scheint, daß die Staatsregierung den Bischöfen gegenüber das Gebot der Schrift, die andere Wange darzuhalten, wenn man auf die eine geschlagen worden, zu wörtlich nimmt. Während die Bischöfe über jede Schranke, welche die Ges.tzgebung ihrer Willkür stelle, unter schmähenden Reden gegen die gesetzgebenden Factoren und gegen die ausführenden Behörden bisher unbeschadet ihrer vollen Amts- thäiigkeit hinwegschreitcn, bemüht sich die Staatsregierung mit beispielloser Hingebung und Treue ihnen alle Bortheile zuzuwenden, welche die Lanoesgesetze für sie zu enthalten auch nur scheinen. Mit unerschöpflichem Entgegenkommen vereinbart man noch fort und fort mit den Bischöfen, deren Gesinnung gar nicht mehr in Betracht kommt, da sie nur römische Befehle auSsühren, die Besetzung von Staatsämtcrn durch Geistliche, die „unterworfen" sein muffen, ehe die Hierarch'N sie genehmigen; man läßt den drückenden Einfluß des Bischofs von Münster auf die Akademie fortbestehen; man läßt Staatsprüfungen durch officiell als selche erklärte Infallibilisten abhalten, weil es die Bischöfe so wollen; man reservirt mit der äußersten Zähigkeit dem Staate gehörende Gymnasial- und Seminarkirchen ausschließlich infallibilistischem Gebrauche; man kommt noch immer auf die Circum- scriptionS'Bull, „De salule animarum“ zurück, obgleich die römische (Sunt nun oft genug officio- erklärt hat: daß der Papst in einer Convention keine Der- Pflichtung für seine Amtsperson sehe, sondern nur einen Intult, den er jeden Augenblick einseitig zurücknehmen könne; man komme darauf zurück, um der Hierarchie mehr Borthule zu gewährrn als darin enthalten sind. Noch zahl' man fortgesetzt die SiaatSgehalte der Domherren an die BisthumScaffe in Fülle, obgleich der Fürstbischof von BreSlau gegen seinen früheren Freund Baltzer einen durchaus unstatthaften Gebrauch von diesem Mandatarverhaitnisse jahrelang machte, während das CultuSmin sterium dem durch Vorenthaltung von Staatögehalt schwer Geschädigten die Hülfe versagte; und über'S Grab hinaus dauert der unerquickliche Streit, indem der Fürstbischof sich geweigert hat, den Erben des verstorbenen Dulders die Zinsen des widerrechtlich zurückbehaltenen Gehaltes aus- zuzahlen. Es könnte noch lange in dieser Aufzählung fortgesahren werden; doch genug davon.
Der Irrthum, welcher dem Verfahren der StaatSregieruvg zu Grunde liegt, ist ein doppelter; sie meint: entweder sei cS noch möglich, ohne daß der Staat sich selbst aufgebe, die Ultramontanen zufrieden zu stillen, oder dock ihnen das Bekenntniß abzuringen, daß der Staat gerecht gegen sie sei und sogar den Schein der Ungerechtigkeit vermieden habe. Unter dem Ministerium v. Raumer hatte ein Bischof so unausgesetzt über ungerechte Behandlung geklagt, amtlich und vertraulich sich beschwert, daß eine gewisse Verstimmung zwischen ihm und dem Minister einlrat. Da traf es sich, daß der Bischof nach Berlin kam und den Minister besuchte. „Nun," Hub jener an, nachdem beide Platz genommen, „jetzt sitzen wir einmal einander gegenüber; was haben Sie denn eigentlich zu klagen? Habe ich Ihnen nicht jeden Geisil chen zum Domherrn, jeden zum Prof ffor gegeben, den Si: ausdrücklich haben wollten?" Der Bischof wurde durch einen Anflug von deutscher Ehrlichkeit so verlegen, daß er einige Augenblicke brauchte, um sich wieder in das römische Bewußtsein unersättlicher Ansprüche „der Kirche" hinein zu verätzen. Liberatore, einer von den begnadigten Jesuiten, welche die Gedanken GottrS in Pins IX. vernehmen und verstehen noch ehe er sie ex cathedra, ja selbst bevor er sie vertraulich ausgesprochen bat, sagt in der Vorrede zur Sammlung seiner Aufsätze aus dem officiösen päpstlichen Organ „Äiviltä Cattolica" genannt: es seien in seinem Buche sehr viele Rechte der Kirche (d. i. des Papstes) besprochen, aber noch lange nicht alle; und doch sind darin schon so viele enthalten, daß, wenn sie auch nur zur Hälfte verwirklicht würden, von dem modernen Rechtsstaat nicht ein Schatten übrig bliebe. Durch Freundes Hand wird diese abgründliche Fundgrube päpstlicher Rechte in dem Luche Lrberatore's, welches der Mainzer „Katholik," das Hauptorgan des Hrn. v. Ketteler, so warm dem deutschen Volk empfohlen hat, dem Publikum bald geöffnet werden. Dann wird es heiße«: Komm, begreife und staune! Dr. Ward, ManningS Vertrauter, hat Recht, wenn er schreibt (Dublin Review, Jan. 1871, S. 223): die Päpste hat-^n selbst im Mittelalter nur „einen verhältnißmäßig kleinen Theil der lhn-n von Gott gegebenen Auctoritä't zur Ausführung bringen können." Und da glaubt die Staatsregierung: sic könne die ultramontanen Bischöfe in Deutschland jemals zufrteccn stellen? Welch' ein Irrthum! Niemals werden auch die von dem rnf.illiblen Papste entsandten Bischöfe die Gerechtigkeit anerkennen, wilche eine Staatsregierung übt, es sei denn, daß diese alle Rechte der Krone preisgebe, „die Fülle der Gewalt" des Statthalter Gottes praktisch in alle Gebiete des geistigen Lebens der Staatsbürger eingreifen lasse, und den Kaiser inducire vor dem Throne des Papstes niederzuknieen und die Krone zu dessen Füßen zu legen, um sie von seiner Hand mit der Salbung als Lehen wieder zu empfangen, und zu geloben, das Schwert nur auf seinen Wink zu ziehen und Gesetze nur mit dem päpstlichen Placet zu verkünden.
Deutschland.
Darmstadt, 8. Decbr. 301 Landwahlbeztrk Darmstadt hat in Bcssungen der konservativ-liberale Candidat Kolbe mit 255 gegen 134 Stimmen über den Candidaten der Fortschrittspartei Schmidt gesiegt. Auch im übrigen Wahlbezirk scheint die Wahl Kolbe'S gesichert.
Berlin, 7. Decbr. Obgleich der kürzlich unter Protection des Kronprinzen gegründete „Deutsche Hülfsverein für die Nothleidenden an der Ostseeküste" im Lande noch wenig bekannt geworden, und seine Thätigkeit eigentlich fast noch gar nicht entfalten konnte, findet derselbe dennoch schon einen höchst bedeutenden Anklang und lebhafte Unterstützung in allen Theilen Deutschlands. Zahlreiche und namhafte Geldsummen sind demselben bereits aus allen Gegenden zugegangen, so u. A. über 5000 Thlr. aus Dresden (darunter beträchtliche Beiträge von der königl. sächsischen Familie), 1000 Thlr. als erste Rate von der deutschen Gar- nison zu Belfort, ferner erhebliche Summen aus Leipzig, Mannheim, Aschaffenburg, München rc. Wir bemerken hierbei gleichzeitig im Inter.sse der zu übersendenden Sammlungen der Local- und Spscial-Comite's, daß Sendungen für den „Deutschen Hülfsverein" an den Schatzmeister des Vereins, Gch. (Sommer- ctrnr td v. B eichröder, zu richten sind.
Berlin,' 7. Decbr. Die Vor änge in der Freitagsftzung dcs Herrenhauses Haden den Btwris gegeben, daß die äußerste Rechte keineswegs beabsicht'gt, das Gewehr zu strecken. Vielmehr scheint die Hartnäckigkeit noch im Wachsen zv fein, denn neuerdings schloßen sich selbst solche Mitglieder des Herrenhauses den Bestrebungen der Ultras an, welche sonst im Großen und Ganzen mit der Regierung zu gehen pflegten. So findet man z. B. unter den Unterzeichner« der
neu eingebrachten Amendements such den Herrn v. Frankenberg - LudwigSdorf. Dieser Name überrascht um so mehr, al«, wie man hört, die Mitthcilungen de« „Franks. Iourn." über einen Brüfwechsel zwischen dem Genannten und dem Kai« ser sich bestätigen. In der That ist der Monarch in seinem eigenhändigen acht Seiten langen Briefe mit einer Grüntlichkeit und Genauigkeit auf die Reformfroge eingegangen, wie es selbst der mit der Sache besonders vertraute Regierungs-Comwiffär nicht besser hätte thun können. Der Kaiser hat feinen Brief mit der Mahnung ge- schlossen, daß nach seiner Überzeugung die Loyalität und Pietät den monarchisch glsinnten Mitgliedern des Herrenhauses die Pflicht aufcrlegen müsse, wenigstens durch Enthaltung von dem activen Widerstande gegen die von Seiten der Regie- rung als nothwendig erkannte Reform zurückzutreten. Herr v. Frankenberg und seine Freunde scheinen diese Mahnung nicht beherzigt zu haben. Um so mehr aber tritt jetzt die Nothwendigkeit derjenigen Maßregel in das hellste Licht, welche von der Regierung des Königs in durchaus verfassungsmäßiger Weise zur Sicherung ihrer Autorität ergr-ff n worden ist. Der Sinn und die Tragweite der Acußerung, welche der Minister des Innern in Betreff der Forderung einer unveränderten Annahme der Vorlage in der gestrigen Sitzung machte, wird wohl in den Reihen dec mit Erbitterung weiter kämpfenden Opposition nicht mißverstanden sein. Mit der vorläufigen Ernennung der 24 PairS ist das Maß der Rechte, welch? die Verfassung dcr Regierung gegenüber dem Herrenhaufe gewährt, noch keineswegs erschöpft.
Berlin, 7. Decbr. Der „Ostsee-Ztg." wird aus Stettin unterm 6. De- cember geschrieben: Fast alle hier vom Sunde ankommenden Capitäne berichten, daß in Ur Nähe der Insel Rügen noch immer eine Menge Wracks (ßefenterte und entmastete Schiffe) umhertreibcn, welche hauptsächlich zur Nachtzeit für unsere Schifffahrt gefährlich sind, und kann, wenn nicht schlunigst ihre Hinweg- räumung erfolgt, noch manchcm Schiffe dadurch der Untergang bereitet werden. Die dänische Regierung hat zur Wegräumung der in ihren Gewässern treibenden Wracks Dampfschiffe ausgeschickt, und wäre es im höchsten Grade erwünscht, daß die unserige diesem Beispiele folgt und einige Kanonenboote ausscndet, um die in unseren Gewässern treibenden Wracks aufzusuchen und wenn möglich nach einem Hafen, sonst auf den Strand zu bugsiren. Dadurch würde nicht allein die Fahrstraße von gefährlichen Wracks befreit, sondern auch noch manche« Schiff mit seiner Ladung gerettet werden können. Die entmasteten Schiffe in Sicherheit zu bringen, wäre nicht schwierig, und ein gekenterte« Schiff läßt sich durch ein Dampfschiff auf flottem Wasser, ohne m.t demselben in nahe Berührung zu kommen , sehr leicht aufrichten und dann weiter bugsiren. Don Seiten unserer Marine könnte eine solche Expedition als eine Uedungsfahrt benutzt werden und sie würde wenig mehr Kosten verursachen, als der Kohlenverbrauch erfordert.
Oesterreich.
Wien, 4. Decbr. Auch Wien hatte feine Iesuiten-Debatte, auch der nie- derösterreichi che Landtag besitzt ft ine Ketteler und Mallinckrodt, wenn die letzteren auch vielleicht weniger talentre'ch sind, als die in Deutschland heimischen ex cfficio- Vertheidiger der Gesellschaft Jesu. Gestern kam im niedtrösterreichlschen Landtag der von den Abgeordneten Stendel und Genossen cingebrachte Antrag auf Erlaß eines Gesetze«, durch welches der Jesuitenorden für den ganzen Umfang der im Reichsrathe vertretenen Länder verboten werde, zur Verhandlung. Der Ausschuß hatte durch seinen Rcfercnten sich mit dkm Verlangen der Antragsteller identificirt und zwei geistliche Herren, der Beneditiner-Abt Moser und der Dechant Pater Renk, ein Weltgeistlicher, hielten es für ihre Pflicht, für den angefeindeten Or- den nach Kräften einzutreten. Von Seiten des Elstgenannten war dies mit einer Ruhe und Mäßigung der Fall, welche ihm von den Eife.vollen im ultramontanen Lager leicht als sonstige Lauheit aufgelegt werden tonnte, dafür entschä» digte aber Pater Renk durch eine Fülle zelolischer Ausbrüche, die freilich in dieser „gottverlassenen" Landtags - Versammlung nur den mehrmaligen Ausbruch „stürmischer Heiterkeit" zur Folge hatte. Von Pater Renk'S Ausführungen verdient viclleicbt nur die eine besonders erwähnt zu werden, diejenige, in welcher er die Jesuiten in Oesterreich durch Ausspielung eines antipreußischen Trumpfes zu retten sucht. Ihm müsse es, sagte der Redner, als ein plattes, unbegründetes Nachahmen Preußens erfcheincn, wolle man jetzt in Oesterreich denselben Weg einschlagen, wie die Berliner Regierung. Preußen habe es schon von je her verstanden, Oesterreich zu übertölpeln, und so habe auch Friedrich der Große, der selbst die Jesuiten bei sich aufnah cS wohl verstanden, Io. seph II. zur Aufhebung der Gesellschaft Jesu zu veranlassen. „Freilich", fügte er hinzu, „man wisse ja, daß Io eph II. nur ein Schwachkopf gewesen!" Auf diese Verunglimpfung des allgemein verehrten Gedächtnisses eines so beliebten Fürsten folgte natürlich fürchterliches Halloh und der kecke Pater mußte ob solcher Invective manch hartes Wort hören. Der Antrag des Ausschusses wurde darauf, nachdem vorher schon Giskra eine längere Rede zu seinen Gunsten gehalten, mit allen gegen fünf Stimmen angenommen, und es bleibt nun abzuwarten, wie sich die cisleithanische Regierung diesem LandtagSbeschluffe gegenüber zu verhalten ge- denkt. Giskra gab deutlich genug zu verstehen, daß in diesem Punkte die Ver- fassungöpartei mit der ministeriell so gehätschelten FabiuS-Eunctatur-Politik durch, aus gebrochen habe.
Frankreich.
Paris, 7. Decbr. Das Ministerium ist definitiv constituirt. Goulard zum Minister des Innern, Leon Say zum Finanzmimster, de Fourtou zum Brutenminister, der Unter-StaatSsccrktär Calmon, dessen Entfernung au« dem Ministe- rium des Innern von der Richten so entschlossen verlangt wurde, zum ©eine* Präfecten ernannt worden. In Versailles rief diese Nachricht große Erregung hervor. Die Vorstände der drei Gruppen der Linken traten sofort zu einer Sitzung zusammen. Daß die Rechte Unterhandlungen mit Thiers ongeknüpft Hobe, wird vom Bien Public heute zugegeben, indem es an da« Zustandekommen einer U.berkinst-mmung die Bedingung knüpft, daß die Commission sich auf das Terrain der Botschaft stelle. Es sagt sodann: „Wir werden bald erfahren, worauf man sich zu halten haben wird; einstweilen glauben wir, d^ß dic effmt- l-che Meinung Grund hat, sich zu beruhigen. Die feindlichen und drohenden Gesinnungen der letzten Woche sind verschwunden; wenn es noch keine Gewißheit g'bt, so liegt ein günstiges Anzeichen vor, und wir halten es für unsere Pfl cht, cs zu bezeichnen." Die Gonctfilon, welche bis j tzt die Rechte Hrrrn TH:erS machte, ist die, daß sie ihre Zustimmung dazu gegeben hat, die ministerielle Vcrantwortlichk-it zugleich mit den übrigen R-formen abzumachen. Was Thiers anbelongt, so sind die Ernennungen de Goulard's, der mährend der Krisis zur Rrchten hinneigtc und dem Ptäsidenten den Rücktritt anrieth, zum Minister des
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