr unmöglich gemacht; eine bloße Wiederherstellung der Bahn reicht nicht aus, e« wird vielmehr eine Verlegung der Trace nothwendig sein. I» Goldbachthale fielen nicht weniger als 99 Menschenleben den Fluthen zum Opfer, 66 Personen werden vermißt; an Gebäuden wurden 68 vollständig zerstört, 70 arg beschädigt. In den überschwemmten Gegenden macht sich überall ein großer Mangel an Arbeitskräften zur Hinwegräumung der Schlammmassen und zur Wiederherstellung der Communication fühlbar. Der Statthalter hat daher beim Krieg- - Ministerium da« Ansuchen um Einberufung von Reservisten gestellt, damit dieselben, rasch und in ausgiebiger Weise an die Orte de« Bedarfes dirigirt, für die dringend nöthige Arbeit' verwendet werden könnten.

Holland.

Gravenhage, 6. Juni. Im ganzen Lande hat der Tod des Herrn Thor- Hecke, obgleich derselbe nicht unerwartet gekommen, einen tiefen Eindruck hervor- gcbracht. Die Presse gibt der allgemeinen Bestürzung einen ungetrübten Aus­druck. Selbst da« konservative hiesige Organ, da«Dagblad van 'SGravenhage", da« Thorbecke bei seinen Lebzeiten mit scharfer Logik und unermüdlicher Ausdauer bekämpfte, widmet dem bahingegangenen greisen Staatsmann einen ehrenden Nach- ruf und erkennt e« willig an, daß mit Thorbecke einer der größten Bürger und Patrioten de« modernen Holland au« den Reihen der Lebenden geschieden ist. Vielleicht wird e« manchen Ihrer Leser interessiren, zu erfahren, baß Thorbecke in den zwanziger Jahren Anfang« zu Gießen und später zu Göttingen an den dor­tigen Universitäten als Privatdocent thätig war. In Gießen las er über die englische Revolution. In Göttingen war er ein fleißiger Mitarbeiter derGöt­tinger gelehrten Anzeigen". Auch erschien dort sein offener Bries an den Pro- feffor Eichhorn:Ueber den organischen Charakter der Geschichte", der damals viel Aufsehen erregte. Erst von 1824 an kehrte Thorbecke definitiv nach Holland zurück und ward im folgenden Jahre zum Professor der Staatswissenschaften an der Universität Gent ernannt. Nach der Revolution von 1830 wurde er als Professor der Rechte an die Universität Leyden berufen, und von dort aus begann dann in den 40er Jahren feine eigentliche politische Thätigkeit, anfänglich durch politische Flugschriften, dann innerhalb und außerhalb der Kammer. Seine 1839 erschienenenBemerkungen über das Grundgesetz" hatten einen solchen Erfolg, daß mehrere Auflagen in wenigen Tagen vergriffen waren. In dem Sturm- und Drangjahr 1848 ward e« ihm dann vergönnt, al« Mitglied der mit der Revision der Verfassung beauftragten Commission seine konstitutionellen und freisinnigen Grundsätze zur Geltung zu bringen, und am 31. Oktober 1849 ward er dann von König Wilhelm III. mit der Bildung eines CabinetS betraut. Damals stand er im Zenith feiner Macht. Er stellte gewissermaßen in feiner Persönlichkeit die liberale Partei dar. Sein Privatleben war ein äußerst einfaches. Als Familien­vater wie als Freund gehörte er ebensowohl zu den Musterhaften wie als Staats­mann und als Schriftsteller. Heute erst fühlt Holland, was e« in ihm verloren!

Frankreich.

Paris, 8. Juni. Am letzten Sonntag wurde Herrn Thiers von einem Engländer der Regenschirm gestohlen. Der Präsident war nämlich in dem Hose herumgegangen und hatte, da er am Thore mit einer Person sprach, seinen Schirm an da« Gitterthor gestellt. Ein wohlgekleidetcr Mann bemächtigte sich desselben und wollte sich mit demselben wegschleichen, wurde aber festgenommen. Vor dem Polizei-Commissär stellte e« sich heraus, daß der Engländer einer vornehmen Fa­milie angehörte und er sich den Schirm von Thiers nur aneignen wollte, um ihn' in feinem Curiositäten-Cabinet aufzustellen. Thiers befahl, den Curiositätcnsammler frei zu lassen und schenkte ihm den Schirm. Ein englischer Buchhändler hat Rochcsort den Antrag gemacht, ihm, wenn er erst einmal deportirt sein wird, jeden Monat eine Broschüre zu liefern.

Paris, 8. Juni. Viktor Hugo hat schon lange nicht« so Vernünftige« ge­schrieben, al« folgenden Brief, welchen er an Herrn F. $. Treboi«, den Gründer einerGesellschaft für konfessionslose Mädchenschulen", gerichtet hat:

Mein Herr! Ja wohl, ich schließe mich vollkommen dem beredten und un­widerleglichen Schreiben Loui« Blane's an und habe blo« meine Unterschrift 1 darunterzusetzen. Louis Blaue sagt die reinen Wahrheiten und stellt die richtigen Prineipien des weltlichen Unterrichts, fei es für Knaben oder für Mädchen, auf. Was mich betrifft, so unterscheide ich scharf zwischen zwei Dingen, der Erziehung und dem Unterricht. Die Erziehung gibt die Familie, den Unterricht muß der Staat geben. Da« Kind will von der Familie erzogen und vom Staate unter­richtet sein. Der Vater gibt dem Kinde seinen Glauben und seine Philosophie, der Staat gibt dem Kinde den positiven Unterricht. Hieraus folgt ganz natür­lich, daß die Erziehung religiös sein kann und der Unterricht konfessionslos fein muß. Das Feld der Erziehung ist das Gewissen, das Feld des Unterrichts ist das Wissen. Später, in dem fertigen Menschen, ergänzen sich diese beiden Leuchten gegenseitig. Ihre Stiftung eines konfessionslosen Mävchenunterrichts ist ein logische« und nützliche« Werk, dem ich meinen Beifall zolle.

Pari«, 2. Juni 1872. Viktor Hugo.

Versailles, 8. Juni. Nationalversammlung. Fortsetzung der Berathung de« MilitärdienstpflichlgesetzeS. Thier« befeuert feierlich, Frankreich wolle den Frieden so lange als möglich. Er weist nach, daß die Ursachen unserer Unfälle nicht die früheren militärischen Institutionen, sondern die politischen und militäri­schen Fehler der Regierung von 1870 gewesen seien. Was Preußen« Stärke aus» machte und Deutschland an feine Seite zog, ist, daß Preußen eine starke und feste Regierung, daß es eine gute Regierung hat. Ja, e« geb in Berlin eine große Regierung, eine große Politik und einen großen Kriegsmann, einen von Denjenigen, welche man die Organisatoren de« Siege« nennt, und über Allen einen König, fest, weise und geschickt, welcher keinen der Generale um'feinen Ruhm beneidete, sondern da« Band der Vereinigung zwischen Allen war, und welcher somit für Preußen beinahe ein zweiter Friedrich der Große geworden ist. Thier« zeigt die Unrichtigkeit des Ausdrucksbewaffnete Nation" und sagt, die einzige Neuerung in Preußen sei die Errichtung einerterritorialen Armee", welche in» deß in Frankreich nicht anwendbar sei. Für un« sei einenationale Armee" vor- zuziehen. Thier« entwickelt die Nothwendigkeit einer fünfjährigen Dienstzeit, um gute Soldaten zu bilden, er rechtfertigt die Combination Wer partiellen Einreihung in die Cadre«. Der Vorschlag der Commission werde 1,100,000 Mann effektiv ergeben , weitaus genügend, wenn Frankreich einer klugen Politik folge und auf - Alliirte bedacht fei. Die Versammlung verwirft hierauf mit 462 gegen 228 Stim­men das Amendement auf dreijährige Dienstzeit. Die Berathung wird am Mon­tag fortgesetzt werden.

Italien.

Nom, 9. Juni. Kronprinz Humbert wird sich von Dresden zu mehrtägigem Aufenthalt nach Baden-Baden begeben. Die Kronprinzessin begibt sich nach Schmal­bach und wird hierauf die Seebäder von Ostende besuchen. Au« Ferrara wird hierher gemeldet, daß die Ueberschwemmung de« Po eine Ausdehnung von 90 Kilometern erreicht hat und gegen 22,000 Personen obdachlos geworden sind.

Vermischtes.

Frankfurt a. SDL, 7. Juni. Vorige« Jahr verunglückte auf der Main-Weserbahn ein Arbeiter aus Niederrad. Die Verwaltung hielt sich der nachgelassenen Wittwe und deren Kindern gegenüber für nichts verpflichtet und wies jede Unterstützung von dec Hand. Mildthätige Herzen bewahrten die Familie vorerst vor Noth, während ein humaner Advocat sich der Frau annahm und einen Prozeß gegen die Weserbahn einleitete. Gestern erfolgte nun in dieser Sache das Ur- theil. Nachdem constatirt war, daß der betreffende Mann durch Verschulden der Bahnverwaltung das Leben verloren, wurde zu Recht erkannt, daß die Main.-Weserbahn-Verwaltung der Wittwe St. vom Tage des Tode« ihres Mannes an monatlich bis zu dessen 70. Jahr (der Verstorbene war am Todestage 35 Jahre alt) 30 fl. und vom Tage der Klagstellunz noch die Zinsen zu be­zahlen habe. (Dies dürfte sich eine andere bekannte Bahn auch hinter die Ohren schreiben.)

Literarisches.

DieGesellschaft für Verbreitung von Volksbildung" hat soeben eine Broschüre: Die Jesuitendebatte im deutschen Reichstage am 15. und 16. Mai 1872* (Verlag von Leonhard Simion in Berlin) herausgegeben.

Das Werk enthält nicht allein den Wortlaut der stenographischen Berichte mit vielen Anmerkungen und Erläuterungen, sondern auch eine deutsche Uebersehung der viel genannten Bulle Unam sanctam und des die Jesuiten verurtheilenden Breve des Papstes Clemens XIV.

Der Inhalt empfiehlt somit die Broschüre hinreichend; wir wollen daher nur noch hinzufügen, daß auch der Preis des 104 Seiten starken Bändchens (6 Silbergr.) ein wohlfeiler genannt werden muß.

Börsenberichte.

Frankfurt a. M., lO.Juni. Die heutige Medio Liquidation ging sehr glatt von statten, denn obwohl am Anfang noch Stücke übrig blieben, wurden selbe gegen Schluß doch unterge­bracht und stellte sich der Zinsfuß für Prolongationen auf 5 Pcocent. Was das Geschäft an heutiger Börse selbst betrifft, so war zunächst sehr umfangreicher Verkehr in den drei Hauptspecu- lattonSeffecten, von welchen Staatsbahn bis nahe an 380 gehandelt wurden, ein Umstand, der dem Agitiren eines Hauffe-ConsortiumS zuzuschreiben ist; denn die inneren Verhältnisse der Staats­bahn rechtfertigen dieses Poussiren nickt. Creditactien erfreuten sich äußerst reger Nachfrage seitens der Speculation, welche selbe mit 358 359 bezahlte. Die Emission der Actlen der Internatio­nalen in Petersburg scheint jedoch durch die Kreditanstalt hinausgeschoben werden zu wollen, und zwar, wie Berliner Zeitungen wissen wollen, bis zum Herbst, auf Wunsch der dortigen Di<- contogesetlschaft. Lombarden, die für vergangene Woche eine kleine Mehreinnahme aufweisen, ebenfalls stark gehandelt und mit 218 bezahlt. Von übrigen österreichischen Bahnen waren Nordwest sehr gesucht bei 230. Deutsche Bahnen immer noch relativ matt. Vom Verkehr in Banken läßt sich nicht viel berichten, ste sind momentan die Schmerzenskinder der BourfierS. Prioritäten ziemlich animirt und pretshaltend. Amerikanische Staatenbonds lebhaft, 1882er notiren 96%, 1885er 967/8, Prioritäten weniger animirt. Oesterreichiscke Silberrente 65Vs-

Frachtbriefe für die Main-Weser-, Cöln-Mindener und Oderhessische Eisenbahn, sowie sämmtliche zollamtliche» Formulare, sind zu haben bei W. Klee, am Markt.

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