Börsenberichte.
Frankfurt a. M., 5. Januar. Die Börse verkehrte heute trotz der vielfachen Realisationsausträge, die Vorlagen, in sehr animirter Stimmung. Nachdem zu dem Beginn der Börse einige größere Verkaufordres effcctuirt waren, haben sich rasch die Course unterstützt durch gute Berliner und Wiener Notirunaen. Nur Wiener Bankactien konnten die gestern errungene Avance nicht ganz behaupten, da die Nachricht, daß die Dividende 35 fl. betrage, wieder dementirt wurde und man wieder von 33 fl. spricht.
Silberrente waren sehr gesucht bis 64 V2 bezahlt. Von amerikanischen Prioritäten verkehrte« 7procentige Oregon und California lebhaft zu 747/8—75. Wir erwähnten schon einige-
zum Ziele gelegt und am letzten Tage des Jahres die vier ersten Artikel der Eisenbahnvorlage bereits angenommen. Ende gut, Alles gut!
Und der Berliner „Borsencourier", dessen Redacteur Mitglied des Rumänier- Comite's ist, meldet telegraphisch aus Bucharest vom 2. Januar: „Die Kammer hat alle Artikel des Eisenbahnvertrages mit einigen für die Actiengesellschaft günstigen Modalitäten angenommen. Laut Artikel 5 zahlt die rumänische Regierung bereits am 1. Januar 1872 und von jetzt ab in halbjährigen Terminen einen Zuschuß für die Zahlung des Coupons. Für die heute fälligen 4,700,000 Frcs. liegen die nöthigen Fonds schon jetzt bereit."
Nach einer eben hier angelangten Depesche aus Bucharest ist gestern die Berathung der Kammer über die Eisenbahnvorlage beendigt worden und die An- nähme des ganzen Gesetzentwurfs bereits erfolgt.
Deutschland.
Gießen. Die „Kreuzzeitung" veröffentlicht osficiös die sich zufolge der Uebernayme des Großherzoglich Hessischen OsficiercorpS in den Verband der preußi- scher» Armee ergebenden Personalveränderungen. Wir theilen dieselbe im Nachstehenden, soweit sie vorliegen und das II. Jnf.-Reg. betreffen, mit:
Großherzoglich Hessisches Infanterie - Regiment (Großherzog) Nr. 116. Command.: — 1) Major Hoffmann als Major, 2) Major Ramstädter deögl., 3) Major Keller desgl. — Die Hauptleute: 1) Leiß, 2) v. Bechtold, 3) Rau, 4) Haneffe, 5) Kroll, 6) —, 7) Buff, 8) Winter als Hauptleute und Compagnie- Chefs. — Die Premier-Lieutenants: 1) Heydacker, 2) Stegmayer, 3) Hoffmann, 4) Haupt, 5) Walter, 6) —, 7) Hof, 8) Cullmann, als Premier-Lieutenants. — Die Seconde-Lieutenants Frhr. Röder von Diersburg I., Poly, Frhr. Röder v. Diersburg II., Kraus, Hartmann, Sartorius, Scharch, Weimer, Lang, Nau- mann, Körner, Zimmer, Schaefer, Eckstein, Ebel, Goldmann, als Seconde-Lieute- nants, sämmtlich unter Belastung in diesem Regiment.
Berlin, 4. Jan. In einem „die deutsche Entwickelung im Jahre 1871" überschriebenen Artikel sagt die halbamtliche „Provinzial-Correspondenz": „Unsere Negierung wie ihre Verbündeten legen nach wie vor den größten Werth auf eine Entwickelung der Bundesverfassung nach ihrem ursprünglichen Geist und Wesen, und es kann nicht die Aufgabe sein, die geschichtlich gewordene Eigenart der ein- zelnen Glieder des Reiches, Preußens so wenig wie eines anderen Staates zu brechen oder zu verkümmern; es wird vielmehr als einer der wesentlichsten Vorzüge der Bundesverfassung festgehalten, daß sie neben der nothwendigen politischen Einheit zugleich der Mannichfaltigkeit der Gestaltung des inneren Staatenlebcns freien Raum gewährt. Je mehr aber hierüber allseitiges und vertrauenvolles Ein- verständniß zwischen allen Bundesregierungen herrscht, desto größer ist auch die Uebereiustimmung und Bereitwilligkeit die wahrhaft gemeinsamen Staats- und Dolksinteressen mit dem Nachdruck und Gewicht einheitlicher Behandlung wirksam zu fördern." — Der Schluß des Artikels, der auf die hoffnungsvolle Gestaltung der Dinge in Elsaß-Lothringen hindeutet, lautet: Das Deutsche Reich aber, wie es jetzt neu erstanden ist, wird fortan den alten Stammesgenossen für jenes nationale Bewußtsein vollen Ersatz zu gewahren im Stande sein, und je glücklicher die Entwickelung unserer Reichsangelegenheiten vor sich geht, desto eher wird auch die Wirkung davon in dem neuen Reichslande hervortreten.....Entschiedener
als noch vor Kurzem ist das Vertrauen gerechtfertigt, daß der nationalen Kraft und dem ernsten Geiste, von welchem alle Thätigkeit im Deutschen Reiche geleitet wird, auch die Erfüllung der hohen nationalen Aufgaben in dem neuen Reichs- lande in nicht zu ferner Zeit sicher und durchgreifend gelingen werde. — Das deutsche Volk darf daher beim Beginn des neuen Jahres nicht bloS auf die all- gemeinen politischen Erfolge der jüngsten beiden gewaltigen Jahre, sondern auch auf seine Friedensarbeiten mit freudiger Genugthuung zurückblicken. Möge der erhebende patriotische Geist, welchem die großen Ergebnisse in Krieg und Frieden zuzuschreiben sind, allseitig ungetrübt fortwirken.
München, 3. Jan. Dem Vernehmen nach soll der Erzbischof von München zum Cardinal erhoben werden, ebenso der päpstliche Nuntius dahier. — In Forst bei Weilheim findet am h. Dreikönigsfest, den 6. Januar, eine große Bauernversammlung statt, wozu der Bauer Dietrich von Schellwang einladet. — Das Bezirksamt Weilheim hat übrigens einen in Forst gegründeten katholischen Verein als einen politischen und sofort für geschlossen erklärt. — Der Bischof von Würz- bürg hat ein Hirtenschreiben an den Clerus seiner Diöcese gerichtet, worin er denselben belobt wegen seines eifrigen Bestrebens, die Gläubigen „im Glauben und in der gesunden Lehre zu stärken". Bemerkenswerth ist namentlich folgende Stelle: „Nicht unbekannt ist es Euch, daß außer Denjenigen, die jüngst im Glauben der heil. Kirche Schiffbruch gelitten, auch sogar Jene, die außerhalb der Kirche stehen, gegen das heil, vatikanische Concil und zugleich gegen die verehrungswürdige Gesellschaft Jesu, deren vortreffliche Verdienste um die Kirche in der Bewahrung und Ausbreitung des katholischen Glaubens nicht genug gerühmt werden können, Erklärungen und Forderungen beschlossen und in die Oeffentlichkeit ge- bracht haben. Gegen diese nun wurden von fast allen Orten unserer Diöcese aus eigenem Antrieb entgegentretende Erklärungen und Proteste öffentlich erlassen, die um so zeitgemäßer sind, als unter den strategischen Kunstgriffen der Gegner einer der häufigsten der ist, daß sie unser Stillschweigen zu ihrem Interesse aus- beuten und auslegen."
München, 4. Jan. Herr v. Dönniges, der Gesandte Bayerns am ita- lienischen Hofe, ist vergangene Nacht in Rom an den Blattern gestorben.
Oesterreich.
Linz. Das scheußliche Verbrechen, das sich in unserem Carmeliter-Kloster in jüngster Zeit ereignete, bestätigt sich vollkommen. Das unglückliche Mädchen heißt Anna Dunziger, ist die Tochter einer armen Arbeiterwittwe und befindet sich seit einigen Tagen im Jrrenhause zu Niedernhart. Pater Gabriel, der würdige Beichtiger, ist ein junger Carmelitermönch, der erst vor drei Jahren die Priesterweihe empfing und als ein besonders von der Damenwelt sehr gesuchter Beichtvater bekannt war. Der Vorfall ist noch schlimmer, als ihn die Mutter des unglücklichen Mädchens in der hiesigen Tagespost mit schlichten Worten er- zählt. Durch die Thatsache, daß zu diesem Cölibatär viele junge Mädchen, mitunter aus den besten Familien, ungewöhnlich oft und in auffällig später Abend» stunde „beichten gehen", ist aber die Befürchtung nur zu sehr gerechtfertigt, daß sich noch mehrere ähnliche Geschichten in jenem Kloster ereignet haben. DaS hie- sige Carmeliter-Kloster ist seit einigen Jahren das Asyl einer großen Anzahl von
Ordensbrüdern aus Italien, welche sich nur selten in den Straßen der Stadt öffentlich zeigen. (D. Z.)
Frankreich.
Paris, 3. Jan. Wenig Vergnügen bereitete in Versailles der telegraphische Glückwunsch, welchen der König Victor Emanuel an den Exkaiser sandte. Der- selbe lautet:
An Se. Maj. den Kaiser Napoleon. Ich ergreife mit Vergnügen diese Gelegenheit, um Ihnen den Ausdruck meiner Gefühle der Freundschaft zu erneuern, indem ich Ihnen meine Wünsche für das Glück Ew. Majestät und der Familie derselben sende.
Paris, 4. Jan. Der Herzog v. Gramont hat heute wieder Erklärungen vor der Enquete-Commission abgegeben. — Graf Arnim hat, der „Agence HavaS" zufolge, die Schreiben erhalten, durch welche er als Botschafter bei der französischen Regierung beglaubigt wird.
England.
London, 2. Jan. Während das Organ der konservativen Partei jüngst seine Unzufriedenheit kundgab, daß Fürst Bismarck einen Erlaß an den Grafen Arnim in deutscher Sprache verfaßt hatte und dem Deutschen Reiche für eine Schädigung der internationalen Interessen anrechnete, was England sich schon seit Jahrhunderten gestattet hat — nämlich Vie Verwendung der eigenen Sprache im diplomatischen Verkehr —, ist die „Times" gerechter in ihrem Urtheil. Die Zeiten sind vorüber, wo Staaten als Mitgift an die Schürze einer Prinzessin angeheftet wurden und wo daher in der Politik wie im gesellschaftlichen Verkehr der Nutzen einer gemeinsamen Sprache alle Einwendungen nationalen Stolzes überwog. „Deutschland folgt unserem Beispiele", sagt das leitende Blatt, „und andere Staaten werden wahrscheinlich ein Gleiches thun, so daß dem Privilegium der französischen Sprache ein Ende gemacht wird. In einer fremden Sprache drückt man seine Gedanken nicht so genau aus wie in der eigenen; und im diplomatischen Verkehr ist gerade die Genauigkeit des Ausdruckes eine unerläßliche Be- dingung. Nur wenn er englisch spricht, kann ein Engländer sicher sein, daß er seinen Gedanken die beabsichtigte Form gibt. Er steht und fällt mit dem Texte seines gesprochenen oder geschriebenen Wortes, im Vertrauen darauf, daß seine Meinung keiner grammatischen Dehnung oder philologischen Tüftelei unterzogen werden kann. Wir wissen Alle, welchen Anstoß in Amerika eine französische Note erregte, worin das Wort demander in dem einfachen Sinne von „ersuchen" gebraucht war, während es amerikanischen Ohren die viel schärfere Bedeutung „fordern" zu haben schien." Die „Times" hebt ferner hervor, daß die Diplomaten, wenn sie sich nicht mehr mit der französischen Sprache begnügen dürfen, einen großen Nutzen daraus ziehen werden, sich mit der Sprache der Länder, wohin sie gesandt worden, vertraut zu machen; denn was kann man von einem Ge- sandten erwarten, dem die Volkssprache ein versiegeltes Buch ist?
London, 2. Jan. Der Aufenthalt des Grafen Beust in London, so kurz er war, ist nicht ohne Frucht gewesen und vielleicht zeichnet sich das herzliche Einvernehmen zwischen Berlin und Wien in nichts deutlicher, als in der aus der einen deutschen Residenz an die andere übertragenen Kunst, die englische Presse sich zugänglich zu machen. Wie gestern die „Pall Mall Gazette" einem langen Schreiben im Beust'schen Interesse ihre Spalten öffnete, so ist heute die „Morning- Post" plötzlich von einem Wiener Correspondenten befallen worden, der noch ausführlicher als das erstgenannte Blatt, aber ohne besonders neue Gründe den Verdacht zurückweist, als habe Beust jemals im Laufe des Krieges von 1870 Daran gedacht, Frankreich Hülfe zu leisten. Der einzige Unterschied zwischen den Raisonne- ments der beiden Blätter liegt darin, daß die „Morning-Post" offen das Gerücht als eine Jntrigue der Deakpartei bezeichnet.
Rußland.
Moskau, 5. Jan. Das Plenum der Moskauer Universität hat einstimmig beschlossen, Den Prinzen Friedrich Karl von Preußen zu ersuchen, die Ehrenmit- zliedschaft dieses Instituts anzunehmen. — Der „Moskauer Zeitung" zufolge ist die von der „Petersburger Zeitung" mitgetheilte Version des zwischen dem Prinzen Friedrich Karl und dem Redakteur des erstgenannten Blattes, Katkoff, stattgehabten Gespräches total falsch und die Version der „Russischen Welt" (welche, wie die „Moskauer Zeitung" bemerkt, ohne Autorisation veröffentlicht wurde) die richtige. Letztere habe überall einen guten Eindruck gemacht.
Local - Notizen.
Gießen, 5. Januar. Während der mit Montag den 8. ds. Mts., Vormittags 9 Uhr, beginnenden Schwurgerichtsperiode vom 1. Quartal l. I. werden nachbenannte Anklagesachen zur Verhandlung beziehungsweise Aburtheilung kommen, und zwar:
Montag den 8. Januar, Vormittage 9 Uhr, gegen Georg Kühler von Geilshausen, wegen Brandstiftung; Vertheidiger: Großherzoglicher HosgerichtS-Advocat Baist.
Denselben, Nachmittags 2 Uhr, gegen Karl Friedrich Lantow von Kopenhagen, wegen Diebstahls; Vertheidiger: Großherzogl. Hofger.-Advocat Thorwart.
Dienstag den 9. Januar, Vormittags 9 Uhr, gegen Georg Hofmann von Schlitz, wegen Körperverletzung; Vertheidiger: Großherzogl. Hofger.-Advocat Wetdig.
Denselben, Nachmittags 2 Uhr, gegen Adam BonariuS von Villingen, wegen Diebstahls; Vertheidiger: Großherzogl. Hofger.-Advocat Steinberger.
Mittwoch den 10. Januar, Vormittags 9 Uhr, gegen Johannes Karl von ReichloS, wegen Meineids; Vertheidiger: Großherzog!. Hofger.-Advocat Lauer.
Donnerstag den 11. Januar, Vormittags 9 Uhr, gegen Conrad Leistner von Mittelgründau, wegen Urkundenfälschung; Vertheidiger: Großherzogl. Hofger.-Advocat Dr. Muhl.
Denselben, Nachmittags 2 Uhr, gegen Heinrich Stehr von Höckersdorf, wegen Diebstahls; Vertheidiger: Großherzogl. Hofger.-Advocat Gutfleisch.
Freitag den 12. Januar, Vormittags 9 Uhr, gegen Melchior Schmidt von Bellings bei Schlüchtern, wegen Verbrechen gegen die Sittlichkeit; Vertheidiger: Großherzogl. Hofger.-Advocat Dr. Neatz.
Denselben, Nachmittags 2 Uhr, gegen Johannes Müller von Battenfeld, wegen Brandstiftung ; Vertheidiger: fnoch nicht bestimmt^.
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