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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Sichen.

Nr. isa. Donnerstag den 8. August 1$72.

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Betreffend: Handbuchsauszüge der Gemeinden des Kreises Gießen für 1872.

Gießen, am 6. August 1872.

Das Groß herzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien zu Mendorf a. d. Lahn, Mendorf a. d. Lda., Annerod, Daubringen, Ettingshausen, Garbenteich, Gießen, Groß-Linden, Hausen, Heuchelheim, Klein-Linden, Lich, Lollar, Mainzlar, Münster, Ober-Bessingen, Ober- Hörgern, Ruttershausen, Treis a. d. Lva., Trohe, Watzenborn und Wieseck.

Wir erinnern Sie an die Einsendung der rubricirten Handbuchsauszüge binnen acht Tagen.

v. Röder.

Nr. 25 des Reichsgesetzdlattes, ausgegeben am 27. Juli 1872, enthält:

(Nr. 865.) Gesetz, betr. die Feststellung des Haushalts-Etats des Deutschen Reichs für das Jahr 1873. Vom 10. Juli 1872.

(Nr. 866.) Verordnung, betr. die Feststellung des Etats der Verwaltung des Reichsheeres für das Jahr 1873. Vom 10. Juli 1872.

(Nr. 867.) Bestimmung der Jurisdictionsbezirke der Consuln in Tientsin, Shangai und Canton.

(Nr. 868.) Ernennung von Consuln des Deutschen Reichs in San Juan del Norte or Greytown (Nikaragua) und in Dünkirchen.

Gießen, den 6. August 1872. Großherzogliches Kreisamt Gießen,

v. Röder.

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Zwei Jahre nach den ersten Siegen.

Die Tage von Weißenburg und Worth bildeten bie glänzende Einleitung, den ersten Act des großen Dramas, das in der Capitulation von Paris und dem Frankfurter Frieden seinen Abschluß fand. Deutschland hat in dem Kampfe seine nationale Einigung wiedergewonnen und geraubtes Land zurückerobert; es hat zugleich die Uebermacht Frankreichs gebrochen und dem europäischen System eine neue Grundlage gegeben.

In den ersten siegreichen Schlachten trat besonders die nationale Bedeutung des großen Kampfes herrlich zur Erscheinung. Auf den Schlachtfeldern von Weißenburg und Wörth ist der Süddeutsche sich seiner Zusammengehörigkeit mit dem Norden erst vollkommen bewußt geworden. Das auf jenen Feldern durch die Waffenbrüderschaft geschmiedete Band vermochte keine Eifersucht der Stämme oder Cabinette wieder zu zerreißen. Das war der erste Gedanke, der die Sieges­kunde in den Herzen aller Süddeutschen erweckte. Gesammtdeutschland hatte die Feuertaufe erhalten, und das Volk gab dem neuen Bunde den Namen des Deutschen Reiches, noch ehe feierliche Verträge dem Reiche den Kaiser wieder- gegeben hatten. Für Süddeutschland wird sich daher die Erinnerung an die große welterschütternbe Zeit stets mit Vorliebe an die ersten Siegestage knüpfen, weil diese in ihm das Bewußtsein unerschütterlich befestigt haben, daß nur an der Seite Norddeutschlands sich die süddeutsche Kraft in ihrer ganzen Fülle sich bewähren kann.

So knüpfen sich an jeden Moment des Krieges besondere Erinnerungen, so ist von jedem großen Ereigniß des Kampfes einer der Fäden ausgegangen, die der Friedensfchluß zusammengefaßt und vereinigt hat.

Aber der glücklichste und ruhmvollste Krieg legt doch immer nur den Grund zu neuen Zuständen, zu neuen politischen Schöpfungen. Die Consolidirung der Zustände, die Befestigung der Neuschöpfungen ist die Sache einer angestrengten rastlosen Friedenspolitik. Deutschland lag die doppelte Aufgabe ob, das neue Reich innerlich auszubauen und nach Außen zu sichern, da ja jede Veränderung der Machtverhältntsse eine Unruhe im Staatensystem hervorzubringen pflegt, die nur allzuleicht demjenigen Staat, zu dessen Gunsten das Machtverhältniß ver­ändert ist, zum Gegenstände des allgemeinen Mißtrauens und Argwohns zu machen pflegt.

Wir können auf die Arbeit, die sich dem Kriege nach beiden Seiten hin angeschloffen hat, mit Befriedigung und Dank zurückblicken. Deutschland hat nicht auf seinen Lorbeeren geruht; es hat rastlos geschafft, den Kriegsgewinn in einen festen, sicheren Besitz umzuwanbeln, und der Erfolg hat seinen Bemühungen wahrlich nicht gefehlt.

Wer die Kraft eines staatlichen Organismus nach der Einfachheit und Symetrie seiner Formen beurtheilen wollte, der würde freilich nicht geneigt sein, vem Deutschen Reich eine hohe Stelle unter den Staatengebilden der Gegen­wart anzuweisen. Es ist ein complicirter und eckiger Organismus, in dessen Einrichtung sich die ganze Starrheit und Sprödigkeit der zu verbindenden und zu organisirenden Elemente scharf und bestimmt ausspricht. Aber nichtsdestoweniger hat dieser Organismus eine Leistungsfähigkeit bewährt, die ganz Europa mit Bewunderung erfüllt hat. Man hat die spröden Elemente nicht zertrümmert, sondern sie unter einander und zu dem Ganzen in ein Verhältniß gestellt, in dem ihr eigenes Interesse es ihnen gebot, ihre Kräfte im Dienst des Reiches wirken zu lassen. Uno eben dadurch ist die Sprödigkeit der Gegensätze gemildert worben, dadurch ist eine innere Harmonie hergestellt, die mehr werth ist, als das Gleichgewicht der Formen.

Es bedarf nicht erst eines Hinweises auf die einzelnen gesetzgeberischen Leistungen des Reichs, um den sicheren und festen Gang in der Entwicklung der grundlegenden Institutionen in's hellste Licht zu stellen. Die gesetzgeberischen Auf- gaben sind dem Reiche nicht spärlich zugeströmt: es hat sie mit wenigen Aus- nahmen ohne Mühe bewältigt, es hat sich frei innerhalb seiner Eompetenz bewegt, und bewiesen, daß es, wo das Bedürfniß es erfordert, auch die Schrankes seiner Eompetenz zu erweitern fähig ist. Es hat sogar muthig den weltgeschichtlichen Kampf mit der römischen Hierarchie ausgenommen, und die Hoffnung ist berechtigt, baß es denselben Hand in Hand mit den Regierungen der Einzelstaaten siegreich durchzuführen und damit das größte und schwierigste geschichtliche Problem früherer Jahrhunderte und noch der Gegenwart lösen wird.

Nach Außen hin ist es der Politik der' ReichSregierung gelungen, das Mißtrauen der übrigen Mächte zu entwaffnen, noch ehe es die Zeit gewonnen, sich zu äußern. Europa erkennt die Macht des Deutschen Reiches neidlos an, weil es weiß, daß es von Deutschland einen Mißbrauch seiner Macht nicht zu fürchten hat. Europa hot 20 Jahre lang unter dem Druck einer lähmenden Kriegsfurcht gelebt, weil dos unruhigste und abenteuerlichste Volk der Welt den Aeolusschlauch in seine unzuverlässigen Hände genommen hatte. Durch Deutsch­lands Aufschwung ist der Schwerpunkt des europäischen Systems in das Centrum gelegt, und Deutschland hat gewiß keine Ursache, das mühsam und blutig errungene Gleichgewicht der Kräfte durch kriegerische Abenteuer wieder von Neuem zu erschüttern.

Deutschland ist eine erhaltende Macht, es will den Frieden, und deshalb hat es Vertrauen gefunden. Italien sieht in dem Anschloß an Deutschland die einzige Möglichkeit, einem französischen Angriffe vorzubeugen. Die Wiener Regierung hat sich überzeugt, daß Deutschland die Gefühle des aufrichtigsten Wohlwollens für das Gedeihen der österreich - ungarischen Monarchie hegt, und Rußland, indem es sich durch Deutschland mit Oesterreich versöhnen läßt, erklärt damit, für bie Gegenwart aus bie ehrgeizigen für Oesterreichs Machtstellung bedrohlichen Entwürfe verzichten zu wollen, die ihm und in manchen Zeiten wohl nicht ohne Grund zugeschrieben sind.

Daß diese angebahnte Verständigung ber genannten Mächte überall als eine Bürgschaft für den Weltfrieden und als eine an jeden Friedensstörer gerichtete Warnung aufgefaßt ward, geht aus dem Ingrimm hervor, mit der die Nachricht von dem bevorstehenden Berliner Monarchencongreß alle unruhigen, auf Ver­wirrung und Zwietracht fpeculirendeu Elemente Europa's erfüllt hat. Der Polonismus ist niedergeschlagen, die ultramontanen Organe erschöpfen sich in Schmähungen und Verdächtigungen der deutschen Politik, dem französischen Chauvinismus vermag selbst der kolossale Erfolg der Anleihe keine ganz ungetrübte Freude zu erwecken, da er sieht, wie im Osten sich eine Verbindung bildet, bie den Frieden bewahrt sehen will und die stark genug ist, um jedem händelsüchtigen Staate die Störung des Friedens zu verbieten.

Es ist vielleicht ohne Beispiel in der Geschichte, daß ein mächtiges Reich, welches zwei gewaltigen Kriegen seinen Ursprung verdankt, sich sofort zum Mittel­punkt aller friedlichen Bestrebungen machen kann. Daß es Deutschland gelungen ist, allen Mächten das Vertrauen auf seine Friedensliebe und Selbstbeschränkung einzuflößen, daß es ihm gelungen ist, den alten Rivalen von seinem Wohlwollen zu überzeugen, daß es ihm endlich gelungen ist, zwei Nebenbuhler mit einander zu versöhnen, die sich bereits an den Gedanken gewöhnt hatten, die Entscheidung ihrer Differenzen der ultima ratio amhcimzustellcn, das ist der schönste Triumph, den die deutsche Politik davongetragen hat. Und grabe auch von diesem Gesichts- punkte aus können wir mit dem Gefühle besonderer Befriedigung auf die