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Gießener Anzeiger.
«Lrscheim täglich, mtt Aufnahme Sonntags.
«Expedition: Canzletberg, Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kietzen.
Nr. 2H. Montag Den 9. September 1872.
A m t l i eti e r T h e i l.
Betreffend: 9tad>fprf4)ungen nach dem gemüthskranken fett dem 30. Mär; 18*70 vermißten Friedrich Hennina Emtl v. Rnmohr aus Flensburg
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Tüt"hrn Vrrn,inm » n m E Holstein, neuerdings erhobenen Antrags wird hiermit die Auimerksamkeit der zuständigen Behörden sowie des Publikums
Bruder gelangen zu'lasstn i|3er|onaIbef*te'bunß unten folgt, unter dem Ersuchen gelenkt, etwaige Ausschlüsse über das Schicksal des Vermißten an seinen oben bezeichneten Gießen, den 6. September 1872. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Röder.
Personal-Beschreibung.
Name: Friedrich Henning Emil von Rumohr.
Alter: Zur Zeit des Verschwindens (März 1870) 32 Jahre.
Statur: lieber mittlere Große, schlank: stark abhängende Schultern, langer Hals.
Gesicht t länglich.
Stirn: mittelhoch.
Augen: blau-grau.
Nase: groß, stark eingedrückt durch die Brille.
Haar: schlicht, dunkelbraun; schwach grau melirl.
Bart: schwacher dunkeler Vollbart.
Gesichtsfarbe: bleich.
Hände und Finger: ungewöhnlich lang.
Füße: schmal, lang, platt.
Sprache: Deutsch, norddeutscher Accent.
Kleidung.
Uederzieher von schwarzem Buckskin.
Schwarzer Cylinder-Hut mit Flor. s
Obcrrock l
Weste ! von schwarzem Tuch.
Beinkleider )
Graues Shawltuch.
Stiefeletten von Kalbsleder.
Wasche, gemerkt v. R. 32.
Braune wollene Socken, gez. v. R. 32.
Cffecten,
die der Vermißte zur Zeit seines Verschwindens bei sich trug.
Am kleinen Finger der rechten Hand einen schlichten Goldreif mit einer Perle.
Eine goldene Anker-Uhr mit goldener Westen-Kette.
Ein braunes ledernes Taschenbuch mit eingepreßter Blumen-Verzierung, inwendig mit veilchenblauem Seiden - moirec- gefüttert
Ein gelbes seidenes Taschentuch mit Borde, gez. F. v. R.
Eine gehäkelte, buntgestreifte seidene Geldbörse, ohne Geld.
Eine Brille mit Stahl-Einfassung.
Ein Paar graue und ein Paar braune Glace-Handschuhe.
P o I i t i f cf» e r {feil.
Deutschland.
Darmstadt, 7. September. Die Großherzogliche Bürgermeisterei erläßt folgende Kundgebung an die Einwohnerschaft: Seine Kaiserliche Hoheit, der Kronprinz des Deutschen Reichs, haben uns bei der AbschiedSaudienz beauftragt, der Einwohnerschaft Allerhöchst Ihren Donk für den überaus warmen Empfang auSzusprechen. Seine Kaiserliche Hoheit erwähnten hierbei wörtlich: „Es ist Mir in letzter Zeit mancher warme Empfang bereitet worden, aber keiner war Herz- licher, als der in Ihrer Statt. Ich werte diesen Tag nie verg'ffcn." Es gereicht uns zur Freunde, dies hieroit zur öffentlichen Kenntmß zu bringen.
Berlin, 5. Sept. Die erste Nachricht von ter Berufung des Herrn von Gaffer ins bayerische Ministerium hat mit Recht alle Welt in Erstaunen gesetzt; man war auf einen solchen Schritt nicht gefaßt, weil nicht die geringste Beran- laffung dazu vorlag. Die Beziehungen Bayerns zum Reiche waren, wenn wir die Haltung der Vertreter der beiderseitigen Regierungen ins Auge fassen, im All- gemeinen befriedigend; alle wichtigeren Gesetze und Beschlüsse des Reichstags und Bundesrarhs wurtcn unter Zustimmung sämmtlicher dabei detheiligten Vertreter der Regierungen vereinbart; auch die Stimmung und Wünsche des Volkes in Nord und Süd ließen wesentliche Veränderungen nicht als nothwendig erscheinen. Mit gleichem Recht darf behauptet werden, daß die politische Lage in Bayern selbst einen Wechsel in der obersten Leitung wenigstens im gegenwärtigen Augenblicke ebenfalls nicht erheischte. Wozu also eine Action ins Werk setzen, die, wie selten eine ankere, in alle Lebensverhältniffe eines Landes auf das Tiefste einzu- greifen im Stande ist? Nach constnutionellern und parlamentarischem Gebrauch findet ein Ministerwechsel in ter Regel doch nur dann statt, wenn die Interessen des Volkes und des Landes cs ersordert, wenn, gleichviel durch welche Ereigntss., eine erhebliche Verschiebung der Parteckiäste vor sich gegangen ist, deren Mißachtung einen Stillstand der Staatemaschine zur Folge haben müßte. Nichts von alle dem sehen wir gegenwärtig in Bayern wirksam. Wenn trotzdem alle Parteien über das bisherige Ministerium zu klagen hatten, so betrafen die Klagen dessen schwanktnveö und unentschlossenes Verhalten in einzelnen allerdings nicht unwichtigen Fällen, im Großen und Ganzen aber hatten die Minister doch stets eine, wenn auch kleine Majorität für sich. Was noih gethan hätte, wenn einmal die Neubildung eines Ministeriums erfolgen sollte, wäre gewesen, die Elemente unter den entschiedeneren Männern der liberalen Partei zu wählen, weil kiese die Garantie für die fernere gedeihliche Entwickelung der Angelegenheiten im Reiche gewährten und auch Der ungetheilten Zustimmung des überwiegend größten Theils des Volkes im engeren Vaterland sicher waren. Oder war man in gewissen Kreisin mit dem Gange der Dinge im Reiche unzufrieden, sah man sich bei einer gleichmäßig fortschreitenden Eonsolidtrung der centrisugalen Kräfte in seinen berechtigten Stammes- etgenthümlichkeiten bedroht und wollte man deshalb dem weiteren Fortschritte auf dieser gefährlichen Bahn einen mächtigen Riegel vorschieben, so hätte man nicht so zaghaft Vorgehen dürfen, dann wäre ein rabenschwarzes Ministerium sicher-
lich eher am Platze gewesen. Man hätte sich dann überzeugt, ob Bayern oder vielmehr nur ein kleiner unzufriedener Bruchtheil die Macht besitzt, Vie zwei letzten Jahre rückgängig zu machen und die Geschichte auszuhalten; man wäre dann ein- für allrmal zur Genugthuung aller Parteien geheilt. Das neue Ministerium unterscheidet sich von dem abgetretenen nur dadurch, daß es den sogen. Patrioten vielleicht giößere Eoncessionen machen und im Uebrigen ebenso unentschuden hin- und herschwanken wird, und wahrscheinlich noch durch die größere Unfähigkeit. Daß es auf die Unterstützung ter Ultramontanen nicht zu rechnen haben wird, kündigen ihnen diese schon im Voraus recht klar und vernehmlich an; auch sie wollen kein Ministerium, daö „nicht Fisch und nicht Fleisch, nicht kalt und nicht warm ist." Wozu also, so fragen wir noch einmal, der Welt ein Schauspiel bieten, bet tem sowohl die offen wie hinter den Couliffen mitwirkenden Acteure sich lächerlich machen und das schließlich den Staatssäckel in Mitleidenschaft zieht? Gibt es immer noch Deutsche, die unpraktisch genug sind, für den kurzen Genuß, hohe Politik gemacht zu haben, so viel zu wagen? Hoffen wir zuversichtlich, daß sie dann im Ausfterben sind. (D. Pr.)
Berlin, 6. September. Man erinnert sich, daß es der französischen Regierung g.lr-ngcn ist, für die in Deutschland noch befindlichen Strafgefangenen Begnadigung vom Kaiser zu erlangen. Um so auffälliger ist folgender Fall, über ten die „Badener LandeSztg." schreibt: So oft ein Gnadenoct des Kaisers den in Deutschland verhafteten französischen Kriegsgefangenen zu Theil wird, wird iw Elnmedinger Amtsbezirk eine bittere Erinnerung wachgerufen, .und zwar folgender Sache wegen: Bei Ausbiuch des Krieges befand sich ein ' junger Mann aus Bahlingen, Sehn achtbarer, wohlhabender Eltern, als Metzgerbursche in Montbeliard. Vergebens drangen damals feine Eltern auf feine Nachbausekunst; das Zureden seines Meisters, dem das Verbleiben feines Gehülfen sehr in seinem Interesse belegen hab.n mag, wie feine Versicherungen, daß der fernere Aufenthalt mit keinen Fährlichk.iten für ihn verbunden sei, erhielten die Oberhand. Nach dem Bekanntwerten der Niederlagen überfiel ihn bei einer Beschäftigung am Brunnen eine Rotte Fanatiker, deren Opfer er ohne Zweifel geworden wäre, hätte er sich richt Urfelben durch tapfere Gegenwehr entledigt und einem derselben durch einen Schlag mtt dem Metzgeistahle auf den Kcpf töttlich getroffen zu Boden gestreckt. Von den französischen A,sisen ohne Rücksicht auf die Nolhwehr, in welcher er sich befand, zu dreijährigem Gesängniß verurthcilt, befindet er sich fett der Zeit in Haft, aus welcher ihn die diplomatischen Schritte der schweizerischen Gesandtschaft, welche die Vertretung der Badener wahrend des Krieges Übernommen hatte, wie die nachherigen Verwendungen ter deutschen Gesandtschaft nicht zu retten vermochten. Alle diese Schritte scheiterten bisher an der Hartnäckigkeit der fran- zösijchcn Regierung.
Berlin, 7. Sept. Bei dem Galadiner brachte Kaiser Wilhelm folgenden Trinkspluch aus: „Mit den Gefühlen herzlichen Dankes erhebe ich das Glas auf das Wohl meiner kaiserlichen Gä|le!" Die auf diesen Toast folgende Musik ging in die Melodie „Gott erhalte Franz den Kaiser" über, worauf Kaiser Franz


